Zu Haus

Ich lief, nein, ich flog meine Treppe hinauf, auf mein Zimmer zu. Nun

mußte es ja kommen, nun mußte er da sein, der Brief, oh endlich der

Brief, in dem alles stehen würde; daß es ein wahnsinniger Irrtum war,

alles nicht wahr, ein grausiger Traum, und ich würde aufwachen, und auch

meine Liebe war nicht umgebracht, sondern lebte und lebte, -- oder --

kein Brief, er selber, er, im Zimmer, wartend ...

Wie bracht ich die Tür nur auf? Seltsam: auf dem Schreibtisch, nicht auf

seiner Säule, stand der weiße Kopf und sah still durch das Fenster.

Franziska muß ihn beim Zurechtmachen des Zimmers zum Abstauben

herabgenommen und vergessen haben. Nun stand er da wie ein abgehauener,

ich sah ihn schon verschwommen durch Tränen und hob ihn auf und dachte,

er steht auf dem Brief. --

Nein, kein Brief. Oh, aber weinen, wieder weinen können! Fast lächeln

läßt es sich wieder danach. Magda sagte noch gestern, stirnrunzelnd, mit

solch einer kräftigen Düsterkeit, wie sie nun manchmal annimmt: Männer

haben die Verachtung, wir haben immer nur Tränen. Jedem seine Waffe.

Ein wenig Erleichterung doch! Ich muß wieder hoffen lernen.

nachts

Nein, ich kann hier nicht bleiben, ich kann nicht! Ich erfriere ja hier!

Das Wetter wie im Februar, und das Haus ganz leer. Onkel tot, der

Erasmus verschwunden. Verreist, heißt es. Magda sagt ja, in Helenenruh

wäre es immer Sommer; wir wollen gleich fahren. Auch Irene läßt den Kopf

hängen, ach gewiß, wie ich mir den Brief einbildete, hat sie sich

vorgestellt, Klemens an der Bahn zu finden, und nun friert sie, wie ich,

bei ihren Eltern; sie kam nach dem Essen, wir saßen zusammen und

weinten, ach, du lieber Gott! Ich nehme sie mit nach H.; dort kann ich

dann überlegen, ob es gut sein wird, Klemens zu sagen, daß sie auf ihn

wartet.

Irene, ach, wer noch warten könnte wie du!

Hier enden des achten Buches neun Kapitel oder ebenso viele

Monate.

Neuntes Buch.

Charfreitag

oder

Die Eltern

All dies stürmt reißt und schlägt blitzt

und brennt

Eh für uns spät am nacht-firmament

Sich vereint schimmernd still licht-kleinod:

Glanz und ruhm rausch und qual traum und tod.

Helianth. Band 3 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene · 第 174 / 240 题