Lieber Onkel Salomon!
Nun siehst Du, jetzt kann ich wieder schreiben! Es geht sogar schon fast
so schnell wie mit der Feder, und dabei ist die Maschine, die
mein Freund Jason mir besorgte, nicht einmal eine richtige
Blindenschreibmaschine; er hat nur die Tasten, die eigentlich weiße
Lettern auf schwarzem Grund haben, mit weißen Plättchen belegt, weil ich
die zumeist doch sehen kann, und dann hat er auf jeden mittelsten
Buchstaben der drei Tastenreihen einen Tropfen Siegellack fallen lassen,
so daß links und rechts sich auseinander halten läßt, und ich kam
wirklich überraschend schnell vorwärts. -- Heute wollte ich Dich bitten,
doch so gut zu sein und Mahlmann zu veranlassen, daß er drei, oder am
besten vier Zimmer im Gastflügel zurechtmachen läßt. Mein lieber Freund
Bogner ist nun nach fast sechs Wochen so weit wiederhergestellt, daß er
das Krankenhaus verlassen darf. Er hat allerdings noch eine offene Wunde
im Rücken mit einer Kanüle darin, aber er darf sich doch schon bewegen.
Ich sprach zufällig von Helenenruh mit ihm, und er erinnerte sich mit
solcher Freude der hier verbrachten Wochen, daß ich ihn eingeladen habe,
dorthin zu gehn. Eine sehr nahe Freundin von ihm, Frau Tregiorni, wird
ihn begleiten, und wahrscheinlich auch noch das Fräulein Ring, durch die
ich den Li habe, wie Du Dich erinnern wirst. Ich selbst denke, in den
ersten Oktobertagen zu kommen und außer Renate den jungen Saint-Georges
mitzubringen; er ist gelähmt und wird dann Schulferien haben. Ich würde
eher kommen, wenn nicht Renate zögerte; ihr Onkel ist leider von sehr
zarter Gesundheit und beansprucht ständig Aufmerksamkeit und Pflege; sie
wird deshalb auch wohl nur einige Tage in Helenenruh bleiben. Mahlmann
lasse ich dann bitten, für die zwei oder drei Wochen meines Dortseins
ins Gestüt zu übersiedeln, da ich doch gern im alten Hause wohnen möchte
und der Gastflügel auch besetzt sein wird. Alldas schreibe ich Dir,
damit Mahlmann den Eindruck behält, daß ich bei Georg zu Gast bin, und
nicht umgekehrt. Also vergieb, daß ich Dich zu Deiner vielen Arbeit auch
noch behellige! Da Du von Georg nichts schreibst, so nehme ich wie
verabredet an, daß in seinem Befinden keine Änderung eingetreten ist.
Auf baldiges Wiedersehen also! Ich sehne mich sehr nach Helenenruh! Ich
werde ja nun eine zweite Kindheit dort haben, denn damals, nicht wahr,
damals war es doch so, daß man die Dinge der Welt, die man sah, erst mit
Händen fühlen mußte, um sie zu kennen, und das muß ich nun auch wieder
tun. Ob meine Füße wohl die alten Wege gleich erkennen werden? Ich freue
mich schrecklich darauf!