Dr. Birnbaum an Magda

Helenenruh, am 17. Sept.

Meine liebe Magda, Dein Brief wird mir im selben Augenblick gebracht, wo

ich mich hinsetze, um Dir zu schreiben. Du mußt nicht erschrecken, von

einer großen Aufregung zu hören, in die ich durch Georg versetzt wurde,

denn es scheint nun vorüber zu sein, und ihretwegen wollte ich Dir

schreiben, indem ich mir vermute, von Dir, das heißt eigentlich von

Deiner Freundin, Fräulein von Montfort, einige Aufklärungen erlangen zu

können.

Erlaube, daß ich gleich _in medias res_ gehe. Gestern äußerte Georg

plötzlich die Absicht, den geisteskranken Sigurd in seiner Anstalt zu

besuchen, wofür er, als ich ihn zu hindern suchte, als Grund anführte,

es sei »gewissermaßen seine christliche Pflicht«, Sigurd zu sagen, daß

er ihm den zugefügten Schmerz nicht anrechne. Er sprach die Hoffnung

aus, ihn in einer klaren Stunde anzutreffen, machte übrigens auch einige

Andeutungen, dahingehend, daß »Verschiedenes noch unaufgeklärt« sei.

Alles was ich erreichen konnte, war die Erlaubnis zu einer

telephonischen Anfrage in Lauensee, auf die ich den Bescheid erhielt,

daß der Kranke nach einem letzten Anfall vor einigen Wochen der

Stumpfheit anheimgefallen, daß eine Verständigung mit ihm also wohl

ausgeschlossen sei. Leider ließ ich mich dadurch beruhigen und setzte es

nur durch, daß ich Georg begleitete.

Es nahm aber einen ganz bösen Verlauf. Sigurd erkannte Georg sofort, es

schien, als wollte er sich auf ihn stürzen, doch begnügte er sich mit

einem Strom von Flüchen und Schimpfreden, nannte ihn Mörder, mit allen

möglichen Zusätzen des Wahnsinns, Vater-, Mutter-, auch Schwestermörder,

bis es uns gelang, Georg aus dem Zimmer zu ziehn. Er war

zusammengefallen, sein Aussehn während der Fahrt war so, daß ich

mitunter glaubte, mit einer Leiche im Wagen zu sitzen. Einmal nur sagte

er etwas mir Unverständliches. Ich hatte ihn angerührt, er schien mich

zu erkennen, nannte meinen Namen und sagte dann: Die sechste Seite!

siehst du, nun haben wir die sechste! worauf er an den Fingern rechnete

und sich verbesserte: nein, es stimmte ja doch nicht, die fünfte wäre ja

Helene, und das stimmte ja nicht, -- oder ähnlich.

Liebes Kind, Du kannst Dir mein Erschrecken vorstellen, aber höre erst

weiter! Übrigens ist er, wie gesagt, nun ganz ruhig, spricht überhaupt

nicht mehr, geht aber fortwährend, auch draußen bei dem nassen Wetter

umher, während er früher nur immer dasaß und sehr viel schlief und

dazwischen hastig schrieb, Briefe wohl, doch bekam ich nichts davon zu

sehn. Der Himmel weiß, was daraus werden soll, ich bin nun auch bald am

Ende meiner Kräfte, das mit dem Herzog hat mich gebrochen, die Arbeit

häuft sich von Tag zu Tag, meine alte Frische habe ich längst nicht

mehr. Dazu wieder die bösen politischen Aussichten! Aber da komme ich

ins Schreiben und verschwende meine Zeit.

In der Nacht nach unsrer Rückkehr arbeitete ich noch in meinem Zimmer,

die Türen zu Georgs Schlafzimmer -- dem früheren seines Vaters --

standen offen. Plötzlich hörte ich ihn drinnen stöhnen, dann in ein so

verzweifeltes Geschrei, Klagen und Anklagen ausbrechen, wie ich es im

Leben nicht gehört habe. Er hatte aber alle Türen seines Zimmers

abgeschlossen. Ich kann das nun nicht beschreiben, er schrie einmal

minutenlang nur immerfort: die Hölle, die Hölle, die Hölle! Dann rief er

wieder nach seinem Vater, er schrie wie Sigurd: Mörder! und das schien

er auf sich selber zu beziehn, und auch Sigurds Namen hörte ich und den

seiner Schwester. Aber genug!

Alldies ging mir nun durch den Kopf, es muß ja irgend etwas Reelles

dahinterstecken, eine Einbildung, eine Täuschung vielleicht, die sich

beheben läßt, und da fiel mir ein, daß Deine Freundin vielleicht helfen

könnte. Möchtest Du so gut sein und sie noch einmal genauestens nach

ihrem Gespräch mit Sigurd in jener Nacht befragen? Da kann ja der

kleinste Umstand von Wichtigkeit sein, und mir selber war in dem, was

ich durch Dich erfuhr, einiges unklar geblieben, zum Beispiel wollte mir

in Sigurds Plan von der Beseitigung aller gekrönten Häupter die

Ermordung meines Herzogs niemals recht passen. Also sei so gut, und wenn

etwas Neues sich ergeben sollte, teile es mir doch bitte gleich mit!

Ich werde mich vor allem freuen, Dich recht bald hier begrüßen zu

können! Deine Anweisungen an den Verwalter Mahlmann habe ich wunschgemäß

befolgt. Ich schließe mit meinen und meiner Frau herzlichsten Grüßen,

bitte auch, mich Deiner Freundin ganz gehorsamst empfehlen zu wollen! In

alter Treue Dein

Helianth. Band 3 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene · 第 90 / 240 题