IX

Dezember dann und Neujahr, alles ging vorüber; aber seitdem Blanche fort

war, strich die Zeit mühselig dahin, als fehlte es auch ihr an Schwung.

Eines Tages, um vier Uhr nachmittag, kam Berthe auf dem Boulevard

Sebastopol an der Kirche Saint-Leu vorbei. Das ist eine Kirche aus

grauen Quadern wie alles rings um die Hallen, wo die Häuser an den

Fischmarkt und das große Mundwerk der Händlerinnen erinnern. In den

letzten Tagen spürte Berthe ein gewisses Schauern zwischen Zwerchfell

und Herzen, ein Spiel der Organe, von dem sie nicht erriet, was es zu

bedeuten habe. Manchmal kamen ihr komische Gedanken, die einen Anfang,

aber kein Ende hatten und dennoch einen süßen und lieblichen

Nachgeschmack hinterließen. Als sie an der Kirche Saint-Leu vorbeikam,

durchlief sie das Erschauern und umfing sie. Sie lächelte, indem sie

sich ihm hingab, und sagte sich: »Gehn wir hinein!«

Sie durchschritt zweimal die Kirche und war verwundert. Dann setzte sie

sich auf einen Stuhl und wußte einen Augenblick nicht, was sagen:

»Mein Gott, ich bin nur eine liederliche Dirne. Heute abend mußte ich in

die Kirche Saint-Leu treten, ohne zu wissen, warum. Da bin ich in Deiner

Kirche, mein Gott, ich denke an Dich. Du siehst uns nicht einmal an,

denn wir tun alles das, was Du verboten hast. Maurice sagte: Es gibt

keinen, aber ich sage Dir: Es gibt einen guten Gott. Mir ist, als wenn

ich den Boulevard Sebastopol lange verlassen hätte. Weil ich am Tag

meiner ersten Kommunion krank war, nahm ich meine erste Kommunion zwei

Wochen später. Wir waren zwei Kleine in Weiß, aus derselben Schule: die

Schwester nahm einen Fiaker und führte uns zur Kommunion nach

Notre-Dame. Wir waren sehr glücklich, im Fiaker zu fahren. Und dann hat

mich meine Mutter am liebsten gehabt. Sie sagte zu mir: Komm her,

Berthe, ich mach dir Locken und frisier dich schön. Ich bin in die

Katechismusstunden gegangen und liebe noch die Marienmonate sehr. Meine

Mutter war sehr gütig, sie war nicht wie die andern Frauen und war

Italienerin. Am Tag, wo sie gestorben ist, war ich im Spital. Meine

beiden Schwestern besuchten mich: Marthe war ganz blaß, aber Blanche

kratzte sich am Kopf und schien sich nicht viel daraus zu machen. Auf

der Stelle bereitete es mir nicht soviel Kummer, wie ich geglaubt hätte.

Mein Gott, ich denke an meine Mutter. Ich wäre so glücklich, wenn ich

sie wiedersehen würde, aber ich frage mich, ob es nicht Dummheiten sind,

was ich Dir sage. Ich will zu Dir beten, mein Gott, denn das Gebet tut

mir wohl. Wenn meine Bekannten wüßten, daß ich bete, sie würden es

lächerlich finden, und ich will trotzdem zu Dir beten. Ich bin nur eine

liederliche Dirne, aber ich bin noch nicht schlecht. Du wirst mich

ansehen und sagen: Ach, die kleine Berthe Méténier betet da.«

Sie ließ sich auf die Kniee nieder und sprach das »Vaterunser« und

»Gegrüßt seist Du, Maria«, aber sie konnte sich nicht an das »Ich

bekenne« erinnern. Kurz darauf setzte sie sich und blieb in ihrem Winkel

sitzen, ganz allein und ganz bescheiden wie ein kleines Kind, das ein

gutes Beispiel geben will.

Sie trat hinaus und ging geraden Wegs zu Pierre Hardy. Sie erzählte ihm:

»Weißt du, was ich heute gemacht habe? Ich kam an der Kirche Saint-Leu

vorüber. Da bin ich hineingegangen und hab für meine Mutter zum lieben

Gott gebetet!«

In ihm war ein Rest seiner katholischen Erziehung:

»Dafür wird dir vieles vergeben werden, meine kleine Berthe.«

Dann wurde er sich bewußt, daß diese Worte nichtssagend waren.

Nach dem Essen, während sie im Kaffeehaus saßen, packte es Berthe:

»Ach was, es ist blöd, daß ich mich gräme.«

Sie ergriff das Kognakfläschchen und schüttete es in die Tasse mit

entschlossener Gebärde und plötzlichem Kopfnicken. Wahrhaftig, komische

Einfälle trieben sie an, wirbelten durcheinander, man sah sie in ihren

Augen blitzen. Sie brach in Gelächter aus: Ja, manchmal packt es mich.

Sie trank den Alkohol aus wie nichts, und das genügte ihr nicht.

Sie rief: »Vorwärts! Musik!« und stürzte noch eins hinunter. Ein Irrsinn

überkam sie, den Ellbogen immer wieder zu heben, ein förmlicher Irrsinn

in Ellbogen und Kopf, in dem Trinken Lust bereitete und die Lust

vervielfachte. Sie trank mit einer Geste, wie wenn ein Gärtner sein

Blumenbeet begießt, es erhielt sie im Zuge, es trieb sie weiter und

mischte eine unbekannte Kraft in ihr Blut. Sie schüttete alles hinab,

was da war, und man hätte gedacht, sie schütte etwas zu.

An der Straßenecke stand ein kleiner Knirps. Berthe balancierte,

geradezu tanzend, wie ein Seiltänzer. Sie schwang ihm das Bein über den

Kopf und rief: »He, hopp!« Der Junge lachte auf, Berthe bückte sich, um

ihn zu küssen, und sagte: »Wie lieb er ist!«

Einen Augenblick war die ganze Welt lieb. Sie erfüllte alles mit Leben,

teilte allem ihre Lustigkeit mit und hätte am liebsten alles in ihren

Wirbel hineingerissen:

»Mein Mädel, mit der Garde

Marschieren wir herum,

Tra ra tra ra bum bum!«

sang sie und stürzte sich in die offene Tür eines Kaffeehauses:

»Ich pfeif drauf, ich pfeif drauf. Das dauert mir schon zu lang. Die

ganze Komödie ödet mich an. Man spuckt in die Luft und es fällt einem

auf die Nase. Ich pfeif jetzt auf alles, und das ist das Beste. Sie

sagen mir: Was haben Sie für eine glückliche Natur, Sie lachen in einem

fort. Ich pfeif auf sie. Jetzt will ich mich amüsieren. Gewiß, ich hab

einen Nervenanfall gehabt heute abend, und ich möchte wissen, wozu mir

das gut ist. Geld bringt's nicht in die Tasche, wenn man sich grämt.

Ach, schau bloß mal den Schädel des Alten an! Wenn er trinkt, läßt er

das Bier herunterrinnen. Dann soll er keine Regenwürmer haben im Bart!

Die sind gut, die Alten. Man sagt zu ihnen: >Zahl mir vierzig Sous drauf

und ich küß dich.< Was muß Maurice da unten nicht alles schlucken? Seit

einer Woche wartet er, daß ich von mir hören lasse. Ich hab es satt.

Komisch, wie man aus der Ferne alle Fehler sieht. Da sagt mir unlängst

sein Kamrad: >Was du treibst, ist nicht recht.< Was hat er sich

reinzumischen?«

Aber Pierre, der steif dasaß, öffnete den Mund, und sie schwieg schon.

In der Luft lag etwas andres:

»Nein, der dein Mann ist, ist nur ein Mensch; ein Leib, der leidet, und

eine Seele darin, die büßt, sollen unserm Herzen teurer sein, als alle

Begierde und aller Haß und sollen wie ein ausgestoßener Schrei sein, der

so lange fortgellt, bis wir ihm unsre Liebe entgegenbringen. Ich weiß,

daß ein Mann dir weh getan hat, aber ich weiß auch, daß dieser Mann

allein ist. Ist dein Schmerz groß, so sei er auch schön, neige dein

Haupt wie ein guter Engel über Gottes Gerechtigkeit, dann erhebe dein

Haupt und lächle deinem Bruder Satan zu. Er brachte dir das Licht, als

du siebzehn Jahre warst, er setzte sich des Morgens neben dich und

sprach, deine Hände nehmend: >Schwester meiner Seele, begreifst du meine

Liebe?< Berthe und Maurice, als die Tage euch zusammenbanden, hat ein

Wunder sich erfüllt des Heiligen Geistes, der euch an jenem Tage

vermählte und für immer die Stunde eures Glücks eingrub in dein

Gedächtnis. Heute ist der Mann hinausgehetzt. Ich sage dir: Du sollst

den Mann vergessen, da er den Fluch seines Geschlechts auf dein Haupt

geladen hat, aber ich kniee zu deinen Füßen und flehe zu dir: Still ihm

das Blut seiner Wunden. Sprich zu ihm: >Ich gedenke deiner, der du in

der Tiefe der Hölle bist, und ich sende meinen Odem zu dir, deine

Flammen zu kühlen.< Und da der Tag der Auferstehung kommen wird, da die

Buße nicht ewig ist, so wirst du dein Haupt erheben und sprechen: >Ich

war eine barmherzige Schwester und verband Wunden. Ich bin ein Weib, das

du verwundet hast und das leben will; ich will genesen und kenne dich

nicht mehr.<«

Pierre sprach nicht so, Berthe vernahm dieses nicht, aber die Worte

schwebten in der Luft rund um ihre Gesichter und strichen über sie wie

ein Hauch, der erhabener ist als Menschenworte.

Sie verlangte Tinte und Feder, und im Schreiben war noch die Tollheit

der Dirne und Betrügerin. Sie nannte ihn »mein liebes Männchen« und fuhr

fort: »Ich weine, während ich diese Worte schreibe«, und sie lachte

darüber. Sie war schmeichlerisch nach der Sitte von Paris, wo man den

Straßenpassanten zulächelt und alles sich mit französischer Ironie

abspielt.

Sie begann nochmals zu trinken, kräftigen Schnaps, den sie kurz

umstülpte und mit einem Kosenamen belegte: kleines Schnäpschen. Die

Gläschen reihten sich im Gänsemarsch aneinander wie Kinder, die spielen;

sie nahm sie und goß sie tief in sich hinein in der Wut, alles zu

ersticken, was noch drinnen übrig geblieben sein konnte. Als sie bezecht

war, durchlief der Rausch sie ganz, folgte den Nerven entlang und

erregte ihr ein Gelächter, das sie schüttelte und aufkreischen ließ wie

eine zusammengepreßte Springfeder. Die Welt war drollig, die

Streichholzständer auf den Tischen, die Gaslampen, die Gäste und die

Bänke blickten sie mit einem Ausdruck an, den sie noch nicht kannte, sie

zu Grimassen herausforderte und stoßweise zum Lachen zwang.

Sie gingen endlich. Die Nacht war feuchtschwarz, die Sterne

durchlöcherten den Himmel und sanken wie Hagel herab, der Lärm rollte

wie Gottes Donner. Berthe sagte in ihrer arglosen und jähen Trunkenheit:

»Ich weiß nicht, was mit mir los ist, nie bin ich so traurig gewesen wie

heute.«

Er führte sie nach Hause, und als sie eintraten, löste sich die

Spannung. Die Wirtin erwartete sie:

»Fräulein, Ihr Bruder hat Sie hier gesucht. Er hat einen Brief da

gelassen.«

Sie las den Brief und begriff alle ihre Ahnungen.

Ihr Vater war gestorben.

Jean Méténier war, neunundvierzig Jahre alt, im Spital gestorben. Er

hatte sich eines Abends zu Bett gelegt, schwer wie ein Stein, und wand

sich vier Tage unter seiner Bleivergiftung. Dann verkrampfte er die

Fäuste, streckte sich auf den Rücken und fühlte die Schwere seiner

sieben Kinder in seinem Schädel: Marthe mit zwei Rangen, Berthe mit

Bübü, Blanche und Saint-Lazare mit dem ganzen Bettel, Gustave, der mit

der langen Marie, der Müßiggängerin, zusammenlebte, die drei kleinen

Jungen, die soviel Brot aßen und mit ihren offenen Spatzenschnäbeln hier

zurückblieben, -- und er starb mit zusammengebissenen Zähnen und

vorgestrecktem Kinn.

* * * * *

In diesen Tagen war Berthe so unglücklich. Man hofft auf ein

Wiedersehen, um sagen zu können: »Ich habe geirrt, aber habe dich

dennoch geliebt. Ich kehre zurück und nun wird die Familie wieder

vollzählig sein.« Er war tot, und Berthe erinnerte sich besonders eines

Ereignisses, das ihr Gustave erzählt hatte. Eines Tages überraschte der

Vater Blanche in der Rue Gaîté, wie sie am Arm eines Zuhälters ging. Er

kam nach Hause, setzte sich an den Tisch und sagte: »Ich habe drei

Töchter gehabt; mußten aus ihnen drei Huren werden?« Und große

Männertränen fielen ihm in den Bart. Er war tot, und das war etwas

Unabänderliches und Unerwartetes. Sie hatte viel von ihren

Kindergefühlen eingebüßt, aber als sie das ernste und gerechte

Totenantlitz erblickte, empfand sie einen Geißelhieb wie von einem

ewigen Vorwurf. Sie hatte Furcht, wie man sich nachts bei Albdrücken

fürchtet, bei Gewissensbissen, wenn die Finsternis nach dem Verbrechen

dicht und schwer ist gleich einer Strafe. Berthe empfand Scham über ihre

Vergangenheit, sie sah sie blitzartig beleuchtet und dachte: »Ich bin

die letzte der Letzten.«

Und dann wollte sie ein Trauerkleid haben. Nachts verließ sie unter

einem Vorwand die andern und ging los, um sich das Trauerkleid zu

verdienen. Sie strich wie gewöhnlich über den Boulevard Sebastopol. Drei

Stunden schritt sie dahin, die Füße auf den Steinen, in der

schrecklichen Todesnacht, und schließlich war es ihr, als schleifte sie

den Leichnam durch die Straße. Sie ging mit zwei Männern. Der erste gab

ihr zehn Francs, und als sie sich aufs Bett gelegt hatte, genoß Berthe,

das empfindungslose und unbeteiligte Freudenmädchen, den Mann und spürte

Liebeslust. Der zweite gab ihr hundert Sous und feilschte. Niemals

könnte sie den Mann vergessen. Er hatte einen roten Bart, sie hätte ihn

am liebsten gebissen und ihm gesagt: »Begreif doch die Gemeinheit, dich

auf mir herumzuwälzen am Tag, wo ich meinen Vater verloren habe!«

Diese Nacht rettete sie. Wenn die Schande so groß ist, daß man sie nicht

mehr ertragen kann, läßt man sich nieder, errötet noch, blickt aber auf

und flieht vor der Schande weit weg und kann nicht anders. Sie hatte den

Geschmack von all dem Erleben der so langen Tage, da der Vater starb, im

Munde, den Geschmack von Stein und Asche, vom Boulevard Sebastopol und

vom Spital, wo man verendet. Und ihr ganzer Beruf war davon erfüllt, all

ihre Tage der Krankheit und der Schmach, und die Hotelzimmer, wo man

sich aufs Bett legt, bewußtlos und gedankenlos wie ein Tier. Sie sah die

unnennbaren Gegenstände wieder, die Waschbecken und die herumliegenden

Sachen und das ausgehöhlte Kreuz in den feilen Nächten. Sie erinnerte

sich an alles: an das Auf- und Abgehen auf den Boulevards, den Alkohol

in den Cafés, die Küsse ohne Geschmack, mengte alles durcheinander,

verschmolz es in eine einzige Masse, und all die Nächte wurden in ihrem

Gedächtnis die Nacht, in der ihr Vater begraben werden sollte.

Die Familie hatte sich versammelt. Die Großmutter blickte sie mit

scharfen Augen an wie eine böse Hexe. Sie sagte: »Saumädel!« Berthe

erwiderte: »Und ich weiß nicht, was du gemacht hast, wie du jung warst.«

Der Bruder sagte: »Du schweig vor allem.« Man hatte über die drei

kleinen Kinder verfügt: Marthe nahm das zweite, Gustave die beiden

andern zu sich. Man hatte so vor ihr verfügt, ohne sie zu befragen, ohne

sie mitreden zu lassen, als gehörte sie nicht zur Familie. Als sie

anbot, mitunter auszuhelfen, antwortete Gustave mit einer Gebärde: »Hilf

dir zuerst selber!«

Sie litt unter all dem in der unsagbaren Angst der Verstoßenen und in

einem Entsetzen, das sie leise beben ließ. Sie fühlte, daß sie nicht

ehrsam war, und begriff unter den Ihrigen, die sich um einen Toten

scharten, wie schön es war, ehrsam zu sein. Zu gleicher Zeit wanderten

ihre Gedanken zu den Zuhältern und zum Laster. Die ununterbrochene

Verknüpfung von Gemeinheit und Kummer brachte sie in schwärzeste

Betrübnis, bis an einen verlorenen großen Abgrund, dessen bitteres

Wasser ihre Brust überflutete. In ihrem ungelenken Geiste formte das

Leben ein Bild, sie sah vor ihren Augen zwei gebrechliche Schultern und

auf sie Schläge niedersausen. Sie klagte über sich selbst mit Worten wie

zu Kindern: Arme kleine Berthe!

* * * * *

Da sah sie große Gefühle sich in den Tag erheben gleich der aufgehenden

Sonne. Sie ward erleuchtet, Magdalena, und als sie sich aufrichtete, um

ihr feuchtes Antlitz abzuwischen, schien ihr das Herz vom ersten Licht

erhellt zu sein. Sie sah jenseits der Dinge eine tiefe Liebe, eine große

Güte, die schwebte und mit den ganz leise bewegten Flügeln um ihre Stirn

schlug. Sie sah dies, ohne sich Rechenschaft darüber abzulegen, doch

ihre Seele war erfrischt, wie wenn man Früchte genossen hat. Halleluja!

sangen die Engel. Auf Erden war ein Duften wie im Marienmonat. Wenn sie

an Pierre dachte, so dachte sie an ihre Eltern, an die Kunstblumen und

die gute Gewißheit eines Daseins an gleichmäßigen und friedlichen Tagen.

Wie begehrte sie danach, niederzusitzen und die Zeit verfließen zu

sehen, ohne Gebärde und gesammelt in Gedanken, die mit der Zeit

dahinströmten! Gleichwohl, wenn es mir jemand vor einer Woche prophezeit

hätte, ich hätte ihm nicht geglaubt, denn das Unglück verfolgt mich zu

lange. Ich hätte ihm gesagt: »Aufschneider! Hält man mal dort, wo ich

bin, so weiß man, daß es für immer ist. Schließlich, man kann nicht mehr

anders.« Sie dachte schon daran, am Sonntag aufs Land zu gehen, und sie

würde sich Blumen mitbringen. Wenn man das Spital fast geheilt verläßt,

so fühlt man sich rein gewaschen. Sie fühlte sich rein gewaschen!

Sie dachte: Gewiß, ich werde weniger Geld verdienen, und das wird schwer

sein, denn Geld bereitet Glück. Ich werde nicht mehr Tage zu zehn Francs

haben wie auf dem Sebastopol; aber wenn ich daran denke, macht mir der

Sebasto Herzleid. Offenbar, weil ich nicht so stark bin wie meine

Schwester Blanche. Übrigens hab ich nichts davon gehabt. Ich weiß nicht,

was im Menschen steckt, wenn er das Handwerk betreibt. Es ist richtig,

daß unrecht Gut nicht gedeiht. Mir ist, als würde ich ruhig sein, wenn

ich wieder Blumen mache. Ich werde den ganzen Tag zu tun haben, und so

werde ich keine Lust haben, viel Geld auszugeben. Schließlich, wenn man

ordentlich ist, so ist man immer belohnt. Ich werde noch jemand finden,

der sich für mein Los interessieren wird und mir wird helfen wollen.

Wahrhaftig, ich glaube, daß ich anständig sein werde. Ich stehe nicht

darum, zu heiraten, denn alle Männer haben ihre Mucken.

Sie ging die Maueranschläge in der Rue Réaumur nachsehen und fand sofort

Arbeit. Alles vollzog sich wie in den Büchern, wo man die Sonne die

Genesenden erwärmen sieht. Der Frühling schien den Winter abzulösen, und

der Himmel spendete blaue Lüfte, die in der Sonne zitterten, über die

Dächer sich breiteten und Gedanken an junge Liebende erweckten. In den

Straßen gingen die Passanten auf der Sonnenseite. Sie war frisch und

lebhaft und gut, von einer so großen Güte, daß man geglaubt hätte, all

das schöne Wetter komme aus ihrem Herzen. Sie arbeitete in einer

finstern Werkstatt, wo alte Winterreste in den Winkeln moderten, und die

bissige Besitzerin und all die Närrinnen mit ihren verliebten

Albernheiten schienen ihr anfangs schlimme Dinge zu sein, die sie schon

einst im Backfischalter erlebt hatte. Sie hatte sie sich eben abgewöhnt,

aber in einer Woche war sie wieder darin.

* * * * *

Abends, wenn sie von der Arbeit kam, ging sie zu Pierre. Sie erzählte

ihm die großen Neuigkeiten:

»Weißt du, ich hab es satt gehabt . . . Hör, was ich tun will: ich nehme

mir ein kleines Zimmer für fünf Francs in der Woche, nicht mehr. Ich

werde in diesem Viertel wohnen. Du wirst sehn, mein alter Pierre. Eines

Tages endet das mit einer Heirat. Jeden Abend machen wir, wenn du

willst, einen Spaziergang durch die Rue de Rivoli und gehn dann jeder

nach Hause. Manchmal begleite ich dich in dein Zimmer, aber nicht alle

Tage, denn man darf sich nicht zu sehr müde machen. Doch vorläufig mußt

du mich aufnehmen, bis ich den ersten Wochenlohn bekommen habe. Du wirst

mich ins Restaurant führen. Übrigens mach ich dir keine großen Ausgaben.

Wir werden uns gut unterhalten. Wir wollen den Einzug einweihen. Ich

kaufe ein Huhn und laß es irgendwo braten, und Gemüse, das wird ein

feines kleines Abendessen sein. Ich will mir einen Seiher verschaffen,

damit ich Kaffee kochen kann. Du wirst sehn, mein Alter, ich werde ein

fabelhaftes Essen bereiten.«

Und Pierre dachte:

»Ich habe kein Weib gehabt. Ich bin mit gesenktem Kopf herumgegangen und

wiederholte mir: ich habe kein Weib. Das Unglück unterbricht sich nicht,

so daß man glaubt, es sei schlimm, zu leben. Das ist vorüber. Ich fühle

jetzt, daß alles, was mir gefehlt hat, nun kommt und daß die Welt in

Ordnung ist. Aber das Gleichgewicht findet man nicht auf einmal. Ich

frage mich: Was habe ich denn getan, was ist denn mein Verdienst, daß

mir solch ein Glück beschieden wird?«

X

So schliefen denn Pierre und Berthe Rücken an Rücken, um drei Uhr

morgens, in jenen Nächten, die der Liebe gehörten.

Er fühlte sie neben sich wie den stillen Atem eines friedlichen Lebens,

wie die Sicherheit eines Glücks, das uns nicht einmal mehr erregt.

Sie war eingeschlummert, da sie müde war, und diese Müdigkeit erinnerte

an die Müdigkeit eines kleinen Kindes.

Die Frau erscheint uns schöner des Nachts und ist uns tiefer gewärtig

als am Tage. Ach, so schlafen zu können, wenn das Glück uns einschläfert

und unsern Schlummer einhüllt wie ein feines Linnen, das fromme Hände

gewebt haben!

Die Frau ist Jungfrau und sieht unserm Schutzengel gleich.

* * * * *

Als alle drei oben auf dem Treppengang angekommen waren, drückte Bübü

sein Ohr an die Türe; er hörte nichts und es war ihm, als vernähme er

nur seine Blutadern.

Der lange Jules stieß im Finstern in Adele:

»Geh voran!«

Sie klopfte dreimal, dann flötete sie:

»Ist Berthe da?«

Man hörte etwas, bald wurde die Türe geöffnet und das Licht angezündet.

Adele trat ein und sagte:

»Du machst schöne Geschichten!«

Hinter ihr Bübü, stumm, die Mütze abnehmend, dann der lange Jules,

aufgerichtet, die Mütze auf dem Kopf, und er schloß die Tür.

Man hatte sie nicht erwartet.

Bübü, klein und breit, machte zwei stramme Schritte wie ein Möbelpacker.

»Mein Herr, ich bedaure die Umstände. Sie werden verstehen, was das

bedeutet, wenn man vier Jahre mit einer Frau gelebt hat. Ich erfülle

meine Pflicht.«

Sie richteten sich beide im Bett auf in ihren Hemden und mit ihren

Schultern neben der zitternden Kerze, und sahen mit brennenden Blicken

drein.

Sie spürte einen Schlag, alle Ohrfeigen, die sie empfing, als einen

einzigen Schlag.

Bübü sagte:

»Stehen Sie auf, Madame!«

Sie erhob sich im Bett, die Stirn schmal, die Sinne benommen, so

schwach, daß sie nicht wußte, wie man redet.

Er wiederholte:

»Stehen Sie auf!«

Da sie nicht aufstand, begriff Bübü, daß man Energie haben muß, wenn man

das Recht hat.

Er näherte sich:

»Verzeihen Sie, mein Herr!«

Und er versetzte ihr eine gehörige Ohrfeige, um ihr ihre Pflicht in

Erinnerung zu bringen.

Pierre wollte sagen:

»Aber, mein Herr, wenn Sie Rechte haben . . .«

Der lange Jules schnitt ihm das Wort ab:

»Ja, wir haben Rechte.«

Und zu Berthe, die sich erhoben hatte, sagte der lange Jules:

»Sie haben das Glück, Madame, einen Mann zu besitzen, der Sie liebt.«

Dann sagte er:

»Wissen Sie, wir sind in aller Freundschaft hergekommen. Wir haben Ihnen

keine Schererein verursachen wollen. Ich habe den Hausdiener gefragt: Wo

ist Hardys Zimmer? Wir sind Freunde, die ihn wecken kommen.«

Und Bübü bemerkte:

»Ich bitte Sie um Entschuldigung, mein Herr, daß ich zu dieser

Nachtstunde bei Ihnen vorspreche. Übrigens werde ich wiederkommen, um

mich besser zu entschuldigen und damit Sie mich unter angenehmeren

Umständen kennen lernen.«

Da fühlte sich Adele übel, und ihr schöner Streich erschütterte sie so,

daß sie zu weinen begann.

Berthe hatte zu ihr gesagt:

»Ich habe einen guten jungen Mann kennen gelernt, der so und so heißt

. . .« Und sie hatte alles dem andern erzählt!

Bübü nahm sie bei der Hand:

»Bist du müde, mein Kleines?«

Pierre hatte einen Orangenlikör dastehen, und als Bübü davon in ein Glas

eingießen wollte, besann er sich:

»Ich muß das Glas ausspülen. Man muß bei Madame vorsichtig sein. Madame

ist krank, Madame hat einen wunden Mund . . .«

Berthe zog sich an; ihre Kleider glitten über sie wie nächtige Stille,

in der ein Gespenst auftaucht und verschwindet.

Sie zog die an der Ferse durchlöcherten Strümpfe an, die Strumpfbänder,

und es war ihr, als bekleidete sie ihren Körper zugleich mit etwas

unendlich Traurigem. Sie nahm dann den Unterrock und sagte:

»Habe ich gewußt, daß du wieder frei bist?«

Bübü antwortete:

»Es ist gut, Madame. Wenn man sich für seinen Mann interessiert, wie Sie

es getan haben, ist es erstaunlich, daß man das nicht weiß. Ach, Sie

haben nicht gewußt, daß ich wieder frei bin! Es gibt so etwas, das

Straferlaß heißt, und das haben Sie nicht erwartet.«

Sie war recht kärglich gekleidet für die Winterkälte, und nachdem sie

ihr weißes Trikot angelegt hatte, blieben nur mehr Rock und Leibchen.

Sie kämmte sich. Sie ließ ihr schwarzes Haar auf die Schulter fallen und

kämmte es langsam, denn sie hatte Zeit genug, zu sehen, was kommen

sollte.

Bübü sagte:

»Aha, noch die Haare. Beeilen Sie sich, meine Schöne, wir sind bei

Monsieur Pierre und wollen seine Geduld nicht mißbrauchen.«

Der erste Gedanke, den sie hatte, war an den Tod. Er nahm sie so wie

einen Gegenstand seines Lebens, den man holt, wo man ihn verpfändet hat.

Sie fühlte, daß sie ein Ding war, die ungestalte, kranke arme Berthe,

die brauchte, auf immer einzuschlafen, um es zu vergessen . . . Und wenn

ich ihm nicht folgen wollte, er würde mich töten . . . Sie wollte vor

dem Tode lieber ein bißchen überlegen und ihn nur dem eigenen Wunsche

verdanken. Sie zog setzt ihr Leibchen und ihren Rock an.

Der lange Jules sagte:

»Sie sehen, mein Herr, daß wir uns wie Freunde benommen haben. Wir

wissen, wer Sie sind und daß Madame Ihnen nur gesagt hat, was sie

wollte. Sie erlauben, daß ich mir eine Zigarette drehe, bevor ich

heruntergeh, und daß ich Ihnen die Hand drücke.«

Bübü sagte:

»Ich bedaure, mein Herr, die Störung, die ich Ihnen verursacht habe. Sie

haben Madame sehr gütig aufgenommen. Erlauben Sie mir, daß ich Sie bald

besuche, um Sie auf ein Gläschen zu bitten. Ich drücke Ihnen die Hand,

aber glauben Sie mir, es war nur eine peinliche Pflicht, die ich erfüllt

habe.«

Sie gingen. Auf dem Gang fragte Bübü:

»Haben Sie sich Ihre Liebesnacht bezahlen lassen, Madame?«

Berthe kam zurück:

»Sie wollen, daß du mir Geld gibst.«

»Hier sind hundert Sous.«

Sie schritt hinaus in eine Welt, wo das persönliche Wohltun machtlos

ist, denn dort herrschen die Liebe und das Geld, und diejenigen, die

Liebes tun, sind unerbittlich und die Freudenmädchen von Anbeginn als

die duldenden Tiere gezeichnet, die man auf die öffentliche Weide

treibt.

Dann schlug das Tor unten zu. Pierre begriff:

»Ach, ich weiß, daß du weinen wirst. Mein Gott, mein Gott! Ich habe kein

Glück. Ich habe nicht Mut genug, das Glück zu verdienen. Weine und

stirb! Wie sie dich allein gelassen haben, hättest du im Hemd und mit

bloßen Füßen hinunterlaufen sollen und schreien: Zu Hilfe! Du hättest

auf die Straße laufen sollen und die Vorübergehenden aufhalten und ihnen

sagen: Kommt alle schnell herbei! Sie morden dort eine Frau!«

Ende.

Bübü vom Montparnasse Ein Roman mit zwanzig Holzschnitten von Frans Masereel · 第 16 / 18 题