am 25. März, in Sizilien
Liebe Renate!
Ob Du Dich Irenens noch erinnerst?
Ihre Augen hatten die gleiche Eigenschaft wie die Deinen: sie wechselten
mit jedem Licht, das in sie fiel; so schienen sie meistens blau, aber im
Hellen wurden sie grün, in der Dämmerung schwarz, und stieg das Blut in
sie hinein, wurden sie schwer blau und düster. Ihre Hüften hatten die
längliche Rundung der schönen Empirefigur, ihr Gesicht war immer rosig,
wir bewunderten ihre Bewegungen, die auch in der Leidenschaft anmutig
blieben, und obgleich sie das Derbe liebte, erschien sie uns doch gerne
amselhaft; in ihr stand ein geigender Engel knabenhaften Geschlechts wie
hinter einem Morgenrot, ein goldener Schatten. Dann überfiel sie die
seltsame Zwietracht, das Morgenrot zeigte phantastische Risse,
Märzgewitter rauschten mit lockeren Blitzen hinein, dann entzog sie uns
gänzlich die schwarzblaue Wolke.
Ich muß Dir schreiben, daß Du sie nicht wiedererkennen wirst, wenn Du
sie siehst, was, wie ich hoffe, bald geschehen wird. Laß Dir sagen, daß
ihr Gesicht nunmehr kleiner ist als meine Hand und so völlig von
Elfenbein scheint, wie etwas noch Lebendes elfenbeinern scheinen kann;
so leblos, so glatt und so hart. Ihre Augen darin sind von schwarzer
Bronze, tot.
Es hat demnach den Anschein, als läge hier wieder eine jener
beklagenswerten Verwechselungen vor, an denen die menschliche
Gesellschaft so reich ist, und hier scheint irrtümlich in den Leib einer
Baumnymphe oder Dryade die Kraft und der Wille eines Kentauren geraten
und entsetzlich darin gehaust zu haben.
Irene, fragte ich, nahezu sprachlos, als ich sie sah, was hast du
gemacht?
Sie zuckt die Achseln, sagt: Gebetet.
Was? sage ich, die ganze Zeit, nichts als gebetet? -- Sie sagt: Ja.
Andres gab es nicht mehr. Im Anfang, sagte sie, sei es schwer gewesen
und reichlich unvollkommen. Bis dann eines Tages die Welt verdämmert war
und sie allein lag auf ihren Knien, irgendwo im Raum, auf einem Stern,
oder selber ein Stern, der an Gottes Himmel aufging. Sie begann zu
glühen vom Gebet, dann glühte nur noch das Gebet, dann begann sie zu
leuchten, dann ging sie auf. Aber nicht der Mensch und sein Wille ist
schuld, sondern das Düster der Erde, wenn uns leiblich zu erlöschen
scheint, was seelisch entbrannte.
Auch im Kloster scheinen sie nicht eben richtig geschliffene Augen
gehabt zu haben, denn sie wurde nach etwas über halbjährigem Aufenthalt
vor die Wahl gestellt: entweder zu bleiben für immer, oder zu gehn.
Schließlich muß man zugeben, daß ein Kloster kein Asyl für Obdachlose
sei. Irene freilich war nun ratlos, wäre es vielmehr gewesen, wenn sie
nicht in der Nacht einen schönen Traum gehabt hätte. Ich an ihrer Stelle
würde ja der Weisung von Träumen nicht ganz so unbedingt Glauben
schenken, allein sie ist, wie sie ist. Was sie träumte, war ein ganz
blaues Meer, ein hellblaues, südliches Meer, auf dem rosafarbene Glocken
schwangen, und sie selber schwamm ihnen entgegen, und sie lösten sich an
ihren Gliedern in einen so unbeschreiblichen Duft auf, daß sie noch
darin gebettet war, als sie erwachte.
Die Auslegung des Traumes nahm die Gestalt an, daß wir uns jetzt seit
einigen Wochen an der Küste des Mittelländischen Meeres befinden, nicht
weit von Taormina, und daß Irene jeden Morgen bei Sonnenaufgang, nackt
wie sie geschaffen wurde, in die See hinausschwimmt, so weit sie kann.
Dies, sagt sie, wäre ihre Reinigung. Ihr Gebet dabei ist wieder dasselbe
wie zuvor; es lautet:
Du bist klar,
Ich war klar,
Mach mich wieder, was ich war!
Daß ihre schon im Schwinden begriffenen Kräfte dabei absterben wie
dünner Schnee, das ist vorläufig die erste Folge. Aber ihr Gesicht
bräunte sich wieder langsam, in die Augen kam wieder ein leises Blau.
Da ich sie nicht hindern könnte, selbst wenn ich das wollte, so ist
dieser Brief nichts als eine matte Spottgeburt meiner Unbeholfenheit.
Eine Änderung scheint mir notwendig. Das beste wäre, Klemens käme im
Augenblick, aber ich habe eine Abneigung gegen gewaltsame Eingriffe.
Irene hört, wenn ich von Dir und Andern spreche, zwar zu, erwidert aber
nichts. Es wäre trotzdem möglich, wenn Du ihr den Vorschlag machtest,
sie irgendwo zu treffen, wo Wasser ist, an einem italienischen See zum
Beispiel -- denn der Frühling, der hier fast die Augen blendet, gelangte
ja noch nicht zu Euch --, oder aber bis hier herunter zu kommen, doch
habe ich so eine Ahnung, als wäre Dir das zu weit. Ich fürchte aber
jeden Tag, sie zerschmilzt mir zwischen den Händen, und wenn wir im
Garten sind und der Himmel sich bewegt zwischen den Mandelbäumen, so muß
ich sie ansehn, ob sie noch ganz da ist, oder ob es nicht das blaue
Flackern ihrer Seele war, die über die rosigen Wipfel enteilte.
Ich kann nicht gut briefschreiben, da ich keine Übung habe, und im
ganzen wird dieser Brief Dir vermutlich erscheinen wie eins der alten
Bilder vom Martyrium einer Heiligen: was man sieht, sind Farben,
Gewänder und teilnahmslos reine Gesichter; was man nicht sieht, ist das
Blut, die Not, und das Sterben. Wer aber Zeuge war dieser drei Dinge,
dem werden sie ein seltsames Gift einflößen, dessen Wirkung es ist, daß
er von allen Dingen der Welt reden kann, nur von diesen muß er
schweigen.
Ich hoffe also, Du willigst ein, wenn ich sage: Auf Wiedersehn!