VII.

Franckfurt am 12 Dec. 1769.

Meine liebe, meine theure Freundinn,

Ein Traum hat mich diese Nacht erinnert, daß ich Ihnen eine Antwort

schuldig binn. Nicht als wenn ich es so ganz vergessen hätte, nicht,

als wenn ich nie an Sie dächte, nein meine Freundinn, jeder Tag sagt

mir was von Ihnen und von meinen Schulden. Aber es ist seltsam, und

es ist eine Empfindung die Sie vielleicht auch kennen werden, die

Erinnerung an Abwesende, wird durch die Zeit, nicht ausgelöscht, aber

doch verdeckt. Die Zerstreuungen unsres Lebens, die Bekanntschafft

mit neuen Gegenständen, kurz jede Veränderung unsres Zustandes, thun

unsrem Herzen das was Staub und Rauch einem Gemählde thun, sie machen

die feinen Züge ganz unkenntlich, dass man nicht weiss wie es zugeht.

Tausend Dinge erinnern mich an Sie, ich sehe tausendmal Ihr Bild,

aber so schwach, und offt mit so wenig Empfindung, als wenn ich an

jemand fremdes gedächte, es fällt mir offt ein, dass ich Ihnen eine

Antwort schuldig binn, ohne dass ich den geringsten Zug empfinde

Ihnen zu schreiben. Wenn ich nun Ihren gütigen Brief lese, der schon

etliche Monate alt ist, und Ihre Freundschafft sehe, und Ihre Sorge

für einen Unwürdigen, da erschröcke ich vor mir selbst, und empfinde

erst, was für eine traurige Veränderung in meinem Herzen vorgegangen

seyn muss, dass ich ohne Freude dabey seyn kann, was mich sonst in

den Himmel gehoben haben würde. Verzeihen Sie mir das! Kann man einem

Unglücklichen verdencken dass er sich nicht freun kann. Mein Elend

hat mich auch gegen das Gute stumpf gemacht, was mir noch übrig

bleibt. Mein Körper ist wieder hergestellt, aber meine Seele ist noch

nicht geheilt, ich binn in einer stillen unthätigen Ruhe, aber das

heisst nicht glücklich seyn. Und in dieser Gelassenheit, ist meine

Einbildungskrafft so stille, dass ich mir auch keine Vorstellung von

dem machen kann was mir sonst das liebste war. Nur im Traum erscheint

mir manchmal mein Herz wie es ist, nur ein Traum vermag mir die süssen

Bilder zurückzurufen, so zurückzurufen dass meine Empfindung lebendig

wird, ich habe es Ihnen schon gesagt, diesen Brief sind Sie einem

Traume schuldig. Ich habe Sie gesehen, ich war bey Ihnen, wie es war,

das ist zu sonderbaar als dass ich es Ihnen erzählen möchte. Alles mit

einem Wort, Sie waren verheurahtet. Sollte das wahr seyn? Ich nahm

Ihren lieben Brief, und es stimmt mit der Zeit überein; wenn es wahr

ist, o so möge das der Anfang Ihres Glückes seyn.

Wenn ich uneigennützig darüber dencke, wie freut das mich, Sie, meine

beste Freundinn, Sie, noch vor jeder Andern, die Sie beneidete,

die Sich mehr dünckte als Sie, in den Armen eines liebenswürdigen

Gatten zu wissen, Sie vergnügt zu wissen, und befreyt von jeder

Unbequemlichkeit, der ein lediger Stand, und besonders Ihr lediger

Stand ausgesetzt war. Ich dancke meinem Traum dass er mir Ihr Glück

recht lebhafft geschildert hat, und das Glück Ihres Gatten, und seine

Belohnung dafür dass er Sie glücklich gemacht hat. Erhalten Sie mir

seine Freundschafft, dadurch dass Sie meine Freundinn bleiben, denn,

auch biss auf die Freunde müssen Sie jetzt alles gemein haben. Wenn

ich meinem Traum glauben darf, so sehen wir einander wieder, aber

ich hoffe noch sobald nicht, und was an mir liegt will ich seine

Erfüllung hinauszuschieben suchen. Wenn anders ein Mensch etwas wider

das Schicksaal unternehmen kann. Ehmals schrieb ich Ihnen etwas

räthselhafft, von dem was mit mir werden würde. Jetzt läßt sich's

deutlicher sagen, ich werde den Ort meines Aufenthalts verändern,

und weiter von Ihnen wegrücken. Nichts soll mich mehr an Leipzig

erinnern, als etwa ein ungestümmer Traum, kein Freund der daher kömmt,

kein Brief. Und doch mercke ich, dass mich es nichts helfen wird.

Geduld, Zeit und Entfernung, werden das thun was sonst nichts zu thun

vermag, sie werden jeden unangenehmen Eindruck auslöschen, und unserer

Freundschafft, mit dem Vergnügen, das Leben wiedergeben, dass wir uns

nach einer Reihe von Jahren, mit ganz andern Augen, aber mit eben dem

Herzen wiedersehen werden. Biss dahin leben Sie wohl. Doch nicht ganz

biss dahin. Binnen Einem viertel Jahre, sollen Sie noch einen Brief

von mir haben, der Ihnen den Ort meiner Bestimmung, die Zeit meiner

Abreise melden wird, und Ihnen das zum Überfluss noch einmal sagen kann

was ich Ihnen schon tausendmal gesagt habe. Ich bitte Sie mir nicht

mehr zu antworten, lassen Sie mir's durch meinen Freund sagen, wenn

Sie noch was an mich haben sollten. Es ist das eine traurige Bitte,

meine beste, meine Einzige von Ihrem ganzen Geschlechte, die ich nicht

Freundinn nennen mag, denn das ist ein nicht bedeudtender Tittul gegen

das was ich fühle. Ich mag Ihre Hand nicht mehr sehen, so wenig als

ich Ihre Stimme hören mögte, es ist mir leid genug dass meine Träume

so geschäfftig sind. Sie sollen noch Einen Brief haben; das will ich

heilig halten, und von meinen Schulden will ich einen Theil abtragen,

den andern müssen Sie mir noch nachsehen. Dencken Sie, wir kämen ja aus

aller Konnexion wenn ich diesen letzten Punckt noch richtig machte.

Das grosse Buch das Sie verlangen sollen Sie haben. Es freut mich dass

Sie dieses von mir verlangt haben, es ist das herrlichste Geschenck das

ich Ihnen geben könnte, ein Geschenck das mein Andencken am längsten,

und am würdigsten bey Ihnen erhalten wird.

Kein Hochzeitgedicht kann ich Ihnen schicken, ich habe etliche für Sie

gemacht, aber entweder, druckten Sie meine Empfindungen zu viel oder

zu wenig aus. Und wie konnten Sie von mir zu einem freudigen Feste ein

würdiges Lied begehren. Seit -- ja seit langer Zeit, sind meine Lieder

so verdrüsslich, so übel gestellt als mein Kopf, wie Sie an den meisten

sehen können, die schon gedruckt sind, und an den übrigen auch sehen

werden, wenn sie gedruckt werden sollten.

Hagedornen und einige andere Bücher werde ich Ihnen ehstens schicken,

möchten Sie ein Gefallen an diesem liebenswürdigen Dichter finden

wie er es verdient. Übrigens empfelen Sie mich Ihrer lieben Mutter,

dem nunmehr nicht mehr kleinen Bruder, der ohnezweifel ein starcker

Musickus geworden seyn wird. Grüßen Sie mir alle lieben Freunde, und

erneuern Sie mein Andencken, einigermassen um Sich her.

Leben Sie wohl, geliebteste Freundinn, nehmen Sie diesen Brief, mit

Liebe und Gütigkeit auf, mein Herz mußte doch noch einmal reden,

zu einer Zeit, wo ich nur durch einen Traum von der Begebenheit

benachrichtiget war, die mir es hätte verbieten können. Leben Sie

tausendmal wohl, und dencken Sie manchmal an die zärtlichste Ergebenheit

Ihres

_Goethe_.

Goethes Briefe an Leipziger Freunde · 第 13 / 214 题