Ja, Renate, da bin ich wieder hier, Hals über Kopf, und da ich leider
keine Ahnung habe, weshalb Du nicht im Hause warst, so bin ich ziemlich
ratlos und wäre Dir dankbar für ein Wort über Dich und vor allem über
Magda. Renate, was ist mit ihr? Ich sah sie, sie sprach von einem
Unfall, sie war so beängstigend still!
Zu Hause wars nämlich nicht auszuhalten. Meine Eltern redeten bis in die
Nacht, und am nächsten Morgen fingen sie wieder an. Und alles die
reinste Neugier! Herrgott, was wollten die alles wissen! und o Himmel,
diese Vorstellungen! Immer wieder die Fragen: Ob denn mein Mann nicht
gut zu mir gewesen wäre? Ob ich ihn denn nicht liebte? Als ob das etwas
damit zu tun hätte! Als sie sich aber bis zu dem Ausdruck Ehe
verstiegen, da hatte ich denn doch die Nase voll. Ach, du lieber Gott,
wenn Worte einen Menschen zu etwas machen könnten, ich wäre es geworden
in diesem Augenblick. Ich hätte an mir selber irre werden können, packte
meine Sachen und entfloh.
Hier ist alles, wie es war. Die guten Alten sind bis auf eine einzige
noch dieselben, die Jungen sind Andre als dazumal, aber das Genre ist
geblieben. Ein Aufheben gab es meinetwegen natürlich nicht, nur die
Abatissa konnte sich eine triumphierende Bemerkung und einen spitzen
Mund nicht verkneifen. Sie ist eine Gräfin und hat sich auch so! Vor
lauter Genugtuung über meine Wiederkunft sagte sie etwas ganz
Verwickeltes vom Heiland, der nicht in Häusern wohnte, sondern in
Herzen. Ja, dacht ich, der wird sich grade bedanken und in deinem
verprömmelten Herzen wohnen! und sagte: ich wäre dankbar, hier nur etwas
Ruhe und Sammlung zu finden, bis sich herausstellte, ob mein Aufenthalt
von Dauer sein würde (was der Himmel verhüten möge!) oder nicht. Da
wurde sie noch spitzer und sagte, ein Herz voll Unruh wäre was
Köstliches, und nur am Abgrund hin führte der Weg in den Frieden. -- So
eine geht nun alle Tage mit dem Heiland um, und ist sie deshalb anders
als die Andern? Na, die wird sich wundern, wenn es am Jüngsten Tage
heißt: Reichsgräfin Jutta von Lindenau, weiland Abatissa, verblichen im
Geruche großer Heiligkeit, und sie sieht sich denn dastehn in ihrem
Sündenstank, der zum Himmel schreit. Mir ging ein großes Licht auf, und
ich sehe, daß es mit der Mehrzahl der Menschen so bestellt ist: der eine
ist leidenschaftlich Bergsteiger, der andre sammelt leidenschaftlich
Briefmarken, einer geht ins Kloster, und eine ist meinetwegen
Frauenrechtlerin. Und all diese leidenschaftlichen Dinge tragen sie
sauber verschlossen in einem großen Koffer mit sich herum, den sie
überall vorzeigen und sagen: da ists drin! und im übrigen sind sie ganz
gewöhnliche Menschen. Die Briefmarken machen sie nicht weiser, und die
Berge nicht klar; die Jesusliebe nicht demütig, und das Frauenrecht
nicht duldsam. Ach, ist es denn mit mir vielleicht anders gewesen? Ja,
denn ich war die ganzen Jahre lang überhaupt nichts!!!
Was mit mir zu geschehen hat, ist klar. Ich muß wieder werden, die ich
gewesen bin, vor der Ehe, mit Leib und Seele. Ich weiß noch nicht, wie
das geschehen soll, aber es muß. Nun -- damit muß ich allein fertig
werden. Leb herzlich wohl, wenn ich kann, werde ich schreiben. Gedenke
nicht unfreundlich Deiner