Ich gab mich dem unbeschreiblichen Vergnügen hin, von Straße zu

Straße ganz gemächlich hinzuschlendern, die Häuser, die Kaufläden,

die Marktscenen, die Menschen, die Equipagen, die überreichen

Erscheinungen aller Art, gemächlich und unbefangen zu betrachten. Es

war das schönste, mildeste Wetter, und ich begab mich nun auch vor das

Thor hinaus. Die breiten Glacis gewähren allerdings einen großartigen

Anblick, da jenseits derselben die prachtvollsten Paläste und Gebäude

hervortreten, an die sich zum Theil herrliche Gärten anschließen. Ich

ging auf dem Asphalttrottoir vorwärts, ruhete auf den Bänken in dem

Schatten der Baumreihen, betrachtete mir die Stadtmauern und Bastionen

und gelangte mit dem Blicke immer wieder zur Spitze des Stephansthurmes.

Die Zeit mahnte jedoch zur Rückkehr, und ich begab mich nach dem

Josephsplatze, um meinen noch immer im Mineralienkabinet schwelgenden

Sohn zu erwarten. Ich betrachtete abermals Zauner’s Meisterwerk, das

auf dem fast feierlichen Platze stets einen überaus tiefen Eindruck

macht und die Erinnerung an den edlen Habsburger, an Joseph II.,

weckt. Er steht hier nach einem mühevollen Leben, voll redlichen

Strebens und rastloser Arbeit. Die Nachwelt hat sich bemüht, mit

großer Gewissenhaftigkeit alle kleinen Schwächen dieses nur Großes

anstrebenden Fürsten bis in die geringfügigsten Einzelnheiten zu

verfolgen. Am Fußgestell lies’t man: _Josepho II. Aug. qui Saluti

publicae vixit non diu sed totus_ und _Franciscus Rom. et Austr. Imp.

ex fratre nepos alteri parenti posuit 1806_. -- Eine andere Inschrift

war noch in Vorschlag, die von dem Alterthumsforscher, Hofrath von

Birkenstock herrührte: _Josepho II., arduis nato -- magnis perfuncto --

majoribus praerepto_.

Jetzt kam mein Sohn mit freudestrahlendem Gesicht die Treppe herunter

und hatte nun vollauf zu berichten von der unendlichen Fülle der

Schätze, die er gesehen, beseelt von dem Wunsche, noch länger dort oben

studiren zu können.

Wir aber begaben uns nach dem Gasthofe, machten uns reisefertig und

stiegen in einen der niedrigen, für 9 Personen eingerichteten Omnibus,

die alle halbe Stunden vom Graben und von anderen Plätzen aus nach

Schönbrunn fahren.

Wir gelangten durch die Burg auf das Glacis und die unendlich langen,

außerordentlich belebten Straßen der Vorstädte. Jenseits der Linien

wurden die Häuser dünner. In der Ferne traten die blauen Berge hervor,

und endlich lag die prachtvolle Façade von Schönbrunn vor uns, über

welchem sich auf grüner Basis die stattliche Gloriette erhebt.

Wir fuhren in den großen Hof ein, stiegen aus dem nach Hietzing weiter

eilenden Wagen und schritten durch die Halle des Schlosses, in welchem

stattliche grün gekleidete Garden die Wache halten.

Wir treten aus dem Schloß. Vor uns breitet sich das große Parterre aus,

das auf beiden Seiten mit hohen, grünen Laubwänden abgekränzt ist. An

denselben stehen mehrere Statüen aus weißem Salzburger Marmor.

Man schreitet nun auf den wohlgepflegten Sandwegen vorwärts und sieht

in die zur Seite sich hinziehenden langen Laub- und Baumgänge. Man

gelangt zu dem Fuß eines langhingestreckten Hügels, wo ein mit weißem

Marmor eingefaßtes oblonges Wasserbecken lagert, in welchem eine

zahllose Menge von rothen, gold- und silberglänzenden und geschäckten

Fischen sich tummelt. Dahinter erhebt sich eine colossale Gruppe

aus weißem Marmor, von Neptun mit Najaden, Tritonen und Seepferden

gebildet, die auf dem grünen Hintergrund sich stattlich ausnimmt. Man

steigt nun den Hügel hinan und befindet sich endlich an der sogenannten

Gloriette, d. h. an einem Gebäude von 300 Fuß Länge, das eine

triumphbogenartige Bogenhalle bildet, die 60 Fuß hoch ist. Man steigt

durch eine Wendeltreppe auf die Plattform und hat von hier aus vor sich

das Häusermeer von Wien, das sich um den Stephansthurm schaart. Es ist

ein wundervoller Anblick! In der Mitte der Plattform erhebt sich der

colossale Kaiserliche Adler aus weißem Marmor.

Wir stiegen herab, nachdem wir Zeuge gewesen, wie polnische Damen und

Herren ihre Namen an den Adler angeschrieben.

Wir schritten nun gemächlich herab und durch den Laubwald nach einem

breiten Gange, der uns zu der Kaiserlichen Menagerie führte. In der

Mitte derselben befindet sich ein auf Stufen ruhender, achteckiger

Pavillon, der die Arras und Papagaien enthält, die in den gewohnten

Beschäftigungen auf ihren Ständern saßen und der zahlreich an den

Fenstern stehenden Zuschauer wenig achteten.

Das Vogelhaus wird nun in dem weiten Kreise von einzelnen ummauerten

Höfen umgeben, die durchweg von stattlichen Bäumen beschattet und

mit hohen eisernen Gittern nach der Vorderseite geschlossen sind.

Wir traten in den ersten dieser Höfe. Hier stand im Hintergrund ein

sehr geräumiger Käfig mit mehreren Abtheilungen oder Scheidewänden.

Wir sahen hier zum ersten Mal einen lebendigen Dachs, einen seltsamen

Burschen, der sich von anderen Thieren dadurch unterscheidet, daß

der Bauch und die Untertheile dunkle, der Rücken lichte Farben

trägt. Er ist ganz besonders rastlos und ämsig in seinen Bewegungen

und hält seine Glieder sehr sorgfältig zusammen, etwa wie Menschen,

die den Kopf in die Schultern ziehen und, die Hände dicht auf der

Brust zusammenreibend, mit kleinen raschen Schritten von einem Ort

zum andern rennen. Neben dem Dachse wohnten drei Wölfe aus Ungarn

in bester Eintracht. Auch sie waren rastlos, hatten aber freie und

ungeschlachte Bewegungen. Die schlechte Taille, die langen Köpfe mit

den langgespaltenen krokodilartigen Rachen, die schiefgestellten Augen

gaben den Thieren etwas Unheimliches, wie sie denn auch nie ganz zahm

werden. Neben ihnen hausten in seltsamen Treiben mehrere ägyptische

Füchse, die in der Färbung dunkler sind als die unsrigen.

Der Käfig eines anderen Hofes enthielt mehrere Prachtexemplare von

Hyänen, die mit ihren schwarzen, stumpfen Nasen und den wie Pechkohle

glänzenden kleinen schwarzen Augen, den hohen Schultern und dem stark

abfallenden, in einem armseligen Wedel endenden Hintertheile jene

afrikanischen Formen darstellten, welche auch das eingeborne Pferd

von Dongola trägt. Es ist etwas in der afrikanischen Fauna, was, im

Gegensatz zu der Indiens und des Kaukasus, gemein genannt werden muß.

Nilpferd, Nashorn, Gnu, selbst Zebra und Giraffe haben unangenehme

Formen.

Wir traten nun in den Hof, der das Affenhaus enthält, in welchem einige

zwanzig Meerkatzen von Olivenfarbe ihr tolles Wesen treiben und sich

daher auch stets einer zahlreichen Zuschauerschaft erfreuen.

Die Einrichtung des aus Eisendraht geflochtenen Thurmes ist überaus

zweckmäßig. In der Mitte erhebt sich ein astreicher Baumstamm, der

von anderen umgeben ist, die, durch Hölzer verbunden, hier oben

eine Galerie bilden, die den munteren Thieren sehr willkommen ist.

Von da hängen an Stricken große Reifen herab. Wir bewunderten die

außerordentliche Gewandtheit, mit denen die Thiere an den Baumstämmen

hinan rannten, dann oben auf dem Holzkranze, der kaum 3 Zoll breit,

hinliefen, sich kopfüber herabstürzten und an einem Strick oder einem

Reifen ganz sicher festhingen.

Es war nun das, was wir hier sahen, eitel Affenwerk, aber man

konnte nicht loskommen, denn wie in wohlgerathenen Arabesken und

in der musikalischen Fuga entwickelte sich immer eine tolle Scene

aus der anderen. Bald saß die eine Partei unten an dem Stamme um

einen alten großen Affen von gebrechlichem Ansehen und schien aus

seinen ernsthaften Mienen weise Lehren zu saugen. Bald rannte

oben in den Aesten ein Paar sich haschend umher. Bald schien ein

panischer Schrecken den ganzen Haufen zu packen, so daß Alles, wild

durcheinanderstürzend, das _bellum omnium contra omnes_ plastisch

darstellte. Ging es in den oberen Regionen zu toll her, so legte der

alte Affe seinen Kopf auf den Rücken und sah blinzend mit den Augen

nach oben. Er hockte stets, nun aber bewegte er sich auf den Händen,

die an den Leib gezogenen Beine nachziehend, vorwärts und kletterte

bedachtsam hinauf zum Kriegsschauplatz; er schien indessen keinen

nachhaltigen Respect zu haben. Das Affenhaus aber mit seiner rastlosen,

fieberhaften Thätigkeit erinnerte unwillkürlich an die christlichen

Westeuropäer in den verhängnißvollen Jahren 1848 und 1849, wo auch

trotz aller unablässigen Thätigkeit nichts zu Stande kam und fertig

wurde.

Wir gingen weiter und traten in den Hof, wo Löwin, Löwe, Panther und

Leopard in einem ansehnlichen Käfig gesondert neben einander wohnten.

Es waren prächtige, trefflich gehaltene Thiere. Ein älterer Herr trat

an die Löwin, sie näherte sich den Stäben des Käfigs und preßte sich an

dieselben. Der Herr kraute ihren Hals. Dann begab er sich zum Löwen,

der sich noch zutraulicher zeigte und gar auf den Rücken legte, damit

die Hand des Freundes weniger Mühe habe. Wir wissen, daß jedes Thier

eine Stelle an seinem Körper hat, die es gern den Liebkosungen der

Menschen darbietet, die aber dem Thiere selbst nicht erreichbar ist.

Es ist dieses unfehlbar eines der Mittel, durch welche die Vorsehung

die Thiere an den Menschen gebunden hat. Eine solche Stelle findet sich

auch in dem Gemüthe eines jeden Menschen.

In dem Hofe des Löwen fanden sich auch in ganz wohlverwahrten

Eisenkäfigen ein Eisbär und ein Landbärenpaar. Innerhalb beider Käfige

befand sich ein Wasserbecken und eine tüchtige Hütte. Der Eisbär,

ein colossales Geschöpf, blieb ganz gemächlich am Boden liegen und

hatte seine spitze Schnauze zwischen den Vordertatzen. Desto munterer

waren die Landbären, namentlich das Männlein. Der Bär, durch seine

Größe und dunkle Färbung vor der kleineren und helleren Gattin

ausgezeichnet, ging von Zeit zu Zeit in das Wasserbecken, um die,

trotz des Verbotes, von den Zuschauerinnen hingeworfenen Semmelstücken

herauszufischen. Dann trat er an’s Land und sah nach, ob neue Bissen

im Wasser angekommen. War dies nicht der Fall, so stellte er sich auf

die Hinterbeine und hielt die Vordertatzen wie ein Betender zusammen,

mit bedeutsam begehrlicher Miene im Kreise umherschauend. Wollte nun

gar Niemand ihn berücksichtigen, so trat er abermals ins Wasser und

streckte den einen Arm durch die Stäbe heraus.

Mehrere Höfe, in denen die Giraffen, der Elephant, das Gnu, die

Antilopen, die Strauße und der Kasuar, waren verschlossen, da man diese

Thiere, des rauhen, feuchten Wetters wegen, in den inneren Räumen

behalten mußte.

Jetzt kam die Fütterungsstunde. Wir kehrten zu den Affen zurück.

Als der Wärter unter sie trat und die Speise an den Boden setzte,

entwickelte sich ein reges Leben. Jeder faßte mit dem Maul und den

Händen, was er erwischen konnte, und zog sich zurück. Als der eine sein

Souper beendigt, setzte er sich an das Gitter und langte mit seinen

Aermchen nach den Grashalmen, die hier dem Boden entsproßen waren, um

sich ein Dessert zu verschaffen.

Die Zeit war sehr vorgerückt, und wir trennten uns von diesem

interessanten Punkte des Gartens. Wir schritten durch die Laubgänge

über das Parterre, um noch die Ruine und den Obelisken in Augenschein

zu nehmen, die an demselben Hügel, der die Gloriette trägt, angebracht

sind. Sie nehmen sich in der herrlich grünen Umgebung gar wohl aus,

zumal da sie nicht so kleinlich dastehen, wie ähnliche derartige

Baulichkeiten in den gewöhnlichen Parks. Bei Weitem ansprechender

war jedoch in einer dichten Baumpartie ein kleiner Tempel aus weißem

Marmor, hinter welchem auf breitem Postament die liebliche Marmorstatue

einer Nymphe über einer Urne ruhte, aus deren Oeffnung ein klarer

Brunnen in ein Becken rann.

Wir wandten uns durch die Laubgänge nach dem Schlosse zurück, sahen

nochmals nach der Gloriette hinauf und begaben uns in den Vorhof, wo

uns ein, eben aus Hietzing herankommender Omnibus aufnahm.

Das Lustschloß Schönbrunn und seine Umgebung ist ein Werk von Maria

Theresia und ihrem Sohne Joseph II. Es ist Alles so großartig, so

edel gehalten, daß man es begreift, wie eben Napoleon hier seinen

Aufenthalt wählen konnte.

Wir fuhren nun im Abendscheine nach der Vorstadt, deren lärmender

Verkehr seltsam von der feierlichen Ruhe des Kaiserlichen Lustschlosses

abstach. Am Michaelisplatz verließen wir den Wagen, schlenderten

gemächlich durch die Straßen nach dem Graben und dem Stephansdom und

begaben uns nach der Gaststube des Lammes, wo ein vortreffliches

Rostbratel uns auf die Mühen des Tages labte.

Man speiset in den Wiener Gasthöfen nie _Table d’hôte_. In dem Saale

steht eine Anzahl größerer und kleinerer runder und viereckiger Tische,

auf deren jedem ein großer Bogen, der Speisezettel, vorliegt. Der

Gast muß nun aus diesen langen Reihen das ihm Zusagende auswählen.

Dies ist nun für den Norddeutschen, der die reiche Nomenclatur der

österreichischen und besonders der Wiener Küche nicht kennt, keine

kleine Aufgabe. Ich hielt es daher stets für das Beste und Sicherste,

zu wählen, was ich für vortrefflich bereits erkannt hatte, und so

kam es denn, daß ich bei derartigen Wahlhandlungen mich immer an das

Rostbratel hielt, das, in’s Nordeuropäische übersetzt, Beefsteak heißt.

Hier reichte man uns Sardellenbutter dazu, was ich den norddeutschen

Landsleuten angelegentlich empfehlen kann.

An unserem Tisch nahm noch ein norddeutscher Kaufmann Platz, den

wir bald als einen gebildeten und wohlwollenden Mann erkannten.

Auch er war nicht minder, wie wir, von Wien erfreut. Auch er hatte

die schönen und gesegneten österreichischen Lande mit den heiteren,

liebenswürdigen Menschen liebgewonnen und theilte uns endlich mit, daß

er sich entschlossen habe, ganz nach Oesterreich überzusiedeln und

Grundbesitz daselbst zu erwerben. Er hatte seinen Entschluß auf eine

längere Zeit fortgesetzte, sorgsame Betrachtung der österreichischen

Zustände gegründet. Er versicherte uns, daß die öffentlichen Lasten

durchaus nicht drückend seien, daß der Verkehr nirgend freier und

ungehemmter sich entwickeln könne, ja daß man kaum irgendwo ungestörter

und behaglicher lebe als in Oesterreich, wenn man nur die Gesetze der

Gerechtigkeit und Wohlanständigkeit beobachte.

Indessen war es spät geworden, und wir suchten unsere Ruhestätten.

Freitag, den 19. September, waren wir gar früh bereits in dem

Kaffeehause, diesmal in Capot und Paletot, denn der Himmel hatte sich

umzogen, und der Regen begann herabzusprühen. Wir gingen durch die

Stadt nach der Karlskirche, deren Inneres wir nochmals in Augenschein

nahmen. Dann begaben wir uns nach dem Belvedere, um die Ambraser

Sammlung kennen zu lernen. Die Bildergalerie gab ich auf -- wer wird

für 2500 Gemälde weniger Zeit als mindestens acht Tage verwenden wollen.

Die Ambraser Sammlung gehört nächst denen in Dresden zu den ältesten

in Deutschland; sie ward von Erzherzog Ferdinand von Oesterreich,

zweitem Sohne des Kaisers Ferdinand I., der im Jahre 1595 starb,

gegründet. Der Erzherzog sammelte ganz im Sinne seiner Zeit, Alles,

was ihm interessant und merkwürdig, kostbar und der Aufbewahrung werth

schien. Die Sammlung befand sich bis zum Jahre 1805, wo Tirol an Baiern

abgetreten wurde, auf dem Schlosse Ambras. Dann wurde sie nach Wien

gebracht und in dem vom Herzog Eugen von Savoyen erbauten unteren

Gebäude des Belvedere aufgestellt.

Wir traten zunächst in den Saal, der gegenwärtig eine Anzahl antiker

Denkmale enthält, die früher in der Kaiserlichen Burg standen. Darunter

zeichnet sich die Bronzestatue des Germanicus aus, welche aus der

Abbildung zu Vierthaler’s Reisen in Salzburg bekannt ist. Sie ward

in Steiermark gefunden. Von den übrigen Sachen ist namentlich der

Sarkophag mit der Amazonenschlacht bemerkenswerth, dann mehrere Büsten

römischer Imperatoren.

Von hier tritt man in die Säle, welche die Rüstungen berühmter Personen

des 15. und 16. Jahrhunderts enthalten. Darunter zieht vor allem die

Gestalt des riesenhaften Bauers aus Trient, der dem Erzherzog Ferdinand

als Trabant diente, unsere Augen auf sich. Im Sommer 1851 zeigte sich

auf der Dresdener Vogelwiese ein Neapolitaner, der 7 Fuß 7 Zoll hoch

war. Der Trientiner Bauer muß den Waffenstücken zufolge jedoch noch

größer gewesen seyn. Unter den Rüstungen der Fürsten und Feldherren

bemerkten wir namentlich die zierlich gearbeiteten Eisenharnische

mit den fußlangen Schnabelschuhen, welche in der sonst so sehr

reichen Dresdener Sammlung fehlen. Besonders merkwürdig war mir eine

Kettelrüstung für Roß und Mann. Dieser Theil der Sammlung wurde eben

durch Baron von Sacken neu aufgestellt, die Rüstungen sind in zwei

Reihen übereinander in hölzernen Nischen angebracht und werden von

trefflich geschnitzten, hölzernen Statuen getragen. Diese werden, wenn

die Aufstellung beendigt ist, drei Säle und ein Cabinet anfüllen.

Der vierte Saal enthält eine höchst werthvolle Sammlung von Bildnissen

der europäischen Fürsten des 16. Jahrhunderts, vornehmlich der dem

Erzhause Oesterreich näherstehenden. Die eine Wand bedeckt ein

Stammbaum desselben Hauses. Dieser Theil der Sammlung bietet zugleich

eine Uebersicht der Geschichte der Portraitmalerei. Die ältesten

Bildnisse reichen bis in die Zeit des Kaisers Maximilian I., so unter

anderen das des Kaisers Rudolph von Habsburg, das nach dem, im Dome zu

Speier befindlichen Grabmale, auf Maximilians Befehl gefertigt ist.

Von diesem Kaiser, seinen Gemahlinnen und Kindern, von dem Erzherzog

Ferdinand, seiner Gemahlin, der geistvollen und schönen Philippine

Welser, sowie seinen Söhnen, dem Markgrafen Karl von Burgau und dem

Cardinal Andreas, dann von Kaiser Karl V. und Philipp II. und deren

Zeitgenossen, ist eine reiche Portraitsammlung an den Wänden des großen

Saales vertheilt. Daneben finden sich mehrere Bronzebüsten des 17.

Jahrhunderts.

Der fünfte Saal enthält die sogenannte Kunst- und Wunderkammer, in

welcher Hirschgeweihe, die in Baumstämme eingewachsen, Erzstufen,

Straußeneier, Nüsse und Wurzeln, kleinere Kunstwerke in Elfenbein,

Marmor, Metall, Korallen, Perlmutter, Kunstschränke, seltene

musikalische Instrumente, Kleidungsstücke, einige afrikanische und

indische Waffen und Geräthe, Büsten und Reliquien der Kaiserlichen

Familie aufbewahrt werden.

Die letzte Abtheilung ist eine reiche Sammlung ägyptischer Alterthümer,

Mumien, Särge, Grabsteine, Papyrus, Statuetten in Bronze, Stein und

gebranntem Thon, Holz und anderen Stoffen, die, wenn sie aufgestellt

seyn wird, mindestens den Umfang der Florentiner einnehmen dürfte.

Mein Begleiter eilte in die Mineraliensammlung voraus, ich

aber betrachtete mit Herrn von Sacken die Einzelnheiten der

mittelalterlichen und außereuropäischen Abtheilungen, von denen bei

Weitem nicht Alles aufgestellt ist. Die zu der Ambraser Sammlung

gehörigen Manuscripte sind an die Kaiserliche Bibliothek abgegeben.

Ich begab mich sodann ebenfalls in das Mineralienkabinet, um die

technische Abtheilung desselben genauer zu betrachten und mir eine

Zeichnung des prachtvollen Etiki zu fertigen. Wir betrachteten dann

noch die gewaltigen Bergkrystalle, den Abguß des im Ural gefundenen

ungeheuren Goldklumpens, die überaus zahlreiche Sammlung der

Meteorsteine und schieden sodann mit dem herzlichsten Danke gegen die

so gelehrten, als zuvorkommenden Vorsteher der Sammlung.

Wir kehrten nun in unseren Gasthof zurück und verrichteten das so

nothwendige Geschäft des Packens. Dann aber gingen wir, nachdem wir in

dem Salon gespeist, nochmals in die Stadt und nahmen Abschied von dem

Stephansdom und allen Gebäuden und Denkmalen, die uns so lieb geworden.

Als wir nun eben unser Gepäck nach dem Bahnhof schaffen wollten, fuhr

ein Wagen in’s Haus, aus welchem uns die Dresdener Damen anriefen, die

wir in St. Gilgen und Ischl zu treffen die Freude gehabt hatten.

Wir schieden von ihnen und folgten dem, das Gepäck fahrenden Hausknecht

nach dem Bahnhof. Punkt sieben Uhr setzte sich der Zug in Bewegung und

rasete durch die in der Dunkelheit liegenden Gegenden. Eine Nachtfahrt

mit dem Dampfwagen gewährt nun freilich wenig Erheiterndes. Trotz

des Lärmens, des Anrufens auf den Stationen, bemächtigte sich gegen

Mitternacht dennoch der Schlaf aller Insassen. In Brünn wurden halb

ein Uhr die Wagen gewechselt. Greller Fackelschein beleuchtete die

schlaftrunkenen Passagiere. Nach kurzem Aufenthalt ging es weiter.

Der Schlaf stellte sich auf’s Neue ein. Als nach vier Uhr der Tag

grauete, waren wir bereits im Königreiche Böhmen. Der Morgenhimmel

glühte im schönsten Roth, aber schon gegen 7 Uhr begann der Regen, der

uns den Anblick des Landes verkümmerte. Gegen 10 Uhr fuhren wir in

den prächtigen Bahnhof von Prag ein und gegen 11 Uhr wieder hinaus.

Der Regen dauerte auch in dem Elbthale fort. In Bodenbach war die

Gepäckschau bald abgethan, und wir nahmen in den sächsischen Wagen

Platz.

Rasch ging es weiter durch die im Regenkleide verhüllten

Sandsteinfelsen der sächsischen Schweiz. Halb 6 Uhr fuhren wir in den

Bahnhof und dann in einer Droschke durch die stillen Straßen Dresdens

nach unserem Hause, wo wir Alles in bestem Wohlseyn antrafen.

Druck von E. H. R. Roempler in Dresden.

Anmerkungen zur Transkription

Das Original dieses Buches wurde in Frakturschrift gesetzt. Die

Rechtschreibung und Zeichensetzung des Originaltexts wurden

beibehalten; jedoch sind unterschiedlich geschriebene Wörter

vereinheitlicht worden, sofern nicht unklar war, ob dies der Absicht

des Autors entsprach.

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Seite 6: »zeigen« geändert zu: »zeugen« - ...die gelehrten

Gesellschaften u. s. w. zeugen von dem...

Seite 32: »lautete« geändert zu: »läutete« - ...alle Glocken der Stadt,

man läutete Ave Maria...

Seite 115: »Jahhunderts« geändert zu: »Jahrhunderts« - ...des 15.

Jahrhunderts...

Seite 120: »leiht« geändert zu: »leicht« - ...gezwingt jedoch die

Wellen gar leicht, und der...

Seite 135: das Komma nach »abfällt« wurde durch einen Punkt ersetzt -

...der Berg hier überaus steil abfällt. Es ist diese...

Seite 147: »Kerms« geändert zu: »Krems« - ...Stein, Krems und der

Wiener Gegend...

Seite 179: »uamentlich« geändert zu: »namentlich« - ...waren die

Landbären, namentlich das Männlein...

Seite 185: »Kal« geändert zu: »Karl« - ...dann von Kaiser Karl V. und

Philipp II....

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Ferienreise nach Linz, Salzburg, Kloster Göttweig und Wien · 第 10 / 10 段