Magda an Georg

am 15. Februar

Georg, oh mein Georg! Ich habe sie wieder! Lieber Georg, denke doch nur,

wir haben sie! Renate, sie lebt, ach sie ist freilich krank nun, sehr

krank, der Arzt will mir nicht sagen, was es ist, aber das Leben, sagt

er, sei nicht gefährdet. Sie liegt in Fieber, schon Tage, schreit und --

ach nein, wozu davon reden, es ist ja Hoffnung! Georg, es werden viele

Fehler in diesem Brief sein, ich treffe ja kaum die Tasten überhaupt,

wie sollt ich die richtigen treffen?

Ja, und weißt Du denn, wem wir dies zu verdanken haben? Denke bloß!

Jason! Er ist selber ganz ratlos vor Verwunderung und schüttelt den Kopf

beinah wie damals, als er das Schütteln hatte. Daß er, Jason, etwas tun

konnte, etwas Richtiges tun, -- das wäre ein völliger Umsturz, sagte er,

und er könnte nur Gott danken, daß er keine Weltanschauung gehabt hätte,

denn was wäre aus der sonst geworden? Aber nun höre, wie es gekommen

ist! Es war ja so einfach, es war, sagt Jason, sogar noch einfacher als

das Kolumbusei.

Jason kam, um Adieu zu sagen. Irene hat ihn nämlich gebeten, sie in

Dresden zu treffen, es scheint ihr nicht gut zu gehn, Jason machte ein

paar Andeutungen, sie schrieb ja auch kein Wort die ganze Zeit, und das

Kloster scheint sie also wieder verlassen zu wollen. -- Nun wollte er

versuchen, Renate noch einmal zu sehn, und da ich dachte, daß sie

_seinen_ Anblick vielleicht ertragen könnte, so ging ich mit ihm hinauf,

sie war eben in ihrem Zimmer. Er trat allein ein und ließ die Tür offen,

aber gleich gab es drinnen einen Aufschrei, und sie floh so schnell an

mir vorüber, daß ich mich wunderte, wo sie gleich hergekommen war, aber

Jason sagte, sie hätte dicht an der Tür gesessen, und das ist ja nun ein

glücklicher Zufall gewesen, nämlich daß sie nach draußen und nicht ins

Schlafzimmer gelaufen war, wie Du gleich sehn wirst. Jason sah sich

nämlich im Zimmer um und fragte sofort: Wo ist denn der Ech-en-Aton? Ist

er nicht da? frage ich; dann hat sie ihn wohl weggestellt. Aber warum

denn? fragt er wieder und hat sich gleich etwas gedacht, während ich gar

nichts ahnte, aber so ist Jason. Er fing nun an im Zimmer zu suchen, ich

mußte ihm auch den Schlüssel zum Schreibtisch geben, den ich selber

abgezogen hatte seinerzeit, aber der Kopf war nicht zu finden. Wir

klingelten nach Franziska, aber sie wußte nichts zu sagen. Jason ließ

sich nicht irremachen, behauptete steif und fest, sie müßte ihn

versteckt haben, und suchte im Schlafzimmer, und nun -- dort hat er ihn

denn wirklich gefunden, ganz unten im Wäscheschrank, unter einem Stoß

Kissenbezüge, die »so eigentümlich dagelegen hätten«, wie er sagte.

Ja, und als er ihn dann hatte, wußte er sich im Grunde auch keines Rats

mehr; nur daß es irgendeine Bewandtnis mit dem Kopf haben müsse, das

könne er ihm überall abfühlen, erklärte er und meinte schließlich, das

Richtige würde zweifellos sein, ihn wieder auf sein Postament zu

stellen, und das tat er.

Wir haben dann hinter dem Vorhang der Schlafzimmertür auf Renates

Wiederkehr gewartet, und kaum war sie eingetreten, so höre ich einen

lauten Aufschrei und dann einen Fall. Als wir hinzukamen, war sie

bewußtlos, sie ist aber bald wieder zu sich gekommen und hat mich

erkannt, auch ein paar Worte mit mir gesprochen, ganz klar, obschon sie

nicht wußte, was mit ihr geschehen war. Dann schlief sie ein, und dann

kam leider das Fieber.

Jason sagt: Weißt du was? Sie hat sich vor ihm gefürchtet und hat ihn

versteckt, und dann hat sie sich gefürchtet, er könnte doch irgendwo

sein, und die Gesichter von uns für seines gehalten. -- Jason ist immer

genügsam, also war ers auch mit dieser Erklärung, und wir Alle müssen

uns zufriedengeben, bis wir vielleicht einmal mehr erfahren. Ach, mir

genügts ja auch, ich hab ja genug an meiner Glückseligkeit, und je

weniger ich weiß, um so mehr kann ich an ein Wunder glauben, und ist es

nicht jedenfalls über alle Vernunft wunderbar? Wüßtest Du nur recht, wie

sehr es mich auch wieder für Dich tröstet! Mein Glaube an Dein Heil ist

noch einmal so stark geworden!

Sieh, mein Georg, es war ja so ganz ein Wunder, wie wir in der Nacht zu

Dir kamen, und wie Du da saßest und schliefest! Schliefest, Georg, so

tief, so schwer, -- glaubst Du, daß ich es nicht gesehen habe an Deinen

Atemzügen? mit der Waffe in der Hand, anstatt tot zu sein! Wenn Du das

an einem Andern erlebt hättest wie ich an Dir -- all die vielen Worte

nachher hättest Du nicht mehr gesprochen, sondern wie ich gewußt, daß

hier ein Ende war und keine Pause! Und war das kein Wunder, daß Dir der

Schlaf geschenkt wurde in dem Augenblick, wo Du Dir das Leben nehmen

wolltest? Den Tod nehmen, wollte ich sagen, der Ausdruck führte mich

irre. Das sah ich so deutlich wie mit beiden Augen: wie Du in Deiner

Müdigkeit die Hand des Todes zu fassen meintest, und wie statt seiner

der Bruder sich dazwischenschob und Dir lächelnd seine Hand hinhielt.

Und ich habe lange Zeit ganz allein im Zimmer gesessen und mich nicht

gesorgt um Dein Erwachen, und erst nach Stunden, wie immer wieder die

Andern kamen, um zu sehn, ob Du wach seist, und was Du dann tun würdest,

da wurde ich freilich ängstlich durch sie und bat sie zu bleiben.

Ich hatte, als ich da in Deiner Nähe saß und Dich atmen hörte, immer ein

sehr trauriges Bild vor Augen, und ich will Dir davon sagen. Nämlich

damals, an Deinem letzten Geburtstag, als mir das in dem Tempel

geschehen war, versuchte ich zu gehn, weil ich gehört hatte, daß Du in

das Wasser stürztest, aber ich glitt auf den Stufen aus und habe dann

dort gesessen und nicht gewußt, was nun kommen würde. Nach langer Zeit

hörte ich dann Schritte und daß jemand bei mir stand und leise jammerte

und fragte, was mir wäre. Das war jene Frau, Georg, ich weiß nicht, wie

sie heißt, sie kauerte sich dann zu mir, zitterte und schluchzte, -- ihr

Gesicht war überschwemmt von Tränen, ach, und sie roch so nach Wein, ich

dachte fast, es wäre Wein, wovon ihr Gesicht so naß war.

Das war meine dunkelste Stunde, Georg, ich dachte immer, ich müßte es

Dir einmal sagen. Ich war nicht gut darin, ich habe die Andre mehr als

einmal von mir gestoßen, bevor ich sie ertrug. Ich weiß nicht, warum

gerade dieser Augenblick in meinen Gedanken war, als Du saßest und

schliefst; es ist ja auch gleich, und nun habe ich es gesagt.

Ein Wunder, heißt es, würde mit den Gesetzen der Natur in Widerspruch

stehn, das wäre sein Wesen und eben deshalb könne es nicht geschehn. Und

das Wunderbare, Georg, steht es nicht mit den Gesetzen der Vernunft im

tiefsten Widerspruch, wenn auch nicht mit der Natur, und wäre es

wunderbar, wenn es sich gleich einfügen wollte? wenn es nicht selber

sein Gesetz gäbe und uns nötigte, uns ihm zu fügen?

Nun lebe wohl, lieber Georg, ich hoffe, recht bald, eine gute Nachricht

von Dir in Händen zu haben, und küsse Dich als Deine alte

Helianth. Band 3 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene · 第 143 / 240 题