Ew. Wohlgeb.
schöne Gabe[254] ward mir schon längst und diente mir in trüben Stunden
zur angenehmsten Erheiterung, besonders gab die Schreckensgeschichte
jener Schlachttage einen bedeutenden Wink, wie man geringeren Übeln
nicht unterliegen solle, da der Mensch die größten besteht und aus
ihnen oft gerettet wird.[255]
Die Bildung Ihres Charakters und Styls, erscheint hier im
vortheilhaftesten Lichte: es thut immer eine große Wirkung, wenn der
Mann auch seine schlimmsten Erfahrungen würdig darzustellen weiß.
Mit dem Altern ist es freylich so eine Sache. Die Jahre könnte man
allenfalls noch wohl ertragen, wenn sie flüchtig wie die früheren
vorüber gingen, da sie aber so manches, auch von Außen, heranschleppen,
womit sich die Jugend selbst nicht befaßen möchte, so spürt man
freylich den Mangel an Kraft und Ausdauer doppelt und dreyfach. Hat man
indeßen so lange des Guten genoßen und sich in das Schlimme gefügt, so
bleibt wohl nichts übrig, als daß man seine Kräfte zusammen nehme, um
bis ans Ende etwas werth zu seyn.
Erhalten Sie mir Ihre Theilnahme und bleiben der meinigen
gewiß. Empfehlen Sie mich den werthen Ihrigen und auch in dem
Löhrisch-Keilischen Hause.
Schließlich, da ich mich zu Ihnen versetzt hatte, fällt mir noch ein
Wunsch ein: könnten Sie mir gelegentlich eine recht gute Federzeichnung
von Guercin um billigen Preiß verschaffen, es sey Landschaft, Kopf,
oder Halbfigur, so geschähe mir ein ganz besonderer Gefalle. In jener
von mir versäumten Auction waren deren mehrere.
Nochmals mich bestens empfehlend.
Weimar d 10. Decbr.
1816.
ergebenst
Goethe
Fußnoten:
[254] Neue Erzählungen von Fr. Rochlitz. Leipz. 1816.
[255] „Der Tag der Gefahr,“ vgl. ~XLVI.~ Werke ~XXVII.~ S. 319.
~XXXII.~ S. 336 f.