Liebes Fräulein von Montfort, wie sehr danke ich Ihnen für Ihre lieben
Zeilen, und denken Sie bitte nicht schlecht von mir, daß ich Sie bis
heut ohne Antwort ließ! Ich, wissen Sie, habe gar keine
Widerstandskraft, und wenn mich etwas trifft, so kann ich nur
stillhalten und mich zerreißen lassen. Es ist nun so weit vorüber, daß
ich wenigstens der Außenwelt Fassung zeigen kann, aber sehen lassen kann
ich mich noch nicht, ich bin am ganzen Körper geschwollen. Wenn Sie es
denn erlauben, komme ich in der nächsten Woche zu Ihnen. Heute will ich
Ihnen nur schreiben, weil Sie nach Li fragen. Er hat mir erst einen
guten Schrecken eingejagt, denn nachdem er Ihren Auftrag an mich
ausgerichtet hatte, ging er hin und wollte sich umbringen. Ja, Sie haben
sein >Was soll nun aus mir werden!< wohl nicht ganz recht verstanden,
denn das hieß nicht, daß er nun keinen Herrn mehr hätte, sondern daß mit
seinem Herrn auch sein Leben zerrissen war; es bestand nur in ihm. Ach
Gott, es war wohl sehr komisch! Er war hinaus, ich glaubte, ohnmächtig
zu werden, mein Herz ist nicht gut, ich schrie nach ihm, da kommt er
wieder hereingelaufen ohne Jacke, um den Hals einen Strick, an dem er
zerrt, und der nicht los will. Ich habe nun gesucht, ob sich in Josefs
Papieren irgendwelche Bestimmungen für Li fänden, fand aber nichts. Li
selber hat sich nun eines Auftrages seines Herrn entsonnen und
behauptet, seine -- Josefs -- Erinnerungen aufschreiben, das heißt aus
seinen Tagebüchern wiederherstellen zu müssen und herausgeben. Er,
Josef, erlebte ja viele und unglaubliche Dinge, es giebt mehrere
Tagebücher, die meistens von Li geschrieben wurden nach seinem Diktat
oder auch ganz selbständig. Schon hieraus können Sie sehn, wie sehr der
Kleine sein Vertrauen hatte. Wenn er lebte, würde er Ihnen Li aufs
höchste rühmen. Er spricht, glaube ich, alle lebenden Sprachen und
besitzt tausend Fertigkeiten. Er hat ihn, Josef, auf allen Reisen
begleitet, und seit ich Josef kenne, war er, Li, immer bei mir, wenn er,
Josef, in Ihrem Haus wohnte. Er hielt es irgendwie (ich glaube fast,
seinem Bruder gegenüber) für unpassend, einen Diener für sich allein zu
haben. Ich habe ihm nun Ihren Wunsch mitgeteilt und auch, daß er bei mir
nicht bleiben könne. Er hat sich Bedenkzeit erbeten, obgleich es ihm
gewiß lieb sein wird, in Josefs Haus zu kommen. Bitte, wenn Sie oder
vielleicht Herr Montfort etwas aus Josefs Leben wissen möchten: Li weiß
alles, und es sind ja auch die Tagebücher da. Heute erklärte er mir,
wenn er schon bei mir nicht bleiben könnte, so gefalle es ihm, daß seine
neue Herrin nicht sehen könne, denn da es die alten Augen seines wahren
Herrn nicht sein könnten, wären gar keine schon das beste. Das klingt
ein wenig lieblos, aber Sie sehen, wie er es meint, und das ist auch
ganz so, wie ich Josef einmal sagen hörte: Wenn ein Mensch ein Unglück
hat und gar nicht weiß, wie er damit fertig werden kann, so macht er
einen Haken und hängts am Unglück von einem Andern auf. Und ein andermal
sagte er: Unglück kommt selten allein; das ist wahr, denn immer hat es
irgendein Glück zur Folge für jemand anders, und aus der Birne, die ich
für faul halte, klaubt mein Bruder die Kerne und pflanzt sich eine
Allee.
Ich schicke Ihnen also Li mit diesem Brief. Entschuldigen Sie bitte
meinen Freimut, aber wenn er nicht ginge, so würde ich mich am liebsten
selbst anbieten. Einem Blinden zum Führer dient wohl der am besten, der
selber kaum noch aus den Augen sieht, und mir fällt wieder ein Wort
Josefs ein: Schlage mich auf den Leib, so trägt er ein blaues Auge
davon; wo es aber die Seele traf, was für ein Auge wird sie da
aufschlagen? -- Herr Bogner wird mich ja kaum mehr brauchen; da Frau
Tregiornis Mann tot ist, nehme ich jedenfalls an, daß sie zusammen
bleiben.