Caro Luigi! Lange hat man Deine Stimme nicht mehr gehört. Lebst Du noch am
Lichte? Nagt schon der Geier Dein Gebein?
Hast Du einmal mit einer Stricknadel in einer stehengebliebenen Wanduhr
gestochert? Ich tat es einmal, und habe es erlebt, daß plötzlich der Teufel
in das Werk fuhr und die ganze vorhandene Zeit abrasselte, die Zeiger
machten Wettrennen ums Zifferblatt, mit einem unheimlichen Geräusch drehten
sie sich wahnsinnig fort, prestissimo, bis ebenso plötzlich alles
abschnappte und die Uhr den Geist aufgab. Genau so ist es zurzeit hier bei
uns: Sonne und Mond rennen gehetzt wie Amokläufer über den Himmel, die Tage
jagen sich, die Zeit läuft einem davon, wie durch ein Loch im Sack.
Hoffentlich wird auch das Ende dann ein plötzliches sein und diese
betrunkene Welt untergehen, statt wieder in ein bürgerliches Tempo zu
fallen.
Die Tage über bin ich zu sehr beschäftigt, als daß ich etwas denken könnte
(wie wahnsinnig komisch das übrigens klingt, wenn man einen solchen
sogenannten »Satz« einmal laut vor sich hin sagt: »als daß ich etwas denken
könnte«)! Aber am Abend fehlst Du mir oft. Ich sitze dann meistens irgendwo
im Wald in einem der vielen Keller und trinke den beliebten Rotwein, der
zwar meistens nicht gut ist, aber doch auch das Leben tragen hilft und den
Schlaf befördert. Einige Male bin ich sogar am Tisch im Grotto
eingeschlafen und habe unter dem Grinsen der Eingeborenen bewiesen, daß es
mit meiner Neurasthenie doch nicht so schlimm stehen kann. Manchmal sind
Freunde und Mädchen dabei, und man übt seine Finger am Plastizin weiblicher
Glieder und spricht über Hüte und Absätze und die Kunst. Manchmal glückt
es, daß eine gute Temperatur erreicht wird, dann schreien und lachen wir
die ganze Nacht, und die Leute freuen sich, daß Klingsor so ein lustiger
Bruder ist. Es gibt hier eine sehr hübsche Frau, die jedesmal, wenn ich sie
sehe, heftig nach Dir fragt.
Die Kunst, die wir beide treiben, hängt, wie ein Professor sagen würde,
noch immer zu eng am Gegenstand (wäre fein als Bilderrätsel darzustellen).
Wir malen immer noch, wenn auch mit etwas freier Handschrift und für den
Bourgeois aufregend genug, die Dinge der »Wirklichkeit«: Menschen, Bäume,
Jahrmärkte, Eisenbahnen, Landschaften. Darin fügen wir uns noch einer
Konvention. »Wirklich« nennt ja der Bürger die Dinge, die von allen oder
doch vielen ähnlich wahrgenommen und beschrieben werden. Ich habe im Sinn,
sobald dieser Sommer herum ist, eine Zeitlang nur noch Phantasien zu malen,
namentlich Träume. Es wird darin zum Teil auch nach Deinem Sinn zugehen,
nämlich wahnsinnig lustig und überraschend, etwa so wie in den Geschichten
Collofinos des Hasenjägers vom Kölner Dom. Wenn ich auch fühle, daß der
Boden unter mir etwas dünn geworden ist, und wenn ich auch im ganzen mich
wenig nach weitern Jahren und Taten sehne, ich möchte doch immerhin noch
einige heftige Raketen dieser Welt in den Rachen jagen. Ein Bilderkäufer
schrieb mir kürzlich, er sehe mit Bewunderung, wie ich in meinen neuesten
Arbeiten eine zweite Jugend erlebe. Etwas daran ist ja richtig. Zu malen
habe ich eigentlich erst dies Jahr recht angefangen, scheint mir. Aber es
ist weniger ein Frühling, was ich da erlebe, als eine Explosion.
Erstaunlich, wie viel Dynamit in mir noch steckt; aber Dynamit läßt sich
schlecht im Sparherd brennen.
Lieber Louis, schon oft habe ich mich im stillen darüber gefreut, daß wir
zwei alten Wüstlinge im Grunde so rührend schamhaft sind und einander
lieber die Gläser an den Kopf schmeißen, als etwas von unsern Gefühlen
gegeneinander merken zu lassen. Möge es so bleiben, alter Igel!
Wir haben dieser Tage in jenem Grotto bei Barengo ein Fest mit Brot und
Wein gefeiert, herrlich klang unser Gesang im hohen Wald in der
Mitternacht, die alten römischen Lieder. Man braucht so wenig zum Glück,
wenn man älter wird und an den Füßen zu frieren beginnt: acht bis zehn
Stunden Arbeit im Tag, einen Liter Piemonteser, ein halbes Pfund Brot, eine
Virginia, ein paar Freundinnen, und allerdings Wärme und gutes Wetter. Die
haben wir, die Sonne funktioniert prachtvoll, mein Schädel ist verbrannt
wie der einer Mumie.
An manchen Tagen habe ich das Gefühl, mein Leben und Arbeiten beginne eben
erst, manchmal aber kommt es mir vor, ich habe achtzig Jahre schwer
gearbeitet und habe bald einen Anspruch auf Ruhe und Feierabend. Jeder
kommt einmal an ein Ende, mein Louis, auch ich, auch Du. Weiß Gott, was ich
Dir da schreibe, man sieht, daß ich etwas unwohl bin. Es sind wohl
Hypochondrien, ich habe viel Augenschmerzen, und manchmal verfolgt mich die
Erinnerung an eine Abhandlung über Netzhautablösung, die ich vor Jahren
gelesen habe.
Wenn ich durch meine Balkontür hinuntersehe, die Du kennst, dann wird mir
klar, daß wir noch eine gute Weile fleißig sein müssen. Die Welt ist
unsäglich schön und mannigfaltig, durch diese grüne hohe Tür läutet sie Tag
und Nacht zu mir herauf und schreit und fordert, und immer wieder renne ich
hinaus und reiße ein Stück davon an mich, ein winziges Stück. Die grüne
Gegend hier ist durch den trocknen Sommer jetzt wunderbar licht und rötlich
geworden, ich hätte nie gedacht, daß ich wieder zu Englischrot und Siena
greifen würde. Dann steht der ganze Herbst bevor, Stoppelfelder, Weinlese,
Maisernte, rote Wälder. Ich werde das alles noch einmal mitmachen, Tag für
Tag, und noch einige hundert Studien malen. Dann aber, das fühle ich, werde
ich den Weg nach Innen gehen und noch einmal, wie ich es als junger Kerl
eine Weile tat, ganz aus der Erinnerung und Phantasie malen, Gedichte
machen und Träume spinnen. Auch das muß sein.
Ein großer Pariser Maler, den ein junger Künstler um Ratschläge bat, hat
ihm gesagt: »Junger Mann, wenn Sie ein Maler werden wollen, so vergessen
Sie nicht, daß man vor allem gut essen muß. Zweitens ist die Verdauung
wichtig, sorgen Sie für einen regelmäßigen Stuhlgang! Und drittens: halten
Sie sich stets eine hübsche kleine Freundin!« Ja, man sollte meinen, diese
Anfänge der Kunst habe ich gelernt, und es könne mir hierin eigentlich kaum
fehlen. Aber dies Jahr, es ist verflucht, stimmt es bei mir auch in diesen
einfachen Dingen nicht mehr recht. Ich esse wenig und schlecht, oft ganze
Tage nur Brot, ich habe zu Zeiten mit dem Magen zu tun (ich sage Dir: das
Unnützeste, was man zu tun haben kann!), und ich habe auch keine richtige
kleine Freundin, sondern habe mit vier, fünf Frauen zu tun und bin
ebensooft erschöpft wie hungrig. Es fehlt etwas am Uhrwerk, und seit ich
mit der Nadel hineingestochen habe, läuft es zwar wieder, aber rasch wie
der Satan, und rasselt so unvertraut dabei. Wie einfach ist das Leben, wenn
man gesund ist! Du hast noch nie einen so langen Brief von mir bekommen,
außer vielleicht damals in der Zeit, wo wir über die Palette disputierten.
Ich will aufhören, es geht gegen fünf Uhr, das schöne Licht fängt an. Sei
gegrüßt von Deinem Klingsor.
Nachschrift:
Ich erinnere mich, daß Du ein kleines Bild von mir gern hattest, das am
meisten chinesische, das ich gemacht habe, mit der Hütte, dem roten Weg,
den veronesergrünen Zackenbäumen und der fernen Spielzeugstadt im
Hintergrund. Ich kann es jetzt nicht schicken, weiß auch nicht, wo Du bist.
Aber es gehört Dir, das möchte ich Dir für alle Fälle sagen.