IX.

So ist denn unser theatralisches Unternehmen in Leipzig glücklich

vollendet, mit Ehre und Vortheil belohnt und was mir gleich lieb

ist, ich sehe unsre Schauspieler nach dieser Epoche froher williger

thätiger, und hoffe sowohl für uns einen unterhaltenden Winter als auch

künftig für Leipzig eine neubelebte Sommerunterhaltung. Denn wir haben

mancherley artige und mitunter seltsame Dinge vor uns, an denen wir uns

zu üben gedenken.

Haben Sie, mein werthester Herr Rath, den besten Dank für Ihren

freundlichen Antheil. Ich weiß die stille geräuschlose Behandlungsart

recht gut zu schätzen, mit der Sie den unsrigen nachzuhelfen wußten.

Wenn es mit dem Epilog eine Irrung gab,[233] so bin ich vielleicht

selbst daran Schuld, weil ich mich nicht deutlich erinnere, ob ich

unserer Regie deshalb geschrieben habe, mich auf einen natürlichen Gang

der Sache und auf Ihr Einwirken, wie bey dem ersten Abschied,[234]

verlassen habe. Auch dafür nehmen Sie Dank, was Sie gewollt gethan und

verschwiegen.

Ihre Briefe nehme ich manchmal wieder vor mich und habe sie schon

öfter gelesen. Sie dienen mir zum Leitfaden in dem täglichen

Theaterlabyrinth, das einer der wunderlichsten Irrgärten ist, die ein

Zauberer nur erfinden konnte. Denn nicht genug, daß er schon sehr

wunderlich bepflanzt ist, so wechseln auch noch Bäume und Stauden von

Zeit zu Zeit ihre Plätze, so daß man sich niemals ein Merkzeichen

machen kann, wie man zu gehen hat.

Leider ist hier in Weimar die sondernde Critik nicht sehr zu Hause. Man

nimmt alles zu sehr im Ganzen. Stücke, Schauspieler, Aufführung, alles

wird entweder nur gebilligt oder gemißbilligt, wobey denn Vorurtheil

und Laune herrschend werden, und man sich weder des Lobes recht

erfreuen, noch den Tadel sehr zu Herzen nehmen kann.

Daher ist es mir unendlich viel werth, daß unsere Schauspieler

wenigstens gewahr geworden, daß eine solche Critik existirt, welche die

Mängel begünstigter und die Tugenden gleichgültiger, ja unbegünstigter

Personen zu würdigen weiß.[235] Ich selbst werde diesen Winter das

Schauspiel öfter besuchen, und meine innern und äußern Sinne zu

genauerer Prüfung schärfen. Denn ich gestehe gern, das hiesige Publicum

machte mir durch willkührliche Zuneigung und Abneigung oft so böse

Laune, daß ich, jemehr ich mir in den Proben Mühe gegeben hatte, desto

weniger Lust fühlte, der Aufführung selbst bey zu wohnen. Nun aber,

da mich eine Stimme von außen her aufregt und bestätigt, so werde ich

wieder eine Weile auf meinem Wege strecklings fortgehen und mich der

Resultate vielleicht selbst erfreuen.

Die gute Aufnahme meiner Stücke hat mir eine besonders angenehme

Empfindung gemacht. Ich dachte wohl, daß sie auch einmal Epoche haben

könnten, aber nach der Lage des deutschen Theaters glaubte ich's nicht

zu erleben. Artig ist es, daß sogar das kleine Schäferspiel, das ich

1768 in Leipzig schrieb, auch noch auftauchen mußte und gut empfangen

ward.[236]

Nochmals vielen Dank, den ich gerne mündlich abgestattet hätte, wenn

ich nicht, da mir die Brunnenkur ganz wohl bekommen ist, mich vor einer

allzuraschen Geselligkeit gefürchtet hätte. Jetzt will ich sehen, ob

ich meine stille Nachkur auch zu Ihrem und Ihrer Mitbürger künftigen

Vergnügen benutzen kann. Leben Sie recht wohl, und wenn es möglich ist,

so besuchen Sie uns diesen Winter.

Weimar

d. 21. Sept. 1807.

Goethes Briefe an Leipziger Freunde · 第 126 / 214 题