Berlin, am 23. März

Tante Henriette, darf ich Dir sagen, hat sich -- um ein ehemaliges

Lieblingswort von mir zu gebrauchen -- mit ganz besondrer Teilnahme nach

Dir erkundigt und sich erzählen lassen; ebenfalls nach der »süperben

Person« mit den »Flammenaugen«, und mich beauftragt, sowohl Dir wie ihr

mit ihren huldreichsten Grüßen eine Einladung in ihr Haus zu

übermitteln, falls ihr den Mut hättet zu einer magern alten Person, die

»keinen Braten mehr abgiebt«, aber die es selber nötig hätte, sich

»warme Krammetsvögel vor den Leib zu binden« (wie mir scheint eine kühne

biblische Anspielung), um nicht zu erfrieren. Die Krammetsvögel solltet

dann Ihr sein, und alles dieses mußt Du Dir vorgebracht denken in einem

wahren Ton »rechter Kümmernis«. Sie ist in der Tat mehr mitgenommen, als

man hätte ahnen mögen, vom Hingang des kleinen Alten; die Kümmernis

reicht ihr bis zum Grunde, und der alte Mann, der mit einem ganz wenig

törichten oder verwunderten, aber sonst vollkommenen Ausdruck von

Friedfertigkeit seines etwas schiefgedrehten Kopfes daliegt und emsig zu

schlafen scheint, muß beim Abscheiden nach so viel gemeinsamen Jahren

doch ein beträchtliches Stück von ihr mit abgerissen haben. Dem Papagei

hat es auch einen Ruck gegeben: bis gestern abend saß er still und

steif, den Schnabel nach hinten gedreht, den Kopf auf der Schulter, auf

seinem Querholz und blinzelte nicht einmal: heute morgen war er

heruntergefallen und tot. Siebenundvierzig Jahre war er seines Lebens

alt und hätte noch T. Henriette getrost überdauern können. Der

Kanarienvogel ist zu dumm, trällert tagein tagaus und muß durch ein

dunkles Tuch zum Schweigen gebracht werden.

Es sind doch nicht viele Dinge so erfreulich und selten wie der Anblick

tüchtiger alter Menschen, und mir scheint, auch diese gehen eines Weges

mit der Petroleumlampe, dem Indianer und Knoops beklagtem Elefanten.

Hier ist die Busenfreundin von T. Henriette zu sehn, eine Gräfin Török

aus Ungarn, gebürtige Wienerin; die ist so alt wie der Böhmerwald, ganz

unförmig, im Gesicht so faltig wie ein Truthahn, bloß rosig, das Haar

ist weiß, Augen und Augenbrauen sind kohlschwarz, und schwarze und weiße

Haare hängen ihr überall aus den Gesichtsfalten. Die redet nun von früh

bis spät ununterbrochen mit einer haarsträubenden Munterkeit, erzählt

eine Geschichte oder Anekdote nach der andern, ihr Gedächtnis ist schon

ein bißchen wirr, aber ihre Herzlichkeit und ihr erschütterndes

Vergnügen an den Erscheinungen des Lebens sind erstaunlich. Dies war ihr

Schicksal: Als Angehörige des Wiener Hochadels kaisertreu bis in die

Fingerspitzen, verwandelte sie sich mit dem Augenblick ihrer Heirat vom

Kopf zu den Füßen in eine ungarische Patriotin, und das will etwas

heißen, denn es war vor 48! Ihrem Mann wich sie in allen politischen

Lagen nicht von der Seite, folgte ihm, was damals noch anging, auf die

Schlachtfelder, jung und schön, wie sie war, ein Trost und eine

Befeuerung für alle ritterlichen ungarischen Herzen, pflegte die

Verwundeten, und so weiter. Ganz plötzlich, Anfang der fünfziger Jahre

starb ihr Mann, was für sie eine eigentümliche Folge hatte. Nach einigen

Wochen der Verzweiflung erschien sie wieder wie zuvor, ihre Lebenskraft

hat, wie Du siehst, seitdem nicht abgenommen, sie ist in allen Ländern

der Welt zu Hause, war in Amerika und in Japan, in >Zeylon, Zingiber,

den fernsten Inden<, läuft noch heute in jede Uraufführung, vergleicht

die Elena Gerhardt mit der Patti oder Lucca, oder wie jene Verschollenen

heißen mochten, Grete Wiesenthal mit der Camargo, schwärmt für Nijinski,

liest Strindberg und Rilke, humpelt Dir sicher am Eröffnungstage der

Freien Sezession an ihrem Stock entgegen und kann Dir von jedem Breughel

oder Rembrandt sagen, ob er im Haag, in Kassel oder Wien hängt. Aber:

bei alledem ist sie in steter Begleitung ihres Mannes. Es kommt vor, daß

sie im Gespräch, zum Beispiel wenn ihr Gedächtnis versagt, zur Seite

fragt: Wie? und dann sagt er ihr Bescheid, gleichviel ob die fragliche

Sache sich zu seinen Lebzeiten ereignete oder nicht. T. Henriette sagt,

manchen, der, unbekannt mit dieser Erscheinung, sich erkundigt habe, an

wen sie eben diese Frage richtete, und den Bescheid erhielt: O ich

fragte bloß meinen Józsy! -- manchen, wie gesagt, habe dies schon

betreten gemacht. Sie plant auch keine Reise oder entschließt sich zu

sonst etwas, ohne ihren Józsy zu Rate zu ziehn, sie geht mit ihm in

ihrem kostbaren alten Garten in Budapest spazieren, und man kann sie

abends und auch nachts in ihrem Zimmer beträchtliche Zwiesprache mit ihm

halten hören.

Gott segne diese seltene alte Frau, sie hat vielleicht niemals über die

ewigen Dinge gegrübelt oder eine Frage über die Ordnung oder die

Fehlerhaftigkeit des irdischen Daseins gestellt, sondern es ist

wahrscheinlich, daß sie all dergleichen, ohne das sich sonst ein

wahrhaft kluger und geistiger Mensch schwerlich denken ließe, ersetzte

durch Lebenskraft, durch vigor, durch Feuer und Schwung. Siebenzig

Lebensjahre lang blieb ihr jeder Morgen und jedes Ding neu und

erstaunlich und bezaubernd an sich, wert des seelischen Feuers, wert

deswegen und dadurch zu leben, mit einem Wort: sie verfügte über die

magische Essenz, die alle Dinge um sie her in ihren persönlichen

Reichtum verwandelt.

Ich möchte das auch können ...

Denn es giebt solche Menschen, zu denen sie gehört, die tragen ihr Leben

wie eine glänzend passende Form, wie einen seidenen, bunten Trikot, der

allüberall glatt anliegt. Bei Andern, zu denen ich gehöre, scheint es

vielmehr so zu sein, als wäre der Trikot für eine andere Figur

geschnitten, und überall giebt es Falten und Beulen, hier kneift es, da

schlottert es, man braucht das halbe Leben, um hineinzuwachsen, und

schrumpft schon wieder drin zusammen, wenn er kaum eine halbe Stunde

lang paßte.

Gute Nacht, Anna! Ich bleibe noch ein paar Tage, indem ich die

Gelegenheit benutze, mich überall vorzustellen, wo ich in meiner

jetzigen Form noch unbekannt bin. Peinlich einerseits, ein schmerzliches

Glück andrerseits ist das namentlich bei älteren Leuten ganz rührende

Entgegenkommen gegen den Sohn meines Vaters -- hier und da mit ein wenig

Skepsis verbunden wegen Vererbung der politischen Gesinnung. Gestern war

ich im Reichstag (in den leeren Fensterhöhlen -- und so weiter!),

Parlamentarier habe ich ein ganzes Schock kennen gelernt, nun kommen

Großindustrie und Banken an die Reihe, deren Häupter ich morgen bei

einem Geschäftsfreunde von Papa versammelt finden werde. Im ganzen, ich

würde nach der langen Stille und Einsamkeit der Halligwochen nicht

wissen, wo mir der Kopf steht, bräche nicht immer wieder >ein Streif wie

schieres Silber durch den Spalt<. Woher aber dieser und welcher Art, das

Dir nachzuweisen, fehlt nun die Ruhe, und ich bin auch begierig, es

mündlich zu tun. Sei gewiß, daß ich die erste Bresche in der ersten

Altenrepener Woche benutzen werde, um zu Dir zu gelangen, und sei es

auch nur für Minuten. Auf Wiedersehn, Herz, auf Wiedersehn! Dein

Helianth. Band 3 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene · 第 158 / 240 题