Aus den Papieren Georgs

am 1. April

Sein Antlitz, das wie eine Blume war,

Enthauchte aus den Augen Duft! Ich schwelgte

In diesem Glanz, der nicht wie andre welkte,

Ich schmolz wie Wolke auf und wurde klar.

So ganz verleiblicht ward die Gottheit hier,

So ward noch nie der Sonne Bild zur Blume!

O daß ich Land sei, Ackers ärmste Krume,

Und diese reine Seele blüht' in mir!

Jedoch ich bin soviel nur wie der Wind,

Der streifend nur den Duft vermag zu fangen,

Und trägt ihn fort auf Stirn und Mund und Wangen,

Vor Schmerz vergehend, und vor Wonne blind.

am 2. April

Telemach, o Telemach, da hast du es wieder! Eine trübe Erkenntnis und

obendrein in Versen! Die alte Empfindsamkeit und der alte Betrug! Weil

die Erkenntnis reizlos ist, so werden reizvolle Bilder erfunden; weil

sie bedrückend ist, so wird sie in leichte Gegenstände aufgelöst; weil

sie trübe ist, so wird sie wenigstens mit einem schwermütigen Lächeln

beflügelt, und weil sie wärmelos und nüchtern ist und wahr, so wird sie

in schöne, warme Scheinkleider eingemummt. Lyrische Erschütterungen,

lyrisches Dasein -- wenn anders lyrisch heißt: einsame Hingabe an

gegenwärtige Gluten --, lyrische Schwermut, -- und sowas will -- Monarch

sein. Wie ich sie nun hasse, diese dastehenden Verse, diese sprachlosen

Gemächte, die ein Unsagbares tönend machen sollten und es nur bereden.

Das alte Lied, das alte Leid: Unruh, Ungenügsamkeit, Überdruß und

Verdrießlichkeit, alles, was peinigt und reizt, kommt aus dem Ungelösten

in uns, das zur Klarheit will. Was ist Sehnsucht? In dem hundert- und

tausendfachen Hingerissensein und Zerstreutsein, alltäglich,

allstündlich an die Dinge der Erde, ist sie Verlangen nach dem Einen,

das not ist. Aus den tausend Möglichkeiten ist sie das Streben nach dem

Einen, das notwendig sei; aus den tausend Empfindsamkeiten nach der

einen Liebe. Aus der tausendfachen Verschwendung nach -- nach? --

Dem Opfer.

Hoffnungslos. Wozu dies dem Telemach? Was er tun kann, ist seine

Schuldigkeit, ist das Weitergehn auf dem Wege, auf den uns die Toten

verhalfen. Ich kann in die Sonne starren, bis ich blind werde, und das

dürfte der ganze Erfolg sein. Näher, o Sonne, zu dir! Hoffnungslos, ich

habe meine Liebe in einer Insel eingesargt, als sie totgeboren hatte,

das ists.

Erkenntnisse, Erkenntnisse! feil wie Brombeeren. Steine im Strom, über

die sich von Ufer zu Ufer springen läßt, ein Haus baut sich nicht

daraus. O weh mir, daß ich meinen Tod verschlief!

am 6. April

Erloschen.

So mußte es freilich kommen; unabänderlich; genau so.

Ich erhaschte eine freie Minute und fuhr zu Anna. Warum fuhr ich? Weil

seit dem Zusammensein mit ihr auf Hallig Hooge ein Duft von ihr in mir

verblieben war, beunruhigend, der immer drängte, mit ihr zu reden, ihr

zu schreiben, ihr -- kurz, ihr nahe zu sein. Kann, dacht ich,

wiederkommen, was lange verging? Immer sah ich auch ihr Gesicht in

dieser sonderlichen Verändrung, die ich seinerzeit erst nicht zu deuten

wußte, bis ich entdeckte, daß ihr Augenbrauen wuchsen, noch dünn,

schwarze, nicht blonde Brauen -- als sollten sie ein Ersatz sein für

das, was den Augen genommen war. Fast farbig wurde von ihnen das sonst

farblose Gesicht, sie gaben ihm Gestalt, Zeichnung, trennten die

überstarke Stirn von dem Untergesicht und ersetzten wirklich etwas von

dem fehlenden Blick der sonst klaren Augen. Und ich deutete daran herum,

schon tauchten zärtliche Schatten auf, ich empfand Sehnsucht.

So fuhr ich zu ihr, und sie war nicht da. Ich wollt es kaum glauben.

Bekanntlich ist so der Mensch: kommt, fragt -- was, sagt er, ich komme,

und sie ist nicht da? (Später hörte ich dann: sie wollte verreisen und

war noch einmal zu ihrem Lehrer.) Nun mußte ich mich bei Renate melden

lassen -- ah, Telemach, schlug dir das Herz?

Der Tag war von besondrer Wärme, so fand ich sie halb im Freien, in der

Veranda, sie schien unverändert. Und was mich betrifft, so konnte ich

sie ruhig betrachten -- nämlich zu Anfang.

Unverändert schien sie, von Zügen, obgleich von solch einer -- wie nenn

ichs nur? -- aber es giebt kein Wort für diesen Bund von Lieblichkeit

und von Majestät, der ihr immer eigentümlich war. Sie saß in einem

Korbsessel, im dünnen Sonnenlicht, weißgekleidet, die Arme bis zum

Ellenbogen unter einer Decke von weißem Plüsch. Weiß wie alldies war

auch ihr Gesicht, darin die Augen von so hellem Blau wie das der

Hyazinthe. Langsam dann, immer merklicher, wie ich vor ihr saß, begann

sie sich zu verwandeln. Ich glaube, mit ihrer Hand fing es an, ihrem

Arm, der nun auf der Decke lag, und diese Hand, die nur ein Gebilde

schien aus Schnee und Schmerz, war gleichwohl von einer

herzdurchschaudernden Menschlichkeit; eine Menschenhand, eine weibliche

Hand, und Daumen und Zeigefinger sahen aus, als hätten sie erlebt, wie

sie gemacht wurden aus lebendigem Fleisch, Schmerz, den sie

nie vergessen würden. Das, womit ihre Finger spielten, war

erstaunlicherweise das Ende von einer ihrer beiden hellbraunen Flechten,

-- das hatte ich auch freilich noch nie gesehn. Und jetzt der Mund, ach

der Mund! Als ob sie sich ins eigene Herz gebissen hätte mit ihm, -- so

zuckte es unmerklich an seinen Winkeln, die tief in das weiße Fleisch

hinabgezogen und eingebettet waren. Und jede Linie ihrer Züge war mit

einer geheimnisvollen andern nachgezogen, wovon sie aber nicht scharf

geworden waren, sondern ganz weich. Der ganze Mensch war nichts als

blühendes Schicksal.

Nun erscheint sie mir wieder im Raum, und was ich nun um sie atmen

fühle, ist Verlassenheit, Hülflosigkeit, Unwissen. Wohin jener Zauber

von damals, jener Gürtel von Unnahbarkeit? Die Unnahbarkeit war

geblieben, aber sie war nicht mehr Wille und Stolz und Bewußtheit. Ganz

magisch war sie geworden, und in ihr rieselte ein Brennen, ein

Aufgelöstes, ein Schmelz -- furchtbarer Nachglanz einer unendlichen

Umarmung, aus der sie gerissen wurde, und ich -- ja, ich fürchtete sie

mehr, als daß ich hätte begehren können.

Von dem, was wir gesprochen haben mögen, ist nur das Letzte wichtig. Da

ich vom Amenophis begann, so hörte sie mir eine Weile zu, lächelte

langsam und meinte, es sei schön, daß ich ihn auch kennen und so sehr

lieben gelernt hätte; ihr sei er Freund seit Jahren, nur unter seinem

ägyptischen Namen Ech-en-Aton; sie habe einen Abguß in ihrem Zimmer

stehn, ob ich ihn sehn wolle -- ja, Weihnachten sei es drei Jahre her

gewesen, daß sie ihn bekam, von Josef, und ob ich nicht auch fände, daß

er Saint-Georges ähnlich sehe.

Nun, mein Telemach, was hilft es jetzt, zu sagen: Und wenn wir ihn

damals gesehn hätten, ja, wenn es möglich gewesen wäre, ihn zu sehn, was

aber nicht möglich war, da ihr Zimmer damals unbetretbar war für

unsersgleichen: so würden wir ihn doch nicht erkannt haben, weil uns die

Augen abgingen. Dies aber hilft uns nichts, sondern dies bleibt: das

Geheimnis. Daß er drei Jahre in unsrer Nähe stand, erreichbar und nie zu

erreichen, in diesem, in ihrem, in Renates Haus, Renates Eigentum,

Renates Freund -- darin verhüllt sich das Geheimnis unsres Lebens. Und

der Schluß wird uns überdauern: wir blieben blind für die Wahrheit

Renates, weil er uns verborgen blieb; oder Renates Wahrheit blieb uns

verborgen, weil wir blind für ihn waren. Das geht so herum oder so herum

wie die Daumen -- der Schluß bleibt derselbe.

Wir aber wollen es aufgeben, dasitzend nachzusinnen wie der

nachdenkliche Medici: wie alles so gekommen ist. Kopf hoch und geradeaus

in das Hoffnungslose. Renate nämlich -- ist zu vergessen. Denn

Sehnsucht, sang Chastelard, Sehnsucht ist Qual. Sehnsucht dieser Art

verbittert, Sehnsucht trübt, Sehnsucht macht schwindlig, macht unfroh

und kränklich und feige. Schließlich: ich bin mir zu edel für Sehnsucht.

Und mein Leben -- wie ein schwarz verkohltes Stück Papier so zerflattert

mirs unter den Händen.

Helianth. Band 3 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene · 第 165 / 240 题