* * * * *
Heute will ich nur aufschreiben, was mir eben wieder ins Gedächtnis
kommt aus den ersten stillen Tagen dahier.
Wir befanden uns in der noch lauen Nacht ohne Sterne oben auf dem Deich
über der Ebbe des Meers. Zwei Tütvögel, die unsre Anwesenheit erregte,
kreuzten unaufhörlich über uns hinweg, jeder eine Zeitlang, wenn er über
uns war, anhaltend und mehrmals seinen mißtönigen Klageschrei
ausstoßend, -- der einzige Laut in der Stille. Ich lag auf meinem
Mantel, die Füße in der Richtung der unsichtbaren See, die Hände unterm
Kopf, im linken Augenwinkel, mehr gewußt als gesehn, den Schatten des
sitzenden Malers auf seinem Feldstuhl. Wir hatten -- nicht das erste Mal
-- von Ulrika gesprochen, und er deutete mir wieder Züge ihres Wesens
und das Ganze auf eine unendlich innige Weise des Wissens. Dabei war es
aber immer, als ob hinter seinen Worten sich das bewegte, was er mir
später >gestand<, wie er sagte, das Geheimnis seines und ihres Lebens
und Sterbens. An jenem Abend sagte er, er habe einmal in seinem Leben,
vor Jahren, eine Frau so geliebt, daß er fast daran zu Grunde gegangen
wäre; »und das«, sagte er, »schien mir später zuviel für einen Menschen,
dessen Auftrag es nicht ist, Menschen zu lieben, sondern --«
Er schwieg, und ich glaubte das Ungesprochene richtig zu ergänzen, indem
ich sagte: »die Kunst.«
Ich wandte mich zu ihm bei diesem Wort und sah nun sein eines Auge im
Dunkel, der See zugewendet in einer Haltung des Kopfes, die mir
besonders verzweifelt erschien.
»Nein, Mensch, wie kommen Sie darauf?« sagte er dann. »Glauben Sie,
einer wie ich -- liebte die Kunst? Denken Sie bitte einmal an das, was
Sokrates im Gastmahl Platos feststellt: daß man liebt, was man nicht
hat. Was ich nicht habe, ja, das liebe ich freilich, und das ist: die
Form. Die Vollkommenheit. Das ist jedes Bild, das ich noch nicht gemacht
habe.«
Ich sagte nun einiges Unvollkommene und Verlegene, wie daß Kunst selber
eben die Liebe sei, die alles, was sie nicht habe -- ewig und ewig die
Form -- mit solchem Wahnsinn begehre, daß sie es darstellen müsse.
»Ja, den Dämon,« sagte er leise, »wenn Sie den meinen, -- den Dämon, der
treibt und widersteht, den liebt man ja wohl.«
»Und übrigens«, fuhr er nach einer Pause gequält fort, »habe ich Sie
eben belogen. Früher war das so. Nun, ja nun haben Sie recht, nun liebe
ich die Kunst, die ich nicht mehr habe, und den Dämon erst, der mich
verlassen hat, weil ich ihn verließ und zu Menschen ging.«
»Bogner,« sagte ich und legte die Hand auf sein Knie, »Bogner, das ist
doch nicht wahr!«
Ich setzte mich auf. Der Schatten schlagender Flügel, Weißes vom
Vogelleib fielen aus der Nacht herunter, deutlich scholl der Notschrei.
Bogner ergriff meine Hand und hielt sie fest. Er nickte dann langsam mit
dem Kopf und sagte leise und geheimnisvoll:
»Wenn es einer begreifen könnte außer mir, -- was wäre es dann?«
Meine Hand ließ er nicht los. Ich fand kein Wort, und er blieb
verschwiegen. Aber meine Hand hielt er fest, daß es mich jammerte im
Herzen, bis wir dann aufstanden und ins Haus hinabstiegen.
(Cornelia)
Bei einer Wanderung, auf langer Straße im flachen Land, kann es uns wohl
begegnen, daß wir in weiter Ferne zu unsrer Linken oder Rechten etwas
Menschenhaftes gewahren, nichts weiter als einen Punkt, der menschenhaft
erscheint, ohne Bewegung, und der die Weile, während der wir ihn im Auge
behalten, sich nicht verändert noch deutlicher werden will. Vergaßen wir
ihn dann lange Zeit über andern sehenswerten Dingen umher, so gewahren
wir ihn plötzlich gar nicht weit von uns auf einer zur unsern
heranführenden Straße, deutlich genug, um ihn an Gang und Kleidern als
einen Menschen, wie wir selber es sind, zu erkennen, und dann betritt er
vielleicht keine drei Schritte vor uns unsre Straße, hält an und
erwartet uns, wir reden uns an, wir finden Gefallen genug an einander,
zusammen zu bleiben für ein paar Stunden, wir verstehen uns gut mit ihm,
oder auch er erscheint uns sehr merkwürdig während der nun gemeinsamen
Wanderung, und schließlich fällt es uns wohl zu unserer Verwunderung
ein, daß wir hier zusammen gehn und gut Freund sind mit jenem Punkt, den
wir vor zwei Stunden keiner Beachtung, keines Gedankens von Möglichkeit
einer Beziehung für uns wert hielten.
Es sind heut Jahre her -- nach der gewöhnlichen Berechnung nur Jahre --,
da sah ich Cornelia ganz von fern, nicht deutlicher, als daß sie zu
erkennen war als ein weiblicher Mensch. Auf einmal sah ich sie zu meiner
Straße heraufkommen; hier war es, hier sollte sie wenig Schritte vor mir
meine eigene Straße betreten, ich gewahrte sie schon deutlicher, so daß,
wenn wir etwa am Vormittag zusammen um den Deich gingen, heut, oder
morgen am Nachmittag Tee tranken mit den Andern, oder einer las vor und
wir lauschten: daß ich dies und jenes schon sicher an ihr wahrnahm: den
Schnitt ihres Mantels, die Form ihrer Stiefel, Besatz an der Bluse, ihr
Haar, ihren in den Fußgelenken schwingenden Gang, ihre länglichen Hände,
die Lockerheit des Daumens, das Rund ihrer Augen und ihren Blick.
Langsam bildete sich so ein Ganzes aus vielen Teilen, dieweil wir uns
nun entschlossen hatten, nebeneinander zu gehn, -- erkennbar schon als
ein Ganzes, obwohl noch manches Stück fehlte und zwischen den
vorhandenen die Risse und Fugen noch ungeheilt schimmerten. Aber sie
heilten, denn nun kam auch Teilnahme, das formenschaffende Gefühl, ein
Wesen bildend langsam, das mir wohlgefiel, das meinen Sinnen wohltat,
den fünfen und jenem unbekannten, nicht mit Namen zu nennenden, jenem
Tastempfinden von Mensch zu Mensch, auf dem alle Möglichkeiten und
Beziehungen der Menschen zueinander beruhen, der uns den andern Menschen
_atmen_ läßt wie ein besondres Arom in unserer Luft, und in dem dann
bald die süße Flamme Ähnlichkeit sich gläsern erhebt, wie die Flamme der
heißen Mittagsluft überm Wachholder der Haide, -- sie zeigte sich über
Cornelia.
Nun erschien sie mir schon besonders; nun erschien sie mir, meiner
Veranlagung gemäß, vor allem: hübsch, und es deuchte mich angenehmer,
beim Gehen die Hand in ihren Arm zu schieben, und so weiter. Es war
bereits immer ein leises Freuen, wenn sie kam und zugegen war; was man
sagte, dem hörte sie gut zu und gab die rechten Ergänzungen oder
Erweiterungen, und so man nicht sprach, war sie's auch zufrieden und
schwieg. Sie war nämlich bereitwillig.
Morgens kam sie selbst mit dem Frühstück, ich lud sie zu bleiben, und
sie blieb, dann stellte sich heraus (nämlich ich mußte fragen, von
selbst gab sie nichts preis), daß sie selber noch nüchtern war, und nun
mußte sie ihr Frühstück mitbringen. Erlaubte es irgend das Wetter, so
erwarteten wir gemeinsam am Strande das tägliche Boot mit meinem Kurier,
dort trafen wir den notwendigen Hauptmann, standen in unsern Mänteln und
hochgeschlagenen Kragen gegen den Wind gedreht, froren erbärmlich und
sahen uns gegenseitig immer röter anlaufen.
Nun und so weiter ...
Was aber war dann eines Tages anders geworden? -- Nun hielten wir uns
nämlich bei den Händen im Gehn, meine Stimme hatte den weicheren Ton der
Vertraulichkeit, meine Hand das Recht, den vom Wind umgekrempten
Mantelkragen zurechtzuschieben oder die schiefgewehte gestrickte Mütze
gradezuziehn über ihrer Stirn, ohne daß sie oder ich dabei den grade
begonnenen Satz unterbrach. Ich fand alte Gedichte und las sie ihr vor,
ich kannte nun den besondren Ton ihrer Haut am Nacken, dort wo die Bluse
sich ablüpfte, wenn ich ihr in den Mantel half. Ich kannte genau die
Form ihrer Stirn und jede Bewegung ihres Mundes, und viele ahnte ich
voraus und erwartete sie, und all dies ward mir sehr lieb. Ich erinnerte
mich: dies hatte ich schon früher erlebt, und doch war es dadurch nicht
abgenützt worden. Ich dachte aber nicht, daß ich sie küssen möchte, denn
so besonders war mir noch von der Krankheit her.
Aber siehe da, plötzlich eines Nachts, schrieb ich diese Verse auf:
Diese Nacht aus dumpfem Schlummern
Fuhr ich auf: das Schweigen dröhnte
Mir ans Ohr, doch spürt ich: andres
Dröhnen, Fausthieb, Fausthieb draußen,
Zornig auf des Tores Bohlen
Jagte mich empor.
Gleich da wußt ich draußen stehen
Ihn vorm Tore, Eros, jenen:
Eros mit den Löwenfüßen,
Eros mit den Geierschwingen,
Eros mit dem Fackelantlitz
Donnerte ans Tor.
Am folgenden Morgen dann, siehe da gingen mir die Augen auf, und ich
erkannte, daß sie weiblich war.
Bald darauf stellten sich von Augenblick zu Augenblick Worte oder
Handlungen ein, die sich auf keine Weise besser begleiten ließen oder
gar ausdrücken als durch einen Kuß, und ich küßte sie zum Dank, daß sie
das Frühstück brachte, beim Gutenachtsagen, beim Morgengruß, beim
Klettern über eine Buhne, beim stillen Hinaussehn über die See, kurzum
bei jeder Gelegenheit. Küssen ist, wie wenns regnet; erst wenig, dann
immer mehr.
Sie aber, sie hatte auf meine Veranlassung angefangen, mit mir zu
frühstücken, mit mir spazieren zu gehn, sich vorlesen zu lassen, lange
mit mir zusammen zu sein, schließlich auch sich küssen zu lassen und
wieder zu küssen. Ich bedachte mich zuweilen, was in ihr vorgehen
mochte. Sie äußerte nichts, außer auf Befragen. Und dies mocht ich nicht
fragen, denn dann hätte der immer noch in der Entwicklung sich windende
Satz plötzlich ein Ende genommen, ob mit Fragezeichen, Rufzeichen oder
Punkt, -- jedenfalls ein Ende, und ein ganz neuer hätte begonnen. Ich
dachte: sie ist doch klug, sie sieht kein Ding halb, sondern rund, wie
zum Beispiel auch den Mond, von dem man weiß, daß er rund ist, obwohl
scheinbar eine Sichel. Nur: sie tat zu alledem nichts dazu. Sie schien
immer mit allem zufrieden.
* * * * *
Ein Winterabend. Im Dunkel trat ich aus meiner Tür, ausgewiesen nämlich
vom dortigen Eros. Unwandelbar dröhnte der Ozean. Das Tal unter mir
schimmerte mattweiß, eine dünne Schneedecke war drübergefallen, es
rieselte noch in der Luft, es war kalt. In der Tiefe zur Rechten zwei
rötliche Rechtecke -- die erleuchteten Fenster in Bogners Haus; in der
Tiefe mir gegenüber ein gleiches. Dorthin ging ich; nicht daß ich
erwartete oder verlangte, aber -- was konnte nicht möglich sein?
Mir begegnete nichts unterwegs. Tote begegnen nicht, sie sind Wink. Ein
roter Becher bei einem brennenden Leuchter ... nahe darunter ein niemals
vergehendes Lächeln. Jedes Lächeln nimmt ein Ende zu seiner Zeit. Dies
endete niemals. Siehe da, welch eine Schattengestalt über den Lichtern?
Josef Montfort. Zwei Tote. Damals zusammen, heut wieder zusammen; so
stellten sie sich mir dar.
Ich kam aber durch die hartgefrorenen, dünn schneeüberzogenen
Gemüsefelder an das Fenster, das zu ebener Erde liegt, und schaute
hinein. Irgendwo stand ein brennendes Licht. Der Raum war klein und
niedrig. Sie stand vor einem geöffneten Kleiderschrank, hängte eine
blaßrosa Seidenbluse über einen Bügel, diese in den Schrank hinein und
schloß die Türen; lautlos, denn in der Nacht brüllte der Eros über die
See. Da klopft ich ans Fenster. Sie kam und machte auf. Ich sagte wohl:
Guten Abend! und: Noch nicht schlafen gegangen? Sie antwortete dies und
das; wir küßten uns dann wohl.
Und es hatte nunmehr jene Frage zu kommen, die aussieht wie alle andren
Fragen, die aber am unsichtbaren Faden weit hinter sich her etwas zieht,
das nicht den geringsten Zusammenhang mit ihr hat. Ich fragte nämlich,
ob ihr auch nicht kalt sei. -- Sie konnte nun dies oder jenes antworten,
es gab auf jeden Fall ein Gelenk, und sie sagte: Es geht -- und Ihnen?
-- Nun tat ich scherzhaft, als ob ich gewaltig fröre, um Grund zu haben,
sie fest an mich zu drücken, worauf sie wiederum -- übrigens aus keinem
besondren Grunde -- tat, als ob ich ihr wehtäte, und sagte: Ich sollte
lieber hereinkommen. Da schloß sich denn der Ring zur ersten Frage mit
meiner letzten, (die ich jedoch erst nach einer Weile tat, damit sie
auch recht bedeutungsvoll erschiene, und während der ich sie mit
Behutsamkeit an dieser und jener Stelle des Gesichts küßte:) Ins
Wohnzimmer oder in dieses?
Eine Antwort erhielt ich naturgemäß nicht. Aber nach wenigen Sekunden
hatte die Erwiderung meiner Küsse einen andren Schmelz, und ich hielt
einen andren Menschen im Arm. -- --
Und als sie wieder lagen auf bekränzter,
Ermüdete, auf schmaler Lagerstatt,
Stand auch der Geierfittich sanft am Fenster
Und lächelte auf das erglänzte Watt.
Es schien nämlich (ganz nutzlos, aber doch überaus frohgemut und
strahlend über seine Anwesenheit) schien der Mond vom Himmel herab, als
ich wieder aus dem Hause trat, und geleitete mich mit meinem Schatten
wie mit einer Hand fürsorglich durch das Tal bis nach oben vor meine
Tür, wo er zurückblieb.
Wieder einmal aber, schlafesunbedürftig sitze ich nun in der langsam
verhauchenden Wärme des Ofens, verzeichne eine Stunde dieses nie zu
begreifenden Daseins, blicke von unten in die Lampe, bin besonders
ruhig, allem Ewigen so fern, ein kleiner Mensch im Gehäus, und ich
beginne fruchtlos zu staunen über die Ahnungslosigkeit unseres Seins.
Da doch immer wir selber es sind, die alles tun, was unser Leben
ausmacht, wie unbegreiflich, wenn man sich hineinversenkt, scheint es,
daß wir vom tausendsten Teil des allen, solange es gegenwärtig ist,
nicht die wirkliche Bedeutung erfassen. Was würden wir sagen, wenn bei
der Begegnung mit einer fremden Frau ein Dritter uns darauf aufmerksam
machen würde, daß uns über Jahr und Tag ihre besondre Art, das
Strumpfband zu verhaken, nicht unbekannt sein würde und keine besondre
Sache, und daß wir zusammenschliefen in einem noch nicht einmal gebauten
Bett?
Es geschieht auch wohl einmal, daß die gewohnten Zusammenhänge mit
unsrer Umgebung und uns selber unvermerkt sich in nichts auflösen; wir
sehen mit einem Schlage auf uns selber herunter wie von einem Stern,
sehen uns und unser Erdendasein in einem fremden Licht, im Licht der
Lebensart auf jenem Stern, und da kommt es uns so fremd und ohne Sinn
vor, daß wir uns fragen: Dies sind die Dinge, die dorten vor sich gehn?
Dazu wird dorten gelebt? Warum sind sie so? Welche Gründe haben sie zu
all diesem? Was frommt ihnen dies? Was haben sie davon?
Antworten aber giebt es keine. Aber so erkannte ich auf einmal sie und
mich ganz von oben in jener Stunde, wo ich mich neben ihr in dem
bäuerlichen Schrankbett fand, ausgestreckt auf dem Rücken, die Hände
unter dem Kopf. Ich hörte dumpf das Brausen der See. Ein Licht in einem
Holzleuchter, bestehend aus einer größeren rot- und drei kleineren
grünlackierten Kugeln als Füßen, bewegte leise die goldene Flamme mit
gasblauem Kern im Luftzug der nahen Fensterfuge; dahinter hingen die
stillen, weißen Gardinen hellbeleuchtet; es stand auf einem einfachen
Tisch, hellblau gestrichen wie die übrigen Möbel, Stühle, Waschtisch,
Kommode, Schrank -- mit bunter Blumenmalerei -- und hinter allen, die
Wände empor, waren die stillen Schatten. Zwischen mir und der Wand im
Bett aber saß, die Arme um ihre Knie geschlungen, das Kinn fast darauf,
Cornelia, und ihre Augen, groß, rund und dunkel, waren ohne Bewegung auf
das Licht gerichtet, von dem sie erglänzten. Sie sah aus, als wüßte sie
genug. Weich und gerötet war die Haut ihres Gesichts. Sie sprach kein
Wort wie auch ich. Und sie und ich, so enge beisammen, sie saß und ich
lag, und wir dachten Beide weit weg unsrer Toten.
(Von Bogner)
»Rembrandt,« sagte Bogner, »er mußte nur immer malen.«
(Ich hatte Bogner mit einem großen und roten Buch voller Wiedergaben
Rembrandtscher Gemälde angetroffen, und wir sprachen darüber.)
»Er mußte nur immer malen, und um ja nicht nachdenken zu müssen über
einen Gegenstand -- denn was ihn anging, war immer nur das Eine: das
Leuchtende, wie es aufblüht aus der Nacht! -- so malte er unaufhörlich
sich selber. Sieh doch nur,« sagte er blätternd, »diese ungeheure Anzahl
von Selbstbildnissen! Und nun sieh nur einmal, wie er es anstellt,
Abwechselung zu gestalten! Hier, hier hast du drei, sieben, vierzehn
Bilder aus benachbarten Jahren, aus demselben Jahr! Immer derselbe
Mensch, und immer ein Andrer. Das ist die Kunst des Entfremdens. Ja,
glaubst du, er hatte sich so verändert in so kurzer Zeit? Sieh doch an,
was macht er hier? Er runzelt die Stirn, und schon wards ein andres
Gesicht. Er setzt einen Hut auf, eine Mütze, einen Helm, eine
Sturmhaube, und die geringe Veränderung, die der Kopfschmuck bewirkte,
breitete er aus über das ganze Antlitz, und es gab neue Schatten, neue
Lichtflächen, und schließlich bildete er sich alles nur ein und konnte
Runzeln oder Falten oder Furchen, Glätten oder Rauhen oder Rundungen
sehen, wo gar keine waren, gar keine. Sieh doch das hier! das --« er
lächelte, »ja, da haben sie darunter geschrieben >Bildnis eines jungen
Mannes<. Meinst du vielleicht, das wäre er nicht? Und hier --« er zeigte
auf ein Bild, unter dem ein Name stand, den ich nicht im Gedächtnis
behielt -- »das ist er natürlich selber! Seine ganze Phantasie -- glaube
mirs, Georg -- bestand im Verändern. Sieh doch hier diese Landschaft mit
den geisterhaften Bäumen! Das ist nicht wirklich und ist nicht
empfunden, nur sein Dämon griff hinein, riß und bogs auseinander und
stellte sich mitten hinein.«
Er schwieg, schlug langsam die Seiten um, und ich sah, daß er zu den
Altersbildern gelangt war. Gleich darauf begann er wieder, furchtbar
ernst:
»Und nun sieh hier das. Siehst du, da kam es! Jahrzehntelang hatte er
Mummenschanz getrieben mit seinem Gesicht, und nun -- nun sitzt
plötzlich einer innen und verändert willkürlich, von innen! -- Da!
siehst du das? Wer ist das? Ihre Majestät die Ruine. Nun kann er sich
jeden Monat malen und jede Woche, jeden Tag, ja, jede Stunde -- es ist
immer Verfall. Er zerfällt, er zerblättert fürchterlich, es bläht ihn
auf, es sackt wieder zusammen, es glotzt aus ihm, es grinst, es
schluchzt, es sickert, es bröckelt, es -- zerfällt, zerfällt, und er --
er malt es, malt es, er ist ganz blöd, er denkt bloß, daß ihm auch das
Verändern jetzt abgenommen ist, und daß diese Art des Veränderns noch
genialischer ist als die eigene Methode, und er malt, halb blind,
besinnungslos, ein Schwamm, ein morscher Stumpf, der phosphoresziert!
Sieh die Gesichter, diese Larven einer Armenhäuslergalerie, diesen
Katalog aller Krankheiten, ohne Geist und ohne Seele, ohne Zukunft, ohne
Gott, nur noch Schicksal, wütendes Schicksal des Malenmüssens, das in
seiner leiblichen Hülle sitzt. Und malt er denn noch, er? Seine Hände
malen, in seinen Händen sitzt das Malen und rast mit den Pinseln, ohne
Farbe, ohne Leinwand, ein Stück Brett und nasser Lehm, mehr ist nicht
nötig für den glorreichen Triumph seiner Hände, drin die Natter Gicht
sich verbiß. Und so bis zum letzten die ewige Glorie: Licht! Licht!
Licht! das die vergrämte Ruine mit Seelenblut überlodert, die goldene
Quelle, das ewige Rieseln aus der Nacht -- Gott im Himmel, Georg, wenn
aus Baumstämmen vom Druck der Jahrtausende Kohle wird, und aus Kohle
Diamant: so müssen seine Augen, als er endlich tot lag, zwei Demanten
geworden sein, zu lauter kristallenem Licht gepreßt in der ewigen
Faust.«
Er schwieg. Ich dachte: er spricht von sich. Scheinbar aber hatte er
doch an sich selbst nicht gedacht; er machte jetzt das Buch, das er im
Schoß hatte, zu, legte es vor sich auf den Tisch, trocknete die
übergelaufenen Augen und sagte nun mit sanfterer Stimme:
»Immer muß ich bald auch an van Gogh denken, wenn ich mich auf Rembrandt
besinne.«
Ich meinte, da er wieder verstummte, das sei wohl der Fall, weil für ihn
das Malen so sehr das Einzige, so sehr eine Raserei gewesen sei wie für
Rembrandt.
Das nicht, erwiderte er. Dazu seien sie doch von zu verschiedenen
Größenmaßen gewesen. »Raserei, sagst du. Ja, aber bei van Gogh doch nur
die eines Menschen, während die Rembrandts an den Niagara denken läßt
oder auch an eine dieser gewaltigen Maschinen, die still zu stehn
scheint mit allen Rädern und Riemen, obwohl sie in ungeheurem Schwunge
ist, und die dabei so sorgsam, zart und genau arbeitet wie eine
Spitzenklöpplerin. Van Gogh flackerte ja. Nein, ich meinte den
Gegensatz, nicht ein Gemeinsames.
»Ihrer beider Wollust war -- bis zum Äußersten, wie bis zu einem
gewissen Grade in jedem Maler -- das Licht. Da war nun van Gogh leider
von einem blinden Teufel besessen, der ihn zwang, geradeswegs mitten
hineinzusehn in das Licht -- und das malen zu wollen. Und -- siehst du
-- da flackerte alles und zerstob zu Myriaden bunter Funken. Ich weiß
nicht, wie sein leiblicher Wahnsinn an ihm sich geäußert hat, aber ich
könnte mir denken -- weil er so besessen war von der flammenden
Erscheinung der Sonne --, daß er im Irrsinn nichts andres gewollt hat,
als geradezu die Sonne malen -- wie er es zuvor versuchte mit Hülfe der
Landschaft --, nämlich ihre flammend brodelnde Goldscheibe selbst und
sonst nichts. Und so, verstehst du? hat er die Wahrheit doch nie gesehn.
Die Sonne, Georg, was liegt denn an der Sonne? Wenn ich blind bin, ist
deshalb kein Licht? Die Sonne, hat sie nicht dunkle Strahlen der Wärme?
Und der blinde Leib, hat er nicht seelische Strahlen eines Lichts? Was
van Gogh sah, war die Erscheinung, das Sein, das seiende Licht, das von
außen in ihn eindrang. Was liegt an ihm? Was ist selbst Dasein? Dasein
ist nichts, Zeugung ist alles. Und -- es zeugt, das Licht, das ist die
Wahrheit! Es hat gezeugt -- diese Erde, diese Wälder und Äcker und das
Meer, jeden Baum, die Tiere und den Menschen und seine Seele. Es zeugte
aus uns den Flammengeist, und es zeugte die Weiße der Narzisse; es
zeugte die Wärme des Blutes und die Glut des Herzens. Die Wärme, Georg,
die Wärme! Die aber hat er gefühlt, Rembrandt, und die hat er gemalt,
Rembrandt! Er sah -- die Nacht. Und in der Nacht sah er sich zeugen: das
Licht, das ewige Juwel, die Wonne des erleuchteten Daseins mitten im
Finstern, und Entzücken strahlte ihn an aus der Nacht, und so malte er
das Licht in seiner unendlichen Fruchtbarkeit. Er malte es als Maler an
malerischen Dingen. Er ließ es saugen am riesigen Leibe der Nacht, und
überall taten sich Adern auf, und es schmolz hervor: Juwelen und Perlen,
die Brokate und die Spitzen, Fahnen und Harnische und Fackeln,
Stickereien und Sammet, das Lachen der Saskia und der Körper Hendrikjes,
und hundert Male immer wieder -- nur noch Leuchter fürs Licht -- das
eigene Antlitz, und hinter dem Antlitz die eigene, brennende, brodelnde,
wollüstige, trinkende, schaffende, zeugende Sonne der Seele. Das ganze
Dasein war ihm eine unendliche Nacht voller tausend Geschichten, die
sich fortzeugten auseinander, und die ganze Nacht nur ein riesenhafter,
schwarzer Spiegel, in dem meilenfern, ein verlorener Funken Goldes,
widerglänzte die eigene Seele, ein Tropfen an Gottes Wimper.«
Dies, dachte ich, als ich durch die brausende Nacht zu mir hinüberging,
blindlings im völlig Schwarzen, dies ist nun Bogner? Dieser einst
gelinderte, wortkarge, sparsame Mensch? Freilich: damals malte er, die
Seele glühte sich schweigend aus; nun muß sie reden und verbrennt dabei.
Und ich erschrak, da ich bemerkte, daß ich nicht der einzige Unselige
bin auf einer so kleinen Insel.