Ew. Wohlgeboren

herzlicher, aus freier Brust geschriebener Brief, hat mir große Freude

gemacht.[258] Ich hatte freilich auf Sie gezählt, daß Sie aber so

schnell, augenblicklich, unmittelbar sich äusern, dafür weiß ich Ihnen

den größten Danck. Freund Meyer, dessen Um- und Übersicht alter und

neuer Zeit, Sie in dem kühnen Aufsatze[259] nicht verkennen werden,

trägt mit mir diese Gesinnungen schon viele Jahre auf dem Herzen, und

es schien gerade der rechte Augenblick, wo das Absurde sich selbst

überbietet, wo alle ächte Gleichzeitigen, besonders die Väter und

Pfleger talentvoller, durch diesen Zeitwahnsinn verrückter Söhne, in

Verzweiflung sind, mit historischem, billigem, das Talent würdigendem

die Abweichung scharf bezeichnendem Vortrag aufzutreten. Tausend und

aber Tausend Wohldenkende, werden sich gewiß schnell versammeln, der

reine Menschen- und Kunstverstand wird laut werden, und wir kommen auch

denen zu statten, die jetzt wider Willen dem Strohm in den sie sich

eingelassen haben gehorchen.

Von dem Überschwenglichen der Tollheit wie Sie es mir schildern, hatten

Wir freilich noch keinen Begrif, da Wir aber, es entstehe daraus was

wolle, immer auf diesen Fleck zu schlagen gedenken, so haben Sie die

Gefälligkeit, mich von Zeit zu Zeit von dem Besondern zu unterrichten.

Wir mögten, wie auch schon in dem ersten Aufsatz geschehen, das

talentvolle Individuum schonen und fördern, wie Sie auch thun und

gethan haben, aber auf die falschen, kranckhaften und im tiefsten

Grunde heuchlerischen Maximen, derb und unerbittlich loßgehen, und,

wie sie ganz richtig anrathen und verlangen, dasjenige immer und

dümmer[260] wiederholen, was würcken soll. Das nächste dritte Heft wird

nicht allein in diesem Fache, sondern auch in andern aufrichtig seyn.

Haben Sie die Güte mir alles anzuzeigen, was Sie von Persönlichkeiten

und Individualitäten wissen, ich mache keinen Gebrauch davon, ehe ich

Ihnen die Redaction vorgelegt habe. Es ist eine Gewissenssache mit der

wir zusammen würcken müssen. Die Masse ist breit, aber schwach, und ich

denke ihnen noch, von ein paar andern Seiten in die Flancke zu fallen.

Hievon nur diese Andeutung! Wie erfreulich ist mir, der reine, freie

Ausdruck Ihres Briefes, auch nur als Sprachäusserung betrachtet, und

zu welchen ekelhaften, befremdeten[260] Narrheiten, wollen uns die

Deutschen Männer zwingen! auch gegen die werden wir auftreten, und

welche wackere junge Theilnehmende wir für unsere Überzeugung hoffen

können, davon zeugt beiliegendes Heftchen.

Kennen Sie schon den Aufsatz? so ist es Ihnen wohl angenehm ihn zu

besitzen, und Freunden mitzutheilen. Man muß jetzt auch Parthei machen

das Vernünftige zu erhalten, da die Unvernunft so kräftig zu Wercke

geht. Lassen Sie uns bedenken, daß wir dies Jahr das Reformationsfest

feiern, und daß wir unsern Luther nicht höher ehren können, als

wenn wir dasjenige was wir für Recht, der Nation und dem Zeitalter

ersprießlich halten, mit Ernst und Kraft, und wäre es auch mit einiger

Gefahr verknüpft, öffentlich aussprechen, und wie Sie ganz richtig

urgiren, öfters wiederholen.

Das mir geneigt gespendete Bild, gewährt mir immer viel Freude. Aus

einem Kunstwerk, das wahrhaft gut ist, läßt sich viel heraussehen, und

was es anregt ist immer unendlich.

Ich weiß nicht ob ich schon gemeldet habe, daß meine Vorliebe fürs

Sechszehende Jahrhundert mich auch verleitet hat, eine ansehnliche

Sammlung Majolika aus Nürnberg mir eigen zu machen,[261] welche,

glücklich angekommen, einen vergnüglichen Anblick geben, dabey aber

auch aussagen, daß dergleichen subalterne Kunstwerke nur in Masse

können beurtheilt werden, wo sowohl ihre Vorzüge als ihre Mängel zur

Schau stehen. Finden Sie, um billige Preise, von dieser Art in Leipzig,

so erzeigen Sie mir den Gefallen davon Notiz zu geben.

Die Abdrücke der Sammlung geschnittener Steine sende in diesen Tagen

zurück. Zu jenem ersten Vorschlag bewog mich die Meynung[262] es sei

eine Sammlung Cameen, die zu Schmuck, Putz und Modezwecken, für Kenner

und Nichtkenner brauchbar sind. Mit Intaglios will man siegeln, und da

möchte man interessante beliebte Personen, deren sich, besonders für

die neue Denkweise, unter der Folge römischer Kaiser wohl wenige finden

möchten.

Den Abdruck eines Titelblatts sende hiebey, vielleicht bald nach

Johanni das Heft selbst.[263] Meinen längern Aufenthalt in Jena,

benutze, da ich gerade nicht Lust zu frischem Thun empfinde, zum

Wiederabdruck älterer, auf Natur sich beziehende Schriften. Zu Sichtung

und Redaction aufgehäufter Manuscripte. Bey dieser Gelegenheit

erscheint, beinahe zum Entsetzen, wie wir von den disparatesten

Gegenständen afficirt, aufgeregt, hingerissen werden können. Hiedurch

nun, werde ich genöthigt mancherley Stückwercke mit Lebensereignißen

in Verbindung zu bringen, damit das Ganze nicht allzu verworren und

seltsam aussehe. Und gerade diese Mittelglieder sind es die ich Ihrem

Antheil empfehlen möchte. Lassen Sie zunächst unsere wechselseitige

Unterhaltung auf das lebhafteste würken, es giebt Epochen, wo es

räthlich ja unvermeidlich ist das Eisen gemeinschaftlich zu schmieden.

Mit vielem Antheil und Vergnügen höre ich, daß Sie Konnewitz[264]

wieder hergestellt, und sich und den Ihrigen einen angenehmen

Aufenthalt bereitet haben. Ich mußte mehrmals meine Existenz aus

ethischem Schutt und Trümmern wieder herstellen, ja Tag täglich

begegnen uns Umstände, wo die Bildungskraft unserer Natur, zu neuen

Restaurations-Reproductions-Geschäften aufgefordert wird, helfe der

Geist nach, so lange es gehen will.

_Hier also ein Abschluß weil doch einmal zu schließen ist. Baldige

Erwiederung hoffend_

Jena

den 1. Juny

1817.

ergebenst

Goethe

Fußnoten:

[258] Goethe theilte Rochlitz's Brief sogleich H. _Meyer_ mit. Riemer

Briefe von und an Goethe. S. 108 ff.

[259] Kunst und Alterthum ~I.~ 2. S. 7 ff.: „Neudeutsche,

religiös-patriotische Kunst.“

[260] Kein Druckfehler, aber gewiß ein Schreibfehler.

[261] Vgl. Werke ~XXVII.~ S. 332.

[262] Vgl. S. 329.

[263] Zur _Naturwissenschaft_ überhaupt, von Goethe. Erster Band.

Stuttg. u. Tüb. 1817.

[264] Ein Dorf, eine Stunde von Leipzig, wo Rochlitz ein Landhaus besaß.

Goethes Briefe an Leipziger Freunde · 第 175 / 214 题