Insel

Renate erwachte in Helenenruh vom lauten Zusammenschrein der Stare in

den Bäumen mit einem fast schweren Gefühl des Wohlseins. In

augenblicklicher Wonne des Erkennens: Nun ist alles, alles wieder

abgefallen ... spürte sie sich noch aus dem Schlummer liegend

heraufgehoben, spürte, wie er dünner und leichter um sie wurde, endlich

aus ihr selber fortrieselte. Und nun empfand sie ihr ganzes Wesen wie

durchduftet, gesättigt mit einem wundervoll kühlen Dampf, der

ausquellend um ihre Glieder lag. Sie warf die leichte Steppdecke ab,

setzte sich auf und sah nach dem Fenster, wo die klaren Mullvorhänge

unbeweglich hingen, obgleich es offen stand, -- nicht ohne leichtes

Enttäuschtsein, denn da schien keine Sonne, es war grau. Die Stare

schrien immerfort an derselben Stelle. Auf einmal zog ihr Herz sich

empfindlich zusammen unter einem Bangigkeitsanhauch, der sehr langsam

wieder entwich, und danach blieb ein Gefühl, als müßte einer ihrer Sinne

beeinträchtigt sein oder gar verschwunden -- und doch war da jeder:

Gesicht wie Gehör, Geruch und Geschmack, und sie fühlte sich auch! --

Die andern aber hatten sich zu einem süß brausenden Chaos von Musik

vereint, das in ihr brodelte wie eine innere Sonnenwärme, und dies wars,

wovon sie für Augenblicke blind, für Augenblicke taub zu sein glaubte,

und die Stare waren jetzt kaum hörbar oder ganz fern.

Sie streifte das Nachthemd von der linken Schulter und versuchte, den

nackten Oberarm an das Ohr zu halten, im Gefühl, sie müsse es darin

dröhnen hören wie in einer Stimmgabel. Dabei neigte sie den Kopf und

rührte unversehens mit dem Kinn an die Schulter, zuckte aber, kaum daß

sie die weiche und kühle Glätte spürte, zusammen wie unter einem

magischen Schlage, streifte den Ärmel wieder hoch, sprang vom Bett, ging

zum Fenster und teilte vor dem offnen den leichten Vorhang.

Draußen war nichts als ein undurchdringlich dichter weißer Nebel von

unbeweglicher Stille. Erst nach einer Weile erschienen schattige Massen

darin, zwei große Bäume, und von dorther lärmten die Stare.

Diese Welt schien so geheimnisreich, daß Renate sich überneigte, um zu

sehn, ob die Hecke noch da war, und richtig, da war die sehr stille Wand

von rauhen Haselblättern, matt glänzend von schwerer Nässe, dunkelgrün

und vielfach bräunlich gesprenkelt.

Als sie aber nach oben sah, verriet ihr ein ganz geringes Blenden die

Reinheit des Himmels über der Nebeldecke, in der so viel Blau war wie in

frischer, gewaschener Leinwand.

Baden jetzt, ah in diesem Nebel baden! wie still würde die See sein! --

Renate hatte augenblicks das Nachthemd abgestreift, den daliegenden,

dunkelgrünen Trikot angezogen, dann die Sandalen mit goldenen

Wadenbändern angelegt, worauf sie in den seegrünen Bademantel schlüpfte

und die grüne Gummikappe in die Hand nahm. Die Uhr im Armband, das sie

überstreifte, zeigte ein Viertel nach sieben.

Im Nebenzimmer stand ihr Frühstück bereit, doch nahm sie nur, um nicht

ganz nüchtern zu sein, einen Schluck warmer Milch und ein Stück Weißbrot

mit Honig zu sich, das sie noch im Fortgehn fertig kaute.

Wie klein war dann der Hof vor dem Verwalterhause! Kein Mensch ...

Schweigen, und nur vor der roten Hauswand bewegte sich ein Schatten, der

Hund, der vorkam, soweit es seine Kette erlaubte, wedelte und ihr

nachsah, die leichtfüßig am Gartenzaun hinlief und, an seinem Ende nach

links biegend, durch das lange, nasse Gras der Wiesen in den Nebel

hinein. Es war so lautlos um sie her, daß sie stehen blieb und sich

umsah. Deutlich in den Nebel hinein zog sich eine dunkle Furche dort,

woher sie gekommen war, aber zu hören war nichts als das Schlagen ihres

eigenen Herzens; dann das leise und spitze Ticken der Uhr.

Sie ging weiter, angenehm frierend in der Morgenkühle; unter dem Nebel

erschien die sanfte Schrägung des Deichs, die sie alsbald erstieg mit

einer leisen Besorgnis: wenn jetzt nur nicht Ebbe ist! -- Sie stand oben

und sah die schräge Mauer der Quadersteine mit grünen Fugen von Tang

hinab. Nein, da war das Wasser, dunkel, unbeweglich! Ohne Laut war es

bis hier herangekommen. Zu sehen war nur wenig von ihm, alles verbarg

der Nebel, in dem allhier ein geisterhaftes Fliegen und Bewegen war,

ohne daß die Dichte und Undurchsichtigkeit sich dadurch änderte.

Zerfließend weiche Füße tanzten auf der dunklen Glätte der Flut. Die

ganze große See war nicht vorhanden.

Renate konnte die Höhe des Wasserstandes an der Entfernung von ihm bis

zur Deichkrone messen. Sie warf den Mantel ab und legte die Uhr darauf.

Als sie wieder gerade stand und die Luft an den Umrissen ihrer Glieder

fühlte, mußte sie lächeln mit zusammengezogenen Augen. Sie zog die Kappe

fest über das Haar, stieß dann die Arme wagerecht von sich, dehnte die

Brust, legte den Kopf ins Genick und blieb so Sekunden, mit schon

schärfer geblendeten Augen spürend, daß hoch über ihr ein Hauch von

Bläue sich regte. Plötzlich gluckste das Wasser in der Tiefe. Sie senkte

den Kopf, verscheuchte den Schauder vor dem Kalten, lief behutsam drei

Viertel der Schräge hinunter und warf sich über den Rest hinweg laut

klatschend in die Flut.

Aber -- oh tausend Teufel! -- sie schrie und schnaubte vor Schreck, wie

eisigkalt das doch war! Sie schwamm heftig, merkte, als sie nach einer

Weile die Füße sinken ließ, keinen Grund mehr unter sich, drehte sich

halb zurück und schwamm nun, die Linie des Deiches achtsam mit den Augen

haltend, in langen Stößen die Füße schließend, übergreifend mit dem

rechten Arm, am Ufer hin, den Kopf schüttelnd und leise prustend nach

jedem Stoß, wie alle rechten Schwimmer es machen. Als sie das Wasser lau

um sich her fühlte, drehte sie um und schwamm so weit zurück, wie sie

gekommen zu sein glaubte, legte sich auf den Rücken und erreichte so

bald den Deich.

Kaum mehr als zehn Minuten konnte sie im Wasser gewesen sein, und doch

war, als sie wieder oben stand und sich frierend und triefend nach ihrem

Mantel umsah, alles schon verändert. Wind wehte jetzt. Die Sicht über

die Wiesen hin war freier geworden, die Zäune sichtbar, und in der Höhe

bewegten sich flüchtende blaue Löcher im Weißen. Und als Renate ihren

Mantel entdeckt, ihn an- und den Trikot darunter ausgezogen hatte, war

die Uhr fast acht, war die Sonne als matte Goldscheibe hinter der weißen

Wand zu erkennen, und war sie selber vom Frottieren so brodelnd heiß wie

ein eben neugeborenes Brot aus dem Ofen.

Voll Behagen schlenderte sie noch eine kleine halbe Stunde --

gedankenlos wie ein Pferd, wie sie meinte -- am Deichrand hin und her,

See und Himmel beobachtend, die immer blauer wurden und immer freier,

und dann lief sie plötzlich in größter Eile ins Haus zurück, um sich

anzukleiden und zu frühstücken, jählings ersterbend vor Hunger.

Später dann, als vom Nebel auch nicht eine Spur mehr weit und breit zu

entdecken war, fand sie sich auf einer guten Kamelhaardecke ausgestreckt

im nebelnassen Gras unter den äußersten Zweigen der Parkeichen, vor sich

die Wiesen, grau taugestreift in der Morgensonne, wehend von Halmen und

den letzten Margueriten bis in die offen feurige Bläue des Himmels

hinein. Sie holte den kleinen Kamm hervor, den sie im Strumpfband zu

tragen pflegte, und eine gute Stunde verging ihr mit dem Auflösen ihrer

um den Kopf gelegten Flechten und sorgsamem Kämmen, stückweis erst von

oben bis unten hin, dann der langen Schweife, die sie in der Hand

hochhalten mußte, in großen Strichen, wonnevoll spürend, wie die Masse

weicher und lockrer sich dehnte und es darin knisterte von elektrischer

Kraft.

Später saß sie auf ihrer Decke mit hochgezogenen Knien, die Hände um die

Fußknöchel geschlossen, während der leichte Mantel ihres Haares um sie

wehte und sich zerteilte im behutsamen Wind, und vergnügte sich damit,

in den Ausschnitt ihres Kleides über ihre Brust hinunter zu blasen.

Später lag sie, schmal und lang hingestreckt, die Arme über der Brust

gekreuzt, das Gesicht von der Sonne abgewandt, aufgelöst in Erd- und

Himmelswärme, und dachte, halb schon im Schlaf: Nun bin ich so rein wie

die Welt! --

Dann entschlief sie beruhigt.

* * * * *

Irgendwie war es Nachmittag und Abend geworden. Renate ging in einem

weißen Kleid auf den gewundenen Wegen des Parks umher zwischen

tiefgrünen Flächen der von Bäumen und Gebüschen langhin überschatteten

Wiesen, -- jetzt innerlich nur tief hinabgeneigt über die immer noch

unvollkommene Musik, die dort unerlöst wogte, nicht näher kommen, nicht

deutlich werden wollte. Kaum daß sie hier und da einmal aufsah und es

bemerkte, wenn eine große Gruppe von Buchen ein plötzliches und

gewaltiges Rauschen begann, laut zusammenredend, vorwurfsvoll, wie ein

Chor, während sie die laubigen Arme und Glieder schüttelten, von denen

flüchtende Blätter seitwärts hinunterwehten über die Wiese. Oder wenn

eine Schar weißer Birken die ganze leichte Masse goldgelben Laubes

hochausgestreckt ins blaue Leuchten der Höhe hineinwarf, in einer

feurigen und weiblichen Gebärde des Fortverlangens. Für Augenblicke dann

betroffen, zuckte sie mit, gleich nach innen wieder gebeugt, fast

verstimmt, weil die Musik in dem Innern geringer vernehmbar geworden

schien.

Als sie dann vor der kleinen Brücke zur Insel stand, fühlte sie sich

angesichts der mächtigen, schattenvollen Masse der Baumkuppeln von einem

unerklärlichen Zaudern ergriffen, ja, von einer Angst, so daß sie sich

selbst hinüberlocken mußte mit dem Gedanken an das Grab der Herzogin,

und fast hinüberziehn mit der einen Hand am Geländer. Drüben stehend,

gewahrte sie zum erstenmal das kleine Rad der Winde, trat hinzu, begann

zu drehen und sah mit Verwunderung die Brücke sich bewegen und

hochsteigen, bis sie im Winkel von dreißig Graden stillhielt.

Nun bin ich allein! dachte sie, jedoch nicht eigentlich erleichtert, und

ging leise in den schmalen Gang zwischen dem Buschwerk hinein.

Da lag die Wiesenmulde, ganz im Schatten, so einsam, so abgeschlossen im

Ring der Bäume wie in der Tiefe eines Waldes. Nichts bewegte sich, kein

Blatt an den dichten Zweigen der braunen Trauerbuche, an deren Stamm das

eherne Schild kaum noch zu sehn war im Düster des Laubes. Darunter

nichts als ein besonders grüner, geschorener Fleck im Gras: das war das

Grab.

Hier dämmerte es schon. Renate sah die ganze Mulde kaum wahrnehmbar

übersprenkelt von den lila Flecken der Herbstzeitlosen. Sie sah, die

Augen hebend, den Himmel oben im Kranze der Wipfel wie einen ganz

seligen See von Bläue, überrieselt von güldenen Funken, und ein

einsamer, weißer Fittich, vergoldet, streckte sich hinein, als stünde im

Jenseits ein Engel. Dann empfand sie die Wärme hier, dunstiger,

feuchter, und auf einmal glühte ihr ganzes Gesicht.

Da stand zur Linken auf der niedrigen Anhöhe unter Kastanien der kleine

Tempel von Rokokochinesisch, aus Baumrinde und längst ohne Glöckchen;

langsam ging Renate hinüber und trat in das Innre, in dem nichts war als

ein Sessel mit verblichener, grünlich goldiger Damastbespannung. Renate

glitt hinein und fand, daß sie gerade gegenüber die Blutbuche mit dem

Namensschild hatte. Plötzlich entdeckte sie auf dem Fußboden den

plattgetretenen Rest einer Zigarre, erinnerte sich, daß der Herzog hier

oft gesessen hatte, und daß er nun auch tot war.

Für eines Augenblicks Dauer, angehaucht von den Toten, ward ihr das Herz

schwer, und sie fröstelte. Schwerer aber dann empfand sie ihr Haar,

zögerte noch eine Sekunde, löste Spangen und Nadeln, schüttelte den Kopf

und fühlte erfreut die Erleichterung der zum Rücken fallenden Last von

Zöpfen.

Aber nein, das war es ja nicht gewesen! Oder es war doch nicht genug!

Ihr Kleid war das Drückende, und sie glühte, und im nächsten Augenblick

hatte sie die ganze geringe Bürde der zwei Röcke und Wäsche von sich

gestreift und auf den Sessel gelegt, leise, als dürfe niemand es merken.

Sie legte Schuh und Strümpfe hinzu und ging dann halbgeschlossenen

Auges, die Hand um die linke Brust und mit dem unsicher weichen Gang der

ungewohnten Nacktheit im Freien, erst nur bis zum Türpfeiler, den sie

umfaßte, und an dem hin sie sich selber hinunterdrängte, sich hingleiten

zu lassen ins Gras.

Augenblicks durchrann ihren ganzen Leib ein magischer Schlag von solcher

Gewalt, daß ihr Herz stand. Dann lag sie angeschmiedet, hineingefügt in

die glühende Erde. Schon fühlte sie weit am Ende ihrer ausgebreiteten

Arme, so weit wie am Himmelsrand, ihre Hände schreckenvoll vergrößert,

und nicht Gräser, nein Gesträuche, nein Bäume wuchsen zwischen den

Fingern hervor, ihre Finger waren Wurzeln, sie dehnte sich, aus riesigem

Gewipfel über ihr stürzte Finsternis und Gold, da war ein gewaltiges

Gesicht, da brauste es aus ihren Fingern nach oben, reißenden Himmeln zu

und hinein, es brauste herauf durch die Arme zu den Schultern, daß sie

schmerzten. An ihrem Rücken war die ganze Erde, ein andrer, ein riesiger

Rücken, ein ungeheures Tier, das sie trug, hinwandelnd langsam durch

ungemessenen Raum, und dann war auch dies nicht mehr, wieder Ruhe, und

nur das langsame ächzende Drehen der Kugel, mit der sie eines wurde.

Unaufhörlich aus dem Himmel über ihr fielen blaue Stücke mit goldenen

Rändern und zergingen lautlos an ihr, aufbrennend in Flammen sonder

Asche und Rauch.

Ein Angstgefühl, das nicht menschlich war, ergriff sie jetzt. Sie lag

bewegungslos, sie wollte sich aufrichten, sich losmachen, allein

umsonst. Jetzt, dachte sie plötzlich, jetzt geht der Gott durch den

Wald, jetzt steht er im Tal, jetzt sieht er herauf! Sah er mich? Ach!

Unter dem qualvollen Zwange, sich aufzurichten, gab es in ihr einen Riß,

und langsam, erstaunend, erhob sich die sanfte, feierliche Seele aus

ihr, sah sich um ohne Bangigkeit, sah hinunter vom Gipfel des Gebirges

über das gewaltige Land, zu andern, schweigsamen Bergen voll Dunkel hin,

über den abendlichen Strom, über die ewigen Hügel von Grün; atmete das

Gold ein der regungslosen Lüfte, der unendlichen Abgeschiedenheit, und

sie erkannte mit einem Schluchzen, süß betroffen, ihre Heimat.

Dann saß Renate aufrecht und gewahrte deutlich drüben zwischen der

braunen Buche und der Fichte in der schwarzen Dämmrung ein weißes,

menschliches Gesicht, klein, sanft, ewig, -- und sie schrie auf aus

tödlich entsetztem Herzen: Ech-en-Aton!

Da begriff sie: der da kam, war Saint-Georges, aber das war ein und

derselbe! -- Und noch zitternd, übermenschlich sich wehrend gegen den

Kommenden, schmolz sie schon hin, schmolz hin zu seinen Füßen, lag hin

vor seinem Nahesein, und das Niegekannte, das Niegewußte, das

Niegeglaubte, das Gefühl über allen Gefühlen, seufzte sich los aus dem

Stein, nicht mehr Lust, nicht mehr Grauen, ein beides in ungeheurer

Majestät nur Dasein grenzenlos, Süße grenzenlos, und mit dem Herzschlag

des Wissens: es kam! und: es ist da! vergingen Leib und Seele ihr in das

strömende Schluchzen, mit dem sie ihn empfing.

Da rauschte nieder zu ihr alles Leben der Höhen und vereinte sich mit

den aufwärts stürzenden Tiefen. Über sie hin ging ein Regen von Küssen,

in dem sie sich löste, und sie war eine Wolke von Küssen um den Gott.

Bäume, brausend, warfen sich mit herunter zur Umarmung mit tausend

Zweigen; herunter zu ihr schmolz der Himmel, herunter taumelten Schwärme

von Gefieder, in unterirdischen Strömen ihres Blutes zogen Geschwader

silberner Fische noch stumm, Vögel mit Fittichen von Sternen bewegten

sich versuchend in ihrem Haar, auf und nieder wogten die Berge, wartend

auf das Zeichen zum Aufbruch, da stand das riesenhafte Einhorn

schneeweiß auf einer Silberzacke und senkte das Horn auf ihr Herz.

Eine Fanfare von Schmerz, ein ungeheurer Leib auf dem ihren, der sich

regte, und so zog durch ihren Schoß ein die Orgelbrandung des

himmlischen Sterbens. Noch verbrannte an der Berührung eines Mundes ihr

Mund zur zitternden Narzisse, und eines Schlages war die Stummheit aller

Kreatur aufgelöst in ihrer Umarmung zu schallender Harmonie. Es

lobsangen in den Höfen die Engel, in den Lüften die Vögel, hinschweifend

ohne Pfade, in den Bergen tönten die Erze, auf den Bergen die Wälder,

Gebrüll der reißenden Tiere in Tälern ward Gesang, Heerscharen der

Fische zogen musizierend nach Sonnenaufgang, und in Strömen und Quellen,

in Teichen und Wasserstürzen standen Orgeln und wandelten Harfen,

erklingend, erklingend, ewige Tage lang, bis aus dem unsterblichen

Abend, einsam, die Flöte des Hirten Frieden blies, über Dämmerung, durch

das Finster, und ein Stern ging auf.

Es war Nacht. Fremde Bäume rauschten gedankenvoll. Eine Kühle ging

nachdenklich aus dem schwarzen Dickicht hervor, breitete die Arme und

verhauchte schaudernd den Geist. Schonungsvoll zerfiel eine gealterte

Vollkommenheit. Das dunkle Tier irrte zackig umher. Langsam fielen

eisigklare, ruhige Tränen.

Helianth. Band 3 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene · 第 99 / 240 题