F. d 26. Aug. 1769

Meine liebe Freundinn,

Ich dancke Ihnen für den Anteil den Sie an meiner Gesundheit nehmen,

und ich muß Ihnen zum Troste sagen, dass das letzte Gerücht von

meiner Kranckheit, eben nicht so ganz gegründet war, ich befinde mich

erträglich, freylich manchmal weniger als ich es wünschen mögte. Sie

können Sich vorstellen dass es nichts als Indisposition war, warum ich

Ihnen so lange nicht geschrieben habe, vielleicht werden bald andre

Ursachen Sie abhalten mir zu schreiben. Es ist sonderbar, heut vor

einem Jahre sah ich Sie zum letztenmal, es ist ein närrisches Ding um

ein Jahr, was alles sein Gesicht in einem Jahre verändert; ich wette

wenn ich Sie wiedersehen sollte, ich kennte Sie nicht mehr. Vor drey

Jahren hätte ich geschworen es würde anders werden als es ist. Man soll

für nichts schwören behaupte ich. Es war eine Zeit da ich nicht fertig

werden konnte mit Ihnen zu reden, und jetzt will all mein Witz nicht

hinreichen, eine Seite an Sie zu schreiben. Denn ich kann mir nichts

dencken was Ihnen angenehm seyn könnte. Wenn Sie mir einmal schreiben,

dass Sie glücklich sind, dass Sie ohne Ausnahme glücklich sind, das

wird mir angenehm seyn. Glauben Sie das? Horn lässt Sie grüssen, er ist

unglücklicher als ich. Wie aber alles wunderlich ausgetheilt ist, so

hilft ihm seine Narrheit sehr zur Cur von seiner Leidenschafft. Leben

Sie wohl liebe Freundinn, Grüssen Sie mir die l. Mutter und Peter. Ich

binn heute unerträglich. Wenn ich in Leipzig wäre, da sässe ich bei

Ihnen und machte ein Gesicht. Wie Sie sich dergleichen Specktackel noch

erinnern können. Doch nein, wenn ich jetzt bey Ihnen wäre, wie vergnügt

wollte ich leben. O könnte ich die dritthalb Jahre zurückrufen. Kätgen,

ich schwöre es Ihnen liebes Käthgen ich wollte gescheuter seyn.

Goethes Briefe an Leipziger Freunde · 第 11 / 214 题