Auf meiner Insel, am 24. I.
Mein Freund:
Du wirst wissen, daß ich hier aus Staatsraison einen Begleiter habe,
einen Infanteriehauptmann namens Rieferling, Johannes. Nachdem ich
mehrere Wochen in wenn auch nicht eben nahem Umgang mit ihm gestanden
hatte, ohne mich um sein Inneres zu bekümmern, machte ich mir
Gewissensbisse und begann, ihn Einiges nach seinem Leben zu fragen,
infolge seines ernsten Wesens in der fast sicheren Vermutung, auf etwas
zu stoßen, das ihm die Einsamkeit hier aus ähnlichen Gründen wie mir
nicht beklagenswert erscheinen läßt. Aber nichts dergleichen. Er hatte
kaum etwas zu berichten. Seine Eltern haben ein kleines Gut in den
Ostseeprovinzen, haben viele Kinder, in deren Reihe er irgendwo in der
Mitte steht, alles ist gesund, er hat stets nur zum Soldatenstand Lust
gehabt, mußte freilich ein bescheidenes Leben führen, hat aber außer
seinem Beruf nie Bedürfnisse gehabt, verließ die Kriegsakademie mit den
höchsten Auszeichnungen, hat nach wie vor keine Wünsche, als einmal nach
Italien zu reisen, und bedauert nur, daß der nächste Krieg eher da sein
wird als für ihn das Bataillon, aber ich hoffe, für diesen absurden
Fall, wenn er eintreten sollte, noch Vorsorge treffen zu können. Hier
arbeitet er den ganzen Tag, kümmert sich den Teufel um die See und liest
jeden Abend ein Kapitel im Neuen Testament.
Möchte man auch so sein, Benno? Wie geht so ein Leben weiter? Entweder
in den vorgeschriebenen Bahnen, und er endet einmal als
Generalinspekteur eines Armeekorps, die Brust voller Orden, oder der
nächste Krieg kommt wirklich, und ist er noch nicht im Generalstab
gelandet, so führt er seine Kompagnie zu einem glänzenden Sturmangriff,
erhält das Eiserne Kreuz, und ein paar Tage oder ein paar Wochen später
legt ihn eine sanfte Kugel von Gottweißwo her schmerzlos und ruhig auf
den Rasen. Der Leutnant sagt: Die Kompagnie hört auf mein Kommando! und
an der Stelle, die er ausfüllte, steht ein Andrer, der sie gerad so
ausfüllt.
Indem ich noch dies bedachte, erinnerte ich mich Deiner und merkte
dabei, daß meine Gewissensbisse in Wahrheit mit der Erscheinung des
Hauptmanns nur eine Verbindung zweiten Grades gehabt hatten, und
eigentlich meinte ich Dich.
Solange wir zusammen unseres Weges gingen, warst Du der Sorgenvollere,
aber wie war damals zwischen uns alles einfach! Wir waren Freunde, und
was das Herz beschweren mochte, sagte sich leicht. Nicht verfiel der
Eine in Schweigen, so daß der Andre erst viel sich bekümmern mußte und
endlich fragen. Wie es mit Dir jetzt steht, ahne ich nicht, aber ich
glaube, daß nicht nur meine Bürde mit der Zeit zugenommen hat, und nun
sind wir jeder allein. Freilich, die meine ist von der Art, die
schweigsam und einsam macht. Aber die Deine, Benno, wie ists mit der
Deinen?
Lieber Freund, dies ist eine Frage, die leider nicht mehr auf Antwort
warten kann, wie Du sehn wirst, wenn Du sie vor Augen hast, so eine
besondre Art von rhetorischer Frage, siehst Du. Nun ists zu spät; zu
spät auch, festzustellen, was mich eben bewegt, nämlich, ob wir schon
damals, vor die Entscheidung gestellt, unsre Neigung für ein ungemeines
Leben durch den Entschluß bekräftigt hätten, den Weg, den es uns führen
würde, bis zum bittersten Ende zu gehn. Ich kann nur hoffen, daß ich
mich entschlossen hätte. Es ist, wie gesagt, zu spät, und für mich ists
schon viel, daß ich aus dem Brande, in dem ich nun seit ungezählten
Tagen herumjage, auf der Suche nach einem Ausgang außer dem, der mir
sichtbar ist, daß ich noch einmal mit der Hand herauswinken kann. In der
Ahnung, es müsse auch ein Wimpel noch irgendwo liegen, mit dem zu winken
wäre, fand ich ein Gedicht unter meinen alten, das ich einmal im
Gedanken an Dich schrieb und Dir damals nicht in alltäglicher Stunde
geben wollte. Die heutige dürfte ungemein genug dazu sein.
Abschied nehmen bei einem Fortgang wie dem mir nahe bevorstehenden,
scheint mir wenig passend; ein Wort aber dürfte schicklich sein, und ich
bin in Höflichkeit geboren und erzogen, so daß es mir kaum weniger
passend erschiene, wortlos zu gehn.
Darum wünsche ich Dir eins: Wenn Du einmal in Not sein solltest, in
einer äußersten Not, ein gefangenes Tier, das in Herzensqual nichts mehr
weiß als zu laufen, zu rennen, auf und ab, oder im Kreis, winselnden
Herzens mit rasenden Füßen um den verglimmenden Rest Deiner Welt, Tage
und Nächte: dann wünsche ich Dir die eine Stunde Schlaf, nach der ich
durste, und die, wie es scheint, nicht für mich bestimmt ist. Dann
trinke Dich satt an ihr und gedenke Deines Freundes