Goethe

Fußnote:

[240] Die Wahlverwandtschaften.

*XIX.

Das Vertrauen womit ich mir ein Urtheil über mein Neustes von Ihnen

erbat ist durch Ihren liebenswürdigen Brief gar schön belohnt worden;

ich danke Ihnen dafür auf das herzlichste. Billig ist es wohl daß die

Freunde des Schönen und Guten mir ein tröstliches Wort über diese

Production sagen, die wenigstens ein fortgesetztes redliches Streben

andeutet und die mich in manchem Sinne theuer zu stehen kommt; ja, wenn

ich die Umstände bedencke unter denen das Werckchen fertig geworden; so

scheint es mir ein Wunder daß es auf dem Papier steht.

Seitdem es abgedruckt ist habe ich es nicht in der Folge gelesen, eine

solche Prüfung pflege ich gewöhnlich zu verspäten. Ein gedrucktes

Werck gleicht einem aufgetrockneten Fresko Gemälde an dem sich nichts

mehr thun läßt. Soviel es mir noch im Sinne schwebt und wie es sich mir

durch Ihre Bemerckungen vergegenwärtigt, möchte ich wohl noch einige

Schraffuren anbringen der Verknüpfung und Harmonie willen. Weil aber

das nicht angeht; so tröste ich mich damit daß der gewöhnliche Leser

dergleichen Mängel nicht gewahr wird, und der Kunstgebildete, eben

indem er die Forderungen macht, für sich selbst das Werk ergänzt und

vollendet.

Daß Sie ein solcher Leser und Schauer sind wußte ich wohl und erfahre

es auch diesmal. Haben Sie doppelten Danck für die Theilnahme und für

die Mittheilung; haben Sie dreyfachen daß Sie es in einer Zeit thun in

welcher mancher andre, mit Fug und Recht, seinen Freunden schwiege und

sich mit seinem eigenen Glück beschäftigte. Möge das Gute das Ihnen

bereitet ist so klar zu Ihnen treten als Sie Welt und Kunst erblicken

und so beständig bey Ihnen verweilen als Sie Ihren Freunden zuverlässig

sind. Meines fortdaurenden Anteils bleiben Sie gewiß.

Weimar

d. 15. Nov 1809

Goethes Briefe an Leipziger Freunde · 第 152 / 214 题