Renate an Magda

noch am 1. nachts

Noch ein Wort in der Nacht für Dich, armes, gequältes Herz, und die

Bitte, Dich meinetwegen nicht zuviel zu sorgen. Kraft ist noch da, weiß

nur eben nicht wo, aber glaub schon, daß ich sie finde! Habe Dank für

Dein liebes Wort durch Georges, die Franziska hat alles schön besorgt,

sogar an meine Badessenz gedacht. Daß Du Dich niedergelegt haben

würdest, konnte ich freilich denken, es ist schmerzlich, daß Georges

Dich nicht sah, nun, morgen seh ich Dich selbst. Jetzt ist alles leer,

ich fühle nur den Schmerz des Risses, er trennte mich in leblose Teile,

nur wo der Riß läuft, brennt Leben, Vergangenheit und Zukunft sind wie

abgehauen, der Himmel weiß, wann sie mir wieder anheilen werden.

Hörtest Du von Georg? In der Zeitung soll gestanden haben, er sei

erkrankt.

Heute morgen erwachte ich aus diesem Traum, in dem Du vorkamst. Es fängt

an mit etwas Kleinem, das an der Erde lag; als ichs heben wollte, wars

eine haarige Spinne, ich bebte zurück, trat mit geschlossenen Augen auf

ihren Leib, der war weich und regte sich, da sah ich, daß es ein

widerlicher brauner Frosch war, so groß wie eine Hand; sah mich

verschmitzt an und sagte: Ich bin so weich und gehe nicht entzwei! -- Da

lag auf einmal der Herzog auf einer Bahre, hatte die Augen zu, und ich

wußte, wenn er nur die Augen aufmachen könnte, war der Zauber gebrochen,

ich lag auf den Knieen, rang und weinte, da stand Erasmus hinter mir und

sagte, die Hände faltend: Laß uns beten! -- Wie ich aber unter sein

Gesicht blickte, sah ich, daß er heimlich lachte. Ich stand vom Bett auf

und sah, daß ich nichts anhatte als weißen Unterrock und Leibchen, ich

schämte mich, da hing ein violettes Kleid über der Wäscheleine, es war

nun im Gemüsegarten, das nahm ich herab und zog es an, und nun kam Josef

über die Beete im Frack, einen seltsamen großen Zylinder in der Hand,

und sagte ernst: Dein Onkel liegt im Sterben, und du hast ein rotes

Kleid an. -- Ich sagte: Es ist doch blau! aber es war wirklich blutrot,

und da wußte ich, es war das, das Bogner angehabt hatte. Josef lachte da

fürchterlich, und ich war so erstaunt und sagte: Josef, ich dachte, du

wärst tot! Ach, dann hab ich das nur geträumt, oder schriebst du es

nicht? Daneben war nun das große Blaue, das warst Du, die fortwährend

mit einem großen Kleidrock rauschte, den Du nicht festbinden konntest,

Du warfst ihn hin und her, es waren hundert Falten, es dauerte endlos,

dann fingst Du an zu fliegen, flogst auf die Fensterbank, drehtest Dich

wie ein Vogel und sagtest triumphierend: Siehst du, nun kann ich doch

fliegen, und du wolltest es nicht glauben. -- So schwebtest Du davon,

machtest einen Bogen, und nun war es ein ungeheurer blauer

Schmetterling, der die Flügel langsam auf und zu faltete. Das sah

wunderbar aus, aber nun kam er auf mein Bett gekrochen, und als ich die

langen haarigen Beine sah, die so vielgliedrig griffen, Hörner und

Glasaugen und das braune, mundlose Gesicht, packte mich das Entsetzen,

ich brachte aber keinen Ton aus der Kehle, und es kam immer näher

gekrochen, ich dachte, ich stürbe vor Ekel, da merkte ich, daß ich alles

abschütteln könnte, wenn ich es nur fertigbrachte, aufzuwachen. Es gab

einen Ruck, ich lag in Finsternis und atmete auf ...

Ach, und jetzt: wenn ich es nur fertigbrächte, aufzuwachen, und auch

dies wäre ein Traum gewesen, -- oh mein Gott!

Und um das Haus, das mir Heimat wurde, liegt nun der magische Gürtel.

Drin sitzt das Grauen mit den Augen eines alten Mannes, und statt eines

Mundes steht da Kain geschrieben.

Ja, aber weißt Du es denn überhaupt? Nein! und nun sehe ich erst, daß

ich vergaß, Georges danach zu fragen, und gewiß hat er Dir nichts

gesagt, da er Dich nicht sah. Ich muß ihn morgen fragen. Ach, nun ist

alles wieder glühend geworden.

Helianth. Band 3 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene · 第 53 / 240 题