Meine liebe Irene!
Daß ich Deinen Brief erst heute beantworte, geschieht deshalb, weil ich
erst Bestimmtes über Magda wissen wollte. Das habe ich nun heute
erfahren, und es ist sehr schmerzlich. Die Sehkraft des einen Auges ist
ganz, die des andern fast erloschen. Sie sieht nichts, wir dürfen uns
das nicht verhehlen, obgleich sie selber behauptet, Farben, sogar
Gestalten erkennen zu können, und hell, sagt sie, sei es stets. Du
siehst: sie ist, wie sie immer war! Übrigens giebt es etwas, das ihr
dies Schicksal tragen hilft, aber ich finde die Worte nicht, es zu
erzählen. Es ist aber das, daß sie die alte Prophezeiung, von der Du
weißt, nun erfüllt sieht; und daß es Georg war, an dem sie sich
erfüllte, ist ihr Trost.
Zu Dora ging ich schon zwei oder drei Tage nach Empfang Deines Briefes,
fand sie über einem Berg von Schriften und Rechnungen ihrer Vereins- und
Küchenangelegenheiten, und sie gestand mir ihre letzte Verzweiflung: ihr
Gedächtnis habe gelitten, sie könne nicht mehr rechnen oder mit
Angestellten verhandeln und dergleichen. Es gelang mir, ihr meine Hülfe
aufzudrängen, ich bin seitdem fast täglich bei ihr gewesen, sie hat mich
bei ihren Mitarbeiterinnen eingeführt und so nach und nach alles in
meine Hände gleiten lassen. Ich werde es freilich wieder abgeben müssen,
ausgenommen die Beschäftigung mit der Volksküche, Doras persönliche
Domäne, denn für die Damen bin ich ein Eindringling. Bin auch wohl fähig
einzusehn, daß Kampf gegen die vielen sozialen Schäden und
Unvollkommenheiten notwendig ist, aber in der Welt, wo er vor sich geht,
bleibe ich fremd und mag auch nicht kämpfen. Die Welt ist bisher eine
männliche Angelegenheit gewesen; haben sie sie verunglimpft, sollen sie
sie auch wieder rein machen, und sind die Frauen unzufrieden, so können
sie ja streiken, aber als Frauen, und kein Geschrei machen wie die
Männer. Daß arme Leute für wenig Geld viel und gut zu essen haben
müssen, leuchtet mir ohne weitres ein, und deshalb gehe ich in die
Küche.
Kaum dann, daß ich alles so weit hielt, um es weitergeben zu können, ist
Dora mir fast unter den Händen erloschen. Sie lebt, sie besorgt weiter
für sich und ihren Bruder das Haus, aber sie ist stumm und ganz stumpf.
Jason, den ich häufig bei ihr fand, sagte mir, was sie ihm bekannte: sie
erwartet ein Kind, das sie in der Nacht empfing, als die andern starben.
Warum gerade dies ihr so qualvoll ist, würde ich mich vergebens fragen,
wenn ich nicht wüßte, daß jede Qual den Menschen weniger bricht, als
vielmehr ihn furchtbar verkehrt, und was dann Andern Trost scheinen mag
oder Hoffnung: es paßt alles nicht für ihn; es wird alles nur wieder
Qual.
Soviel habe ich an mir gelernt. Dir mehr davon zu sagen, bin ich noch
nicht fähig, gute Irene, und muß es Deinem liebevollen Herzen
überlassen, zu ahnen, was sich nicht erklären läßt. -- Daß Du den Weg
finden wirst, den Du suchst, will ich von Herzen mit Dir glauben. Da
sehe ich Dich wieder in meiner Kapelle stehn: >Die Wege des Himmels sind
außerordentlich ...< hieß es nicht so? Ach, Kind, Kind! ehe wir nicht
durch die menschlichen Ordnungen gebrochen sind und rasend geworden vor
Not, eher werden wir in die göttlichen kaum passen. Da sind die
alltäglichen Verrichtungen für uns gut genug, und nach uns wendet kein
Gott sich um, wenn wir vorübergehn.
Magda schließt ihre innig liebenden Grüße den meinen an! Stets Deine
alte