Waldheim, am 14. August

Meine liebe Irene!

Daß ich Deinen Brief erst heute beantworte, geschieht deshalb, weil ich

erst Bestimmtes über Magda wissen wollte. Das habe ich nun heute

erfahren, und es ist sehr schmerzlich. Die Sehkraft des einen Auges ist

ganz, die des andern fast erloschen. Sie sieht nichts, wir dürfen uns

das nicht verhehlen, obgleich sie selber behauptet, Farben, sogar

Gestalten erkennen zu können, und hell, sagt sie, sei es stets. Du

siehst: sie ist, wie sie immer war! Übrigens giebt es etwas, das ihr

dies Schicksal tragen hilft, aber ich finde die Worte nicht, es zu

erzählen. Es ist aber das, daß sie die alte Prophezeiung, von der Du

weißt, nun erfüllt sieht; und daß es Georg war, an dem sie sich

erfüllte, ist ihr Trost.

Zu Dora ging ich schon zwei oder drei Tage nach Empfang Deines Briefes,

fand sie über einem Berg von Schriften und Rechnungen ihrer Vereins- und

Küchenangelegenheiten, und sie gestand mir ihre letzte Verzweiflung: ihr

Gedächtnis habe gelitten, sie könne nicht mehr rechnen oder mit

Angestellten verhandeln und dergleichen. Es gelang mir, ihr meine Hülfe

aufzudrängen, ich bin seitdem fast täglich bei ihr gewesen, sie hat mich

bei ihren Mitarbeiterinnen eingeführt und so nach und nach alles in

meine Hände gleiten lassen. Ich werde es freilich wieder abgeben müssen,

ausgenommen die Beschäftigung mit der Volksküche, Doras persönliche

Domäne, denn für die Damen bin ich ein Eindringling. Bin auch wohl fähig

einzusehn, daß Kampf gegen die vielen sozialen Schäden und

Unvollkommenheiten notwendig ist, aber in der Welt, wo er vor sich geht,

bleibe ich fremd und mag auch nicht kämpfen. Die Welt ist bisher eine

männliche Angelegenheit gewesen; haben sie sie verunglimpft, sollen sie

sie auch wieder rein machen, und sind die Frauen unzufrieden, so können

sie ja streiken, aber als Frauen, und kein Geschrei machen wie die

Männer. Daß arme Leute für wenig Geld viel und gut zu essen haben

müssen, leuchtet mir ohne weitres ein, und deshalb gehe ich in die

Küche.

Kaum dann, daß ich alles so weit hielt, um es weitergeben zu können, ist

Dora mir fast unter den Händen erloschen. Sie lebt, sie besorgt weiter

für sich und ihren Bruder das Haus, aber sie ist stumm und ganz stumpf.

Jason, den ich häufig bei ihr fand, sagte mir, was sie ihm bekannte: sie

erwartet ein Kind, das sie in der Nacht empfing, als die andern starben.

Warum gerade dies ihr so qualvoll ist, würde ich mich vergebens fragen,

wenn ich nicht wüßte, daß jede Qual den Menschen weniger bricht, als

vielmehr ihn furchtbar verkehrt, und was dann Andern Trost scheinen mag

oder Hoffnung: es paßt alles nicht für ihn; es wird alles nur wieder

Qual.

Soviel habe ich an mir gelernt. Dir mehr davon zu sagen, bin ich noch

nicht fähig, gute Irene, und muß es Deinem liebevollen Herzen

überlassen, zu ahnen, was sich nicht erklären läßt. -- Daß Du den Weg

finden wirst, den Du suchst, will ich von Herzen mit Dir glauben. Da

sehe ich Dich wieder in meiner Kapelle stehn: >Die Wege des Himmels sind

außerordentlich ...< hieß es nicht so? Ach, Kind, Kind! ehe wir nicht

durch die menschlichen Ordnungen gebrochen sind und rasend geworden vor

Not, eher werden wir in die göttlichen kaum passen. Da sind die

alltäglichen Verrichtungen für uns gut genug, und nach uns wendet kein

Gott sich um, wenn wir vorübergehn.

Magda schließt ihre innig liebenden Grüße den meinen an! Stets Deine

alte

Helianth. Band 3 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene · 第 65 / 240 题