Georg an Magda

Hallig Hooge, am 20. II.

Anna!

Du hast sie wieder! Ja, welch ein Glück für Dich und für sie, das

mitzuempfinden ich mich nach Kräften bemühe. Zwar habe ich keine Ahnung,

was für ein »Elch-in-Atomen« das sein mag, der in Deinem Brief umgeht

und auch die arme Renate so entsetzte, aber was liegt daran? Ich hoffe

vor allem, daß auch die Krankheit, von der Du schreibst, sich als so

ungefährlich erweise, wie der Arzt versprach, und dazu, daß der

erweckerische Jason so gut das Richtige getroffen habe, wie jener

Christus mit dem Lazarus.

Was Du mir von Dir geschrieben hast, nahm ich in mein Herz auf. Danken

kann ich Dir nicht dafür, aber ich kann Dir nun etwas von mir schreiben

-- nichts aus neuer Zeit! --, das mir lange Zeit für zu heilig galt, um

es selber mit Dir teilen zu können, -- allein wer weiß? es giebt mehr

solche Dinge, die man in Heiligkeit hüllt -- als Vorwand, um sie für

sich allein zu behalten.

In jener Nacht, als Du schlafen gegangen warst, beruhigt, wie ich nun

wohl glauben darf, durch andres als durch meine Versicherung, daß »alles

eingereiht« sei, denn sie war mir leider nicht Ernst, -- in jener Nacht

war ich noch jenseit des Deiches, an der See. Was ich dort wollte,

kannst Du Dir denken. Auch dieses Mal wurde ich verhindert. Von wem? Von

meinem Vater.

Es hat überlange gedauert, bis ich ihn erkannte, und was er gewollt hat,

wurde mir erst manchen Tag später klar. Ich hielt ihn für den Dränger,

für jenes Gespenst, das hier umgehn soll und die Menschen in die See

drängen, und grausige Minuten lang glaubte ich mich von ihm verfolgt. Am

Ende ging ich doch auf ihn zu, mit meiner äußersten Kraft, und als ich

dann sah, _wer_ es war, der vor mir stand, und seine Stimme vernahm: Es

ist genug! -- da, Magda, da erst bin ich gestorben.

Ich erinnerte mich später deutlich, vor langer Zeit einmal geträumt zu

haben, ich stürbe. Es war ein weiches Stürzen ins Bodenlose, aber

während alles an mir sich auflöste und ich, noch in tausend Ängsten,

wußte, daß ich starb, überwehte mich schon eine linde Verwunderung, mit

der ich dachte: so leicht ist es? -- Und nicht anders war es jetzt, als

ich zu seinen Füßen erlosch.

Als ich wieder zu mir kam -- das kann ich Dir noch sagen --, sah ich,

daß ich im ganzen keine zweihundert Meter weit bei meiner Flucht

gekommen war, denn ich hatte von der Treppe aus noch nicht die nächste

Buhne erreicht. Es gab noch viel Seltsames, von dem ich schreiben könnte

-- wie ich mich auf den Namen Waldemar Montanus besinnen wollte und es

um keinen Preis konnte, (mir fiel später die Geschichte vom Bruder Ali

Babas ein, in der ich als Junge nie begriff, wie er das einfache Wort

Sesam vergessen konnte) -- aber wir wollen dies gut sein lassen; nur

eins wollte ich Dir noch sagen, was mir erst Tage später deutlich ward.

Wo nämlich hätte der Dränger erscheinen müssen, Anna, wenn er einen

Menschen in die See drängen wollte? Doch wohl in der Nähe des Deiches,

nicht wahr? Dieser aber, der mir erschien, stand am Wasser, auf das ich

zuging, und er erwartete mich; um mich nicht hineinzulassen! Es ergreift

mich heute nichts mehr so, wie das, daß ich, als ich zum Wasser ging,

nicht einmal wußte, ob ich wirklich hineingehn würde, -- er aber besorgt

war auf alle Fälle und mir den Weg verlegte. Dann folgte er mir, und ich

floh, und da merkte er wohl, daß ich durchaus nicht ins Wasser ging,

sondern daran her, und nun wollte er sich zu erkennen geben und

verstellte mir die Richtung zum Deich. Ach, nun ist alles begreiflich

und klar, und nur dies, daß ich, der noch Stunden zuvor entschlossen zum

Tode war, nicht mehr daran dachte, nein, mit keinem fernsten Gedanken

mehr daran dachte, als ich in die See getrieben zu werden glaubte, --

das erscheint mir noch einigermaßen sonderbar, obwohl die Sache

vermutlich so liegen wird, daß ich mich freilich nicht vor der See

fürchtete, sondern -- vor dem Grauen, und daß dieses alles mir

verkehrte, -- als worin wiederum eine kleine Erkenntnis enthalten ist,

indem ich mich früher stets gewundert habe, wenn ich las oder hörte, daß

bei einer Feuersbrunst jemand aus Angst durch das Fenster gesprungen

sei, aus Furcht vor dem Tod in den Tod, denn auch solch einer springt

nicht aus Todesfurcht, sondern bloß aus Grauen, das ihn verkehrte und

Wege sehn ließ, wo keine waren.

Siehst Du wohl die feine Klugheit, die rechteckigen Gedanken in dem

Vorstehenden, kleine Anna, siehst Du sie gut und bist höchlich zufrieden

und denkst: er ist gänzlich der Alte?

Im Übrigen ist zu sagen, daß ich bereits an mancherlei wieder Gewöhnung

gefunden habe, zum Beispiel an gebackener Flunder. Ferner begann ich zu

arbeiten, habe mir staatswissenschaftliche Bücher kommen lassen, auch

Geschichte (Notabene, wie steht es mit der amerikanischen von

Saint-Georges? erscheint sie oder nicht?), ich lese mit dem Hauptmann

französisch den kunstvollsten und dürrsten Roman der Welt, Flauberts

Education sentimentale; und arbeite am Abend mit ihm den

Zweifrontenkrieg aus, denn er ist eine strategische Leuchte und giebt

an, es daure nicht _so_ lange, bis Rußland und Frankreich und vielleicht

noch sieben Völker über uns herfallen (im Ernst, Anna, es giebt sonst

vernünftige Menschen, die sowas glauben!). Schließlich versuche ich, die

Schriften, die mir täglich von Birnbaum vorgelegt werden, nicht nur zu

unterzeichnen, sondern auch zu lesen und, was mehr, zu verstehn. Kurzum:

ich bin am Leben.

Siehst Du, Anna, Du bist zufrieden mit so etwas! Ein Kind wird geboren,

und wenn es nur lebt, ist die Mutter schon froh, gleichviel zu welcher

Alraune an Häßlichkeit und Bosheit es sich auswachsen mag. Ach, ihr

Mütter, ihr Mütter! Wege finden sich immer, meint ihr, und: kommt Zeit

kommt Rat, wie all die Sprüche heißen, aber: wenn nun bloß _ein_ Weg

ist?

Du weißt den Weg, Anna, und -- ich kann ihn nicht gehn. Und dies ist das

Elend, daß, wenn ich denke, ich kann es vielleicht doch, ich es schon

aus Gewohnheit denke und nicht aus Willen, und es einmal aus Gewohnheit

tun werde und nicht aus Kraft.

Siehe den Fluch der Gewohnheit: Du schreibst von Wundern, vom

Wunderbaren immerhin, und selbst dieses, wie sehr bildete es sich in

Dir, wie sehr warst Du selber der Wundertäter! Ich, Anna, ich sah das

Wunder leibhaft, mit meinen Augen, sah meinen toten Vater wiederkehren

um meinethalb, und schon als ich hinterdrein erwachte, riet mir eine

sogenannte Stimme, es nicht anzuerkennen. Ich erkenne es an, ich halte

daran fest, aber -- es ist so: es muß uns immer alles wahrscheinlich

sein und berechenbar. Wir versagen, so wie wir nicht mehr messen können.

Wir sind die vollkommenen Narren, als welche das Wunder immer ersehnen,

und in der Not ihrer Sehnsucht das Wunder selbst zum Maß aller Dinge

machen und sie gewöhnlich, alltäglich und minder heißen. Und kommt das

Wunder mit seinem eigenen Maß, wie Du sagst, so sehen wir uns zu nichts

genötigt, als in möglichster Hurtigkeit ein andres Maß zu ergreifen, und

so ertappen wir jetzt das Gewöhnliche, das Natürliche. Nun ging längst

alles wieder in mich ein, und ich glaube zu fühlen, wie die Erscheinung

des Toten, aus meiner Todesnot entsprungen, meiner eigenen Brust

entstiegen vor mich hintrat. Wie sollte da mein Einschlafen mit der

Pistole mir genügen, das mir freilich ein Zeichen hätte sein sollen, daß

mir der Tod nicht bestimmt war? Noch glaube ich, Anna, an das erste

Wunder, aber schon arbeitet dieses zweite an seiner Wurzel, es

umzuhacken, und mit Stricken von oben am himmlischen Wipfel zerrt die

uralte Riesin: Gewohnheit ...

Ach, und warum dies alles? Es liegt am Blut. Es war immer kalt, oder es

ist nun so kalt geworden, daß es nicht wieder erwarmen kann. Mir

scheint, es ist Februar. Das ist der schlimmste Monat, der, wo alles

schon möchte, und wo alles noch eingefroren ist. Umsonst, kleine

Sonnenseele, umsonst!

Genug! Du hast Deinen Willen: ich lebe. Gebe Dir Gott dazu, daß ich Dir

einmal so dankbar dafür sein kann, wie Du es -- nach üblicher Rechnung

-- verdienst. Wie immer Dein

Helianth. Band 3 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene · 第 145 / 240 题