Cornelia Ring an Magda

auf Hallig Hooge, am 1. November

Liebe Magda, heute will ich nun daran gehn, Ihren Wunsch zu erfüllen und

von uns Allen hier, besonders von Ihrem Freund Georg einen möglichst

>naturgetreuen< Bericht zu geben. Es ist später damit geworden, als ich

dachte, aber Sie werden einerseits daran sehn, daß nichts Beunruhigendes

zu melden war und ist, und andrerseits sind es ja immerhin sechs

Menschen und drei Häuser, für die ich nun haushälterisch aufzukommen

habe, das reicht schon für den Tag.

Ich beginne mit Bogner, und über ihn glaube ich Sie recht beruhigen zu

können, jedenfalls was seine Gesundheit angeht. Ich mache ihm täglich

nach wie vor selber seinen Verband neu, da Frau Tregiorni den Anblick

nicht ertragen kann, begreiflich bei ihrem Zustand, und sehe, wie es

eigentlich täglich besser wird. Er selber klagt auf Befragen noch immer

über Schmerzen beim Gehen, aber an Stellen, wo wirklich nichts sein kann

außer schmerzlicher Gewohnheit von früher her, vom Liegen oder so, das

Loch im Rücken braucht natürlich Fleisch zum Ausfüllen, und da er so

wenig ißt ... Doch denk ich, es wird schon werden, ich habe da

allerdings mehr Vertrauen als er -- obgleich er nicht davon spricht,

weiß ich, daß er noch immer der Meinung ist, es gehe mit ihm zu Ende --,

aber ich kenne einen ganz ähnlichen Fall aus Erfahrung.

Frau Tregiorni ist recht still geworden. An ihr zeigen sich alle Leiden

dieses Zustands, Fröste, Fieberschauer, plötzliche Ängste, immer wieder

Übelkeit, Abscheu vor diesem und jenem, heut einer Speise, heut einem

Kleid, oder vor Menschen, nun -- Sie werden wissen, wie das zu sein

pflegt, und daß es an sich nicht besorgniserregend ist, obgleich ich

schon sagen muß, daß es mehr ist als gewöhnlich.

Ja, und nun Georg. Sie möchten, daß ich ihn recht genau beschreibe, und

in so etwas habe ich freilich gar keine Übung, wie denn meine ganze

Berichterstattung wohl daran leiden wird, daß ich das Schreiben gewöhnt

bin in allen möglichen Sprachen, nur nicht in der deutschen; es ist

merkwürdig, wie wenig man doch weiß von einer Sprache, die man beständig

spricht, und wie farblos mir selber alles klingt! -- Körperlich scheint

es ihm, Georg, ganz gut zu gehn; er klagt nur über Schlaflosigkeit. Das

würde ich auf die See schieben -- sie ist seit Ihrer Abreise fast

ununterbrochen stürmisch gewesen --, aber er behauptet, »ohne die See

könnte er nicht leben«. Ich kenne ihn ja auch wenig.

Aber ich kann wohl sagen, daß ich erschrak, als ich ihn zuerst hier

wiedersah und kaum erkannte. Daran war allerdings hauptsächlich der

dünne, rötliche Bart schuld, der ihm ums Kinn gewachsen ist, und der

sein Gesicht älter macht, auch weicher und leidender. Am linken

Mundwinkel hat er ein nervöses Zucken bekommen, indem es die Unterlippe

ruckweise nach links zerrt, oft drei, viermal nacheinander, dann wieder

versucht er es zu unterdrücken, und so kann man daran immer erkennen,

wie sein innerer Zustand ist. Die Augen, die erst erschreckend

eingesunken waren, kommen nun langsam wieder hervor, weil die Wangen

etwas fleischiger werden. Wenn ich Ihnen nun noch sage, daß sein Haar

über den Schläfen dünner geworden ist und um die ganze Stirn

zurückgewichen, so werden Sie ungefähr wissen, wie er aussieht. Fast

scheint es mir, er ist noch gewachsen während seiner Krankheit, das wäre

ja nicht unmöglich, er ist nun fast einen Kopf größer als Sie und ich

und dabei so schmal!

Es ist ja furchtbar schwer, im Innern eines Menschen zu lesen, dessen

ganze Natur so wie die seine durch Erziehung und Vererbung darauf

eingestellt ist, sich zu beherrschen, aber ich kann doch erkennen, daß

er Unbeschreibliches erlitten haben muß und noch immer leidet. Er ist

nun, wenn man mit ihm spricht, von einer solchen -- ja wie sage ich nur?

-- Demut, möchte ich fast sagen und weiß doch nicht, indem ich das Wort

schreibe, wie und wo ich sie gesehen haben will. Er hat eine so

unbeschreibliche Gebärde, wenn jemand ihm erzählt, so von Menschen, die

man kennt -- er will immer von Menschen hören und lauscht dann mit einer

fast glühenden Angespanntheit, als ob er das Wichtigste lernen und

nichts vergessen müßte --, so eine Gebärde, wollt ich sagen, mit der er

dann die Hand hochhebt und einen ganz vertieft ansieht und sagt: Ja sehn

Sie! -- mit dem Ton auf sehn --, aber es läßt sich wohl nicht

beschreiben, und ich will nun aufhören, Sie werden sich schon gewundert

haben über all das wirre Zeug. Ein wenig betrübt es mich schon und

beunruhigt mich auch, von Ihnen und Fräulein Renate so gar nichts zu

hören seit Ihrer Abreise, und ich hoffe nur, daß dem nicht etwas

Schlimmes zugrunde liegt!

Ich hoffe nur, daß Sie nicht ganz unzufrieden sind mit meiner

Berichterstattung, die wie gesagt besser sein würde, wenn ich

unglückliches Menschenkind eine eigene Sprache hätte, aber das ist nun

zu spät. Ich grüße Sie und Fräulein Renate recht herzlich! Ihre

Helianth. Band 3 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene · 第 113 / 240 题