Georg an Benno

Auf meiner Insel, am 24. I.

Mein Freund:

Du wirst wissen, daß ich hier aus Staatsraison einen Begleiter habe,

einen Infanteriehauptmann namens Rieferling, Johannes. Nachdem ich

mehrere Wochen in wenn auch nicht eben nahem Umgang mit ihm gestanden

hatte, ohne mich um sein Inneres zu bekümmern, machte ich mir

Gewissensbisse und begann, ihn Einiges nach seinem Leben zu fragen,

infolge seines ernsten Wesens in der fast sicheren Vermutung, auf etwas

zu stoßen, das ihm die Einsamkeit hier aus ähnlichen Gründen wie mir

nicht beklagenswert erscheinen läßt. Aber nichts dergleichen. Er hatte

kaum etwas zu berichten. Seine Eltern haben ein kleines Gut in den

Ostseeprovinzen, haben viele Kinder, in deren Reihe er irgendwo in der

Mitte steht, alles ist gesund, er hat stets nur zum Soldatenstand Lust

gehabt, mußte freilich ein bescheidenes Leben führen, hat aber außer

seinem Beruf nie Bedürfnisse gehabt, verließ die Kriegsakademie mit den

höchsten Auszeichnungen, hat nach wie vor keine Wünsche, als einmal nach

Italien zu reisen, und bedauert nur, daß der nächste Krieg eher da sein

wird als für ihn das Bataillon, aber ich hoffe, für diesen absurden

Fall, wenn er eintreten sollte, noch Vorsorge treffen zu können. Hier

arbeitet er den ganzen Tag, kümmert sich den Teufel um die See und liest

jeden Abend ein Kapitel im Neuen Testament.

Möchte man auch so sein, Benno? Wie geht so ein Leben weiter? Entweder

in den vorgeschriebenen Bahnen, und er endet einmal als

Generalinspekteur eines Armeekorps, die Brust voller Orden, oder der

nächste Krieg kommt wirklich, und ist er noch nicht im Generalstab

gelandet, so führt er seine Kompagnie zu einem glänzenden Sturmangriff,

erhält das Eiserne Kreuz, und ein paar Tage oder ein paar Wochen später

legt ihn eine sanfte Kugel von Gottweißwo her schmerzlos und ruhig auf

den Rasen. Der Leutnant sagt: Die Kompagnie hört auf mein Kommando! und

an der Stelle, die er ausfüllte, steht ein Andrer, der sie gerad so

ausfüllt.

Indem ich noch dies bedachte, erinnerte ich mich Deiner und merkte

dabei, daß meine Gewissensbisse in Wahrheit mit der Erscheinung des

Hauptmanns nur eine Verbindung zweiten Grades gehabt hatten, und

eigentlich meinte ich Dich.

Solange wir zusammen unseres Weges gingen, warst Du der Sorgenvollere,

aber wie war damals zwischen uns alles einfach! Wir waren Freunde, und

was das Herz beschweren mochte, sagte sich leicht. Nicht verfiel der

Eine in Schweigen, so daß der Andre erst viel sich bekümmern mußte und

endlich fragen. Wie es mit Dir jetzt steht, ahne ich nicht, aber ich

glaube, daß nicht nur meine Bürde mit der Zeit zugenommen hat, und nun

sind wir jeder allein. Freilich, die meine ist von der Art, die

schweigsam und einsam macht. Aber die Deine, Benno, wie ists mit der

Deinen?

Lieber Freund, dies ist eine Frage, die leider nicht mehr auf Antwort

warten kann, wie Du sehn wirst, wenn Du sie vor Augen hast, so eine

besondre Art von rhetorischer Frage, siehst Du. Nun ists zu spät; zu

spät auch, festzustellen, was mich eben bewegt, nämlich, ob wir schon

damals, vor die Entscheidung gestellt, unsre Neigung für ein ungemeines

Leben durch den Entschluß bekräftigt hätten, den Weg, den es uns führen

würde, bis zum bittersten Ende zu gehn. Ich kann nur hoffen, daß ich

mich entschlossen hätte. Es ist, wie gesagt, zu spät, und für mich ists

schon viel, daß ich aus dem Brande, in dem ich nun seit ungezählten

Tagen herumjage, auf der Suche nach einem Ausgang außer dem, der mir

sichtbar ist, daß ich noch einmal mit der Hand herauswinken kann. In der

Ahnung, es müsse auch ein Wimpel noch irgendwo liegen, mit dem zu winken

wäre, fand ich ein Gedicht unter meinen alten, das ich einmal im

Gedanken an Dich schrieb und Dir damals nicht in alltäglicher Stunde

geben wollte. Die heutige dürfte ungemein genug dazu sein.

Abschied nehmen bei einem Fortgang wie dem mir nahe bevorstehenden,

scheint mir wenig passend; ein Wort aber dürfte schicklich sein, und ich

bin in Höflichkeit geboren und erzogen, so daß es mir kaum weniger

passend erschiene, wortlos zu gehn.

Darum wünsche ich Dir eins: Wenn Du einmal in Not sein solltest, in

einer äußersten Not, ein gefangenes Tier, das in Herzensqual nichts mehr

weiß als zu laufen, zu rennen, auf und ab, oder im Kreis, winselnden

Herzens mit rasenden Füßen um den verglimmenden Rest Deiner Welt, Tage

und Nächte: dann wünsche ich Dir die eine Stunde Schlaf, nach der ich

durste, und die, wie es scheint, nicht für mich bestimmt ist. Dann

trinke Dich satt an ihr und gedenke Deines Freundes

Helianth. Band 3 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene · 第 134 / 240 题