Magda/Renate

Georg war, als er das Frühstückszimmer wieder betrat, zufrieden mit dem,

was er an sich beobachten konnte. Denn nicht nur, daß er die jetzt

anwesende Renate, weil sie mit dem Rücken am Kreuz der Glastür lehnte,

-- so daß er, selber ins Helle blickend, ihr vom Licht abgewandtes

Gesicht nur undeutlich wahrnahm -- für Irene hielt, zumal sie die Füße

im Stehn vorgeschoben und sich dadurch verkleinert hatte; nein, auch als

er sie erkannte, war, was ihm aufs Herz fiel, eher eine abweisende

Kühle, und er fand sich unangefochten. Auf seine Frage nach Irene wurde

ihm gesagt, daß sie sich immer noch angegriffen fühle und nicht vor zehn

Uhr zu erscheinen pflege. Renate -- er sahs -- hatte wieder geweint, und

Georg hatte eine alte Abneigung gegen vieles oder leichtes Weinen von

Frauen. Im Augenblick trug sie freilich einen skurrilen Ausdruck zur

Schau, der ihr Gesicht lieblich verkleinerte, die Augen blank machte und

etwas spitz wie die kleiner Tiere. Georg äußerte zu Anna -- im stillen

Renates Kleid bewundernd, das von blauem Violett, in der Form dem der

Äbte glich, mit weitem, faltenreich glänzendem Rock und engen Ärmeln,

die bis zum Ellbogen ein schlichter Schulterkragen bedeckte --, ob sie

nicht auch fände, die Abatissa habe Augen wie ein Wiesel heut.

Über Magdas Gesicht ging ein ungemeines Glänzen, während sie, ohne die

Augen aufzuschlagen, schwieg und fortfuhr, die Knöpfe ihres Lodenkragens

zu schließen. Renate fing an zu lachen, drehte sich um, legte das

Gesicht in den hochgehobenen Ellbogen und den Arm gegen die Scheibe und

lachte so einfältig, daß Georg ungehalten wurde.

»Was lacht sie denn so? Ist heut nicht Charfreitag?«

»Erst Pferd und dann Wiesel, da hast du's«, sagte Anna unverständlich zu

Renate hinüber, und indem erschien vor Georg lautlos Egloffstein, ihn

blicklos anblinzelnd mit den ganz hellen Augen unter weißen Brauen,

Renates Mantel und Schirm in den Händen, die er Georg überreichte. Der

aber fand nun, ins Freie blickend, daß es nicht mehr regnete; über die

Terrasse glitten Sonnenstrahlen. Es gab noch einen Kampf mit Renate um

den Mantel, bis Georg ihn ihr zum Tragen überließ, da er sie und Anna zu

führen hatte.

Als Georg dann, Annas Oberarm mit der Linken umspannend, mit der Rechten

Renates Handgelenk, seinen Arm unter dem ihren, was sie

unbegreiflicherweise zuließ, -- als er so am Ende des Hauses die Beiden

die Stufen hinabführte und zur Linken den Weg hinab in den Park, sich

aufrichtend und Luft einziehend, stimmte er sich ernster, im Gedanken

des Wegs, den sie gingen, und an den Annas Rosenstrauß ihn erinnerte.

Naß, aufgeweicht, braun erstreckte sich vor ihnen der stumpfe Sandweg

mit glänzenden Lachen an den Rasenrändern. Über die Büsche des Waldes,

die zierlich begrünten, lief ein fröstelndes Beben. Vor ihnen, in der

Weite der Parkflächen, standen die Bäume noch kahl und ohne Bewegung,

während die grünen Gesträuche sich schüttelten im leichten Wind. Birken

glänzten kalkigweiß, und stark war der Geruch all des Nassen,

Erfrischten umher; österlich wie das Ganze selbst der eilig in

grauweißen Wolken fahrende Himmel.

Sie schritten schweigsam, langsam dem Weiher zu. Die Insel erschien,

noch ganz schwarz, nur über dem Ufer unten grün mit Buschwerk gefleckt.

Georg nahm die Blicke aus der Höhe des kahlen Astwerks zurück und wandte

sie insgeheim gegen Renate.

Herzbewegend schien ihm, was er nun sah: zwischen den kleinen Bögen des

hohen Halskragens, die unterm Kinn und den Ohren nach außen gerollt

waren wie die äußersten Kelchblätter einer Blume, kamen von innen kleine

weiße Zungen heraus, Kelchblätter gleichfalls, und daraus stieg, und

darin ruhte die geschlossene, feste, reiche Blüte des kleinen Haupts mit

den ewigen Farben: Hyazinthblau und Magnolienweiß und Buchenbraun; mit

seinem Wunder der Braue; der Sehnsucht von Engeln im Winkel des Mundes;

dem Stolz von Byzanz in der Biegung der Nase, -- ach, Heliodora, wie war

alldas doch festlich und schön gewesen! -- Und er bekam den Blick nicht

los aus diesem, gradaus schauenden ihres Auges, zwischen winzigen

Schlägen der Wimpern aus dem feuchten, gewölbten, durchblauten Kristall;

diesem blickenden Leben, dieser sichtbar vor sich hinschauenden Seele

aus dem magischen Haus.

Dunkelgrau lag der Weiher, leicht wellenbewegt, zur Linken die schmale

Brücke mit dem Rindengeländer; aber die Anna blieb, als er zu ihr

einbiegen wollte, stehen, indem sie genau zu wissen schien, wohin sie

gelangt war. So hielten auch er und Renate, wortlos, und Georg fand sich

emporblickend leise geblendet von einem weißgelblichen Quellen im grauen

Gestrudel des Himmels. Nicht weit davon war ein hellblaues Loch von

unendlicher Tiefe.

»Weißt du noch,« hörte er Anna sagen, »wen wir hier herausgezogen

haben?«

»Wir, Anna? -- Übrigens hast du im Leben keine edlere Tat getan«, setzte

er mit ungewolltem Spötteln hinzu. Sie bewegte daraufhin nur leise

verneinend den Kopf hin und her, streckte die Hand nach dem Geländer

aus, fand es und ging allein über die leise sich wiegenden Bohlen. Auch

Renate bewegte, da er sie ansah, ähnlich wie Magda den Kopf, machte sich

los von ihm und ging langsam davon, den Weg am Ufer hinunter. Also

folgte er allein über die Brücke, rasch, um Magda in den Baumgang zu

führen, die nach Renate nicht weiter fragte. Georg bedauerte immerhin

soviel Zartgefühl, das ihn beraubte.

Helianth. Band 3 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene · 第 192 / 240 题