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[Illustration: Anna Katharina Schönkopf.]

Goethes Briefe

an

Leipziger Freunde.

Herausgegeben

von

Otto Jahn.

Mit drei lithographirten Bildnissen.

Leipzig,

Druck und Verlag von Breitkopf und Härtel.

1849.

Herrn Salomon Hirzel.

Sie haben, lieber Freund, nicht nur die erste Veranlassung zu diesem

Buch gegeben, sondern auch auf Form und Inhalt desselben einen so

bestimmenden Einfluß geübt, daß Sie sich es schon gefallen lassen

müssen auch Ihren Namen dazu herzugeben. Ich weiß gewiß, daß Niemand

mehr Freude an den Reliquien haben wird, die hier das Goethefest

zum Vorschein brachte, Niemand aufrichtiger die Dankbarkeit gegen

diejenigen mit mir theilen wird, deren Güte die Veröffentlichung

derselben gestattete, als Sie. Deshalb werden Sie auch die etwas bunte

Mischung des Inhaltes, für welche nicht einmal ein passender Titel zu

finden war, mit gewohnter Nachsicht, wie ich hoffe, entschuldigen.

So bringe ich Ihnen das Buch als eine Erinnerung an einige in heiterer

Thätigkeit angenehm verlebte Tage und an einen aufrichtigen, treuen

Freund.

Leipzig am 18. October 1849.

_Otto Jahn._

Inhalt.

Seite

Goethes Jugend in Leipzig 1

Goethes Briefe an Joh. Jac. Riese 53

Goethes Briefe an an Chr. G. Schönkopf und seine Tochter Käthchen 65

Goethes Briefe an Adam Fr. Oeser und seine Tochter Friederike.

Einleitung 103

An Adam Friedrich Oeser 117

An Friederike Oeser 136

Goethes Leipziger Lieder 176

Goethes Briefe an Chr. G. und J. G. E. Breitkopf 205

Goethes Briefe an Phil. Erasmus Reich 212

Aus Briefen von Cornelie Goethe 233

Goethes Briefe an Friedrich Rochlitz 281

Goethes Jugend in Leipzig.

Eine Rede von Otto Jahn.

Gehalten am 28. August 1849 in der akademischen Aula in Leipzig.

Beim Anschauen des Olympischen Zeus vergaß der Grieche in stiller

Bewunderung Leid und Kummer, gebannt unter den Zauber göttlicher

Majestät fand er Frieden und Kraft, und ging mit dem stolzen

Gefühl, ein Grieche zu sein, von dannen. Der heutige Tag giebt dem

Deutschen ein ähnliches Gefühl. Heute ist es ihm vergönnt, selbst die

schwerste Sorge, die Sorge um das Vaterland, den tiefsten Kummer um

vereitelte Hoffnungen und Bestrebungen im Andenken an den großen Mann

zurückzudrängen, der dem ganzen Vaterlande angehört, um auszusprechen,

worin wir alle einig und frei sind, unsere Bewunderung und Verehrung

gegen _Goethe_. Dankbarkeit und Anhänglichkeit auszusprechen, bedarf

es keiner besonderen Berechtigung, Goethes Andenken zu feiern ist

jeder berufen, der an deutscher Bildung Theil hat; für uns aber ist es

eine mahnende Pflicht, das Bild des Dichters, der uns persönlich nahe

angehört hat, mit einem Kranze der Erinnerung zu schmücken.

In _Leipzig_ hat _Goethe_ sein Studien begonnen, drei Jahre hindurch

hat er unserer Universität angehört, ist hier durch den Verkehr mit

Künstlern und Kunstfreunden angeregt und gebildet worden, Freundschaft

und Liebe haben ihn hier mannigfach gefesselt, hier hat er die

unruhvoll bewegte Zeit der ersten Selbständigkeit durchlebt -- wahrlich

kein unbedeutender Theil seines Lebens gehört uns an. Wir dürfen ihn

selbst zum Zeugen seiner Anhänglichkeit an Leipzig nehmen, dessen

Erinnerung ihm stets theuer und bedeutend war. „Wer kein Leipzig

gesehen hat,“ schrieb er seinem Freunde Breitkopf nach der Heimkehr

in Frankfurt, „der könnte hier recht wohl sein,“ in einer Stadt, „die

zu sehr Antithese von Leipzig ist, um viel Annehmlichkeit für ihn

zu haben.“ „Sie haben Recht, meine Freundin, daß ich jetzt für das

gestraft werde, was ich gegen Leipzig gesündigt habe,“ heißt es in

einem anderen Briefe; „mein jetziger Aufenthalt ist so unangenehm als

mein Leipziger angenehm hätte sein können, wenn gewissen Leuten gelegen

gewesen wäre, mir ihn angenehm zu machen.“ So urtheilte nicht nur der

von dem Scheiden aus lieben und gewohnten Verhältnissen schmerzlich

ergriffene Jüngling, der „draußen im Reich, in der Frankfurter

Hungersnoth des guten Geschmacks“ die feinere, namentlich litterarische

Bildung, den freien ungezwungenen Verkehr, besonders mit Frauen,

wodurch Leipzig sich auszeichnete, gar sehr vermißte. Als später Goethe

von Weimar aus in wiederholten Besuchen seine persönlichen Beziehungen

zu Leipzig erneuete, schrieb er (December 1782) an Frau von Stein:

„Seit 69, da ich von hier wegging, bin ich nie über ein paar Tage hier

gewesen, auch habe ich nur meine alten Bekannten besucht und Leipzig

war mir immer so eng wie jene ersten Jahre. Diesmal mache ich mich mit

der Stadt auf meine neue Weise bekannt und es ist mir eine neue kleine

Welt. -- Ich wünschte, mich ein Vierteljahr hier aufhalten zu können,

denn es steckt unglaublich viel hier beisammen. Die Leipziger sind

als eine kleine moralische Republik anzusehen. Jeder steht für sich,

hat einige Freunde und geht in seinem Wesen fort, kein Oberer giebt

einen allgemeinen Ton an und jeder produzirt sein kleines Original,

es sei nun verständig, gelehrt, albern oder abgeschmackt, thätig,

gutherzig, trocken oder eigensinnig, und was der Qualitäten mehr sein

mögen. Reichthum, Wissenschaft, Talente, Besitzthümer aller Art geben

dem Ort eine Fülle, die ein Fremder, wenn er es versteht, sehr wohl

genießen und nutzen kann. Er muß sich nur im Allgemeinen halten, und

keinen Antheil an ihren Leidenschaften, Händeln, Vorliebe und Abscheu

nehmen. Es leben hier einige Personen im Stillen, die, wenn ich so

sagen darf, vom Schicksal in Pension gesetzt worden sind, von denen

ich großen Vortheil ziehen würde, wenn es mir die Zeit erlaubte. Von

dem allgemeinen Betragen gegen mich kann ich sehr zufrieden sein. Sie

bezeigen mir den besten Willen und die größte Achtung, dagegen bin

ich auch freundlich, aufmerksam, gesprächig und zuvorkommend gegen

Jedermann.“ Und so ist Goethe nicht nur mit den in jenen Studienjahren

ihm bekannt und vertraut gewordenen Personen in Verkehr geblieben, bis

in die letzte Zeit haben Leipzigs bedeutende Männer -- ich darf nur

_Gottfried Herrmann_, _Friedrich Rochlitz_, _Blümner_ nennen -- ihm

nahe gestanden. Freilich erging das Strafgericht der _Xenien_ auch

über Leipzig, und er fand auch wohl gelegentlich, daß bei Anwesenheit

der Catalani sich die Leipziger absurd benahmen, und meinte, „es thäte

Noth, daß man solchem verfluchtem Volke die Gaben Gottes in Spiritus

aufhübe, damit sie solche, bei Gelegenheit vergleichen und eine der

anderen unterordnen könnten;“[1] allein nicht lange vorher war er

eifrig bemüht, die von Quandt hier aufgefundenen altdeutschen Gemälde,

welche jetzt unser städtisches Museum schmücken, ihrem wahren Werth

nach in weiteren Kreisen bekannt zu machen.[2] Überhaupt fühlt man

leicht in so manchen kleinen Zügen die Theilnahme und Freude, mit

welcher Goethe die Erinnerung an seinen Leipziger Aufenthalt wieder

auffrischt und auf alles überträgt, was Leipzig angeht.

Bei einer Feier, welche seinem hundertjährigen Geburtsfest gilt, werden

wir vor allem uns _Goethe_ in _Leipzig_ vergegenwärtigen wollen.

Dies Bild zeigt uns zwar nicht den Mann in seiner vollendeten Kraft,

nicht den Dichterfürsten im vollen Glanze seines Ruhmes, sondern

den strebenden Jüngling, der die ersten Schritte auf seiner langen

Siegesbahn beginnt, allein es zeigt uns schon den ganzen Goethe. Was

uns bei der Betrachtung Goethes mehr als alles andere mit Staunen

erfüllt, das ist die wunderbare Einheit und Kraft seiner Natur,

welche ihn jede Stufe menschlicher Entwickelung so ganz voll und rein

durchleben und darstellen ließ. Wer nicht beim Greise das rasche Feuer

der Jugend, beim Jüngling die erfahrene Weisheit des Alters erwartet,

vom Manne nicht stürmischen Übermuth, vom Jüngling nicht besonnene

Sicherheit fordert, wer unbefangen die Schranken erwägt, welche der

menschlichen Natur in ihrer Ausbildung gesetzt sind: dem wird Goethe

von der Jugend bis ins hohe Greisenalter als ein Typus naturgemäßer

Entfaltung einer großen und reichen Menschennatur erscheinen. Wäre

zu unserer Zeit im Volke noch die dichterische Kraft schöpferisch

lebendig, gewiß wäre Goethe durch die Sage zu einem Bilde des deutschen

Geistes in seinen edelsten Richtungen verklärt worden: jetzt hat der

Dichter selbst uns mit seltener Unbefangenheit und Klarheit sein

eigenes Abbild entworfen. Wäre es die Aufgabe des Redners, mit Goethes

Meisterwerk einen Wettkampf einzugehen, wer möchte sie übernehmen?

Allein vergessen wir nicht, daß der reife Mann seine Jugend schilderte,

auf deren Streben und Irren er mit Gelassenheit zurücksah, und daß

diese Schilderung den Stempel einer Ruhe trägt, nach welcher jene Zeit

vergebens rang. Versuchen wir daher, aus den leider nur spärlichen

Nachrichten, welche uns aus jener Zeit in unmittelbarer mündlicher

und schriftlicher Überlieferung grade hier zu Gebote stehen, uns eine

anschauliche Vorstellung der Personen und Verhältnisse zu bilden,

unter denen Goethe hier gelebt hat, und welchen Einfluß sie auf ihn

gewonnen haben. Auch das unbedeutendere, das für ihn selbst später das

Interesse verloren haben mochte, wird in diesem Zusammenhang einige

Aufmerksamkeit verdienen.

Im Herbste des Jahres 1765 reiste _Goethe_, nicht lange erst 16 Jahr

alt geworden, in Gesellschaft eines Buchhändlers _Fleischer_, der

sich auf die Messe begab, und seiner Frau nach Leipzig. In jener Zeit

wurde für die Kaufleute, welche zur Messe reisten, in den Kirchen

gebetet; auch Goethe kam nicht ohne Unfall davon: bei Auerstädt wurde

der Wagen umgeworfen, und Goethe strengte sich bei dem Aufrichten

desselben übermäßig an, so daß er später noch die Folgen spürte.

Hier angekommen miethete er sich in der _Feuerkugel_ am _Neumarkt_

zwei artige Zimmer, die in den Hof sahen, und wurde am 19. October

von dem damaligen Rector, Hofrath _Ludwig_, als Student in der

bayrischen Nation inscribirt.[3] So sah er sich denn in der glücklichen

Unruhe des jungen Studenten, der zum ersten Mal der Aufsicht des

väterlichen Hauses entledigt den festen Vorsatz hat, seine Freiheit

und Selbständigkeit, die ihm doch mitunter noch unbequem ist, zu

genießen, voll Zuversicht, daß ihm die Welt gehöre, wenn er sie gleich

noch nicht zu gewinnen weiß, voll Vertrauen auf seine Zeit und sein

Geld, die ihm unerschöpflich dünken, voll guten Willens, sich auf

das Leben vorzubereiten, das er noch nicht kennt. Ein Versuch, eine

Enttäuschung folgt der anderen, kein Streben wird befriedigt, Genuß und

Entsagung, Arbeit und Zerstreuung verdrängen einander, Leidenschaft

stürmt auf Leidenschaft: so zieht das mächtig eindringende Leben tiefe,

schmerzliche Furchen in das jugendliche Gemüth, welches frisch und

voll die Eindrücke desselben in sich aufnimmt, daß es zu männlicher

Kraft erstarkt, seine Früchte bringe. Goethe giebt uns während der

ganzen Zeit seines hiesigen Aufenthalts das Bild dieses unruhvollen

Drängens und Treibens, das sich weder seines Ziels noch seiner

Kräfte klar bewußt ist, mit um so größerer Hast bald dies, bald das

entgegengesetzte ergreift, um schnell enttäuscht zu ermatten. Er war in

seinen Beschäftigungen unstät, schwankend, nie mit sich zufrieden; aber

so entschieden war die Richtung seiner Natur, so stark das innerste

Bedürfniß seiner Seele, daß er sich immer wieder auf die künstlerische

Production hingeführt sah. Nicht minder wechselnd war seine Stimmung,

bald ausgelassen lustig, bald selbstquälerisch verstimmt, bald

übermüthig und neckisch, bald weich und theilnehmend, aber stets

offenbarte sich die Überlegenheit einer tiefen und großen Natur, welche

seine Umgebung, wie er sie auch verletzen und quälen mochte, immer

wieder versöhnte und beherrschte.

Goethe befand sich, da er die Universität bezog, in einem

eigenthümlichen Zwiespalt. Sein Vater sah zwar seine dichterischen

und künstlerischen Beschäftigungen als einen wohlanständigen

Zeitvertreib in Mußestunden mit Wohlgefallen und beförderte selbst,

daß er sie gründlich trieb; als Hauptstudium aber hatte er für ihn

die Jurisprudenz bestimmt und ihn selbst auf dieselbe vorbereitet.

Der Sohn aber fühlte sich von der Rechtswissenschaft in keiner Weise

angezogen; sich allein zum Dichter auszubilden kam ihm freilich nicht

in den Sinn, seine Neigung führte ihn zu gründlicher Erforschung des

Alterthums, und deshalb hatte er nach _Göttingen_ zu gehen und in

_Heyne's_ und _Michaelis_ Schule sich zu begeben gewünscht. Allein der

Vater bestand auf _Leipzig_. Ihm, dem strengen, pedantisch abgemessenen

Mann, von seinem Vorhaben zu sagen, wagte Goethe nicht; der erste

Gebrauch, den er von seiner akademischen Freiheit machen wollte,

sollte der sein, sich von der Jurisprudenz förmlich und feierlich

loszusagen und dem Studium der Alten und der Kunst hinzugeben. Offen

und ehrlich theilte er dem Hofrath _Böhme_, an welchen er empfohlen

war, seinen Entschluß mit; allein den ernsten Auseinandersetzungen

desselben und mehr noch den wohlwollenden Vorstellungen seiner Gattin

gelang es bald, ihn von demselben zurückzubringen. Aber der nun

gefaßte Entschluß, der Jurisprudenz treu zu bleiben, scheint nicht

viel fester gewesen zu sein. Zwar besuchte er Anfangs juristische und

philosophische Vorlesungen, schrieb auch mit großer Selbstüberwindung

eifrig nach, wenn er nicht etwa zur Erholung vorzog, den Rand seines

Hefts mit Carricaturen zu illustriren, allein gegen Fastnacht geriethen

die Collegien in einen gefährlichen Conflict mit den köstlichen

Pfannkuchen, welche am Thomaskirchhof gebacken wurden -- es ist dann

von ihnen nicht viel mehr die Rede. Auch die grammatisch kritische

Richtung der sächsischen Philologie scheint ihn nicht angezogen zu

haben; bei _Ernesti_ hörte er über Ciceros Redner, aber der berühmte

Philolog entsprach den gehegten Erwartungen nicht, und auf die Richtung

seiner Studien gewann er keinen Einfluß.

Der eigentliche Mittelpunkt und Kern derselben blieb das, wozu er

berufen war, seine Ausbildung zum Dichter; was er sonst auch thun

und treiben mochte, diente immer seinen dichterischen Bestrebungen

zur Grundlage und führte ihn unvermerkt zu ihnen zurück. Leipzig

hatte in der Entwickelungsgeschichte der deutschen Litteratur eine

eigenthümliche und bedeutende Stellung eingenommen. Freilich konnte

es dieselbe zu der Zeit, als Goethe hinkam, in Wahrheit nicht mehr

behaupten, allein die Männer, deren Namen in aller Munde waren,

lebten zum großen Theil noch, ihr Ruhm warf noch einen herbstlichen

Schimmer auf ihre Umgebung, welche fortfuhr Ansprüche auf Verdienste zu

begründen, von denen man nicht einsah, daß sie schon vergangen waren.

Es ist in der That eine merkwürdige Schickung, daß der jugendliche

Goethe hier in Leipzig noch persönlich den Eindruck jener Art zu

dichten erhielt, von welcher er uns vollständig frei machen sollte.

_Gottsched_, der durch das, was er selbst anregte und leistete, wie

durch die Polemik, welche er gegen seinen Schulzwang hervorrief, großen

Einfluß geübt hatte, war noch am Leben, aber ohne Bedeutung nur noch

eine Curiosität. „Gottscheden habe ich noch nicht gesehen,“ ist eine

der ersten Nachrichten, welche Goethe seinem Freunde Riese mittheilt,

aber schon nach wenigen Tagen schrieb er ihm: „Ganz Leipzig verachtet

ihn. Niemand geht mit ihm um,“ nachdem er eine poetische Beschreibung

von ihm entworfen:

„Gottsched, ein Mann so groß als wär er vom alten Geschlechte

Jenes der zu Gath im Land der Philister gebohren,

Zu der Kinder Israels Schrecken zum Eichgrund hinabkam.

Ja, so sieht er aus und seines Körperbaus Größe

Ist, er sprach es selbst, sechs ganze Parisische Schue.“

So geht es eine Weile fort und lautet dann zum Schlusse:

„Ich sah den großen Mann auf dem Catehder stehn,

Ich hörte was er sprach und muß es Dir gestehn,

Es ist sein Fürtrag gut, und seine Reden fließen

So wie ein klarer Bach. Doch steht er gleich dem Riesen,

Auf dem erhabnen Stuhl. Und kennte man ihn nicht

So wüßte man es gleich weil er stets prahlend spricht.“

Das war der erste Eindruck; die komische Situation, in welcher er

ihn bei einem späteren Besuche fand, wie er mit der einen Hand sich

die Perücke aufsetzte, mit der anderen dem Bedienten eine furchtbare

Ohrfeige versetzte, ist jedem bekannt. Von Einfluß konnte um so weniger

die Rede sein, da Gottsched schon im Jahre 1766 starb.

Von den Schriftstellern einer jüngeren Generation, welche Gottsched

nicht sowohl durch Polemik als ihre Leistungen überwunden hatte und

einen Fortschritt in der deutschen Litteratur bezeichnen, waren

_Gellert_ und _Chr. Fel. Weiße_ damals vor allen angesehen. Dem

wohlwollenden, liebenswürdigen _Weiße_, der als Bühnendichter wie

als Herausgeber der Bibliothek der schönen Wissenschaften in voller

Thätigkeit war, trat er in persönlichem Umgange nahe und wurde durch

eine dauernde Anhänglichkeit an ihn gefesselt; im Jahre 1801 noch läßt

er sich durch Rochlitz dem verehrten Greise empfehlen. _Gellert_

war als Mensch und Schriftsteller Gegenstand einer allgemeinen, ans

Schwärmerische grenzenden Verehrung; die Einfachheit und Aufrichtigkeit

seines Wesens, die Herzlichkeit seiner Theilnahme, selbst seine

Kränklichkeit machten auch auf die Jugend einen tiefen Eindruck, so

daß die weinerliche Weichheit seines Vortrages und sein Moralisiren

weder ihre Abneigung noch ihren Muthwillen erregte. Auch Goethe

finden wir als einen eifrigen Zuhörer Gellerts, der bemüht ist,

aus seinen Vorlesungen wie aus seinen stylistischen Übungen allen

Nutzen zu ziehen, und sich es angelegen sein läßt, die kaum erworbene

Weisheit in seinen Briefen seiner Schwester mitzutheilen. Allein ein

nachhaltiger Einfluß zeigt sich, wie zu erwarten, auch hier nicht,

Lehrer und Schüler waren zu verschiedener Natur. Gellert mußte

sich für den Einzelnen schwer zugänglich machen, eine persönliche,

unmittelbare Einwirkung war nicht möglich; Ermahnungen zum fleißigen

Kirchenbesuch bildeten den Hauptinhalt solcher Privatunterhaltung, für

Goethe unbequem und drückend, der sich die akademische Freiheit durch

kirchlichen Zwang nicht verkümmern wollte und damals im Gegensatz gegen

frühere und spätere Richtungen allen theologischen Studien entsagt

hatte. In den Stylübungen zog Goethe Gellerts besondere Aufmerksamkeit

nicht auf sich, er verbesserte seine Aufsätze wie alle anderen, ohne

sie auszuzeichnen. Sie zogen ihn nicht an, was uns sehr begreiflich

erscheint, wenn wir die geringen Bruchstücke dieser meist in Briefform

geschriebenen Aufsätze betrachten, die uns zufällig erhalten sind.[4]

Sie zeigen eine Freiheit und Leidenschaft in Auffassung und Form,

welche Gellert nicht wohl gefallen konnte, uns aber beweisen, daß

Goethe auch in diesen Schulübungen nur das, was er wirklich erlebte,

künstlerisch zu gestalten suchte.

Neben Gellert, den seine Kränklichkeit sehr beschränkte, war in

ähnlicher Weise _Clodius_ durch Vorlesungen und Übungen wirksam,

die Goethe ebenfalls besuchte. Das Ansehen dieses, auch als Dichter

thätigen und bekannten, Mannes war aber nicht wie bei Gellert in einer

aufrichtigen Pietät fest begründet; die Schüler, welche sich mit

Eifer selbst in der Dichtkunst versuchten, waren keineswegs geneigt

sich seinem Urtheil unbedingt zu unterwerfen, sie fanden bald seine

Schwächen und die Kunstgriffe seiner poetischen Technik heraus. Dazu

kam, daß er durch das Auffallende seiner äußeren Erscheinung ihren

Spott reizte, zu dessen Zielscheibe sie ihn häufig machten. So machte

Goethe einst im Kuchengarten in harmloser Laune das Gedicht auf den

Kuchenbäcker Händel, in welchem alle pomphaften Prachtwörter, welche

Clodius zu gebrauchen pflegte, parodisch angebracht waren:

„O Händel, dessen Ruhm vom _Süd_ zum _Norden_ reicht,

Vernimm den _Päan_, der zu deinen Ohren steigt!

Du bäckst, was _Gallier_ und _Britten_ emsig suchen,

Mit _schöpfrischem Genie_, _originelle_ Kuchen.

Des Kaffes _Ocean_, der sich von dir ergießt,

Ist süßer als der Saft, der vom _Hymettus_ fließt.

Dein Haus, ein _Monument_, wie wir den Künsten lohnen,

Umhangen mit _Trophä'n_, erzählt den _Nationen_:

Auch ohne _Diadem_ fand Händel hier sein Glück,

Und raubte dem _Cothurn_ gar manch Achtgroschenstück.

Glänzt deine _Urn'_ dereinst in majestät'schem _Pompe_,

Dann weint der _Patriot_ an deiner _Catacombe_.

Doch leb! Dein _Torus_ sei von edler Brut ein _Nest_!

Steh' hoch wie der _Olymp_, wie der _Parnassus_ fest!

Kein _Phalanx_ Griechenlands mit römischen _Ballisten_

Vermög _Germanien_ und Händeln zu verwüsten.

Dein _Wohl_ ist unser _Stolz_, dein _Leiden_ unser _Schmerz_,

Und Händels _Tempel ist der Musensöhne Herz_.“

Als es mit einer boshaften Anwendung, welche _Horn_ demselben auf

Clodius durch sein Schauspiel _Medon_ gegeben hatte, bekannt und später

sogar gedruckt wurde,[5] erregte es allgemein großes Aufsehen und

Mißbilligung, und Goethe war sehr unzufrieden darüber; indeß urtheilte

Clodius selbst über die Sache und Goethes Benehmen bald billig; Goethe

läßt in seinen Briefen stets Grüße an ihn ausrichten.

Es leuchtet ein, daß die Universität durch die Persönlichkeit ihrer

Lehrer auf Goethe keinen bestimmenden Einfluß ausüben konnte. Jene

einst leuchtenden Sterne waren im Verbleichen, _Klopstock_ hatte schon

auf Goethe als Knaben einen mächtigen Eindruck gemacht, _Wieland_ wurde

von dem Jüngling mit Bewunderung gelesen, und vor allem _Lessing_,

selbst in Leipzig gebildet, hatte den Weg bereits betreten, auf dem

ihm Goethe nachfolgen sollte. Seine _Minna von Barnhelm_ (1730) „stieg

wie die Insel Delos aus der Gottsched-Gellert-Weissischen Wasserfluth,

um eine kreißende Göttin gnädig aufzunehmen“: kein Werk hatte einen

ähnlichen Eindruck auf Goethe gemacht. In welchem Grade man dasselbe

verehrte, wie man sich in dem Kreise, in welchem Goethe verkehrte,

in dasselbe hinein gelebt hatte, das lehren uns kleine Züge noch

anschaulich. „Konnte die Landsmännin der Minna anders schreiben?“

heißt es in einem Briefe an seine geliebteste Freundin und später:

„Sie wissen, was mich unzufrieden, launisch und verdrießlich machte.

Das Dach war gut, aber die Betten hätten besser sein können, sagt

Franziska.“ Man hatte sich in einem freundschaftlichen Kreise an die

Aufführung dieses Lustspiels gewagt und später noch nannte man sich

unter einander mit den Namen der Rollen. „Was macht unsere Franziska?“

fragt er und erkundigt sich, ob sie, nachdem ihr Wachtmeister fort sei,

sich nun mit Just vertrage. Minna von Barnhelm erfüllte ihn ganz als

ein Werk, das ihn aufmerksam machte, „daß noch etwas Höheres existire,

als wovon die damalige schwache litterarische Epoche einen Begriff

hatte,“ und ermuthigte ihn da es lehrte, wie er es zu erreichen habe.

Aber es war das einzige Werk seiner Art.[6]

Im Allgemeinen fand sich Goethe durch die Leistungen der Gegenwart wie

durch den Verkehr, in welchen er in Leipzig trat, nicht sowohl angeregt

und gefördert als verwirrt und unsicher gemacht. Er war an mehrere

angesehene und gebildete Familien empfohlen und bei ihnen eingeführt.

Die lebhafte litterarische Production, deren Mittelpunkt Leipzig seit

geraumer Zeit war, hatte auch in weiteren Kreisen größere Theilnahme

für die Litteratur hervorgerufen, welche durch Kenntniß und allgemeine

Bildung unterstützt, ein gewisses Verständniß derselben, eine

Fertigkeit im Urtheilen darüber verbreitet hatte. Allein diese Kritik,

welche man zur Unterhaltung zu üben pflegte, und die höchstens dahin

gelangte das mittelmäßige mittelmäßig zu finden, war mehr abstumpfend

als fördernd; sie nahm dem Jüngling seinen Glauben und seine Verehrung,

er fühlte sehnlichst das Bedürfniß nach Unterstützung in seinen

Bestrebungen durch Beispiel, durch productive Anregung -- sie gab ihm

Steine statt Brod. Die natürliche Folge war Mißmuth, Unsicherheit,

Unzufriedenheit mit andern und mit sich -- eines Tags verbrannte er

alles, was er bis dahin versucht und entworfen hatte.

Nicht blos in einer Hinsicht sollte er diese Erfahrung machen. Als er

kaum erst nach Leipzig gekommen war, da lebte er

„So wie ein Vogel, der auf einem Ast

Im schönsten Wald, sich, Freiheit athmend wiegt.

Der ungestört die sanfte Lust genießt,

Mit seinen Fittichen von Baum zu Baum

Von Busch zu Busch sich singend hinzuschwingen.“

Aber als er in die feine Welt eingeführt wurde, empfand er bald, daß

das „klein Paris, das seine Leute bildet,“ Ansprüche an ihn machte,

die ihm lästig genug waren. Weder seine Kleidung noch sein Benehmen

hatte den rechten Zuschnitt, seine Frankfurter Aussprache und die kurze

körnige Ausdrucksweise, welche er sich zu eigen gemacht, war nicht das

reine Wasser des echten meißner Deutsch, und nicht alle suchten ihn

so milde und freundlich zuzustutzen, wie die liebenswürdige Hofräthin

_Böhme_, von der er auch Kartenspielen lernen mußte. Auch mit seinen

Ansichten und Gefühlen sah er sich überall fremd, seine Begeisterung

für Friedrich den Großen fand begreiflicher Weise keinen Widerhall,

auch hier wußte man ihm seine Bewunderung zu zerstückeln. Die

Unbehaglichkeit dieser Schulmeisterei, des Zwanges, den er sich überall

anthun sollte, ertrug er nicht lange; so wie er die Vorlesungen fallen

ließ, so zog er sich allmälig, besonders nach dem Tode der Hofräthin

Böhme, auch aus diesem geselligen Verkehr zurück, der ihn, so vergnügt

er auch übrigens war, dennoch allen Mangel eines gesellschaftlichen

Lebens fühlen ließ, wie es seine Jugend befriedigen konnte. „Ich seufze

nach meinen Freunden und meinem Mädgen,“ schreibt er an Riese (28.

April 1766), „und wenn ich fühle, daß ich vergebens seufze

Da wird mein Herz von Jammer voll

Mein Aug wird trüber.“

Aber schon im zweiten Semester änderte sich dies und Goethe trat in

einen ganz anderen Kreis ein. _Johann Adam Horn_, mit dem er schon

in Frankfurt nahe befreundet war, kam ebenfalls nach Leipzig, dem an

sich selbst und seinem dichterischen Beruf irre gewordenen durch seine

unverwüstliche Heiterkeit und den Einfluß früher Jugendbekanntschaft

ein großer Trost. „Horn hat mich durch seine Ankunft einem Teil meiner

Schwermuth entrissen,“ schreibt er (28. April 1766) an Riese; „er

wundert sich, daß ich so verändert bin,

Er sucht die Ursach zu ergründen,

Denkt lächelnd nach, und sieht mir ins Gesicht.

Doch wie kann er die Ursach finden,

Ich weiß sie selbsten nicht.“

Auch sein späterer Schwager, _Johann Georg Schlosser_, hielt sich

eine Zeit lang in Leipzig auf und führte ihn in eine unterhaltende

Tischgesellschaft ein, theils Studirender theils solcher, die ihre

Studien nicht lange vollendet. Unter diesen wird der Bruder des

Dichters _Zachariae_, _Pfeil_ und der spätere Bürgermeister _Herrmann_

genannt, der mit treuer Sorgfalt Goethe nachher in seiner Krankheit

pflegte, durch gleichmäßige Tüchtigkeit seines Wesens ausgezeichnet.

Ganz anderer Art war _Behrisch_, der Hofmeister des Grafen Lindenau.

Er stammte aus einer adeligen Familie, war, obwohl sorglos in

Geldangelegenheiten, rechtlich und brav, ein Mann von Kenntnissen,

leidenschaftlicher Musikliebhaber, aber ein Original; so kleidete er

sich modisch und fein, aber nur grau, das er in den verschiedensten

Schattirungen und Stoffen anzubringen beflissen war. Er gehörte zu den

Menschen, welche nie auf Universitäten ausgehen, die eine besondere

Gabe haben die Zeit mit Geschick zu verthun und dabei sich und andere

ironisiren, ebenso gefährlich für die mittelmäßigen und schwachen,

als anziehend und selbst anregend für die bedeutenden. Der Humor, mit

welchem er seine Thorheiten höchst ernsthaft und das Ernsthafteste

possenhaft betreiben konnte, war unerschöpflich und unwiderstehlich,

und fesselte auch Goethe an ihn, obwohl er ihn in barocker Weise

fortwährend hofmeisterte. Auch an seinen dichterischen Arbeiten nahm

er, ein Mann von feinem Geschmack, lebhaften Antheil und munterte ihn

fortwährend auf sich darin fortzubilden; nur etwas drucken zu lassen

hielt er ihn stets ab und schrieb dagegen die Gedichte, welche seine

Kritik bestanden, mit einer seltnen, in seiner Familie heimischen,

Kunst zur Belohnung höchst sauber in ein zierliches Buch. Als Behrisch

von Leipzig nach Dessau fortging, wo er auf Gellerts Empfehlung, dessen

Liebling er war, Erzieher des Erbprinzen, dann Pagenhofmeister wurde,

entließ ihn Goethe mit Abschiedsoden von schwerem Caliber; später

erneuerte er von Weimar aus die alte Bekanntschaft und fand ihn als

feinen Hofmann bei Hofe wohlgelitten und allgemein geachtet, in seinem

Humor aber ganz den alten „mit gescheiten Bemerkungen dumm ausgedrückt

und ~vice versa~.“[7] „Hab' ich es dir nicht gesagt?“ -- damit empfing

er ihn -- „war es nicht gescheit, daß du damals die Verse nicht drucken

ließest und daß du gewartet hast bis du etwas ganz gutes machtest?

Freilich schlecht waren damals die Sachen auch nicht, denn sonst hätte

ich sie nicht geschrieben. Aber wären wir zusammen geblieben, so

hättest du auch die andern nicht sollen drucken lassen; ich hätte sie

dir auch geschrieben und es wäre eben so gut gewesen.“[8] _Langer_, der

nach Behrisch Hofmeister des Grafen Lindenau wurde, später Bibliothekar

in Wolfenbüttel, ein Mann, der in einem bewegten Leben als Militair die

mannigfaltigsten Erfahrungen gemacht und, ohne je studirt zu haben,

sich die gründlichste, umfassendste Gelehrsamkeit erworben hatte,

wurde für Goethe in seiner Krankheit ein großer Trost und gewann durch

seinen milden Ernst eben so großen Einfluß auf sein Gemüth, als seine

Kenntnisse und Erfahrungen ihn in seiner Bildung förderten.

Von den jüngeren Studiengenossen kennen wir _Bergmann_, später Prediger

in Lievland, der als ausgezeichneter Fechter Goethe als Fuchs den Arm

zeichnete,[9] _Wagner_, an welchen Goethe als Greis die Verse richtete:

„Ziehn wir nun die achtzig Jahr

Durch des Lebens Mühen,

Müssen auch im Silberhaar

Unsre Pflüge ziehen.

Führt doch durch des Lebens Thor

Traun! so manche Gleise,

Ziehn wir einst im Engelchor,

Gehts nach einer Weise“[10]

die beiden Brüder _Breitkopf_ und _Horn_. Dieser, dessen kleine

Gestalt und krumme Beine stets herhalten mußten,[11] war die

lustige Person in der Gesellschaft, die er besonders durch sein

Talent nachzumachen ergötzte, immer bereit zu mystificiren und sich

mystificiren zu lassen: übrigens ein braver und treuer Mensch, was er

in Goethes Krankheit bewährte.

Goethe gab nun den Mittagstisch, welchen nach damaliger Sitte Hofrath

_Ludwig_ für Studenten hielt, auf und schloß sich ganz diesem Kreise

an, in welchem Geist und Bildung, ungezwungene Heiterkeit und Laune,

jugendlicher Übermuth herrschten. Man fand sich Mittags und Abends

am bestimmten Ort zusammen, die Vergnügungsörter, _Apels_ (später

_Reichels_) Garten, die _Kuchengärten_, _Gohlis_, _Raschwitz_,

_Konnewitz_ wurden fleißig besucht. Wie ausgelassen lustig es dabei

hergehen konnte, das zeigt uns die Scene in Auerbachs Keller im Faust.

Zwar ist es einer gründlichen Forschung noch vorbehalten die Leipziger

Originale der dort auftretenden Personen nachzuweisen, allein die

Localfarbe derselben ist unverkennbar, schon der Scherz mit Herrn

Hans von Rippach erweist sie, den ohne Commentar zu verstehen noch

jetzt das Vorrecht der Leipziger ist. Ebenso wenig als man hier im

Genuß stets Maaß beobachtete, hielt man auch die übermüthigste Laune

und den schonungslosesten Witz in Schranken, und gab so nach vielen

Seiten Anstoß und Gelegenheit zu übler Nachrede. Liebschaften waren

damals an der Tagesordnung und manche aus diesem Kreise hatten eine

Neigung zu Mädchen, die zwar „besser waren als ihr Ruf,“ deren Umgang

aber mindestens für den Ruf nicht vortheilhaft war. Es ist wohl nicht

zu bezweifeln, daß sowohl die Ansicht von dem Wankelmuth und der

Unzuverlässigkeit der Frauen, als auch eine gewisse Leichtfertigkeit

und Freiheit sinnlicher Leidenschaft, welche in Gedichten und Briefen

jener Zeit sich ausspricht, aus diesem Verkehr hervorgegangen war.

Dabei darf man freilich nie vergessen, daß die Vorstellungen von

Schicklichkeit in Ton und Betragen gar sehr wechseln; schon ein Blick

auf Bilder aus damaliger Zeit erklärt manches, was uns jetzt befremdet.

Wenn Goethe in feuriger Jugendkraft rücksichtslos sich frischem

Lebensgenuß ergab und sich wenig um ein geregeltes Leben kümmerte, so

blieb die Strafe dafür, wie für andere Unvorsichtigkeiten, durch welche

er seiner Gesundheit schadete, nicht aus. Ein Blutsturz brachte ihn an

den Rand des Grabes und wenn ihn auch die sorgfältige Behandlung seines

Arztes _Reichel_ und die treue Pflege seiner Freunde rettete, so blieb

er doch die letzte Zeit seines Aufenthalts in Leipzig und später noch

in Frankfurt fortwährend leidend und kränkelnd. Dies hatte auf seine

Stimmung keinen geringen Einfluß, auch nach der Genesung blieb sie

gedrückt, der jugendliche Frohsinn und Übermuth war gebrochen. Er hatte

es kein Hehl, daß er leichtsinnig auf seine Gesundheit eingestürmt

sei, allein als er nun nicht nur sich selbst mit einer gewissen

Ängstlichkeit schonte, sondern auch die Freunde gern zur Mäßigung

ermahnte, entging er ihrem Spott nicht, wie es in einem seiner Lieder

heißt:

„Ihr lacht mich aus und ruft: der Thor!

Der Fuchs, der seinen Schwanz verlohr,

Verschnitt jetzt gern uns alle.

Doch hier paßt nicht die Fabel ganz,

Das treue Füchslein ohne Schwanz,

Das warnt euch vor der Falle.“

Und dieser Scherz vom Füchslein muß in dem Freundeskreise

sprüchwörtlich gewesen sein, denn auch in den Briefen wird er mehrmals

erwähnt.

Vergessen wir aber nicht, daß diese lebenslustige Gesellschaft aus

jungen Männern von bedeutender Fähigkeit und tüchtiger Gesinnung

bestand, die über fröhlichem Genuß das ernste Streben nicht vergaßen.

Der unschätzbare Gewinn des akademischen Lebens ist die Unbefangenheit

im gegenseitigen Verkehr, die sich auf die gleichartigen jugendlichen

Neigungen und das gemeinsame Streben nach wissenschaftlicher Bildung

gründet, und gleich offen und entschieden in Liebe und Abneigung eine

beständige Anspannung der Kräfte im regen Wetteifer hervorruft, die

deshalb so heilsam ist, weil sie stets aus dem nächsten Anlaß des

wirklichen Lebens unmittelbar hervorgeht. Hier fand Goethe eine ebenso

warme Theilnahme als scharfe Kritik für das, was er hervorbrachte,

dieser Verkehr bot ihm wahre Impulse seiner künstlerischen Production

in den Erfahrungen eines wenn auch jugendlich beschränkten, doch

frisch und frei bewegten Lebens. So entwickelte sich hier zuerst die

Eigenthümlichkeit seiner dichterischen Natur, welche ihn groß vor

allen, welche ihn zum Befreier der Deutschen Dichtkunst gemacht hat,

daß er den einzigen Quell seiner Dichtung in seinem Gemüthe fand, daß

alles, was ihn innerlich ergriff und bewegte, ihn mit Nothwendigkeit

zur künstlerischen Darstellung trieb, welche ihn wie von einer

Last befreite. Nichts aber hat sein Gemüth während seines hiesigen

Aufenthalts so tief ergriffen und so anhaltend beschäftigt als die

leidenschaftliche Liebe zu dem Mädchen, welche er uns als Ännchen

geschildert hat, eine Liebe, welche aus seinen noch vorhandenen Briefen

lebendiger hervortritt, als aus seiner späteren Darstellung.

_Christian Gottlob Schönkopf_, ein Weinhändler, war der Hauswirth, in

dessen Wohnung[12] sich die Gesellschaft, zu welcher Goethe gehörte,

Mittags einzufinden pflegte. Seine Gattin war eine geborene _Hauk_

aus einer Frankfurter Patricierfamilie, eine geistvolle und lebendige

Frau; mit der Landsmännin war Goethe bald vertraut geworden und

fühlte sich dort heimisch, er war „ein Stück der Familie“ geworden,

die er uns gleich in dem ersten Briefe aus Frankfurt vom 1. Oct.

1768 vor Augen führt. „Ihr Diener Herr Schönkopf, wie befinden Sie

sich Madame, Guten Abend Mamsell, Petergen guten Abend. Sie müssen

sich vorstellen, daß ich zur kleinen Nebentühre hereinkomme. Sie Hr.

Schönkopf sitzen auf dem Canapee am warmen Ofen, Madame in ihrem Eckgen

am Schreibetisch, Peter liegt unterm Ofen und wenn Käthgen auf meinem

Platze am Fenster sitzt, so mag sie nur aufstehen und dem Fremden

Platz machen. Nun fangen wir an zu discouriren.“ Und nun erzählt er

von seiner Reise und wie es ihm in Frankfurt schlecht behage, auch mit

seiner Gesundheit nicht zum besten gehe; er entschuldigt sich, daß

er nicht Abschied genommen habe, er sei dagewesen, habe die Laterne

brennen sehen und an der Treppe gestanden -- „zum letztenmal wie wäre

ich wieder heruntergekommen?“ In vielen kleinen Zügen spricht sich

in allen Briefen die innerliche Vertraulichkeit des Verkehrs mit der

Familie und ihren Bekannten aus. Dort fand sich ein Kreis gebildeter

Menschen zusammen, die in ungezwungener Heiterkeit, gelegentlich beim

Glas Punsch,[13] des Lebens froh waren. Es wurde oft Musik gemacht;

ein Kaufmann _Obermann_, der gegenüber wohnte, mit zwei Töchtern, von

denen die älteste als Concertsängerin glänzte, _Häser_, der Vater der

berühmten Sängerin, gingen aus und ein, _Goethe_ blies die Flöte, bis

die Krankheit es ihm verbot, und _Peterchen_, der jüngste Sohn, geboren

im Jahr 1756, zeichnete sich schon als Knabe durch sein Klavierspiel

aus. Eine Zeichnung, welche ihn am Klavier, daneben seine Schwester,

_Häser_ und _Lelei_, ebenfalls einen angesehenen Musiker, darstellte

und von Goethe herrühren sollte, ist erst im Kriege verbrannt.

Mitunter wurde auch Komödie gespielt, man hatte sich sogar an _Minna

von Barnhelm_ gewagt, und ganz besondere Freude hatte eine Aufführung

des Lustspiels _Herzog Michel_ von _Joh. Christ. Krüger_ gemacht.

_Goethe_ hatte den _Michel_, _Käthchen_ das _Hannchen_ gespielt, und

in einem Zimmer des Schönkopfschen Hauses war die Hauptscene in einem

großen Wandgemälde dargestellt, das sich noch lange Zeit erhalten

hat. Von Frankfurt aus erkundigte sich Goethe nach dem Directeur

Schönkopf und seinen Acteurs, und schickte einen scherzhaften Brief

an Mademoiselle, unterzeichnet von „Michel, sonst Herzog genannt,

nach Verlust seines Herzogtums aber, wohlbestallter Pachter auf des

gnädigen Herren hochadelichen Rittergute,“ der im Auftrage des Hrn.

Goethe ihr eine mittelmäßige Scheere, ein gutes Messer und Leder zu

zwei Paar Pantoffeln schickt. In diesem Kreise finden wir _Reich_, den

Fürsten der Leipziger Buchhändler, mit dem Goethe auch später in einem

großentheils durch Lavaters Physiognomik veranlaßten Verkehr stand,

den Buchhändler _Junius_, Mademoiselle _Weidmann_, die _Breitkopfsche_

Familie, _Stock_, „den närrischen Kupferstecher, der so wunderliche,

auch wohl garstige Sachen zu sagen pflegte,“ wie Horn schreibt; den

Ober-Geleits-Einnehmer _Richter_; von den jüngeren _Kapp_, den später

berühmten Arzt, und _Horn_, der auch im Hause wohnte. Zum Schluß

jenes ersten Briefes bittet er dann, daß ihm Käthchen schreiben möge,

wenigstens alle Monat doch einen Brief.

Freilich fesselte _Käthchen_, wie sie im vertrauten Kreise genannt

wurde, oder, wie sie mit vollem Namen hieß, _Anna Katharine_ ihn an

das Haus. Sie war am 22. August 1746 geboren, drei Jahr älter als

Goethe, ein hübsches Mädchen, von mittler Größe und schönem Wuchs, mit

einem vollen, frischen Gesicht, braunen Augen, klug und aufgeweckt,

heiteren, munteren Sinnes und von einfachem, warmem Gemüth. Sie gewann

bald des Jünglings leidenschaftliche Liebe, der ihr (23. Jan. 1770)

schreiben konnte: „Sie wissen, daß ich, so lange als ich Sie kenne,

nur als ein Theil von Ihnen gelebt habe;“ und sie erwiederte dieselbe.

Halstuch, Fächer und Schuhe, die er für sie malt, sind hier, wie später

in Sesenheim und Weimar, seine Liebesgaben. Sie theilte das Interesse

für Poesie, er las ihr vor, auch an seinen eigenen Dichtungen nahm

sie Antheil; später meldet er ihr seine Lieder an, die immer noch

nicht gedruckt seien. „Lassen Sie Petern ein's spielen, wenn Sie an

mich denken wollen.“ Das ruhige Glück dieser gegenseitigen Neigung

störte Goethes heftige Eifersucht, durch welche er ohne allen Grund

sich und das arme Mädchen fortwährend quälte, und wie oft er es auch

bereuete, doch immer von neuem leidenschaftliche Scenen herbeiführte,

wodurch er sich das Herz der Geliebten entfremdete. „Heut vor einem

Jahr,“ schreibt er am 26. Aug. 1769, „sah ich Sie zum letztenmal. Vor

3 Jahren hätte ich geschworen, es würde anders werden. O könnte ich

die dritthalb Jahr zurück rufen. Käthgen ich schwöre es Ihnen, liebes

Käthgen ich wollte gescheuter sein.“ Außer vielen andern Gedichten,

welche später vernichtet wurden, schrieb er zur eigenen Buße 1768 das

Schauspiel, „_die Laune des Verliebten_,“ in welcher durch die anmuthig

zierliche Form, die oft zugespitzte und hie und da geschnitzelte

Ausdrucksweise, welche jener Zeit angehört, wie das Schäfercostüm,

die volle Wahrheit selbst erlebter Zustände und schwer durchkämpfter

Leidenschaft durchleuchtet und heute noch ergreift.[14] Allein jene

künstlerische Sühne mochte den Dichter freisprechen, die Neigung der

Geliebten konnte sie ihm nicht wiedergeben, er mußte sehen, wie sie

sich einem andern zuwandte.

Daß er bei seinem Weggehen die volle Liebe zu Käthchen und die Hoffnung

sie einst zu besitzen mit sich fortnahm, ist aus seinen Briefen klar.

Jene Bitte wurde erfüllt, Käthchen schrieb ihm, und sogleich antwortete

er (1. Nov. 1768) seiner geliebtesten Freundin, die seine ganze Liebe,

seine ganze Freundschaft hat, und in einem beigelegten Blatt verbessert

er auf ihren Wunsch die orthographischen Fehler, welche sie in ihrem

Brief gemacht hatte. Sie war in Sorgen gesetzt um seine Gesundheit,

sofort beruhigt er (30 Dec. 1768) seine beste ängstliche Freundin, es

gehe ihm besser, er hoffe reisen zu können; wenn er aber dennoch vor

Ostern sterben sollte, wolle er sich einen Grabstein auf dem Leipziger

Kirchhof verordnen, „dass ihr doch wenigstens alle Jahr am Johannes

als meinen Namens Tag das Johannesmännchen und mein Denkmal besuchen

möget.“ Einen Monat später (31. Jan. 1769) beklagt er sich bitter,

daß er krank und elend und dazu ohne Nachricht von ihr sei. Das war

begreiflich, denn Ende Mai gelangte an Horn, der im April von Leipzig

zurückgekommen war, die Nachricht von Käthchens Verlobung mit dem

~Dr~. _Christ. Karl Kanne_, welcher von Goethe selbst eingeführt im

Schönkopfschen Hause wohnte,[15] als dessen Gattin sie 1810 (20. Mai)

gestorben ist. Während Horn sofort als Schulmeister und ~Ludimagister~

einen scherzhaften Gratulationsbrief erläßt, schreibt Goethe am 1.

Juni 1769 einen Brief, der Anfangs zwar ruhige Fassung, im weiteren

Verlauf aber immer mehr eine gereizte Bitterkeit zeigt, die sich

selbst gegen die Geliebte wendet, deren gewissen Verlust er so schwer

ertragen kann. Wir erkennen deutlich die Laune des Verliebten in diesem

Briefe, die sich in Äußerungen ausspricht wie „Das liebenswürdigste

Herz ist das, welches am leichtesten liebt, aber das am leichtesten

liebt vergißt auch am leichtesten,“ aber der Ausruf: „Es ist eine

gräßliche Empfindung seine Liebe sterben zu sehen!“ zeigt uns, wie

tief sein Gemüth ergriffen war. Nach Leipzig werde er nun nicht

kommen, da der abgethane Liebhaber eine schlechte Figur als Freund

spielen werde; es müsse ihr doch komisch vorkommen, wenn sie an alle

die Liebhaber denke, die sie mit Freundschaft eingesalzen habe, wie

man die Fische einsalze, wenn man fürchtet, daß sie verderben, doch

solle sie die Correspondenz mit ihm nicht ganz abbrechen, da er für

einen Pöckling doch immer noch artig genug sei. Auch in den folgenden

Briefen spricht sich das schmerzliche Gefühl ihres Verlustes bald mit

heftiger Leidenschaftlichkeit, bald in einer ruhig wehmüthigen Stimmung

aus, in welcher er in der Ahnung, daß sie schon verheirathet sei,

Abschied von ihr nimmt und sie bittet ihm nicht wieder zu antworten.

„Es ist das eine traurige Bitte, meine Beste, meine Einzige von Ihrem

ganzen Geschlecht, die ich nicht Freundinn nennen mag, denn das ist

ein nicht bedeutender Tittul gegen das was ich fühle. Ich mag Ihre

Hand nicht mehr sehen, so wenig als ich Ihre Stimme hören mögte,

es ist mir leid genug dass meine Träume so geschäfftig sind. Kein

Hochzeitgedicht kann ich Ihnen schicken, ich habe etliche für Sie

gemacht aber entweder druckten sie meine Empfindung zu viel oder zu

wenig aus.“ Allein sie antwortete ihm dennoch und meldete ihm, daß

sie noch nicht verheirathet sei -- die Hochzeit fand am 7. März 1770

Statt -- und daß sie erwarte, er werde auch ferner schreiben, kurz sie

setzte ihm den Kopf zurecht. Darauf erwiederte er denn auch (23. Jan.

1770), er werde ihr schreiben, weil sie es verlange. Dieser Brief ist

in einem heitern Humor geschrieben, in dem man den Wiederschein ihrer

Liebenswürdigkeit erkennt, aber nicht minder ein tief schmerzliches

Gefühl über ihren Verlust. Er zeigt ihr an, daß er ruhig lebe und

frisch und gesund und fleißig, denn er habe kein Mädgen im Kopf, und

daß er nun nach Straßburg gehen werde; dort werde sich seine Adresse

verändern wie die ihrige und es werde auf beide etwas vom Doktor

kommen: „und am Ende wäre doch Fr. Doct. C. und Fr. Doct. G. ein

herzlich kleiner Unterschied.“ Er schrieb nicht wieder, in Straßburg

verdrängte Friederike die letzte schmerzliche Erinnerung und fesselte

ihn ganz; aber als er sie eben hatte kennen lernen, da dachte er in

der glücklichsten Stimmung an alle die ihn liebten „und auch sogar an

Käthchen, von der ich doch weiß, daß sie sich nicht verläugnen wird,

daß sie gegen meine Briefe sein wird, was sie gegen mich war.“ Und

bei seinem ersten Besuch in Leipzig (1776) suchte er auch sogleich

„sein erstes Mädgen“ auf. „Alles ist wie's war, nur ich bin anders“

schrieb er an Fr. v. Stein, „nur das ist geblieben, was die reinsten

Verhältnisse zu mir hatte damals -- ~Mais ce n'est plus Julie.~“[16]

In eine andere Region führte ihn der Verkehr mit dem _Breitkopfschen_

Hause, das der Mittelpunkt eines zahlreichen Kreises war, in welchem

gründliche Bildung in Wissenschaft und Kunst und ganz besonders

in der Musik heimisch war. Von den beiden Söhnen, welche Goethes

Studiengenossen waren, zeichnete sich der ältere, _Bernhard_ (geb.

1749), in der Familie der Magister genannt, welcher später in

Petersburg gestorben ist, schon damals als Musiker aus. Mit seinen

Melodieen, von denen manche, wenn man von einigen Zufälligkeiten der

Mode absieht, noch heute gefallen werden, erschien die erste Sammlung

Goethescher Lieder (1770) im Druck. Der jüngere, _Gottlob_ (geb. 1750),

welcher im J. 1800 als Vorsteher der Handlung starb, nicht minder

tüchtig in der Musik gebildet, war wie Goethe von Frankfurt im August

1769 schreibt, von jeher ein guter Junge und hatte Menschenverstand

und Gedanken wie ein Mensch der eine Sache begreift, und Einfälle

nicht wie jeder. In diesem Verkehr war das Interesse für Musik wohl

das vorherrschende, das ja auch Goethe nicht fremd war; denn ob er

gleich keine hervortretende Anlage zur Musik hatte, war er doch nicht

unempfänglich dafür und hatte selbst mehrere Instrumente zu spielen

gelernt.[17] _Hiller_, dessen komische Opern damals in Aller Mund

waren, lernte er kennen und wurde freundlich von ihm aufgenommen; er

bekennt aber, daß dieser sich mit seiner wohlwollenden Zudringlichkeit,

mit seiner heftigen, durch keine Lehre zu beschwichtigenden

Lernbegierde so wenig als andere zu befreunden gewußt habe.[18] Auch

Goethe war ein begeisterter Verehrer der beiden Sängerinnen, welche

damals alles entzückten, der Mlle. _Schmeling_ und _Schröter_. Als

jene, die später als Madame _Mara_ in ganz Europa berühmt war, im

Jahr 1831 ihr Jubiläum feierte, erinnerte sich Goethe mit Vergnügen,

wie er sie in Hasseschen Oratorien gehört und ihr „als ein erregbares

Studentchen wüthend applaudirt hatte“[19] und richtete ein Gedicht an

sie, das jene Jugenderinnerung auffrischte. _Corona Schröter_ verehrte

er als Student nur von ferne und machte für andere Gedichte an sie;

später trat er ihr wiederum in Leipzig näher[20] und veranlaßte, daß

sie nach Weimar kam.

Wichtiger für Goethe als die musikalischen Genüsse Leipzigs war das

Theater[21]. Die künstlerische Entwickelung der Deutschen Bühne war von

Leipzig ausgegangen und grade damals stand das Leipziger Schauspiel

in seiner höchsten Blüthe. _Koch_ war 1765 auf ein neues Privilegium

mit einer stehenden Gesellschaft nach Leipzig gekommen, ein neues Haus

wurde gebaut, und am 6. Oct. 1766 mit Schlegels Hermann eröffnet. Bald

nach Goethes Weggang hörte diese glänzende Periode auf, denn am 18.

Oct. 1768 schloß Koch die Bühne und verließ Leipzig. Das Interesse am

Theater war damals allgemein und in allen Kreisen von litterarischer

Bildung das vorherrschende. Der Einfluß auf Goethe, dessen Neigung

alles in dramatische Form zu kleiden frühzeitig hervortrat -- sie zeigt

sich auch darin, daß er seinen stylistischen Übungen gern die Form

eines Romans in Briefen gab -- ist unverkennbar. Da ihm die köstliche

Gabe verliehen war, „in nachklingende Lieder das eng zu fassen, was

in seiner Seele immer vorging“,[22] so rief jede Veranlassung, die

ihn in erhöhete Stimmung versetzte, lyrische Gedichte leicht hervor;

sein Studium war hauptsächlich dem Drama zugewandt, und Übersetzung

wie Nachbildung französischer Stücke beschäftigten ihn anhaltend

und ernstlich, wovon nur eine geringe Spur uns in dem Bruchstück

einer Bearbeitung von _Corneilles_ Lügner erhalten ist.[23] Denn

er verbrannte später fast alle Versuche aus jener Zeit und nur die

_Mitschuldigen_ legen durch ihre für diese Zeit bewundernswürdige

Gewandtheit und Sicherheit in der Form und Technik, welche allerdings

ohne vielfältige angestrengte Übung nicht erreicht werden konnte,

Zeugniß seines ernstlichen Studiums ab.[24] In anderer Rücksicht

ist dies Lustspiel wiederum ein merkwürdiger Beweis, wie Goethe

schon damals sich von den Lebenserfahrungen, welche ihn quälten und

beunruhigten, durch die Dichtung losmachen und befreien konnte. Schon

in früher Jugend war er Zeuge und Theilnehmer innerlich zerrütteter

Familienverhältnisse gewesen; nicht aus eigenem Behagen wählte er sich

diesen Stoff für ein Lustspiel, er reinigte vielmehr sein Inneres von

diesen Vorstellungen, indem er ihnen als Dichter eine Gestalt gab,

wodurch sie von seinem Innern abgelöst ihm fremd wurden und außer ihm

existirten.

Später hatte Goethe Gelegenheit seine Anerkennung und seinen

Dank der Leipziger Bühne auszusprechen, als die Weimarsche

Schauspielergesellschaft in Leipzig während des Sommers 1807

Vorstellungen gab. In dem schönen Prolog, welchen er auf Rochlitz's

Wunsch dichtete, heißt es:

Belohnung! ja sie kann uns hier nicht fehlen,

Hier, wo sich früh, vor mancher deutschen Stadt,

Geist und Geschmack entfaltete, die Bühne

Zu ordnen und zu regeln sich begann.

Wer nennt nicht still bei sich die edlen Namen,

Die schön und gut aufs Vaterland gewirkt,

Durch Schrift und Rede, durch Talent und Beispiel?

Auch jene sind noch unvergessen, die

Von dieser Bühne schon seit langer Zeit

Natur und Kunst darbietend herrlich wirkten;

Gleicht jener Vorzeit nicht die Gegenwart?

Er sprach auch gegen Rochlitz die Erwartung aus, wie belehrend dieser

Aufenthalt in Leipzig für die Schauspieler sein würde, und später seine

Freude, daß dieses theatralische Unternehmen glücklich vollendet und

mit Ehre und Vortheil belohnt worden sei; auch fand er es sehr artig,

daß sogar das kleine Schäferspiel, das er 1768 in Leipzig geschrieben,

auch noch auftauchen mußte und gut empfangen ward, eine Aufführung (am

29. Aug. 1807), bei der wohl Käthchen selbst gegenwärtig gewesen ist.

Wenn uns bisher eine hervorragende Persönlichkeit nicht

entgegengetreten ist, welche einen bestimmenden Einfluß auf Goethe

ausgeübt hätte, so finden wir diese auf dem Gebiet der bildenden Kunst

in _Adam Friedrich Oeser_, der seit 1763 als Director der Kunstakademie

in Leipzig lebte und dort als Maler und Bildhauer wie als Mensch in

hoher Achtung stand. Goethe, dessen glückliche Naturanlagen für die

bildende Kunst bereits im väterlichen Hause sorgfältig gepflegt waren,

suchte sie auch in Leipzig weiter auszubilden und nahm bei Oeser

Unterricht im Zeichnen, an welchem auch der nachmalige Staatskanzler

_Hardenberg_,[25] der Fürst _Lieven_ und _Gröning_ aus Bremen Theil

nahmen. Später begnügte er sich mit dem Zeichnen nicht, sondern wurde

durch den Verkehr mit dem Kupferstecher _Stock_ -- dessen Töchter

_Minna_, später die Gattin _Körners_, und _Dora_ nachmals zu Schiller

in ein so inniges Verhältniß traten -- veranlaßt, sich auch mit dem

Radiren zu beschäftigen, wovon noch jetzt kleine Platten für Schönkopf

und Käthchen geätzt um ihre Bücher zu zeichnen,[26] und zwei größere

Radirungen Zeugniß geben.[27] Oesers Verdienste als Künstler, welche

seine Zeitgenossen überschätzten, hat Goethe später richtig gewürdigt;

sein Einfluß auf Goethe aber reichte weit über die Belehrung von

bildender Kunst hinaus; in seinem Verkehr war es ihm einleuchtend

geworden, „daß die Werkstatt des großen Künstlers mehr den keimenden

Philosophen, den keimenden Dichter entwickelt, als der Hörsaal des

Weltweisen und des Kritikers.“ Er war ein sinniger, denkender Mann

von kräftiger Eigenthümlichkeit und nicht geringer Bildung, durch

hingeworfene Andeutungen mehr anregend als aufklärend, frisch und derb,

heiter und jovial, kurz ein Mann, der auf die Jugend ungemein wirken

mußte. Durch aufmunternde Anerkennung gewann er Goethes Vertrauen und

Neigung und gab ihm in der bildenden Kunst einen sicheren Ausgangspunkt

für die Erkenntniß des Schönen, um welche Goethe eifrig bemüht war,

um sie auch auf anderen Gebieten fruchtbar zu machen. Oeser war

_Winckelmanns_ vertrauter Freund gewesen und hatte auch auf dessen

Ansichten von der Kunst großen Einfluß geübt; die Begeisterung, mit

welcher Winckelmann allgemein verehrt wurde, ließ Oeser in einem

höheren Licht glänzen und der persönliche Eindruck dieses Mannes

gab auch der Verehrung für Winckelmann einen bestimmten gleichsam

persönlichen Charakter. Wie ein Blitz aus heiterem Himmel traf daher

alle die Nachricht von Winckelmanns Tode zu der Zeit, da man eben

seinem Besuch entgegensah. Auch auf diesem Gebiet war es _Lessing_, der

durch seinen Laokoon ein ungeahntes helles Licht in die jüngern Geister

warf, und reinigend und stärkend wie kein anderer sie ergriff, indem

er ihnen nicht sowohl die Wahrheit als den Weg zeigte, auf welchem

sie zu derselben gelangen konnten, und mit sittlichem Ernst von ihnen

verlangte, daß sie den Schweiß und selbst den Schmerz der Anstrengung

nicht scheueten, um die Wahrheit zu erringen. Noch können wir die

Spuren erkennen, mit welchem Eifer Goethe Lessing zu studiren und an

ihm sich weiter zu bilden bestrebt war.[28]

Für Goethes ganze spätere Entwickelung ist es von der größten

Bedeutung, daß er schon jetzt durch Oeser in dem Sinne mit der Kunst,

und ganz besonders der des Alterthums, vertraut gemacht wurde, welchen

er sein ganzes Leben hindurch bewahrt hat. Er hat lange zwischen der

Dichtkunst und der bildenden Kunst geschwankt, und erst spät mit

Schmerzen die Einsicht gewonnen, daß er in der letzteren nur Dilettant

sein könne;[29] allein das plastische Element seiner Poesie hing

mit dieser Richtung auf die bildende Kunst so eng zusammen, daß die

Anschauung und Einsicht, welche er auf diesem Gebiet in früher Jugend

gewann, fortwährend einflußreich und maßgebend gewesen ist. Mit der

hingebendsten Dankbarkeit und einer wahrhaft ehrfurchtsvollen Liebe

spricht er sich in seinen Briefen gegen Oeser aus und an Reich[30]

schreibt er: „Oesers Erfindungen haben mir eine neue Gelegenheit

gegeben, mich zu seegnen, dass ich ihn zum Lehrer gehabt habe. Er

drang in unsere Seelen und man musste keine haben um ihn nicht zu

nutzen. Sein Unterricht wird auf mein ganzes Leben Folge haben. Er

lehrte mich, das Ideal der Schönheit sei Einfalt und Stille.“[31]

Später wurde die Bekanntschaft von Weimar aus wieder erneuet. „Wie

süß ist es,“ schreibt er an Frau von Stein (25. December 1782),[32]

„mit einem richtigen, verständigen, klugen Menschen umgehn, der weis

wie es auf der Welt aussieht und was er will, und der, um dieses

Leben anmuthig zu genießen, keinen superlunarischen Aufschwung nöthig

hat, sondern in dem reinen Kreise sittlicher und sinnlicher Reize

lebt. Denke Dir hinzu, daß der Mann ein Künstler ist, hervorbringen,

nachahmen und die Werke anderer doppelt und dreifach genießen kann,

so wirst Du wohl nicht einen glücklichern denken können[33]. So ist

Oeser, und was müßte ich Dir nicht sagen, wenn ich sagen wollte, was

er ist.“ Ähnliche Äußerungen wiederholen sich, so oft er Oeser sieht

und bezeugen, wie tief er auch in seinen Mannesjahren Oesers Werth

empfand. Durch Goethe mit dem Weimarschen Hofe bekannt gemacht, ward

er dem Herzog _Carl August_ wie der Herzogin _Amalia_ durch seine

Kunstkenntniß und Erfahrung werth; die letztere gewann ihn besonders

lieb und veranlaßte ihn zu wiederholten Besuchen in Weimar, wo seine

lebensfrische, geistreiche Jovialität und seine weltmännische Klugheit

ihn zu einem stets willkommenen Gast machten.

Durch Oeser waren Goethe die Kunstsammlungen Leipzigs, von denen die

_Winklersche_ einen großen Ruf mit Recht behauptete, geöffnet, um ihn

sammelte sich ein Kreis von Kunstfreunden und Kennern, unter denen

besonders neben _Huber_ sich _Kreuchauff_ auszeichnete, der früher

Kaufmann gewesen war, später nur seinem Interesse für die Kunst lebte,

das er auch durch Schriften bewährte. Dieser Kreis pflegte sich in

Oesers überaus gastfreiem Hause in der Pleißenburg, im Sommer auf dem

Landsitz, den er in _Dölitz_ besaß, in ungezwungener Heiterkeit zu

versammeln. Eine Predigt im Frankfurter Judendialekt, welche Goethe

dort vorzutragen liebte, von ihm selbst aufgeschrieben, ist ein

harmloses Zeugniß der jugendlichen Fröhlichkeit, welche dort herrschte.

Die Seele dieser Gesellschaft war, für die Jugend zumal, Oesers älteste

Tochter _Friederike Elisabeth_, geboren im Jahr 1748, unvermählt

hierselbst gestorben im Jahre 1829. Von Jugend auf war sie der Liebling

des Vaters gewesen und selbst wenn er arbeitete in seiner Gesellschaft.

Durch ihren Muthwillen, welchen ihr phlegmatischer Bruder besonders

empfinden mußte, ergötzte sie ihn als Kind, später stand sie ihm durch

Verstand und Bildung nahe; er bediente sich ihrer Feder und ließ fast

seine ganze Correspondenz von ihr führen. Ihr volles Gesicht mit dem

Stumpfnäschen und den lebendigen braunen Augen stimmte zu ihrer kleinen

raschen Figur, und wenn auch durch Blatternarben entstellt verrieth

es lebhaften Geist und Verstand, und die fröhliche Heiterkeit ihrer

Laune, womit sie dem Jüngling neckisch und übermüthig zusetzte, zu hart

und unbarmherzig, wie er meinte, wenn er sich unglücklich und leidend

fühlte. Denn zu ihr nahm er seine Zuflucht, wenn Liebe und Eifersucht

ihn quälten, und sie hatte um so eher ein gewisses Übergewicht über

ihn, da hier keine leidenschaftliche Neigung ins Spiel kam. In den

nächsten Jahren nach seinem Fortgehen von Leipzig unterhielt er mit ihr

eine belebte Correspondenz und schickte ihr ein Bild seiner geliebten

Schwester _Cornelie_, das er auf einen Correcturbogen des _Götz_

flüchtig gezeichnet hatte, als ein Zeichen seiner Anhänglichkeit.

Im Wald und auf den Wiesen von Dölitz erging er sich gern in

dichterischen Streifereien, und war auch Käthchen oder wie sie dem

Dichter hieß, Annette, meistens Veranlassung und Gegenstand seiner

Lieder, so wurden sie der fein gebildeten und scharf urtheilenden

Friederike zur Prüfung vorgelegt. Eine Sammlung „Lieder mit Melodien

Mademoiselle Friederike Oeser gewiedmet von Goethen,“ das älteste und

eigenthümlichste Denkmal Goethescher Poesie, wird noch handschriftlich

in einer Goethe-Bibliothek in Leipzig aufbewahrt. Als dieselben „davon

ein Theil das Unglück hatte, ihr zu mißfallen“ -- man kann wohl

errathen weshalb -- durch andere vermehrt später gedruckt wurden,

„würde er sich vielleicht unterstanden haben, ihr ein unterschriebenes

Exemplar zu wiedmen, wenn er nicht wüßte, daß man sie durch einige

Kleinigkeiten leicht zum schimpfen bewegen könnte.“ Diese neuen Lieder

in Melodien gesetzt von _Bernh. Theod. Breitkopf_ erschienen 1770 ohne

Goethes Namen. _Hiller_, der sie anzeigte, meinte, wenn man sie läse,

werde man gestehen, daß es dem Dichter keineswegs an einer glücklichen

Anlage zu dieser scherzhaften Dichtungsart fehle[34] -- für uns sind

sie ein schönes, ächtes Denkmal seines Leipziger Aufenthalts. Die

Zueignung, welche den Schluß derselben macht:

„Da sind sie nun! Da habt ihr sie!

Die Lieder ohne Kunst und Müh

Am Rand des Bachs entsprungen.

Verliebt und jung und voll Gefühl

Trieb ich der Jugend altes Spiel

Und hab sie so gesungen.

Sie singe, wer sie singen mag!

An einem hübschen Frühlingstag

Kann sie der Jüngling brauchen.

Der Dichter blinzt von Ferne zu,

Jetzt drückt ihm diätätsche Ruh

Den Daumen auf die Augen.

Halb scheel, halb weise sieht sein Blick,

Ein bißgen naß auf euer Glück

Und jammert in Sentenzen.

Hört seine letzten Lehren an,

Er hat's so gut wie ihr gethan

Und kennt des Glückes Gränzen.“

drückte seine Stimmung so wahr und tief, so einfach und schön aus, wie

schon damals kaum ein anderer Dichter es vermochte.

So ging er von Leipzig am 28. August 1768 fort. Weder er selbst noch

seine Freunde ahnten in ihm die künftige Größe, zu der wir jetzt

bewundernd hinaufschauen. Leipzig hat Goethe nicht den Lorbeer ins

Haar gewunden, aber noch hat der Blumenstrauß, den der Jüngling hier

gepflückt, frischen, unvergänglich frischen Duft.

Fußnoten:

[1] Briefe an _Zelter_ ~II~: S. 306. (28. Aug. 1816.)

[2] Morgenblatt 1815 N. 69 (März).

[3] Bis in die neueste Zeit gehörten alle Mitglieder der Universität,

Docenten wie Studenten, einer der vier bei der Stiftung bestimmten

Nationen an, der _meißnischen_, _sächsischen_, _bayrischen_ oder

_polnischen_. Als Frankfurter wurde Goethe der bayrischen zugeschrieben.

[4] _Schöll_, Briefe und Aufsätze von Goethe S. 20 ff.

[5] Ich theile hier das durch Horn abgeänderte Gedicht mit, wie es

Christ. Heinrich Schmid in der Vorrede zu J. C. Rosts vermischten

Gedichten (1769) hat abdrucken lassen:

„O Händel! dessen Ruhm vom Süd zum Norden reicht,

Vernimm den Päan, der zu deinen Ohren steigt,

Du bäckst, was Gallier und Britten ämsig suchen,

Mit schöpfrischem Genie, originelle Kuchen.

Des Kaffees Ocean, der sich vor dir ergießt,

Ist süsser als der Saft, der von dem Hybla fließt.

Dich ehrt die Nation, abwechselnd sanft in Moden,

Ihr Tribunal verbannt hin zu den Antipoden,

In trauriges Exil, den Kopf leer von Verstand

Der kein Elysium in deinem Garten fand.

Dein Haus ist ein Trophä von Spoljen unsrer Beutel,

Strahlt gleich kein Diadem dir um den hohen Scheitel,

Erhebt zu deinem Ruhm sich gleich kein Monument:

Auch ohne Purpur ehrt dich dennoch der Student --

Glänzt deine Urn' dereinst in majestätschem Pompe,

Dann weint der Patriot an deiner Katakombe;

Wann dann ein Autor dich uns im Kothurne zeigt,

Und du Sentenzen sprichst, wird unser Herz erweicht.

Wär es dem Marmor gleich, so darfst du uns erscheinen,

Wie _Medon_ uns erschien und Myriaden weinen.

Doch leb! Dein Torus sei von edler Brut ein Nest,

Steh hoch, wie der Olymp, wie der Hymettus fest;

Kein Phalanx Griechenlands, nicht Römische Balisten

Vermögen je dein Glück, o Händel, zu verwüsten!

Dein Wohl ist unser Wohl, dein Leiden unser Schmerz

Und Händels Tempel ist der Musensöhne Herz.“

[6] Eckermann Gespräche II. S. 328 vgl. I. S. 340. Riemer Mittheilungen

II. S. 663 f.

[7] Riemer Mittheilungen II. S. 60. Er starb 1809 in Dessau,

unverheirathet, sechzig Jahre alt.

[8] Eckermann Gespräche II. S. 175 ff.

[9] Blum, ein Bild aus den Ostseeprovinzen S. 29.

[10] Originalien 1832 Nr. 83 f.

[11] „Wir würden uns doch gewiß recht gut dargestellt haben, denn

ich hätte mir ein Postamentgen machen lassen“ schreibt Horn an

Käthchen Schönkopf, und ein anderes Mal: „Auf der Reise wäre ich bald

unglücklich gewesen, denn meine krummen Beine, wie die Mamsell spricht,

hatten sich so mit den Andräischen verwickelt, daß man sie um uns zu

trennen beynahe hätte zerbrechen müssen.“

[12] Das Haus liegt im Brühl Nr. 79 neben dem goldenen Apfel und ist

bis vor wenig Jahren im Besitz der Familie geblieben; seitdem es in

andere Hände gekommen ist, ist es fast ganz umgebaut worden.

[13] „Ich wünschte, daß ich diesen Abend bei Ihnen Punsch trinken

könnte“ schreibt Horn, und ein andermal: „Was wollte ich darum geben,

wenn ich nur noch einmal mit Ihnen Punsch trinken könnte!“

[14] Frl. v. Göchhausen schreibt (Riemer Mitth. ~II.~ S. 85 f.):

„Gestern (20. Mai 1779) hat uns der Herr Geh. Leg. Rath ein

Schäferspiel, _die Launen des Verliebten_, hier (in Ettersburg)

aufgeführt, das er sagt in seinem 18. Jahr gemacht zu haben, und nur

wenig Veränderung dazu gethan. Es bestand nur aus vier Personen,

welche der _Doctor_, _Einsiedel_, das Frl. v. _Wöllwarth_ und Mlle.

_Schröder_ vorstellten. Es ist von einem Act mit einigen Arien, welche

der Kammerherr v. _Seckendorf_ componirt hat. Es wurde recht sehr gut

gespielt, und wir waren den ganzen Tag fröhlich und guter Dinge.“

[15] Horn schreibt am 9. April: „Hr. ~Dr.~ Kanne wird noch bei Ihnen

seyn. Geben Sie ihm diesen Brief zu lesen. Er wird es nicht übel

nehmen, daß ich nicht besonders an Ihn geschrieben habe. Im Grunde

glaube ich ist es auch einerley ob ich an Sie oder an Ihn schreibe,

denn so lange wir noch in Ihrem Hause wohnten, machten wir doch immer

ein Stück von der Familie aus und Er hat noch ein größeres Recht dazu

als ich, denn er ist ..... älterer Student.“

[16] Briefe an Frau v. Stein ~I.~ S. 19 f. 21.

[17] „~Goethe accompagne le clavecin de Mme (Brentano) avec la basse.~“

Merck Briefe ~III.~ S. 86. Vgl. Eckermann Gespräche ~I.~ S. 79: „Goethe

antwortete: Aber Sie finden kein Wort über Musik (in den Reisenotizen),

weil das nicht in meinem Kreise lag.“

[18] Goethes Werke ~XXXII.~ S. 335.

[19] Briefwechsel mit Zelter ~VI.~ S. 129.

[20] Briefe an Frau v. Stein ~I~. S. 20 f.

[21] Werke ~XXVII~. S. 467 ff.

[22] Briefe an Frau v. Stein ~II~. S. 69.

[23] Schöll Briefe und Aufsätze von Goethe S. 7 ff.

[24] Goethe bot die in Frankfurt nachgefeilten _Mitschuldigen_

dem dortigen Buchhändler _Fleischer_ vergebens zum Verlag an, sie

wurden erst 1787 gedruckt, vorher aber wurden sie wiederholt auf dem

Weimarschen Liebhabertheater gespielt, wo _Goethe_ den _Alcest_,

_Bertuch_ den _Söller_, _Musäus_ den _Wirth_, _Corona Schröter_ die

_Sophie_ gab. Riemer Mittheilungen ~II~. S. 36. 54. Briefe an Frau

v. Stein ~II~. S. 13. Böttiger litter. Zustände ~I~. S. 277. Peucer

in Weimars Album S. 72. Als ein Curiosum mag bemerkt werden, daß die

Mitschuldigen in Leipzig zuerst in einer prosaischen Bearbeitung von

_Albrecht_ aufgeführt worden sind, Blümner, Geschichte des Theaters zu

Leipzig S. 302.

[25] Werke VI. S. 440 f.

[26] Die erste ist unten als Vignette mitgetheilt.

[27] Fragmente aus einer Goethe-Bibliothek S. 16 f. [

F8] Vgl. Schöll Briefe und Aufsätze von Goethe S. 108.

[29] Riemer Mittheilungen ~II.~ S. 301: „Von meinem längeren Aufenthalt

in Rom werde ich den Vortheil haben, daß ich auf das Ausüben der

bildenden Kunst Verzicht thue.“ Eckermann Gespräche ~I.~ S. 132:

„Was ich aber sagen wollte, ist dieses, daß ich in Italien in meinem

vierzigsten Jahre klug genug war, um mich selber insoweit zu kennen,

daß ich kein Talent zur bildenden Kunst habe, und daß diese meine

Tendenz eine falsche sei.“ S. 139: „Ich sage dieses, indem ich bedenke,

wie viele Jahre es gebrauchte, bis ich einsah, daß meine Tendenz zur

bildenden Kunst eine falsche sei, und wie viele andere, nachdem ich es

erkannt, mich davon loszumachen.“

[30] Briefe an Lavater S. 164 f.

[31] Schöll Briefe und Aufsätze von Goethe S. 107 f.: „Rede bei

Eröffnung der Londoner Akademie von Reynolds. Enthält fürtreffliche

Erinnerungen eines Künstlers über die Bildung junger Maler; er dringt

besonders auf die Correktion und auf das Gefühl der Idealischen stillen

Größe. Er hat recht. Genies werden dadurch unendlich erhaben und kleine

Geister wenigstens etwas.“

[32] Briefe an Frau v. Stein ~II.~ S. 279.

[33] Werke ~XXIV.~ S. 210.

[34] Fragmente aus einer Goethe-Bibliothek S. 1 f.

Goethes Briefe an Joh. Jac. Riese.

I.[35]

_Leipzig_ 20. Oktober 1765.

Morgends um 6.

_Riese_, guten Tag!

den 21. Abends um 5.

_Riese_, guten Abend!

Gestern hatte ich mich kaum hingesetzt um euch eine Stunde zu widmen,

Als schnell ein Brief von Horn kam und mich von meinem angefangnen

Blate hinweg riß. Heute werde ich auch nicht länger bey euch bleiben.

Ich geh in die Commoedie. Wir haben sie recht schön hier. Aber

dennoch! Ich binn unschlüßig! Soll ich bey euch bleiben? Soll ich in

die Commödie gehn? -- Ich weiß nicht! Geschwind! Ich will würfeln. Ja

ich habe keine Würfel! -- Ich gehe! Lebt wohl! --

Doch halte! nein! ich will da bleiben. Morgen kann ich wieder nicht

da muß ich ins Colleg, und Besuchen und Abends zu Gaste. Da will ich

also jetzt schreiben. Meldet mir was ihr für ein Leben lebt? Ob ihr

manchmahl an mich denkt. Was ihr für Professor habt. & cetera und zwar

ein langes & cetera. Ich lebe hier, wie -- wie -- ich weiß selbst nicht

recht wie. Doch so ohngefähr

So wie ein Vogel, der auf einem Ast

Im schönsten Wald, sich, Freiheit athmend wiegt.

Der ungestört die sanfte Luft genießt.

Mit seinen Fittichen von Baum zu Baum

von Bußch zu Bußch sich singend hinzuschwingen.

Genug stellt euch ein Vögelein, auf einem grünen Ästelein in allen

seinen Freuden für, so leb ich. Heut hab ich angefangen Collegia zu

hören.

Was für? -- Ist es der Mühe wehrt zu fragen? ~Institutiones imperiales.

Historiam iuris. Pandectas~ und ein ~privatissimum~ über die 7 ersten

und 7 letzten Titel des Codicis. Denn mehr braucht man nicht, das

übrige vergißt sich doch. Nein gehorsamer Diener! das ließen wir

schön unterwege. -- Im Ernste ich habe heute zwei Collegen gehört, die

Staatengeschichte bey Professor Böhmer, und bei Ernesti über Cicerons

Gespräche vom Redner. Nicht wahr das ging an. Die andre Woche geht

~Collegium philosophicum et mathematicum~ an. --

Gottscheden hab ich noch nicht gesehen. Er hat wieder geheurathet.

Eine Jfr. Obristleutnantin. Ihr wißt es doch. Sie ist 19 und er 65

Jahr. Sie ist 4 Schue groß und er 7. Sie ist mager wie ein Häring und

er dick wie ein Federsack. -- Ich mache hier große Figur! -- Aber noch

zur Zeit bin ich kein Stutzer. Ich werd es auch nicht. -- Ich brauche

Kunst um fleißig zu sein. In Gesellschaften, Concert, Comoedie, bei

Gastereyen, Abendessen, Spazierfahrten so viel es um diese Zeit angeht.

Ha! das geht köstlich. Aber auch köstlich, kostspielig. Zum Henker

das fühlt mein Beutel. Halt! rettet! haltet auf! Siehst du sie nicht

mehr fliegen? Da marschierten 2 Louisdor. Helft! da ging eine. Himmel!

schon wieder ein paar. Groschen die sind hier, wie Kreuzer bei euch

draußen im Reiche. -- Aber dennoch kann hier einer sehr wohlfeil leben.

Die Messe ist herum. Und ich werde recht menageus leben. Da hoffe ich

des Jahrs mit 300 Rthr. was sage ich mit 200 Rthr. auszukommen. ~NB~.

das nicht mitgerechnet, was schon zum Henker ist. Ich habe kostbaaren

Tißch. Merkt einmahl unser Küchenzettel. Hüner, Gänße, Truthahnen,

Endten, Rebhüner, Schnepfen, Feldhüner, Forellen, Haßen, Wildpret,

Hechte, Fasanen, Austern u. s. w. Das erscheinet Taglich. Nichts von

anderm groben Fleisch ~ut sunt~ Rind, Kälber, Hamel u. s. w. das weiß

ich nicht mehr wie es schmeckt. Und die Herrlichkeiten nicht teuer,

gar nicht teuer. -- Ich sehe, daß mein Blat bald voll ist und es

stehen noch keine Verse darauf, ich habe deren machen wollen. Auf ein

andermahl. Sagt Kehren daß ich ihm schreiben werde. Ich höre von Horn,

daß ihr euch ~ob absentiam puellarum forma elegantium~ beklagt. Laßt

euch von ihm das Urteil sagen daß ich über euch fällete.

_Goethe._

Fußnote:

[35] _Joh. Jac. Riese_ war ein Jugendfreund Goethes und studirte in

Marburg, während Goethe in Leipzig war. Bei seinem späteren Aufenthalt

in Frankfurt verkehrte er wiederum lebhaft mit Riese (Werke ~XXII~. S.

68 f.). Ein Portrait desselben in Lebensgröße in schwarzer Kreide von

Goethe ausgeführt befindet sich noch im Besitze seines Neffen, Herrn J.

_Riese_ in Frankfurt; die Goetheschen Briefe sind leider alle bis auf

diese Studentenbriefe vernichtet, welche H. _König_ in Lewalds Europa

(1837, ~I~. S. 145 ff.) in buchstabengetreuer Copie bekannt gemacht

hat; danach sind sie hier wiederholt. Die Handschrift der ersten beiden

Briefe ist stumpf und derb, ohne viel Unterscheidungszeichen, im

dritten viel zierlicher, die Feder scheint frisch geschnitten.

Goethes Briefe an Leipziger Freunde · 第 1 / 214 题