Cornelia Ring an Renate

Altenrepen, am 4. 8.

Liebes Fräulein von Montfort,

bitte wollen Sie mir verzeihen, daß ich mich an Sie wende, aber ich habe

sonst niemand, den ich fragen könnte, wo Herr von Montfort ist, und ich

bin ja so verzweifelt! Nun ist schon der fünfte Tag, daß er das Haus

verließ -- Sie werden wohl wissen, daß er seit seiner Rückkehr nach

Deutschland hier im Hause von Herrn Bogner wohnt --, und es wäre gar

nicht seine Art, uns ohne Nachricht zu lassen. Mit >uns< meine ich

seinen Diener, der Ihnen diesen Brief bringt, einen Halbchinesen; er

heißt Li und hängt mit so außerordentlicher Liebe an seinem Herrn, daß

ich Sie bitten möchte, falls Herrn von M. etwas zugestoßen sein sollte,

es ihm zu sagen, und Sie brauchten dann mir nicht erst zu schreiben.

Von Herrn Bogner hörten Sie wohl? Er ist heute zum ersten Mal zur

Besinnung gekommen, der Arzt meint, er soll ins Krankenhaus, was auch

recht schmerzlich für mich ist zu aller Aufregung, ich meine, weil ich

ihn dann nicht pflegen kann und nur unruhiger werde. Ich will nun aber

schließen und grüße Sie mit nochmaliger Bitte um Vergebung als Ihre

gehorsame

Helianth. Band 3 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene · 第 56 / 240 题