II.

Franckfurt, am 9 Nov.

1768.

Hochgeehrtester Herr Professor,

Das Aussenbleiben Ihres Junges, hat diesen Brief, den ich so balde zu

schreiben schuldig war, um einen Monat und drüber verzögert. Mit ihm

hoffte ich ein Paquet Briefe, und ein Paquet Kleinigkeiten nach Leipzig

zu schicken, die nun auf eine andre Gelegenheit warten mögen.

Wenn Sie nicht mehr Nachricht von ihm haben als ich; so werden Sie

unruhiger seyn als ich; denn ich dencke immer, er hat entweder an Sie

geschrieben, oder ist durch einen andern Weeg zu Ihnen zurückgekehrt.

Bald hoffe ich's zu erfahren; ein guter Freund hat es auf sich

genommen, sich in Grehweiler zu erkundigen wie es mit ihm und seinen

Sachen steht.

Meine Gesundheit fängt an, wieder etwas zu steigen, und doch ist sie

noch nicht viel über's Schlimme. Inliegender Brief, den ich mich

unterstanden habe an Ihre Mademoiselle Tochter zu schreiben, sagt mehr

von diesem Punckte, und mehr von meinem übrigen Leben.

Die Kunst, ist, wie sonst, fast jetzt meine Hauptbeschäfftigung, ob ich

gleich mehr drüber lese, und dencke, als selbst zeichne, denn jetzt da

ich so allein lauffen soll, fühle ich erst meine Schwäche; es will gar

nicht mit mir fort Herr Professor, und ich weiss vor der Hand nichts

anders, als das Lineal zu ergreifen, und zu sehen, wie weit ich mit

dieser Stütze in der Baukunst und in der Perspecktiv kommen kann.

Was binn ich Ihnen nicht schuldig, Theuerster Herr Professor, dass Sie

mir den Weeg zum Wahren und Schönen gezeigt haben, dass Sie mein Herz

gegen den Reitz fühlbaar gemacht haben. Ich binn Ihnen mehr schuldig,

als dass ich Ihnen dancken könnte. Den Geschmack den ich am Schönen

habe, meine Kenntnisse, meine Einsichten, habe ich die nicht alle

durch Sie? Wie gewiss, wie leuchtend wahr, ist mir der seltsame, fast

unbegreifliche Satz geworden, dass die Werckstatt des grossen Künstlers

mehr den keimenden Philosophen, den keimenden Dichter entwickelt, als

der Hörsaal des Weltweisen und des Kritickers. Lehre tuht viel, aber

Aufmunterung tuht alles. Wer unter allen meinen Lehrern hat mich jemals

würdig geachtet mich aufzumuntern, als Sie. Entweder ganz getadelt,

oder ganz gelobt, und nichts kann Fähigkeiten so sehr niederreissen.

Aufmunterung nach dem Tadel, ist Sonne nach dem Reegen, fruchtbaares

Gedeyen. Ja Herr Professor wenn Sie meiner Liebe zu den Musen nicht

aufgeholfen hätten ich wäre verzweifelt. Sie wissen was ich war da ich

zu ihnen kam, und was ich war da ich von Ihnen ging, der Unterschied

ist Ihr Werck. Ich weiss wohl, es war mir wie Prinz Biribinckern nach

dem Flammenbaade,[108] ich sah ganz anders, ich sah mehr als sonst; und

was über alles geht, ich sah was ich noch zu tuhn habe, wenn ich was

seyn will.

Sie haben mich gelehrt demütig ohne Niedergeschlagenheit, und stolz

ohne Präsumtion zu seyn. Ich würde kein Ende finden, zu sagen was Sie

mich gelehrt haben; verzeihen Sie meinem danckbaaren Herzen diese

Apostrophe, diese Sentenzen; das habe ich mit allen tragischen Helden

gemein, dass meine Leidenschafft sich sehr gerne in Tiraden ergiesst,

und wehe dem der meiner Lava in den Weeg kömmt.

Die Gesellschafft der Musen, und eine fortgesetzte schrifftliche

Unterredung mit meinen Freunden, wird mir diesen Winter ein

kränckliches einsames Leben angenehm machen, das ohne sie für einen

Menschen von zwanzig Jahren eine ziemliche Folter seyn möchte.

Mein Freund Seekatz[109] ist einige Wochen vor meiner Ankunft

gestorben. Meine Liebe für die Kunst, meine Danckbarkeit gegen die

Künstler, werden Ihnen das Maas meines Schmerzens angeben. Sollte Hr.

CrStEinnehmer Weise die Gefälligkeit für mich haben wollen, einige

Nachrichten von seinem Leben und seiner Kunst in die Bibliotheck

einzurücken: so wollte ich sie Ihnen zusenden.[110] Haben Sie die

Gütigkeit, ihn bey Gelegenheit darum zu ersuchen. Idris habe ich eben

gelesen, meine Gedancken hiervon ein andermal. Meine Eltern grüssen Sie

und Ihre Famielie, mit der Liebe und Danckbaarkeit, die sie einem Manne

schuldig sind, dem ihr Sohn so viel schuldig ist. Leben Sie wohl.

Ich binn

Theuerster Hr. Professor

Der Ihrige

Goethe.

Fußnoten:

[108] In Wielands Don Sylvio von Rosalva. Th. ~VI.~ S. 215 f.

[109] Vgl. Goethes Werke ~XX.~ S. 29. 103. ff. 131 ff.

[110] In der Neuen Bibliothek der schönen Wissensch. findet sich nur

eine kurze Notiz über Seekatz, die nicht von Goethe herrührt.

Goethes Briefe an Leipziger Freunde · 第 19 / 214 题