Lieber Stern am Sommerhimmel!
Wie hast Du mir gut und wahr geschrieben, und wie ruft Deine Liebe mir
schmerzlich zu, wie ewiges Leid, wie ewiger Vorwurf. Aber Du bist auf gutem
Wege, wenn Du mir, wenn Du Dir selbst jede Empfindung des Herzens
eingestehst. Nur nenne keine Empfindung klein, keine Empfindung unwürdig!
Gut, sehr gut ist jede, auch der Haß, auch der Neid, auch die Eifersucht,
auch die Grausamkeit. Von nichts andrem leben wir als von unsern armen,
schönen, herrlichen Gefühlen, und jedes, dem wir unrecht tun, ist ein
Stern, den wir auslöschen.
Ob ich Gina liebe, weiß ich nicht. Ich zweifle sehr daran. Ich würde kein
Opfer für sie bringen. Ich weiß nicht, ob ich überhaupt lieben kann. Ich
kann begehren, und kann mich in andern Menschen suchen, nach Echo
aushorchen, nach einem Spiegel verlangen, kann Lust suchen, und alles das
kann wie Liebe aussehen.
Wir gehen beide, Du und ich, im selben Irrgarten, im Garten unsrer Gefühle,
die in dieser üblen Welt zu kurz gekommen sind, und wir nehmen dafür, jeder
nach seiner Art, Rache an dieser bösen Welt. Wir wollen aber einer des
andern Träume bestehen lassen, weil wir wissen, wie rot und süß der Wein
der Träume schmeckt.
Klarheit über ihre Gefühle und über die »Tragweite« und Folgen ihrer
Handlungen haben nur die guten, gesicherten Menschen, die an das Leben
glauben und keinen Schritt tun, den sie nicht auch morgen und übermorgen
werden billigen können. Ich habe nicht das Glück, zu ihnen zu zählen, und
ich fühle und handle so, wie einer, der nicht an morgen glaubt und jeden
Tag für den letzten ansieht.
Liebe schlanke Frau, ich versuche ohne Glück meine Gedanken auszudrücken.
Ausgedrückte Gedanken sind immer so tot! Lassen wir sie leben! Ich fühle
tief und dankbar, wie Du mich verstehst, wie etwas in Dir mir verwandt ist.
Wie das im Buch des Lebens zu buchen sei, ob unsre Gefühle Liebe, Wollust,
Dankbarkeit, Mitleid, ob sie mütterlich oder kindlich sind, das weiß ich
nicht. Oft sehe ich jede Frau an wie ein alter gewiegter Wüstling und oft
wie ein kleiner Knabe. Oft hat die keuscheste Frau für mich die größte
Verlockung, oft die üppigste. Alles ist schön, alles ist heilig, alles ist
unendlich gut, was ich lieben darf. Warum, wie lange, in welchem Grad, das
ist nicht zu messen.
Ich liebe nicht Dich allein, das weißt Du, ich liebe auch nicht Gina
allein, ich werde morgen und übermorgen andre Bilder lieben, andre Bilder
malen. Bereuen aber werde ich keine Liebe, die ich je gefühlt, und keine
Weisheit oder Dummheit, die ich ihretwegen begangen. Dich liebe ich
vielleicht, weil Du mir ähnlich bist. Andre liebe ich, weil sie so anders
sind als ich.
Es ist spät in der Nacht, der Mond steht überm Salute. Wie lacht das Leben,
wie lacht der Tod!