III.

Franckf. am 30. Dec. 68.

Meine beste, ängstliche

Freundinn

Sie werden ohne Zweifel zum neuen Jahre, durch Hornen die Nachricht

von meiner Genesung erhalten haben; und ich eile es zu bestättigen.

Ja meine Liebe, es ist wieder vorbey, und inskünftige müssen Sie Sich

beruhigen wenn es ja heissen sollte: Er liegt wieder! Sie wissen meine

Constitution macht manchmal einen Fehltritt, und in acht Tagen hat

sie sich wieder zurechte geholfen; diesmal war's arg, und sah noch

ärger aus als es war, und war mit schröcklichen Schmerzen verbunden.

Unglück ist auch gut. Ich habe viel in der Kranckheit gelernt, das

ich nirgends in meinem Leben hätte lernen können. Es ist vorbey und

ich binn wieder ganz munter, ob ich gleich drey volle Wochen nicht

aus der Stube gekommen binn, und mich fast niemand besucht, als mein

Docktor, der Gott sey Danck ein liebenswürdiger Mann ist. Ein närrisch

Ding um uns Menschen, wie ich in munterer Gesellschafft war, war ich

verdrüsslich, jetzt binn ich von aller Welt verlassen, und binn lustig;

denn selbst meine Kranckheit über, hat meine Munterkeit meine Famielie

getröstet, die gar nicht in einem Zustande war, sich, geschweige mich

zu trösten. Das Neujahrslied, das sie auch werden empfangen haben, habe

ich in einem Anfall von groser Narrheit gemacht, und zum Zeitvertreibe

drucken lassen.[47] Übrigens zeichne ich sehr viel, schreibe Mährgen,

und binn mit mir selbst zufrieden. Gott gebe mir das neue Jahr was

mir gut ist, das geb er uns allen, und wenn wir nichts mehr bitten

als das; so können wir gewiß hoffen dass er's uns giebt. Wenn ich nur

biss in Aprill komme, ich will mich gern hinein schicken lassen. Da

wird's besser werden hoffe ich, besonders kann meine Gesundheit täglich

zunehmen, weil man nun eigentlich weiss was mir fehlt. Meine Lunge

ist so gesund als möglich, aber am Magen sitzt was. Und im Vertrauen

man hat mir zu einer angenehmen vergnüglichen Lebensart Hoffnung

gemacht, so dass meine Seele sehr munter und ruhig ist. Sobald ich

wieder besser binn, werde ich ausgehen in fremde Lande, und es soll

nur auf Sie und noch jemand ankommen, wie bald ich Leipzig wiedersehen

soll; Inzwischen dencke ich nach Franckreich zu gehen, und zu sehen

wie sich das französche Leben lebt, und um französch zu lernen. Da

können Sie Sich vorstellen was ich ein artiger Mensch seyn werde, wenn

ich wieder zu Ihnen komme. Manchmal fällt mir's ein, dass es doch ein

närrscher Streich wäre, wenn ich trutz meiner schönen Projeckten vor

Ostern stürbe. Da verordnete ich mir einen Grabstein, auf dem Leipziger

Kirchhof, dass ihr doch wenigstens alle Jahr am Johannes, als meinem

Nahmens Tag, das Johannismännchen, und mein Denkmal besuchen möget.[48]

Wie meynen Sie?

Empfelen Sie mich Ihren Eltern zu beständiger Freundschafft, Küssen Sie

Ihre liebe Freundinn, und dancken Sie ihr für den Anteil den Sie an

mir nimmt; ich werde bald an sie schreiben.

Ihre Nachbarinn bedaur' ich; sollte das nicht den grösten Strich in

die Rechnung des verliebten Paars machen? Die armen Leute! Sie sind

in grosser Noth, und unser Herr Gott mag ihnen helfen oder nicht, so

werden sie's ihm nicht dancken, das werden Sie erleben, und darnach

sagen Sie: hat's Goethe nicht gesagt. Es ist gar zu ein gros Ding um

den Ehstand heut zu Tage, und kein's von beyden, wenigstens gewiß, eins

von beyden, hat nicht für einen Sechser Überlegung. Heiliger Andreas,

komm, und tuh ein Wunder, oder es giebt eine Sau. ~NB.~ dass niemand

den Artickel sieht als wem er nütz ist. Leben Sie wohl meine Liebe, ich

binn, kranck wie Gesund

ganz der Ihrige

Goethe

Fußnoten:

[47] Dieser Druck findet sich in dem „Catalog einer Goethe-Bibliothek“

nicht verzeichnet und scheint sich der Aufmerksamkeit auch der

sorgsamsten Sammler bis jetzt entzogen zu haben.

[48] Es ist noch Sitte in Leipzig am Johannistag den Kirchhof zu

besuchen und die Gräber mit Blumen zu schmücken; auch wird dann die in

Holz geschnitzte Figur des Johannismännchen auf dem Brunnen aufgestellt

und bekränzt.

Goethes Briefe an Leipziger Freunde · 第 6 / 214 题