Mein Lieber,
gestern abend und heute den ganzen Tag versuchte ich vergebens, Dich am
Telephon zu erreichen, Du warst immer wo anders, um Dir Lebewohl zu
sagen und vor allem, mich nach Onkel Birnbaum zu erkundigen. In der
gestrigen Abendzeitung stand »ein leichter Schlaganfall«, ich fuhr
gleich hinaus, konnte aber nur das Mädchen sprechen, seine Frau hatte
sich schon hingelegt -- und die Morgenzeitung heute weiß auch nur von
»bestem Befinden« und »keinen Besorgnissen« zu fabeln, aber die
Zeitungen beschönigen immer alles, und ich hätte so gerne von Dir
Gewisses erfahren. Nun muß ich ohne das reisen. Auch ohne einen
Händedruck von Dir, -- aber es werden ja nur wenige Wochen sein.
Außerdem hoffe ich, Dich gleich nach unsrer Rückkehr ein paar Tage in
Helenenruh ganz für mich zu haben, was Du mir nicht abschlagen darfst.
Du weißt ja, daß der Geburtstag Deiner Mutter diesmal auf Charfreitag
fällt, und hast vielleicht nicht vergessen, was ich Dir erzählte: daß
der Gesangverein in Böhne beschlossen hat, den Tag durch eine Aufführung
des Deutschen Requiems zu feiern, daß ich aufgefordert bin, zu singen,
und daß Benno das Orchester des Stadttheaters in Altenrepen dirigieren
wird. Damals versprachst Du mir -- etwas zu leichthin -- zu kommen;
vielleicht findest Du Dich eher bewogen, wenn ich Dir verrate, daß
Renate bereit ist, wenn ihre Gesundheit es erlaubt, den Orgelpart zu
übernehmen. Da hättest Du denn alles zusammen, was Du liebst. Nun bitte,
lieber Freund, schenk mir die Charwoche! Eine Erholung wird Dir sicher
gut tun, ich weiß ja, was die Krankheit Birnbaums für Dich bedeutet,
also versprich mir, Georg! die Charwoche! Danach gehn wir für längere
Zeit auseinander, ich auf meine erste kleine Konzertreise, Benno nach
Aachen, wie Du wissen wirst, und wer weiß, wann wir wieder
zusammenkommen.
Schreibe mir nach Torbole am Gardasee postlagernd. Alles Gute, Georg,
und tausend liebevolle Gedanken Deiner alten