»So tröste mich für diesen Augenblick nur! Ich will wieder Geduld haben
nachher, aber sage mir jetzt nur: wird es noch lange dauern?«
Der König schwieg eine Weile und prüfte sie mitleidvoll. Endlich sagte
er langsam und wie mit einem Seufzer:
»Morgen und ewig.«
»Was willst du sagen?«
»Morgen schon wirst du nicht mehr warten, o Schwester, und ewig mußt du
noch warten.«
»Wie soll ich verstehn?«
»Ich meine die Wandlung. Es zieht eine Wandlung durch die Welt von ewig
zu ewig, und immer andre Wandlungen ziehen in ihr, die sich jeweils
vollenden und in andere münden. Eine Wandlung ist die Erde. Eine
Wandlung ist auf Erden der Mensch. Viele Wandlungen sind das Leben des
Menschen. Aber fürchte nichts, Schwester, du wandelst dich nie!«
»Niemals?«
»Niemals, Schwester, du bist das Weib. Der sich wandelt allein, ist der
Mann. Gebärende, immer gebierst du. Das ist deine Wandellosigkeit. Sein
ist das Töten und der Wandel. Du die Geduld, er die Ungeduld. Du die
Ruhe, er die Unrast. Du das Opfer, er das Schwert. Du Liebe, er Haß. Du
Seele, er Geist. Du Dienerin, er Herrscher. Er erobert die Welt, du
nützest sie. Unzählbar seine Wandlungen, unwandelbar du. Er sündhaft, du
ohne Sünde. Er der Zwinger, du die Bezwungene. Kain gebarst du und
Jesus, Mörder und Sühner, Teufel und Gott. Entarte, so neigst du noch
immer zum Guten. Torheit deine Sünde, Eitelkeit, Oberflächlichkeit,
Nichtigkeit, Vergessenheit der Seele, Tanz in das Tier, das nur tanzen
mag und sich zur Schau stellen. Was liegt an denen? Ewig im Kern mußt du
gut sein. Du mußt gebären.«
Renate zitterte in ahnungsvollem Schrecken, und sie flehte: »So sage mir
eines noch, Bruder! Da wir so ungleich sind, Mann und Weib, schließen
die Reihen sich nie?«