Von Georgs Hand geschrieben

Jener, vom bekannten Baron Münchhausen mit dem Schwanz an eine besondre

Eiche genagelte besondre Fuchs, als welcher durch Peitschenstreiche

veranlaßt wurde, sich zu entfernen, den durch Gewohnheit lieb gewordenen

Balg jedoch an Ort und Stelle zu lassen, ist eine immerhin wollüstige

Vorstellung für die ins Fell der Gewohnheit eingewachsene Seele. Denn

siehe da: nachdem es verwehrt ist, an _Ihn_ zu schreiben, dessen dreimal

geheiligten Namen der feurige Makkabäer zerriß und in die Winde streute,

-- was bleibt mir übrig, um den Tag zu ertragen, der sich inzwischen

anstatt bisher üblicher sechzehn bis siebenzehn Stunden deren

vierundzwanzig zugelegt hat? >Ein Rätsel ist Reinentsprungenes<, sagt

Hölderlin, zum Beispiel der Schlaf. Die meisten Menschen üben ihn bei

Nacht aus; ich nahm ihn in kürzlich erst sich verabschiedet habender

Zeit wie so eine besondre Arznei, alle Stunde einen Eßlöffel voll; aber

nun hat mir so ein besondrer Beelzebub von hinterlistigem Satan die

Flasche verstochen, und wo finde ich dieselbe? -- Meist schleicht er

sich abends herein, verabreicht mir einen Löffel voll -- damit die süße

Gewohnheit nicht schwinde! -- und bleibt für den Rest aller Stunden

unsichtbar. Was also bleibt mir? Ach: zwischen Leib- und Seelenonanieren

blieb dem Menschen nur die bange Wahl! Aber so sei sie gewählt, die süße

andre Gewohnheit des schriftlichen sich Niederlegens aufs platte

Plättbrettbett des Papiers: das Schreiben, nicht wegen der besondren

Unsterblichkeit, nicht wegen des süßen Pöbels, sondern ganz allein _sui

ipsius causa_, um des Schreibens willen! Es ist Wollust, der eigenen

Seele liebzukosen, zumal wenn sie leidet, und zugleich ist das Schreiben

so ein förderliches Purgativ, ein besondres Sieb sage ich besser, den

weichen Brei von Allerhand durchzurühren zur Beförderung der Erkenntnis.

Man denkt zwar in Sätzen, aber merkwürdig: gedachte Sätze haben nie

einen Punkt, und ein Punkt zwischen zwei Sätzen auf reinem Papier

scheint mir so was unendlich Haltbares, um so mehr, je länger man drauf

hat warten müssen.

Ich will einen Nachtspaziergang beschreiben. Die Menschen lassen einem

ja koa Ruh net, wie Cordelia selig zu sagen pflegte, also daß man nachts

auswandern muß wie die Rattenkönige, alle Seelenschwänze zu einem

gordischen verknotet. Übrigens denkt es sich besser bei Nacht, und kurz

und gut, beschreiben wir uns diesen wackern Knaben Telemach unter dem

paßlichen Motto:

Das Steuer führt' ein Jüngling unruhvoll,

Dem früh des +++ Rat und Hülfe schwand --

folgendermaßen:

Telemach erwacht wie üblich aus befristetem Halbschlaf. Er erseufzt,

legt sich auf den Rücken und öffnet, wach und keines Schlafes bedürftig,

die Augen in die Nacht. Bald darauf wird über ihm das graue Vieleck der

am Tage weißen Zimmerdecke sichtbar; er schiebt sich höher im breiten

Bett, erkennt die Schattenrisse der beiden hockenden Tiere, Adler und

Löwe, auf den Bettpfosten, dahinter die bleichen Streifen der

Fenstervorhänge und dazwischen das dunkle Rechteck der offenen Tür zur

Terrasse; dann auch die dunklen und großen Flecken der Schränke und die

weißen der Türen. Im Glase des Türflügels draußen glitzert es bläulich.

Telemach -- oder sagen wir kurz T.; kann auch wieder Topf heißen --

schiebt sich bis fast zur Rückwand des Bettes hinauf, sitzt in dem

großen Achteck des Raums und fröstelt. Draußen rasselt es eisern, der

Uhrhammer in der Höhe fällt hell schmetternd, ein Mal, dann ist alles

still. Halb zwölf. -- T. seufzt vermutlich wieder. Nun wieder die Nacht,

die ganze lange Nacht bis zum Morgen -- und was dann? -- Es wird heller

und heller um ihn, die dunklen Schränke sind nun körperlich sichtbar,

die Maserung, Kanten und Beschläge, und vor der Tür draußen ist die

graue Fläche der Terrasse erschienen und, dunkel im Zwielicht, der

Schattenriß einer großen Steinurne mit Früchten und Blättern auf der

Brüstung. Das ist besonders still.

Im Dorf schlafen die Bauern eng und heiß in ihren karierten Betten. Die

harte Weckuhr tickt durch die Schwüle, sie stöhnen im schweren Schlaf

und schnarchen. Eine Kuh brummt im Schlaf, ein Huhn gackert im Traum,

niemand hört den Spitz, der mit rasendem Geheul auf die Decke seiner

Hütte sprang, weil draußen Schritte hallten, und der Hund kriecht wieder

in seine warme Höhle, knurrt, muß noch einmal blaffen, dreht sich um

sich selbst und fällt hin.

T. sitzt und wacht, lauscht. Die Nachtstille singt in seinen Ohren, es

rauscht leise im Park, die See ist nicht zu hören.

Hier, denkt er, lag einer des Nachts, und wie oft wohl wachte er auf und

glaubte über sich Schritte zu hören, ruhelos, ruhelos, so leise, ein

Huschen, hin und her streifend, hin und her ... T. lauscht, alles bleibt

still, er sieht den Schatten einer Hyäne, den hochgebogenen Rücken,

schieftrabend in der Finsternis, nun funkeln grünlich, bläulich die

Lichter, er hört die Pfoten trotten, er riecht ... Das war Mama, denkt

er matt und gespenstisch, das war Mama ... Zwanzig Jahr Pein und

Sehnsucht und Gänge, Gänge im Finstern, und dann -- nichts mehr; der

Tod. -- Wie ich damals, denkt er, meine Gedichte fand ... Mein Sohn war

klein, und nichts verstand ... Und sie lag und lächelte grade genug.

Wenn man nachgrübe und den Sarg öffnete, würde man ihr Lächeln

unversehrt darin finden, -- und das war ihre Genugtuung, so viel zu

lächeln. -- Die Umrisse der Insel erscheinen ihm finster, die Bäume, er

sieht ein bleiches Gesicht unter der Buche liegen wie eine Maske, es

lächelt, oben saust der Herbst und reißt Blätter aus den Kronen, sie

fährt fort zu lächeln; der Winter deckt alles zu, sie lächelt fort; im

Frühling liegt ihr Lächeln unter dem ersten Krokus, den langen Sommer

lang lächelt sie fort, ganz für sich allein ...

T. fröstelt, rutscht wieder tiefer im Bett und steckt die Arme unter die

Decke. Es waren viele Tote. Esther -- Sigune -- Cordelia -- Mama ...

Alle schon wieder weit fort, und gelernt hatte er nichts. Nur der Eine

... T.s Brust schmerzt.

Warum lebe ich noch? Telemach stellt sich wieder einmal vor, er läge

begraben. Alsbald erscheint auch der Platz in A., die Bahnen fahren,

Menschen eilen kreuz und quer, die Spiegelscheiben der Auslagen

glitzern, aber es quält nicht mehr wie vor einem halben Jahr. Es war

niemand mehr da, von dem es schmerzlich wäre Abschied zu nehmen, oder

ihn lebend zu denken, beschäftigt wie immer, während man tot ist ...

Renate? -- Er fühlt sie nicht mehr.

Ich sollte wohl, denkt Telemach, ein Ende machen. Aber da ist zum

Beispiel das Land. Brauchte es ihn? Jener Birnbaum würde ihm schon einen

besondren Telemachschwung versetzen. T. sieht den stämmigen Mann

aufgeregt im Zimmer hin und her laufen, eine Hand im Ärmelloch der

Weste, fuchtelnd mit der Zigarre in der andern, niesend und prustend,

und er schreit: Und wenn wirs so einrichteten, daß es an Preußen fiele,

-- no -- was denn? no? was denn? T. wußte es nicht. -- Hatn dazu dein

Vatter sich sein Lebtag abgerackert, un dein Großvatter, un dein

Urgroßvatter vielleicht? Du bistn Literat, Hoheit, du hast gar keine

dynastischen Gefühle, nee, aber gar keine! -- T. lächelt und bestreitet

es schweigend. Ich wills ja versuchen, beschwichtigt er sich selbst, ich

bin nur so müde und innerlich kraftlos. Die Länder sind so gut im Stande

... Das heißt Beuglenburg? Und sie würden Schley dort nicht sitzen

lassen, diese Preußen. Ach, nun kamen die Wahlen! Früher war die

Sozialdemokratie unter der Hand unterstützt, und -- und ... T.s Kopf tut

ihm weh. -- Ich kann noch nicht, ich kann noch nicht! -- Er wälzt sich

fieberisch und atmet beklommen. Es ist, denkt er, wieder die alte Angst,

wie in Berlin. Berlin war nicht schuld, sondern mein eigenes Krüppeltum.

Punkt. Toter T. punkt.

Er schleudert die Decke von sich, zieht die Schlafschuh an die Füße und

hockt schlottrig auf dem Bettrand. Es ist nun ganz hell umher, dämmrig,

doch alles deutlich erkennbar. Den Kopf drehend, sieht er über sich,

überm Kopfende des Bettes die Figuren des Bildes Emmaus, den

einfallenden Lichtstrom, am Tische Christus und die erschrockenen

Beiden, dahinter die Nacht.

Ja, denkt er verwirrt, ich kam zu allem zu spät.

Er schlürft eilig zur Glastür, friert im Kalten, lehnt sich an den

Rahmen und raunt: Was soll man denn tun? Man fährt ins Dasein hinein mit

feuriger Schnelle, findet alles vorbereitet und ist es von Ahnen und

Urahnen her gewohnt, eh man es besitzt. Da erkennst du dich selber, aber

schon steckst du so tief im Gewohnten, daß kein Riese dich ausreißt.

Wenn ich Verse machen will, und wäre ich Hölderlin, ich müßte anfangen

wie Schiller, und zehn Jahre danach merke ich vielleicht, daß Sprache

des Verses und Sprache des Umgangs voneinander so verschieden sind wie

der Vogel vom Fisch. Ich kleide mich, rede, lache, fahre, spiele, lerne

wie die Andern, und längst bin ich in zehntausend unlösliche

Zusammenhänge verstrickt, und dies -- ach dies wird die letzte Not sein,

daß man an Tausenden hängt und nicht steht, und Tausende hängen an mir,

und ich komme nicht los zu mir, nicht los zu mir ...

Ganz hell aus der Tiefe klagt jetzt ein Kinderweinen, schauerlich

anzuhören, und T. zuckt merklich. Ein Gespenstergelächter folgt, ganz

schnell: Hahahahaaa! und wieder das plärrende Weinen. -- Kauz in der

Nacht, End ehs gedacht! -- Stille liegt die Terrasse, stille stehen die

mächtigen grauen Urnen, besonders, verhaltenen Lebens, atmen, auch die

Steinplatten atmen, Schlaf oder das Schweigen ... Über dem schwärzlichen

Gewipfel des Eichwaldes quillt ein bleiches, silbriges Scheinen im

Himmel, ein wenig tiefer muß die Mondsichel sein. Emporblickend sieht

Telemach wenige, schwach flimmernde Sternlichter im Dunste der feuchten

Nacht. -- >Schaudernd unter herbstlichen Sternen -- Neigt sich jährlich

tiefer das Haupt ...<

T. macht Licht, geht mit geblendeten Augen ins Ankleidezimmer, erhellt

es und legt eilig das für morgen zurechtgelegte Unterzeug,

Schnürstiefel, Reithosen und Ledergamaschen, eine braune Lederweste mit

Ärmeln an, windet einen grau und grünen Schal um den Hals, fährt in den

Rock und fühlt sich einen Augenblick warm und behaglich. Nachdem er das

Licht gelöscht hat, geht er leise über die Terrasse in den Garten hinab.

Unschlüssig unten stehen bleibend, zum Hause zurückgewandt, findet er

sich plötzlich sehr klein und einsam im Hof der drei mächtigen Fronten

mit langen Fensterreihn und kalkweißen Mauern. Unendlich schweigsam und

hoch steigen die zwei weißen, schwarz behelmten Türme auf den Ecken in

die Dunkelheit; das Ganze, hell und doch seltsam verdüstert im

nächtlichen Licht, atmet eine tiefe Gewalt aus, liegt da, ruhig in sich

selber, bedrohlich für ihn, der sehr klein ist. Unbekümmert scheint es

seine dämmernde Seele bei Nacht zu enthüllen; es dehnt sich, atmet

vielfach, sammelt Essen und Fenster, Türme und Dächer, Simse und Mauern

in eine strotzende und alte Gesundheit und ist immer bereit zu dauern.

Heiliges Kindheitsland, wo bist du? zieht es da schmerzlich durch seine

Brust. Jählings ist das Haus umnachtet und fremd, und er geht davon, den

Kopf gesenkt, verloren in alte Erinnerungen.

Denn zum Beispiel was tun wir inbezug auf unsre Kindheit? Heraus reißen

wir uns an den Haaren, ganz genau wie eben jener Baron Münchhausen sich

an den Haaren zerrte aus dem Sumpf mitsamt seinem Unkas, bloß daß sie

kein Sumpf ist, diese Kindheit, sondern -- das Paradies. Geschah es

nicht hier? T. wendet sich vermutlich und murmelt, den dämmrig

erkennbaren Weg durch das Eichenwäldchen hinunter blickend: Weiß ichs

nicht, als wärs heute gewesen? Hier auf der Terrasse brannte der bunte

Lampenschirm und saß Bogner; und dort unten am Gatter stand ich, wußte

nicht, was fort war aus mir, und war selber stillschweigend fortgegangen

aus meiner Kindheit zu Annas Bett.

Da zwingt er sich mit Gewalt durch den Spalt zu einem kindlichen

Aufenthalt.

Der Kaufmann in Böhne hieß Sengstaak, ein Name, den ich als Junge

niemals aus dem Gedächtnis in die Luft schreiben konnte. In allen Ferien

einmal war eine Monatsrechnung zu bezahlen, das tat Onkel Salomon selber

und nahm uns mit. Im Laden war die Diele mit weißem Sand bestreut, durch

eine geriffelte Glasscheibe sah man Herrn Sengstaak an einem Stehpult

schreiben, und wir zitterten, er möchte nicht merken, daß wir da waren,

denn dann bekamen wir ja keine Cakes, und einmal gab sie uns der

Ladendiener, aber das war längst nicht so schön. Kisten standen da mit

eingewickelten Apfelsinen, Fässer mit Mehl, mit Margarine, mit Butter,

Kisten voll Eier, und wie war alles dauerhaft und dick, die Holzgriffe

an den Schiebladen und die hölzernen Schaufeln in den Erbsen und Linsen.

Über dem Tresen -- ja, da wurde womöglich auf dickem blauen Papier ein

Zuckerhut zerkleinert, ach, wie war das alles besonders und reichlich

und solide! Und oben war es dunkel von ganzen Bündeln in Lagen

zusammengeschichteter Tüten, rechteckiger und spitzer, brauner, blauer

und roter, und sie hatten alle ein schwarzes Wappen als Aufdruck

zwischen zwei wilden Männern. Ja, vor der Tür, da war ja der mächtige

goldene Mohr mit bunter Federnkrone und einer Zigarre zwischen den

Wulstlippen. Aber über den Düten, noch höher, war es finster wie ein

Gewitter, von tausend Würsten und Schinken, und wie das roch nach

Rosinen und Gurken und Vanille und Gewürznäglein, und geheimnisvolle

Leitern lehnten im Winkel oder wurden von kleinen neugierigen Jungen mit

wasserblanken Haaren schwierig hin und her getragen. Dann kam Herr

Sengstaak aus dem Kontor, das ich nachher in Soll und Haben wiederzusehn

glaubte; er hatte ein rotes längliches Gesicht, kleine Augen und Falten

unter dem Kinn, rieb sich die Hände und sprach unverständlich mit

eigentümlichen Bewegungen des Kinns. Er beugte sich über den Tresen,

griff Anna und mir mit großer Hand unters Kinn und holte, während er

immerfort mit Onkel Salomon sprach, einen der großen blechernen Kasten

mit Cakes herunter und hielt ihn uns offen schräg entgegen, und jeder

nahm einen kleinen Cake heraus, aber das war nicht alles. Nun wurde ein

großer, brauner Papiersack abgerupft, und wie wundervoll war das, wenn

Herr Sengstaak mit dem einen Arm hineinfuhr, mit der andern Hand die

eine Ecke weich eindrückte, dann ganz leicht die Tüte herumwarf und die

andre Ecke einknickte, und dann kam ein Blechkasten nach dem andern

herunter, und die Tüte wurde voll -- nicht ganz bis oben, es blieb noch

genug Papier, das dann auf wundervolle Art zu parallelen Streifen

zusammengelegt wurde, und dann wurden sie nach innen umgeknickt und

festgedrückt, das Paket auf die Seite hingelegt, und dann kam Bindfaden

aus einem verblüffenden Ding heraus, und das Paket flog links herum und

rechts herum, und der Bindfaden schlang sich darum, es war herrliche

Zauberei, ein Holzknebel war mit einmal da, wurde in die Schlinge

geschoben, und dann wurde es mir überreicht. Dies war unser heiliges

Recht, Kekse -- wir sagten Kekse -- von Herrn Sengstaak, aber eine Sorte

war dabei, die mochten wir nicht, die hießen Dextrinkeks, denn so

schmeckten sie, und die kriegte Mama.

T. denkt hierauf gebeugt, er müsse damals unmenschlich glücklich gewesen

sein, daß all dies sich ihm eingebrannt habe, wovon er damals doch

nichts wahrnahm, denn immer war er ein blinder Junge und hatte niemals

etwas gesehn, wenn er gefragt wurde. -- Oder ist das ganze Glück

wirklich dieser Augenblick, wo ich es so brennend wieder fühle?

Er fährt leise zusammen, da er am Weiher steht, gegenüber der Insel,

keine fünf Schritt von der Brücke. Die Bäume rauschen und bewegen sich

ernst, beklommener atmend geht er zur Brücke, bleibt stehen und

flüstert: Hier schläft Mama ... Er geht hinüber, achtet darauf, daß

seine Füße leise sind, taucht ängstlicher in den finstern Gang zwischen

Buschwerk, tastet sich langsam hindurch und tritt ins Freie der leicht

übernebelten Lichtung. Drüben, über dem weißlichen Gewoge wölbt sich die

schwarze Kuppe der Trauerbuche; auf einmal ergreift ihn schaurige

Furcht, sie könnte dort liegen, unter dem Baum; nicht sie, ihr Gesicht,

das Lächeln; nicht ihr Lächeln, Cordelias ... Und er geht mit

knisternden Haaren und schlagendem Herzen hin und bleibt, drei Schritte

vom Stamm entfernt, stehn. Auf dem grauen Oval glänzen leise doch

sichtbar die beiden Worte: Helene -- Herzogin.

Hier unter ihm steht ein Sarg, liegt eine Tote, ein Mensch, -- wie war

es doch möglich? Er wendet sich schaudernd. -- Etwas läuft in die

Lichtung hinein, bleibt still, läuft hierhin, dorthin, schnüffelt

vernehmlich, ein Igel. Heftiger zitternd faßt er in das Gezweige über

seinem Kopf, ein Blatt bleibt in seinen Fingern, sein Arm fällt herab,

er zerknittert es und fühlt es feucht; in weiter Ferne kräht ein Hahn.

-- Sie schläft, flüstert er besinnungslos, dann sinkt er langsam in die

Kniee, bückt sich, harkt mit der Hand im Gras und flüstert: Mutter!

Mutter! hilf mir doch! Mutter, dein Sohn ist doch da! Ach, sag doch

nicht, daß es zu spät ist, sei nicht hart, ich kann ja nicht mehr, ich

kann, kann, kann ja nicht mehr! -- So wimmert er eine Zeitlang, dann

liegt er plötzlich still und steht auf. Seine Hände, sein Gesicht sind

naß, er trocknet sich mit dem Schal und geht davon, schamvoll und doch

erleichtert. Er horcht stehen bleibend zurück. Sie war entsetzlich

einsam dort ... Er schüttelt den Kopf und geht weiter, durch den Gang,

über die Brücke, am Weiher hin und den dunklen, beschatteten Weg hinab

unter dem schwarz und zerrissen herabhängenden Laubwerk der Eichen.

Dort steht er und denkt wieder. Ja, was dachte er wohl? Er dachte nicht

-- denn das denke vielmehr jetzt ich: welch eine wonnevolle

Erleichterung es für mich ist, einmal die ganze Last des Daseins auf

diesen vorgespiegelten Telemach abzuwälzen und daneben zu stehn und es

immerhin begreiflich zu finden, daß sie ihn quält. -- Sondern er dachte

vielleicht oder empfand die Höllenqual der zu späten Einsicht. Die

furchtbar ironische Bitterkeit der Erkenntnis, daß alles, was heute ist,

seit Jahren sich vorbereitete, daß es in all und jedem Denken, Planen

und Handeln schon war, -- oh ja:

Was vom Menschen nicht gewußt,

Oder nicht bedacht, (!!!)

Durch das Labyrinth der Brust

Wandelt in der Nacht.

Und weiter, daß nun mit der Erkenntnis alles ein Ende nahm und nur sie

noch ist, und kurz und gut: die Schuld selber nur noch. Schuld, nichts

als Schuld, an jedem Fleck, auf jedem Schritt; Schuld jeder Weg, jede

Bewegung, jede Aussicht und jeder Stern; Schuld jeder Bissen und jeder

Atemzug, und kein Gedanke mehr, kein Ausblick und keine Möglichkeit mehr

zu etwas Neuem, -- nirgend ein Anfang, nur das Dickicht.

Und dann versucht er es wohl, dieser T., und stellt die bekannten

Figuren zum tausendsten Male auf, und eiskalt vor rasendem Wissen der

Unabänderlichkeit will er sie doch zwingen mit Zauberei, daß sie sich

anders bewegen, als sie taten, aber immer steht hier Magda und drüben

Cora, hier er selber und da Sigurd und da -- ER, und wenn er sie auch

zwingen kann, steif dazustehn wie die Puppen, so erreicht er doch

niemals, daß er selber es ist, der die erste Bewegung macht, oder

Sigurd, sondern immer, immer ist es die Furie.

Und seine Stirn bedeckt sich mit Schweiß, die Figuren schwinden

erlöschend, als würde ein Bühnenlicht abgedreht, im Finstern, und er

denkt nun:

Daß er seine Schuld am Ende vielleicht übertrieb. Etwas scheint nicht zu

stimmen. So viel kann ja ein Mensch nicht schuldig sein. Oder er könnte

es allenfalls sein aus bösem Willen, aus angeborener Ruchlosigkeit, wie

man gebürtiger Raubmörder sein mag, oder Muttermörder. Er selber aber,

er soll dies Gebirge von Schuld über sich gewälzt haben aus keinem

andern Grunde als: _weil er so war_!?

Worauf er dies Rätsel bis zum nächsten Mal sich selbst überläßt und sich

weiterbegiebt. -- Oh die Nacht ist noch lang!

Krähte nicht, denkt er, soeben ein Hahn? Hähne krähen im Schlaf. Aber

ach, wie konnte er es nun wieder aufsteigen lassen fontänenhaft!

Frühmorgens in der Kindheit, das Krähen der Hähne, heiser, krächzend,

und hell schmetternd, ferne und nah. Sonntag war anders als die andern

Tage, obgleich doch an keinem Schule war in den Ferien. Die Straße unter

den Fenstern, die Felder daran, das Dorf in der Frühsonne, alles sah

gleich anders aus, feierlicher wohl und viel stiller. Man hatte einen

schneeweißen Anzug an und ein weißes Kleid mit zwei Hände breiter

blauseidener Schärpe. Du lieber Gott, wie hoch war damals eine

Roggenwand! Wir verschwanden uns, wenn wir vorsichtig kaum

hineintauchten, um eine Kornblume herauszuholen oder eine violettrote

Rade, die ich liebte, weil sie so geometrisch waren: vier lange grüne

Blattspitzen genau in den Einbuchtungen der kleinen Kelchblätter. Der

Sandweg in der Sonne wie hell! Unsre Schatten, ganz dick und kurz und

mit ungeheuren Kreisen von Hüten, schoben sich voraus, ach jedes

Staubkorn wie hell, die Steine im Staub, jeden einzelnen könnt ich

beschreiben, denn ich liebe ihn, Brocken von rotem Klinker, halb vom

Sand verschüttet, und die Krusten der Wagenspuren, und scharfe

Chausseesteine, mit denen man gut schmeißen konnte, und runde,

geschliffene von der See, und dann die großen, weiß übertünchten

Steinbrocken am Wegrand, -- ach, nur Steine, und was hatten sie Leben

damals und Bedeutung! An diesen weißen kletterte aus der Grasnarbe die

vielköpfige kleine Schlange der Winde mit schönen, sehr weißen

Kelchhäuptern; rote Kleepflanzen wuchsen da, es waren kleine grüne Oasen

von niedrigem Dreiblätterklee, und wir suchten bei jeder ein Weilchen

nach einem Vierblatt. Immer schien die Sonne, nur damals schien die

Sonne, ein einziger Vormittag war so lang wie ein Sommer von heut, und

dann hörten wir die Lerchen. Oh die Stille nun, diese Stille überm

singenden Korn, und in der Stille überall, unaufhörlich, immer wieder

anschrillend, ganz hoch oben das Lerchengetriller, immer mit neuem

Anlauf: ziziziziziziiih! ziziziziziziiih! -- Und insgeheim glaubten wir

doch immer, daß die Lerchen im Korn säßen, wir sahn uns die Augen blind

im flimmernden Blau, aber niemals haben wir eine Lerche gesehn. -- Dann

kam --

T., denke ich mir, findet sich jetzt am Gatter, das, hell im nächtlichen

Licht, als habe es ihn lange erwartet, ihn unsichtbar ansieht aus dem

grauen Holz seiner Stangen. Er lehnt sich darauf, sieht oben am Himmel

die dünne Mondsichel im Fahren leicht durch das fließende weiße Gewölk

schneiden, sieht die dunklen und doch erhellten Wiesen und die schwarzen

Linien der sich kreuzenden Hecken, aber -- -- aus dem schwindenden

Dunkel dieses Grundes flattert ein Kohlweißling taumlig den glühend

heißen Sandweg hinunter, hin und her über die Wagenfurchen, den Hügel

hinauf, -- er hört Annas schreiendes Lachen und sein eignes, atemlos

hinlallend, wie er später Jungens hat lachend rennen sehn, im Laufen

zusammentaumelnd, lachend nur Lachens wegen, laufend nur um zu laufen,

-- und dann liegt man da, der weiße Anzug sieht bejammernswürdig aus in

einer braunen Staubschicht, aber -- T. schreckt auf, da wiederum, jetzt

gerade über ihm gellend und überlaut das Gelächter schallt, mauzt und

weint. Er öffnet das Gatter und geht hastig den getretenen Pfad über die

Wiese zum Knicktor; das senkrechte Brett über den Stufen sieht ihn wie

das Gatter aus dem Dunkel mit seltsamem Glanz verhaltenen Lebens an, in

sich geduckt wie ein ertapptes kleines Tier, das aber keinen Angriff

befürchtet, denn es ist umgänglichen Charakters. Telemach aber bleibt

stehn und heftet ihm eine Erinnerung an. Hier leuchtete Annas Haar über

der Dämmerung, und sie sagte: Ach, es ist himmlisch! -- Das Kind, das so

sprach, habe ich niemals wieder gesehn ...

Beim Ersteigen des Deiches fällt er hintenüber, muß sich nach vorn

werfen und erreicht auf Händen und Füßen im nassen Grase die Höhe, wo er

sich zu tiefem Erstaunen über einem totenstillen weißen Felde befindet,

-- Nebel, weißem, lautlosem, regungslosem Nebel, der die ganze See

bedeckt. Nur tief unten, am Fuß der Deichmauer, sind die schwarzen

Pfahlköpfe der Buhne zehn Schritte weit sichtbar, dann ist nichts mehr

als Nebel.

Oben am Himmel segelt die bläuliche Mondsichel durch weißes Gewölk. Die

Tiefe aber zieht T. besonders an, er setzt sich und klettert mit

Absätzen, Händen und Gesäß die schräge Mauer hinunter, springt auf

festen Ebbeschlamm, zaudert und schreitet in den Nebel hinein.

Es ist tiefe Ebbe. Der Mond wurde zu einem bleichen Fleck im Nebel, der

alsbald über ihn hinzog; er geht selber in einem dunklen Kreis, der

Nebel bleibt stets ein wenig vor ihm, zurückgehaltenen Scharen sehr

zusammengedrängter Gestalten ähnlich, die sich manchmal bewegen, nicht

einzeln, sondern stets im ganzen. Jetzt wird der Boden weicher, und

jetzt -- da ist Wasser, er riecht, er fühlt es. Was sitzt denn dort?

Kleine, dunkle Gestalten hocken ... Ach, hier sitzt der Tütvogel im

Nebel am Wasser und schläft, -- zwei, drei kleine Gesellen. Nun bewegt

sich einer, ein grauer Schatten schwebt, -- auch der andre, der dritte;

Flügel rauschen leise, sie sind verschwunden, und gleich darauf fällt

ein leiser, klagender Schrei von oben. -- Wie die Seelen am Acheron im

Nebel ... denkt Telemach. -- Es plätschert. Hier ist Gewässer, hier,

ungeheure Meilen weit die tiefe See, satt von einer Menge Land, das sie

eingeschlungen hat, Marschland und die Inseln und Halligen, Frauen und

Kinder, Kirchen und Gehöfte, Rinder und Schafe, Eichenwälder und die

langen Deiche. Es gurgelt im Schlick, die Flut regt sich. T. fühlt seine

Sohlen langsam einsinken, dreht sich genau um und geht zurück. Er geht

rascher als beim Kommen, etwas kommt hinter ihm her und macht ihn eilig,

sein Herz klopft, wie lange dauert es bis zum Deich! Er läuft fast und

läuft so, erleichtert sich auslachend, gegen die mannshohen Buhnenpfähle

von der Seite, ein Zeichen, daß er doch schief gegangen ist, worauf er

die Deichmauer wieder hinanklettert und oben weitergeht. -- --

So, ja so war es in jeder Nacht. In der letzten aber war auf einmal ein

rotes Licht über dem Nebelfeld. Ein Schiff? im Nebel so nah? Unmöglich.

Ja, wohnte denn jemand auf Hallig Hooge? -- Das Licht blieb,

unverrückbar, stille scheinend über das Nebelmeer. Hallig Hooge lag

dort.

Hallig Hooge, dachte Telemach, wir durften niemals dorthin. Wenn wir mit

Onkel Salomon segelten bei Landwind, sahen wir die grüne Insel vom

weiten, und er tat uns wohl den Gefallen, herumzufahren und uns das

gewaltige grüne Gebirge der aufgetürmten Deichmauern sehn zu lassen,

einen Baumwipfel niedrig darüber und den roten, plumpen Rundturm der

alten Sternwarte auf dem Norddeich. Olesland ... Wie mochte doch der

Name Hallig Hooge aufgekommen sein, nachdem vor Zeiten nur die winzige

Grasoase so hieß, die landeinwärts davor lag? Einmal beim Kreuzen auf

der Rückfahrt sahen wir das langgestreckte Haus mit schwarzem Strohdach

auf der Wattseite, wo es flach und offen war, und kaum noch sichtbar in

der steigenden Flut das wallende Gras von Hallig Hooge. Olesland,

erklärte Onkel Salomon geheimnisvoll, darf keiner mehr sagen. Er verriet

uns nicht weshalb, er war nicht für Schauergeschichten, wir bettelten

umsonst, denn Olesland und Hallig Hooge -- beides klang so schaurig!

Aber Domina verriet allerhand. Auf Hallig Hooge war Großvater gestorben,

und der Urgroßvater war da umgekommen; es schien beinah ein Schicksal,

und ich habe als Junge manchmal nachgedacht, ob -- jemand -- auch dort

sterben müßte. An mich dachte ich damals noch nicht. Und Domina erzählte

vom >Dränger< ...

Im Herbst, wenn die Nebel kamen, durfte man nicht an der Außenseite des

Deiches gehn, wenn Ebbe war. Denn dann kam der Dränger. Auf einmal

erschien eine Gestalt im Nebel, seitwärts, oder auch zurück, am Deich,

und man entsetzte sich. Ja, da konnte man wohl rufen, wer hörte das?

Damals, als der Dränger noch umging, war Oles--, war Hallig Hooge noch

ganz vom Deich umschlossen, ein Inselbollwerk, das sich gegen die See

hielt, eine kleine halbe Segelstunde vom Land, -- aber merkwürdig, zu

sehen war es nie, bei keinem Wetter. Domina sagte, das läge an der

Spiegelung. -- Anno Sechzehnhundertvierundneunzig, die große Flut ... Da

verschwanden drei große Inseln und siebenzehn große und kleine Halligen

spurlos in der See, Hallig Hooge aber hielt stand. -- De ole Graf --?

Nach ihm mußte die Insel Olesland genannt sein, aber gerade über ihn

fand sich in der Chronik nicht eine Spur. Er muß ausgerissen sein aus

dem Gedächtnis wie Olesland, -- ja, von wem hörte denn überhaupt ich den

Namen? Es muß doch wohl Domina gewesen sein. -- Ja, damals also hatte

Hallig Hooge noch sieben Hügel, die nach den Hügeln Roms genannt waren

von einem gelehrten Mann, -- wie hieß er noch? Archivarius Pontifex,

Brückenbauer, Silas Pontifex hieß er. Auf dem Palatindeich stand der

Deichhauptmann und rief alle seine Teufel zu Hülfe gegen die Flut, aber

das half ihm nichts, Aventin und Esquilin und Palatin wurden

nacheinander weggerissen, und als der Palatin stürzte, warf

Deichhauptmann Waldemar Montanus sich kopfüber hinterdrein. Danach war

die See gesättigt und zog sich zurück, aber im Abrollen brüllte sie noch

einmal auf und nahm die ganze Wattseite mit fort samt dem Cälius. Ja,

damals hörte das Watt auf, Watt zu sein, die See mit ihren Heeren ging

geradewegs das Festland an und hämmerte auf die Deiche, -- bloß nach

einigen Tagen kam Hallig Hooge zum Vorschein wie eine Nachgeburt des

Unheils, der Name Olesland verschwand, und Waldemar Montanus ging dort

um und drängte die Menschen in die See. Auf den noch übrigen Hügeln

starben die Bewohner aus, Viminal ... ja, Viminal und Quirinal und

Capitol müssen sie ja wohl heißen. -- Die See fraß einen nach dem

andern, beim Fischfang kamen sie um, manche auf ganz fremden Meeren mit

großen Schiffen, Waldemar Montanus paßte auf, -- er lockte ja auch den

fremden Reisenden zu sich, anno Siebzehnhundertneunzehn soll es gewesen

sein, der nicht an den Dränger glauben wollte, -- in der Chronik stand,

daß es viel Aufsehens erregt habe, denn damals war doch die Wattseite

schon offen; aber die Leute sagten, in den Nächten, wo Waldemar Montanus

sich zeigte, wäre die ganze Insel wieder wie einst, der Deich ringsum

geschlossen, und der Dränger, gegürtet mit Grauen, ließ den Furchtsamen

nicht an den Deich, er mußte tiefer und tiefer in den Nebel hinein, am

Ende kam das Entsetzen, und er rannte in die steigende Flut ...

T., besonders durchschaudert, erschrak vor einem riesigen, schwarzen

Schattenkoloß, der plötzlich vor ihm stand. Aber es war nur Lornsens

Mühle, und sie war gar nicht so nah, mindestens hundert Meter

landeinwärts stand sie auf ihrem Hügel, auf ihrem weißen Unterbau, zwei

schwarze Flügelarme mächtig drohend in Lüften. -- Da unten in den Wiesen

lief Jason al Manach heran, Magda lag dort in ihrem hellroten Kleid ...

T. gewann sich wieder in dem Gedanken, daß unmöglich dieser immer

gleiche, liebliche, freundliche Jason wie ein Don Quixote die Mühle

attackiert haben könne, -- doch konnte er lange die Augen nicht abwenden

von der unsichtbaren Stelle in der Dunkelheit, wo sie gestanden hatte

und geschossen, dann umfiel und vor ihm lag, als wäre sie selber

getroffen ...

Langsam erlosch alles in T.s Hirn, während er sich umdrehte und wieder

das rötliche Licht über der Schneefläche des Nebels gewahrte. Wer hauste

denn dort und hatte ein Licht brennen mitten in der Nacht? -- -- Georg,

der Astrolog, hatte ein furchtbares Bollwerk von Deichen und Buhnen aus

Hallig Hooge gemacht, hatte die Sternwarte bauen lassen, das Jupiterhaus

für sich selbst auf dem Capitol und das Gesindehaus auf dem Viminal oder

wie er nun hieß (ich entsinne mich eines Plans der Insel, sie hatte

Bollwerke wie eine Festung, Bastionen und Vorsprünge und über vierzig

Buhnen bei einem Umfang von einer guten halben Gehstunde). Niemand

wollte wissen, wie er gestorben war. Er hauste einsam mit seinen

Sternen; mit dem Tage, wo Trassenberg seine Selbständigkeit verlor,

verschwand er dorthin, sein Sohn kam jung um, der Enkel starb wieder auf

Hallig Hooge, -- seit -- -- achtzehnhundertfünf --, ja, fünfundsechzig

war es wohl, war Hallig Hooge unbewohnt geblieben. Dann bin ich wohl an

der Reihe, dachte Telemach erbebend, und das Licht ist nur da, um mich

zu erinnern und zu rufen ...

Er schüttelte alles ab. Ich frage morgen Birnbaum, was es mit Olesland

ist, und dann fahre ich selber hin, sagte er sich im Weitergehn, die

weiße, chaussierte Straße hinunter neben der Pappelreihe. Doch hatte er

es nun eilig, wieder ins Haus zu kommen, stockte nur einmal im Hofplatz

vor dem Verwalterhaus, da der Wolfshund lautlos auf ihn zusprang, aber

er ließ sich leise knurrend streicheln und ging wieder davon, T.

nachsehend, der durch den Heckengang das Rasenoval erreichte und bald am

Fuß der Terrasse stand, wo nichts sich verändert hatte, -- doch, die

Urnen warfen nun Schatten, sah er im Aufwärtssteigen, und da war ja ein

Lichtfaden im Laden! -- Onkel Salomon war noch an der Arbeit. T. war

besonders gerührt. Indem er die Uhr zog, schlug über ihm der Uhrhammer

einmal an; es war halb zwei.

Er schloß leise die Tür zum Vogelsaal auf, wandte sich im Dunkel nach

links, stieß, vermut ich, schmerzlich mit den Schienbein an einen Stuhl

und erreichte die Tür. Leise öffnend trat er ein.

An der langen Wand der Aktenregale brennt die elektrische Lampe unter

ihrem grünen Blechtrichter und überstrahlt den Wust von Papieren,

Aktenstößen und Mappen und Glanzpapierdeckeln, rot und gelb und blau.

Davor, den grauen Kopf auf dem rechten Arm, der auf der

Schreibtischplatte liegt, schläft der alte Salomon; der linke Arm hängt

herunter, zwischen zweitem und drittem Finger steckt die erloschene

Zigarrenhälfte. Der papierne Berg über ihm scheint sehr sorgsam auf

seinen Schlaf zu passen, -- das Hörrohr über dem Telephonapparat ruht

still wie ein Kahn auf hoher See, in der Nähe schwimmt als Boje,

braunglänzend, die runde Platte der Briefwage. -- Ja, nun braucht es

Posaunentriller und Böllergeheul, wenn er nicht von selber aufwachte.

Der alte Mann atmet laut und tief. T. geht, aus Ehrfurcht mehr als aus

Vorsicht, leise über den Teppich zu ihm hin, gerührt und beschämt seine

Krankheit verwünschend, und hat, als er sich über den Schläfer beugt,

das Gefühl, dies dünn emporstehende, lichte Haar, durch das die Kopfhaut

glänzt, so daß er die Haarschatten hätte zählen können, küssen zu

müssen. Es geht so nicht weiter, denkt Telemach, aber Mentor läßt sich

ja nichts aus der Hand reißen, und wie soll ich wissen, wer die Arbeit

machen könnte, wenn er mirs nicht sagt? -- Unter dem Arm des Schlafenden

sehen gelbe Foliobogen hervor, ein weißer zuoberst, Telemach kann lesen:

M. H.! Im Auftrage und in Stellvertretung Seiner Königlichen Hoheit und

so weiter erkläre ich hierdurch den Landtag für wieder eröffnet ... Ach

so, denkt er, Xylanders Vorlage zur Begutachtung ... Er klappt das Blatt

in die Höhe und entziffert die kaum leserliche Bleistiftnotiz: Entw. z.

Umw. v. T. i. prov. Landesdir. n. br. M. -- Was? Das hieß -- --, ja, das

hieß? Er wollte Trassenberg in ein Landesdirektorium nach

brandenburgischem Muster verwandeln ... Keine üble Idee, das würde

allerhand Entlastung geben. Die ganze Verwaltungsschikane käme in eine

Hand, und es bliebe für mich, -- ja für mich bliebe eigentlich überhaupt

nichts mehr übrig als die persönlichen Geschäfte, und die macht

Birnbaum. Telemach denkt angestrengt nach, aber um so heftiger weicht

alles vor ihm zurück, und er befindet sich bald völlig im Leeren.

Minutenlang geistlos starrt er so auf Mentors Kopf ... Willenlos hebt er

diese und jene Mappe auf und findet zum Beispiel eine zum Einklemmen mit

breitem festen Rücken und der Aufschrift: Täglicher Einlauf. Die behält

er in der Hand, sieht sich nach einem Stuhl um, holt einen vor einer der

Schreibmaschinen am Fenster fort, stellt ihn dicht an die

Schreibtischecke und setzt sich und schlägt den Deckel auf. Briefbogen

und Umschläge sind fest hineingeklemmt, es ist schwierig, mit Hin- und

Herdrehn und Aufklappen, zu lesen. Da liest er nun zum Beispiel:

Taubstummenanstalt Göhrde ... Einladung zur Feier des Zwanzigjährigen

Bestehens und Besichtigung des Neubaus ... (Sonderbar! Da war >jemand<

vom Gerüst gestürzt, -- da wurde ich geboren, ein Jahr später wurde sie

... T. gewissermaßen schmerzlich versonnen, liest auf der nächsten,

zugehörigen Seite verschwimmende Zeilen:) ... ehrfurchtsvolle Bitte, den

Titel und die Würden eines Ehrenvorsitzenden des Vereins ... bisher in

den Händen Seiner hochseligen Durchlaucht ... (T. schlägt das Blatt um,

den Umschlag, der folgt, und liest:) Annenmagdalenenheim, Stiftung für

lungenkranke Fabrikarbeiterinnen ... (Ach, Helene gründete sie, als

Magda geboren wurde ...) Erhöhung des Anlagekapitals, da die jährlichen

Kosten ... (Das kam doch aus Helenes Schatulle ...? Richtig ...)

Vermächtnis Ihrer hochseligen Durchlaucht als noch nicht zureichend

erwiesen ... (Ich bin ja Erbe, murmelt T., die Toten, immer die Toten

... Er fühlt, wie ihm der Schweiß ausbricht, die Buchstaben flimmern ...

Krank ... krank ... krank ... tanzt es ihm vor den Augen, er bezwingt

sich besonders, -- warum: nicht zureichend erwiesen? Ach, es war ja halb

abgebrannt, ein paar Tage vor -- vor -- -- vor was? -- T. starrt in die

grelle Glühbirne, sieht die roten Fäden; vor dem großen Tralla, flüstert

jemand ihm zu, und er begreift. Er nimmt bewußtlos die Hand von dem

Blatt, schlägt den nächsten Briefumschlag um, senkt die Augen auf die

Seite und liest:) Oberförster -- -- unleserlich. In Blankenheide ...

einen neuen Plankenzaun notwendigerweise, weil mir sonst die Bauern das

Wild totschlagen, was übrigens nichts schaden könnte -- ungerechnet, daß

sie es meist nicht richtig tot kriegen und ich dann die Schweinerei im

Jagen fünfzehn herumliegen finde -- (Der schreibt ja einen haarigen

Stil, meint wohl noch, jemand vor sich zu haben ... Also warum: nichts

schaden könnte?) -- -- herumliegen finde, Klammer, weil es doch kein

Mensch abschießt. (Blankenheide? Blankenheide gehörte zu

Dannel-Biebereck, Tante Henriette war kein Nimrod, Onkel Anton auch

nicht, der Namenlos hatte die Verwaltung und haßte die Schießerei im

Treiben. Aber es liegt ja an der Grenze, Schley kann hinübergehn, --

richtig! -- T. findet im Weiterlesen den Satz:) ... da mir die _p. p._

Beuglenburgschen Bauern wieder ein Stück von Jagen fünfzehn abschneiden

wollen, und die _p. p._ Prozesse ... (soll wohl heißen: die verfluchten

Bauern beziehungsweise Prozesse?) ... ja doch immer zehn Jahre dauern,

so möchte ich ehrerbietigst _p. p._ -- (schon wieder! so'n Pepe scheint

ihm für alles gut zu sein!) -- anraten, die Grenze doch gleich ein für

allemal vier Meilen westlich zu legen, indem ich dann Beuglenburgisch

werde und ein für allemal die Ruhe habe. (Georg dreht -- matt lächelnd

das Blatt um. Was kommt nun für ein Fetzen? Er sieht nach der

Unterschrift, wie von einer Kindeshand gemalt:) Bombe, Kätner und

Kesselflicker, -- (ja, sie müssen jetzt doch jeder eine Firma haben ...

Was will er denn? Kann die Pacht nicht zahlen, -- ach, der scheint zu

Helenenruh zu gehören. Bombe? Natürlich, der klebte doch

Invalidenmarken, und der Sohn war -- war Vorarbeiter bei Haupt und

Ungefesselt, Dampframmen und ... verdiente fünfzig Mark die Woche und

war nicht verheiratet.) Kuh gefalen ... ale Katoffeln Faul, -- liest T.

weiter, -- Frau Hochgratig Magen Leident ... anliegent At --

Apothekerrechnung soll das heißen. Georg findet das Blatt. --

Opiumtropfen -- Opiumtropfen -- Opiumtropfen ... Lezithin, drei

Flaschen, Summa acht Mark neunzig, abzüglich Kassenprozente fünf Mark

und fünfzehn Pfennige, -- ob ich das zahlen kann? -- T. trocknet sich

die mittlerweil triefende Stirn, langt einen Bleistift aus der Schale

vom Schreibtisch und schreibt: Bezahlen! auf das Blatt; seine Hand klebt

beim Schreiben, er muß husten und liest umblätternd weiter: Verein

ehemaliger Königinhusaren ... 23. Stiftungsfest ... Weiter: Elisenhütte,

Einladung zur Aufsichtsratssitzung ... Verteilung der Dividende ... T.

klappt die Mappe zu, legt sie leise auf den Tisch und sitzt, das

Taschentuch in den Händen; lockert den Schal vorn am Hals und starrt

trübe vor sich hin und denkt bloß: Ein Fünftel vom ganzen Einlauf, und

schon kaputt ...

Wozu all das, wozu? Geld ging hinaus, Geld kam herein! Warum kann ich

nicht auf all das verzichten? Birnbaum machts ja doch Vergnügen, er

kennt nichts andres, er weiß überhaupt nichts andres, es ist seltsam und

unbegreiflich, aber sein Leben besteht darin, und er fühlt sich wohl,

abgesehn von seinen Sorgen, die aber nicht durch dieses bedingt sind.

Eine Abendstunde mit Dickens, ein Gespräch mit seiner Frau, ein

Spaziergang am Schabbesabend, tausend Schritt genau bis Lornsens Mühle,

Schachspiel, -- das sind seine Freuden, und dann -- ja, dann ist ihm

wohl das Ganze durchwärmt und vertieft durch Liebe, zu ... zu mir ...

und er würde es nicht fassen können, wenn ich die Hand davon abzöge. Er

dient, und es ist ihm Wonne zu dienen, und ich --

Womit es denn nun wohl genug sein dürfte. Das ist ja alles bloße

Quälerei.

Es hat aufgehört zu regnen, wie ich sehe, ich hätte Lust, nach Hallig

Hooge zu fahren. Also dieser Maler Bogner haust, wie ich nun erfahren

habe, dort mitsamt Ulrika, -- man trifft doch überall die selben Leute.

Vielleicht störe ich ihn. Wer nach Hallig Hooge zieht, den zog

vermutlich Einsamkeit. Ich glaube, jetzt schreibe ich ein Gedicht.

Noch ist es hell und rein

Hoch in den Räumen, --

Schon bricht die Nacht herein

Unter den Bäumen, --

Schlafen und stille sein,

Nicht einmal träumen ....

Dunkel, o Dunkel, ohn

Arg dir ergeben,

Fühl ich die Gottheit schon

Über mir schweben:

Schlaf, gieb die Mohnenkron',

Sanfter zu leben.

Wacht nun der Himmel, der

Goldengeäugte?

Auge, du fragst nicht, wer

Jetzt dir noch leuchte.

Nacht ist, nur Nacht umher,

Göttergezeugte.

Tief in die Dunkelheit

Antlitz vergraben,

Träume, wie fern ihr seid,

Flötende Knaben!

Abgrund der Schweigsamkeit,

Dich will ich haben.

Und endlich denn am Ende von allem das Unumgängliche: der ewige Sturz.

Auf die Knie an dem Bett unterm Emmausbild, und endlich schrei dich aus,

verzweifelnde Seele! Schrei aus die Schuld und den Gram und die Not,

immer schrei aus den verbotenen Namen, schrei: Ich kann nicht mehr!

schlag an die Brust, jammre nur los, und lasse dich endlich durchstoßen

von der verruchten Wollust immer des einen Gedankens: Oh Glück, oh

Glück, daß der Träger des heiligen, verbotenen Namens doch nicht war,

was er hieß! Daß ich nicht bin aus dem Blute dessen, des Blut durch mein

Verschulden vergossen ward! Oh, daß heute mein Glück sein muß, was

jahrelang Jammer und Elend war: nicht der Sohn zu sein ...

Und endlich das letzte Flehn: Wenn es einen Weg giebt, doch immer noch

einen Weg zu dir: gieb ein Zeichen, komme im Traum, erscheine, wie du

willst, aber gieb ein Zeichen, daß du noch bist, denn ich glaube es

nicht mehr!

Helianth. Band 3 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene · 第 97 / 240 题