Georg an Magda

Auf meiner Insel, am 20. I.

Dieser Brief wird in meinem Schreibbüro gefunden werden, wenn das Wenige

vorüber ist, das hier »alles« genannt wird.

Nun kann ich nicht mehr. Ich bin leer, es drückt meine Wände ein. Ich

bin so furchtbar müde, daß es keinen Schlaf mehr für mich giebt als

einen, nach dem ich mich sehne wie ein Kind. Mitunter fühle ich meinen

Körper schlummern, aber die Seele löst es nur in einen rauchenden Wirbel

auf. Dann ist immer der gleiche Traum, daß ich Sindbad bin. Die Beine

jenes bösen Geistes, den er auf seiner Insel schleppen mußte, liegen um

meinen Hals geschlungen, sie würgen mich, und ich lauere darauf, daß der

Alte einschläft und ich mich losmachen kann, und er belauert mich. Wenn

ich dann erwache, so weiß ich, daß er nicht schläft, ehe ich selber

schlafe.

Laß mich schlafen, Magda, tue das Eine mir nicht an und halte mich nicht

für feige! Vielleicht könnte ich leben in einer Einsamkeit, unbeachtet,

mit diesem und jenem Menschen, verantwortlich allein mir selber. Es ist

aber all die Zeit während der letzten Jahre mein mehr oder minder

bewußtes Streben gewesen, den Punkt zu erreichen -- wo dann alles unter

mir brach --, den Augenblick, wo ich an die Spitze eines Reiches trat.

Dies habe ich gewollt und habe es erreicht, auf Kosten all dessen, was

ich jetzt schleppe, und auf Kosten all Derer, die mit mir mein Leben

ausmachten. Mein Recht auf sie verlor ich durch Schuld, aber es hieße

sie selber ausblasen wie ein Licht, wollte ich heute verzichten und mich

in mich selber zurückziehn. Entweder der Staat oder nichts. Zum Entweder

jedoch gehört eine Verantwortung, die ich nicht auf mich nehmen kann.

Tag für Tag wächst allein die alte Einsicht neu: Du kommst nicht hinein.

Zu den handelnden Menschen, in ihre Gewohnheiten treten und selber doch

frei sein vom Zwang des Gewohnten: dazu finde ich keine Möglichkeit, und

ohne sie die Verantwortung einer solchen Stellung auf mich zu nehmen,

das bringe ich nicht mehr fertig.

Um die Erde ist Nacht. Ich stand auf der Plattform im Frost und im

Schwarzen, im uralten Donner der Freundin, der See, und ich sah im

Nächtigen rote Punkte, die Lichter fahrender Schiffe, sah sie aufglühn

und wieder erlöschen. Eine Flamme, die mir frei und golden schien, hat

sich zum letzten glimmenden Punkt zusammengezogen. Möchte der

Flügelschlag, der sie verlöscht, der des Gedankens sein, daß Du die

geschwundene nur aus den Augen verlierst und nicht aus dem Herzen!

Noch ist eine Spur von Kraft in mir. Sie mag Tage reichen oder Wochen,

ich verspreche Dir, daß kein Ende sein wird, ehe ich nicht den letzten

Rest von mir verbraucht habe.

Dann glaube mir, daß ich erleichtert wurde, und traure mir nicht nach!

Lebe wohl!

Helianth. Band 3 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene · 第 132 / 240 题