Altenrepen, am 29. August

Liebes Fräulein von Montfort, wie sehr danke ich Ihnen für Ihre lieben

Zeilen, und denken Sie bitte nicht schlecht von mir, daß ich Sie bis

heut ohne Antwort ließ! Ich, wissen Sie, habe gar keine

Widerstandskraft, und wenn mich etwas trifft, so kann ich nur

stillhalten und mich zerreißen lassen. Es ist nun so weit vorüber, daß

ich wenigstens der Außenwelt Fassung zeigen kann, aber sehen lassen kann

ich mich noch nicht, ich bin am ganzen Körper geschwollen. Wenn Sie es

denn erlauben, komme ich in der nächsten Woche zu Ihnen. Heute will ich

Ihnen nur schreiben, weil Sie nach Li fragen. Er hat mir erst einen

guten Schrecken eingejagt, denn nachdem er Ihren Auftrag an mich

ausgerichtet hatte, ging er hin und wollte sich umbringen. Ja, Sie haben

sein >Was soll nun aus mir werden!< wohl nicht ganz recht verstanden,

denn das hieß nicht, daß er nun keinen Herrn mehr hätte, sondern daß mit

seinem Herrn auch sein Leben zerrissen war; es bestand nur in ihm. Ach

Gott, es war wohl sehr komisch! Er war hinaus, ich glaubte, ohnmächtig

zu werden, mein Herz ist nicht gut, ich schrie nach ihm, da kommt er

wieder hereingelaufen ohne Jacke, um den Hals einen Strick, an dem er

zerrt, und der nicht los will. Ich habe nun gesucht, ob sich in Josefs

Papieren irgendwelche Bestimmungen für Li fänden, fand aber nichts. Li

selber hat sich nun eines Auftrages seines Herrn entsonnen und

behauptet, seine -- Josefs -- Erinnerungen aufschreiben, das heißt aus

seinen Tagebüchern wiederherstellen zu müssen und herausgeben. Er,

Josef, erlebte ja viele und unglaubliche Dinge, es giebt mehrere

Tagebücher, die meistens von Li geschrieben wurden nach seinem Diktat

oder auch ganz selbständig. Schon hieraus können Sie sehn, wie sehr der

Kleine sein Vertrauen hatte. Wenn er lebte, würde er Ihnen Li aufs

höchste rühmen. Er spricht, glaube ich, alle lebenden Sprachen und

besitzt tausend Fertigkeiten. Er hat ihn, Josef, auf allen Reisen

begleitet, und seit ich Josef kenne, war er, Li, immer bei mir, wenn er,

Josef, in Ihrem Haus wohnte. Er hielt es irgendwie (ich glaube fast,

seinem Bruder gegenüber) für unpassend, einen Diener für sich allein zu

haben. Ich habe ihm nun Ihren Wunsch mitgeteilt und auch, daß er bei mir

nicht bleiben könne. Er hat sich Bedenkzeit erbeten, obgleich es ihm

gewiß lieb sein wird, in Josefs Haus zu kommen. Bitte, wenn Sie oder

vielleicht Herr Montfort etwas aus Josefs Leben wissen möchten: Li weiß

alles, und es sind ja auch die Tagebücher da. Heute erklärte er mir,

wenn er schon bei mir nicht bleiben könnte, so gefalle es ihm, daß seine

neue Herrin nicht sehen könne, denn da es die alten Augen seines wahren

Herrn nicht sein könnten, wären gar keine schon das beste. Das klingt

ein wenig lieblos, aber Sie sehen, wie er es meint, und das ist auch

ganz so, wie ich Josef einmal sagen hörte: Wenn ein Mensch ein Unglück

hat und gar nicht weiß, wie er damit fertig werden kann, so macht er

einen Haken und hängts am Unglück von einem Andern auf. Und ein andermal

sagte er: Unglück kommt selten allein; das ist wahr, denn immer hat es

irgendein Glück zur Folge für jemand anders, und aus der Birne, die ich

für faul halte, klaubt mein Bruder die Kerne und pflanzt sich eine

Allee.

Ich schicke Ihnen also Li mit diesem Brief. Entschuldigen Sie bitte

meinen Freimut, aber wenn er nicht ginge, so würde ich mich am liebsten

selbst anbieten. Einem Blinden zum Führer dient wohl der am besten, der

selber kaum noch aus den Augen sieht, und mir fällt wieder ein Wort

Josefs ein: Schlage mich auf den Leib, so trägt er ein blaues Auge

davon; wo es aber die Seele traf, was für ein Auge wird sie da

aufschlagen? -- Herr Bogner wird mich ja kaum mehr brauchen; da Frau

Tregiornis Mann tot ist, nehme ich jedenfalls an, daß sie zusammen

bleiben.

Helianth. Band 3 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene · 第 70 / 240 题