Ew. Wohlgebornen

empfangen meinen lebhaften Dank für Ihren vertraulichen Brief, dessen

Inhalt ich bestens zu benutzen gesucht habe. Unsre Regie wird sich

gleich bey ihrer Ankunft Ihren fernern gütigen Rath erbitten.

Einen Prolog habe ich nach Ihren Wünschen auch mitgegeben.[232] Wollten

Sie die Gefälligkeit haben, ihn durchzusehen und zu beurtheilen ob er

am Platz paßt, welches man in der Entfernung nicht so gut empfinden

kann.

Da übrigens die älteren Schauspieler Ihnen schon bekannt sind und

sich eher zu produciren wissen; so wollte ich Ihnen besonders unsere

jüngeren empfehlen, den Nachwuchs, dessen Emporkommen uns bey der Lage

unseres Theaters höchst angelegen seyn muß.

Demoisell Elsermann, ein munteres Kind, von gutem Betragen, wird Ihnen

gefallen und Sie vielleicht anlocken ihr über diese oder jene Rolle

etwas zu sagen. Sie hat etwas Manier von Berlin mitgebracht, worüber

sie aber schon aufgeklärt ist und nur manchmal einer kleinen Erinnerung

deshalb bedarf.

Die Herren Lorzing und Deny sind gute gesittete Leute, nicht ohne

Talent und vom besten Willen. Da sie nun mehr in Routine kommen, so

wird es auch mit ihnen vorwärts gehen.

Im Ganzen bin ich überzeugt, daß der Aufenthalt in Leipzig für unsre

Gesellschaft sehr wohlthätig seyn wird, besonders wenn sich einige

Kenner und Freunde zu Mittelspersonen zwischen ihr und dem Publicum

machen wollen; welches höchst nothwendig ist, damit man sich bald

wechselseitig befreunde und keine Mißverständnisse entstehen.

Ich wünsche, daß alles gut gehen möge, und daß Ew. Wohlgebornen zuletzt

mit Zufriedenheit das Amt eines Epilogisten übernehmen möchten. Denn

wenn man einen Prolog noch allenfalls in der Ferne schreiben kann, so

darf der Epilog nur aus einer unmittelbaren Nähe entspringen.

Zu Ende dieses Monats geh' ich nach Carlsbad und hoffe dort für meine

von Zeit zu Zeit sich wieder zeigenden Übel, wo nicht völlige Genesung,

doch Linderung. Möge dieser mein Brief auch Sie von jedem Anfall

befreyt antreffen. Gesundheit brauchte man wohl niemals mehr als

gegenwärtig. Mich zu geneigtem Andenken empfehlend.

Weimar

den 12 May 1807.

Goethes Briefe an Leipziger Freunde · 第 121 / 214 题