XXIX.

Ew. Wohlgeb.

schöne Gabe[254] ward mir schon längst und diente mir in trüben Stunden

zur angenehmsten Erheiterung, besonders gab die Schreckensgeschichte

jener Schlachttage einen bedeutenden Wink, wie man geringeren Übeln

nicht unterliegen solle, da der Mensch die größten besteht und aus

ihnen oft gerettet wird.[255]

Die Bildung Ihres Charakters und Styls, erscheint hier im

vortheilhaftesten Lichte: es thut immer eine große Wirkung, wenn der

Mann auch seine schlimmsten Erfahrungen würdig darzustellen weiß.

Mit dem Altern ist es freylich so eine Sache. Die Jahre könnte man

allenfalls noch wohl ertragen, wenn sie flüchtig wie die früheren

vorüber gingen, da sie aber so manches, auch von Außen, heranschleppen,

womit sich die Jugend selbst nicht befaßen möchte, so spürt man

freylich den Mangel an Kraft und Ausdauer doppelt und dreyfach. Hat man

indeßen so lange des Guten genoßen und sich in das Schlimme gefügt, so

bleibt wohl nichts übrig, als daß man seine Kräfte zusammen nehme, um

bis ans Ende etwas werth zu seyn.

Erhalten Sie mir Ihre Theilnahme und bleiben der meinigen

gewiß. Empfehlen Sie mich den werthen Ihrigen und auch in dem

Löhrisch-Keilischen Hause.

Schließlich, da ich mich zu Ihnen versetzt hatte, fällt mir noch ein

Wunsch ein: könnten Sie mir gelegentlich eine recht gute Federzeichnung

von Guercin um billigen Preiß verschaffen, es sey Landschaft, Kopf,

oder Halbfigur, so geschähe mir ein ganz besonderer Gefalle. In jener

von mir versäumten Auction waren deren mehrere.

Nochmals mich bestens empfehlend.

Weimar d 10. Decbr.

1816.

ergebenst

Goethe

Fußnoten:

[254] Neue Erzählungen von Fr. Rochlitz. Leipz. 1816.

[255] „Der Tag der Gefahr,“ vgl. ~XLVI.~ Werke ~XXVII.~ S. 319.

~XXXII.~ S. 336 f.

Goethes Briefe an Leipziger Freunde · 第 171 / 214 题