Nonnenkloster Mariabrunn, am 7. August

Ja, Renate, da bin ich wieder hier, Hals über Kopf, und da ich leider

keine Ahnung habe, weshalb Du nicht im Hause warst, so bin ich ziemlich

ratlos und wäre Dir dankbar für ein Wort über Dich und vor allem über

Magda. Renate, was ist mit ihr? Ich sah sie, sie sprach von einem

Unfall, sie war so beängstigend still!

Zu Hause wars nämlich nicht auszuhalten. Meine Eltern redeten bis in die

Nacht, und am nächsten Morgen fingen sie wieder an. Und alles die

reinste Neugier! Herrgott, was wollten die alles wissen! und o Himmel,

diese Vorstellungen! Immer wieder die Fragen: Ob denn mein Mann nicht

gut zu mir gewesen wäre? Ob ich ihn denn nicht liebte? Als ob das etwas

damit zu tun hätte! Als sie sich aber bis zu dem Ausdruck Ehe

verstiegen, da hatte ich denn doch die Nase voll. Ach, du lieber Gott,

wenn Worte einen Menschen zu etwas machen könnten, ich wäre es geworden

in diesem Augenblick. Ich hätte an mir selber irre werden können, packte

meine Sachen und entfloh.

Hier ist alles, wie es war. Die guten Alten sind bis auf eine einzige

noch dieselben, die Jungen sind Andre als dazumal, aber das Genre ist

geblieben. Ein Aufheben gab es meinetwegen natürlich nicht, nur die

Abatissa konnte sich eine triumphierende Bemerkung und einen spitzen

Mund nicht verkneifen. Sie ist eine Gräfin und hat sich auch so! Vor

lauter Genugtuung über meine Wiederkunft sagte sie etwas ganz

Verwickeltes vom Heiland, der nicht in Häusern wohnte, sondern in

Herzen. Ja, dacht ich, der wird sich grade bedanken und in deinem

verprömmelten Herzen wohnen! und sagte: ich wäre dankbar, hier nur etwas

Ruhe und Sammlung zu finden, bis sich herausstellte, ob mein Aufenthalt

von Dauer sein würde (was der Himmel verhüten möge!) oder nicht. Da

wurde sie noch spitzer und sagte, ein Herz voll Unruh wäre was

Köstliches, und nur am Abgrund hin führte der Weg in den Frieden. -- So

eine geht nun alle Tage mit dem Heiland um, und ist sie deshalb anders

als die Andern? Na, die wird sich wundern, wenn es am Jüngsten Tage

heißt: Reichsgräfin Jutta von Lindenau, weiland Abatissa, verblichen im

Geruche großer Heiligkeit, und sie sieht sich denn dastehn in ihrem

Sündenstank, der zum Himmel schreit. Mir ging ein großes Licht auf, und

ich sehe, daß es mit der Mehrzahl der Menschen so bestellt ist: der eine

ist leidenschaftlich Bergsteiger, der andre sammelt leidenschaftlich

Briefmarken, einer geht ins Kloster, und eine ist meinetwegen

Frauenrechtlerin. Und all diese leidenschaftlichen Dinge tragen sie

sauber verschlossen in einem großen Koffer mit sich herum, den sie

überall vorzeigen und sagen: da ists drin! und im übrigen sind sie ganz

gewöhnliche Menschen. Die Briefmarken machen sie nicht weiser, und die

Berge nicht klar; die Jesusliebe nicht demütig, und das Frauenrecht

nicht duldsam. Ach, ist es denn mit mir vielleicht anders gewesen? Ja,

denn ich war die ganzen Jahre lang überhaupt nichts!!!

Was mit mir zu geschehen hat, ist klar. Ich muß wieder werden, die ich

gewesen bin, vor der Ehe, mit Leib und Seele. Ich weiß noch nicht, wie

das geschehen soll, aber es muß. Nun -- damit muß ich allein fertig

werden. Leb herzlich wohl, wenn ich kann, werde ich schreiben. Gedenke

nicht unfreundlich Deiner

Helianth. Band 3 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene · 第 62 / 240 题