Tante Henriette, darf ich Dir sagen, hat sich -- um ein ehemaliges
Lieblingswort von mir zu gebrauchen -- mit ganz besondrer Teilnahme nach
Dir erkundigt und sich erzählen lassen; ebenfalls nach der »süperben
Person« mit den »Flammenaugen«, und mich beauftragt, sowohl Dir wie ihr
mit ihren huldreichsten Grüßen eine Einladung in ihr Haus zu
übermitteln, falls ihr den Mut hättet zu einer magern alten Person, die
»keinen Braten mehr abgiebt«, aber die es selber nötig hätte, sich
»warme Krammetsvögel vor den Leib zu binden« (wie mir scheint eine kühne
biblische Anspielung), um nicht zu erfrieren. Die Krammetsvögel solltet
dann Ihr sein, und alles dieses mußt Du Dir vorgebracht denken in einem
wahren Ton »rechter Kümmernis«. Sie ist in der Tat mehr mitgenommen, als
man hätte ahnen mögen, vom Hingang des kleinen Alten; die Kümmernis
reicht ihr bis zum Grunde, und der alte Mann, der mit einem ganz wenig
törichten oder verwunderten, aber sonst vollkommenen Ausdruck von
Friedfertigkeit seines etwas schiefgedrehten Kopfes daliegt und emsig zu
schlafen scheint, muß beim Abscheiden nach so viel gemeinsamen Jahren
doch ein beträchtliches Stück von ihr mit abgerissen haben. Dem Papagei
hat es auch einen Ruck gegeben: bis gestern abend saß er still und
steif, den Schnabel nach hinten gedreht, den Kopf auf der Schulter, auf
seinem Querholz und blinzelte nicht einmal: heute morgen war er
heruntergefallen und tot. Siebenundvierzig Jahre war er seines Lebens
alt und hätte noch T. Henriette getrost überdauern können. Der
Kanarienvogel ist zu dumm, trällert tagein tagaus und muß durch ein
dunkles Tuch zum Schweigen gebracht werden.
Es sind doch nicht viele Dinge so erfreulich und selten wie der Anblick
tüchtiger alter Menschen, und mir scheint, auch diese gehen eines Weges
mit der Petroleumlampe, dem Indianer und Knoops beklagtem Elefanten.
Hier ist die Busenfreundin von T. Henriette zu sehn, eine Gräfin Török
aus Ungarn, gebürtige Wienerin; die ist so alt wie der Böhmerwald, ganz
unförmig, im Gesicht so faltig wie ein Truthahn, bloß rosig, das Haar
ist weiß, Augen und Augenbrauen sind kohlschwarz, und schwarze und weiße
Haare hängen ihr überall aus den Gesichtsfalten. Die redet nun von früh
bis spät ununterbrochen mit einer haarsträubenden Munterkeit, erzählt
eine Geschichte oder Anekdote nach der andern, ihr Gedächtnis ist schon
ein bißchen wirr, aber ihre Herzlichkeit und ihr erschütterndes
Vergnügen an den Erscheinungen des Lebens sind erstaunlich. Dies war ihr
Schicksal: Als Angehörige des Wiener Hochadels kaisertreu bis in die
Fingerspitzen, verwandelte sie sich mit dem Augenblick ihrer Heirat vom
Kopf zu den Füßen in eine ungarische Patriotin, und das will etwas
heißen, denn es war vor 48! Ihrem Mann wich sie in allen politischen
Lagen nicht von der Seite, folgte ihm, was damals noch anging, auf die
Schlachtfelder, jung und schön, wie sie war, ein Trost und eine
Befeuerung für alle ritterlichen ungarischen Herzen, pflegte die
Verwundeten, und so weiter. Ganz plötzlich, Anfang der fünfziger Jahre
starb ihr Mann, was für sie eine eigentümliche Folge hatte. Nach einigen
Wochen der Verzweiflung erschien sie wieder wie zuvor, ihre Lebenskraft
hat, wie Du siehst, seitdem nicht abgenommen, sie ist in allen Ländern
der Welt zu Hause, war in Amerika und in Japan, in >Zeylon, Zingiber,
den fernsten Inden<, läuft noch heute in jede Uraufführung, vergleicht
die Elena Gerhardt mit der Patti oder Lucca, oder wie jene Verschollenen
heißen mochten, Grete Wiesenthal mit der Camargo, schwärmt für Nijinski,
liest Strindberg und Rilke, humpelt Dir sicher am Eröffnungstage der
Freien Sezession an ihrem Stock entgegen und kann Dir von jedem Breughel
oder Rembrandt sagen, ob er im Haag, in Kassel oder Wien hängt. Aber:
bei alledem ist sie in steter Begleitung ihres Mannes. Es kommt vor, daß
sie im Gespräch, zum Beispiel wenn ihr Gedächtnis versagt, zur Seite
fragt: Wie? und dann sagt er ihr Bescheid, gleichviel ob die fragliche
Sache sich zu seinen Lebzeiten ereignete oder nicht. T. Henriette sagt,
manchen, der, unbekannt mit dieser Erscheinung, sich erkundigt habe, an
wen sie eben diese Frage richtete, und den Bescheid erhielt: O ich
fragte bloß meinen Józsy! -- manchen, wie gesagt, habe dies schon
betreten gemacht. Sie plant auch keine Reise oder entschließt sich zu
sonst etwas, ohne ihren Józsy zu Rate zu ziehn, sie geht mit ihm in
ihrem kostbaren alten Garten in Budapest spazieren, und man kann sie
abends und auch nachts in ihrem Zimmer beträchtliche Zwiesprache mit ihm
halten hören.
Gott segne diese seltene alte Frau, sie hat vielleicht niemals über die
ewigen Dinge gegrübelt oder eine Frage über die Ordnung oder die
Fehlerhaftigkeit des irdischen Daseins gestellt, sondern es ist
wahrscheinlich, daß sie all dergleichen, ohne das sich sonst ein
wahrhaft kluger und geistiger Mensch schwerlich denken ließe, ersetzte
durch Lebenskraft, durch vigor, durch Feuer und Schwung. Siebenzig
Lebensjahre lang blieb ihr jeder Morgen und jedes Ding neu und
erstaunlich und bezaubernd an sich, wert des seelischen Feuers, wert
deswegen und dadurch zu leben, mit einem Wort: sie verfügte über die
magische Essenz, die alle Dinge um sie her in ihren persönlichen
Reichtum verwandelt.
Ich möchte das auch können ...
Denn es giebt solche Menschen, zu denen sie gehört, die tragen ihr Leben
wie eine glänzend passende Form, wie einen seidenen, bunten Trikot, der
allüberall glatt anliegt. Bei Andern, zu denen ich gehöre, scheint es
vielmehr so zu sein, als wäre der Trikot für eine andere Figur
geschnitten, und überall giebt es Falten und Beulen, hier kneift es, da
schlottert es, man braucht das halbe Leben, um hineinzuwachsen, und
schrumpft schon wieder drin zusammen, wenn er kaum eine halbe Stunde
lang paßte.
Gute Nacht, Anna! Ich bleibe noch ein paar Tage, indem ich die
Gelegenheit benutze, mich überall vorzustellen, wo ich in meiner
jetzigen Form noch unbekannt bin. Peinlich einerseits, ein schmerzliches
Glück andrerseits ist das namentlich bei älteren Leuten ganz rührende
Entgegenkommen gegen den Sohn meines Vaters -- hier und da mit ein wenig
Skepsis verbunden wegen Vererbung der politischen Gesinnung. Gestern war
ich im Reichstag (in den leeren Fensterhöhlen -- und so weiter!),
Parlamentarier habe ich ein ganzes Schock kennen gelernt, nun kommen
Großindustrie und Banken an die Reihe, deren Häupter ich morgen bei
einem Geschäftsfreunde von Papa versammelt finden werde. Im ganzen, ich
würde nach der langen Stille und Einsamkeit der Halligwochen nicht
wissen, wo mir der Kopf steht, bräche nicht immer wieder >ein Streif wie
schieres Silber durch den Spalt<. Woher aber dieser und welcher Art, das
Dir nachzuweisen, fehlt nun die Ruhe, und ich bin auch begierig, es
mündlich zu tun. Sei gewiß, daß ich die erste Bresche in der ersten
Altenrepener Woche benutzen werde, um zu Dir zu gelangen, und sei es
auch nur für Minuten. Auf Wiedersehn, Herz, auf Wiedersehn! Dein