Um halb eins, als Berthe Méténier in ihr Zimmer in der Rue Malebranche
zurückkehrte, lag ihr Liebhaber Maurice schon im Bett. Aus
Pflichtbewußtsein öffnete er halb ein Auge und erkannte sie. Sie
entkleidete sich. Die Kerze brannte auf dem Nachttisch, sie näherte sich
ihr, um einen kleinen Pickel zu sehen, der sie oberhalb des Knies
juckte. Dann steckte sie die Hand in den linken Strumpf, wo sie das Geld
aufzubewahren gewohnt war, zog die hundert Sous von Pierre heraus und
legte sie neben die Kerze. Diesmal öffnete Maurice beide Augen:
»Das ist alles, was du seit acht Uhr verdient hast?«
Sie erwiderte:
»Ach ja, geh doch selbst und schau, ob es leicht ist.«
Er drehte sich zur Wand, indem er die Achseln zuckte. Er dachte: »Zu
blöd, ein Weib zu haben, das seine Arbeit nicht versteht.«
Sie legte sich nieder, nachdem sie die Kerze ausgelöscht hatte. Maurice
war nicht ganz so unzufrieden, denn er hatte sich eine Kleinigkeit dazu
verdient. In der Weinstube hatte ihn sein Freund Paul mit einem jungen
Mann erwartet, der auf eine Kartenpartie einging und jeden von ihnen
dreißig Sous gewinnen ließ. Noch fehlten drei Tage bis zum Wochenende.
Berthe hatte Zeit, die sieben Francs für die Zimmermiete zu verdienen.
Sie konnten morgen also sechs Francs fünfzig ausgeben.
Er war nicht müde. Er drehte sich daher zu Berthe um und legte den Arm
um ihre Schulter. Sie küßte ihn mitten auf den Mund. Es ist zwischen
Mann und Frau gesund und gut, sich eine Viertelstunde vor dem Schlaf zu
vergnügen. Sie tat alles, die Wonne mit ihm auszukosten. Alles ging gut.
Sie wusch sich nie, wenn es mit ihrem Mann war.
Dann sagte sie:
»Du glaubst, es geht, wie man will. Heute abend wird mehr als eine keine
hundert Sous nach Hause bringen. Ich hab einen getroffen, der zuerst nur
drei Francs geben wollte, und dann war er mit fünf Francs einverstanden,
unter der Bedingung, daß ich eine Stunde bei ihm bin. Mir ist es lieber
so. Man schafft sich seine Kundschaft, und dann sind es bessere Leute.«
Maurice antwortete nicht. Sie fuhr fort:
»Oh! ja, ich weiß, du denkst an meine Schwester Blanche, weil sie
fünfzehn Francs verdient. Und nachher amüsiert sie sich mit kleinen
Jungens und arbeitet drei Tage nicht wieder.«
Maurice antwortete nichts.
»Ich könnte auch solche haben, die vierzig Sous zahlen. Die bieten sich
mir genug an. Und dann müßte ich die ganze Nacht herumlaufen wie
Blanche, um etwas zusammenzubringen. Ich komme dir jetzt schon zu spät
nach Hause.«
Sie hatte ein großes Bedürfnis nach Anerkennung. Die Schwache brauchte
einen Halt; die Sanfte brauchte gute Worte. Sie hätte lange geplaudert.
Er wußte, daß man sich in Geldsachen immer anspruchsvoll zeigen muß. Die
Frauen würden nicht mehr arbeiten, wenn die Männer sie anhören wollten.
Er antwortete:
»Laß mich in Ruh! Ich will schlafen.«
Maurice Bélu wurde geboren und lebte im Viertel Plaisance, wo seine
Mutter ein kleines Geschäft hatte. Bis zum Alter von sechzehn Jahren war
er in der Schule geblieben, weil es besser ist, etwas mehr Unterricht zu
genießen, und weil es nicht eilt, die Kinder in die Lehre zu schicken,
wo sie schlechte Gewohnheiten annehmen. Er empfing eine sorgfältige
Erziehung, verließ die Schule mit einfachem Abgangszeugnis und verkehrte
mit Jungen seines Alters, die ihm den Beinamen Bübü gaben. Er lernte
Kunsttischlerei bei einem Meister des Faubourg Saint-Antoine. Man nannte
ihn dort Maurice. Eines Tages, als er die Werkstatt verließ, rief einer
seiner früheren Schulkameraden, der ihn sah: »Halt, da ist Bübü!« Das
ging nun nicht verloren, weil nichts verloren geht. Maurice wurde wieder
Bübü.
Er war ein kleiner Kerl, dessen Rumpf kräftig auf strammen Beinen ruhte.
Er schlug sich auf die Brust mit den Worten: »Klein, aber feste!« Und
sein Kopf war knochig, und seine beiden eigensinnigen und etwas
duckmäuserischen Augen verbargen sich hinter Backenknochen. Er hatte vor
allem zwei gewölbte Kiefer, die ihre ganze Anatomie zeigten, wenn sie
die Nahrung zermalmten, wobei Knochen und Nerven und Muskeln krachten.
Das will nicht besagen, daß er riesigen Appetit hatte, sondern einfach,
daß er zuzubeißen verstand.
In der Zeit, da ihn die Mutter aus Furcht vor den schlechten
Gewohnheiten, die man in der Lehre annimmt, in die Schule geschickt
hatte, machte Bübü eine Reihe von Bekanntschaften. Die einen waren
Lehrlinge, die jeden Abend in allen Straßen herumstrichen und lachten.
Die andern waren etwas, dem man gern auf der Straße begegnet: die
kleinen Mädchen von vierzehn, fünfzehn und sechzehn Jahren. Es sind die
Töchter von nicht zu strengen Eltern, die die Jugend in Freiheit
erziehen. Sie wünschen sich vielerlei, und die sie erblicken, haben die
Kühnheit, ihnen noch mehr anzubieten. Du, Rue de Vanves, und auch ihr,
Festungsgräben, ihr habt an schönen mondlosen Abenden Bübü
vorüberstreifen sehen. Er lernte die Straße kennen, wie sie für die
Herumstreicher ist, mit ihren Schaufenstern, an denen man seine
Gewandtheit üben kann, und mit ihren Abenteuern. Er lernte etwas
Nützlicheres: er lernte mit Frauen umgehen.
Was eintreffen sollte, traf eines Tages ein, als Bübü, damals neunzehn
Jahre alt, die Bekanntschaft eines dicken Mädchens aus der Rue de la
Gaîté machte. Da sie nachts arbeitete, mußte Bübü über den Tag frei
verfügen, um sich seiner Liebe widmen zu können. Rasch entschlossen, wie
Bübü war, teilte er in der Werkstatt mit, daß er die Kunsttischlerei
aufgebe, um Möbelpacker zu werden. Er teilte das stolz mit, denn man
neckte ihn wegen seines schmächtigen Wuchses, und nun sollte allen
bewiesen werden, daß Bübü stark war wie ein Möbelpacker.
Er war mit seinem neuen Beruf, in dem der Tag gut bezahlt wird, man
freie Zeit in Überfluß hat und ein anstelliger Mensch sich einen
Nebenerwerb schaffen kann, zufrieden. Er kaufte zum Beispiel niemals
Schuhe. Seine Kenntnis der Frauen nahm im Verkehr mit der dicken
Hortense zu. Seine Mutter billigte nicht immer sein Tun, aber Bübü,
dessen Überzeugung stark war, fand feste Worte, die sie abmuckten, und
er zeigte ihr zwei- oder dreimal, daß er ein Mann der Tat war und
Widerspruch nicht liebte. Er verharrte auf seinem Weg, ließ Hortense im
Stich, dann erreichte er seine Volljährigkeit. Wegen eines Fußleidens
wurde er vom Militärdienst befreit.
So bereitete sich Maurice Bélu vor. In Wirklichkeit waren seine
Zukunftsideen unbestimmt, doch wußte er, daß man Geld und ein Weib
braucht. Diese zwei Mächte des gegenwärtigen Lebens bestimmen unser
zukünftiges Leben. Er ließ sich eine Summe von fünftausend Francs
auszahlen, die ihm vom väterlichen Erbe zukam. Mit dem Weibe versorgte
er sich selbst.
* * * * *
Der vierzehnte Juli kam. Hochglücklicher Tag, an dem die Weinstuben voll
Fahnen sind, an dem die sozialistisch-revolutionären Komitees ihre Siege
feiern. Am Abend sind die Tanzsäle mit Lampions umkränzt, die Trompeten
tönen kupfern und die Kaffeehaustische bedecken dank besonderer
behördlicher Erlaubnis die Straße. Das Volk läßt am Jahrestag der
Befreiung seine Töchter in Freiheit tanzen.
Berthe Méténier, kleine Blumenarbeiterin von siebzehn Jahren, schaute in
Begleitung Marthes, ihrer älteren Schwester, und Blanches, ihrer
jüngeren Schwester, dem Ball in der Rue de Vanves zu. Das schwarze Haar
rings um ihr Gesicht gab ihr ein blasses Aussehen, aber ihre Augen
lebten voll Sanftmut. Maurice forderte sie zum erstenmal zum Tanz auf,
dann tanzten sie ein zweites Mal und darauf ein drittes Mal.
Sie tanzten bewunderungswürdig alle beide, sie waren fast gleich groß,
er war sehr wohlerzogen, sie war sehr sanft. Er lud sie ein, etwas zu
sich zu nehmen, aber sie lehnte ab, weil sie mit ihren zwei Schwestern
da sei. Er ließ sich die ältere Schwester Marthe zeigen und trat auf sie
zu, indem er den Hut lüpfte:
»Verzeihung, Fräulein, aber da Sie Mutterpflichten erfüllen, will ich
eine Bitte an Sie richten. Wollen Sie mir erlauben, daß ich Ihrem
Fräulein Schwester ein Glas Limonade anbiete, und mir das Vergnügen
bereiten, auch etwas zu nehmen?«
Marthe wußte, daß man nicht Gefahr läuft, wenn man die Einladung eines
wohlerzogenen Mannes annimmt. Man setzte sich, man plauderte. Er war
Kunsttischler und konnte täglich sieben bis acht Francs verdienen.
Marthe war Wäscherin und arbeitete in einer Anstalt, wo Blanche in die
Lehre ging.
Wie sie ihm sagte, wollte man, daß Blanche für die andern waschen könne.
Sie hatten vier Brüder. Zwei sollten sich hier irgendwo herumtreiben.
Ihr Vater war Witwer. Er malte Neubauten aus, litt oft an Bleikoliken
und war nicht immer bequem. Man erzählte viele Einzelheiten. Die
ausgelassene Blanche war dabei glücklich und lachte, indem sie ihre
Himbeerlimonade trank.
Maurice verabredete ein Stelldichein mit Berthe für morgen. Sie kam,
konnte aber nicht lange bleiben, aus Angst vor dem Vater.
Sie spazierten plaudernd und küßten sich zweimal in einer dunklen
Straße.
Beim zweiten Stelldichein bot ihr Maurice einen Doubléring mit einem
rosa Brillanten an.
Beim dritten Stelldichein spazierten sie Arm in Arm, und sie willigte
ein, mit ihm in ein Café in der Avenue du Maine zu gehen. Maurice
beeilte sich nicht, denn er wünschte keine flüchtigen Liebschaften mehr.
Berthe war wie die jungen Vorstadtmädchen, die schon oft Gelegenheit
hatten, sich aber nicht hineinstürzten, weil sich ihnen morgen eine
bessere bieten würde. Sie kam zum vierten Stelldichein nicht. Maurice
paßte ihr am nächsten Tage auf und forderte von ihr eine Erklärung,
klipp und klar. Ihr Vater hatte sie verhindert, auszugehen. Er
antwortete:
»Fräulein, Sie haben es mir versprochen. Bei den Beziehungen, die
zwischen uns bestehen, haben Sie nicht das Recht gehabt, Ihr Versprechen
nicht zu halten. Mich würde keine menschliche Macht verhindern, zu Ihnen
zu gehen, wenn ich es zugesagt habe.«
Sie senkte den Kopf mit der hilflosen Miene der süßen armen Kinder, die
nichts zu sagen wissen, weil sie fürchten, Kummer zu bereiten.
Die kleine Lerche war schon gefangen.
Maurice schien ein beredter und beherzter junger Kavalier zu sein, wie
ihn junge Mädchen ersehnen, und seine aufrichtigen Erklärungen zeugten
für die Tiefe seiner Aufrichtigkeit. An manchen Dingen, die er
aussprach, und andern, die er nicht aussprach, merkte man, daß er
Geheimnis und Abenteuer barg. Auch das war verführerisch. Die sanfte und
sich hingebende Berthe gab sich, als Maurice sie bei der Hand faßte,
sanft hin. Sie gewöhnten sich daran, einander täglich zu sehen. Er ging
unter den Fenstern auf und ab, indem er auf besondre Weise pfiff:
fü-o-fi, fü-o-fi. Sie hörte es im tiefsten Herzen wie eine Stimme, die
sie schon lang zu hören erhofft hatte. Sie kam hinunter gelaufen.
Der Vater erfuhr schließlich alles:
»Ich kenne ihn. Ein sauberer Tischler! Den ganzen Tag bummelt er im
Viertel herum. Ich möchte gern wissen, wann er arbeitet. Mir scheint, es
steckt wenig Gutes in ihm.«
Er regte sich nicht weiter auf, denn als Vater von sieben Kindern hatte
er viel Unglück gehabt, und er hatte erfahren, daß das Leben stärker ist
als unser Wille.
Er wußte, daß die Pariser Mädchen zwischen all den Versuchungen
schwanken, und ihre Väter, ihre armen Väter, ihnen nichts bieten können,
sie davor zu bewahren. Er wußte, daß wir Pfuscher und Hunde sind, und
daß unser Teil nur das Unglück bleibt, in einer Welt, wo das Unglück
verflucht ist. Nach dem Unglück kommt noch ein Unglück, und man kann nur
knurrend den Kopf senken.
Er dachte:
Ȇbrigens ist es ihre Sache. Ich habe sie gewarnt. Wenn es ihre
Bestimmung ist, kann ich dagegen nichts tun.«
Die kleine Berthe verließ eines Abende das Vaterhaus, um mit Maurice
zusammenzuleben. Ihre Schwester Marthe war gerade in andern Umständen.
Die gassenbübische Blanche hatte ihrer Herrin hundert Sous gestohlen.
Maurice und Berthe lebten in einem Hotel in der Rue de l'Ouest. Ein
Zimmer für dreißig Francs, im dritten Stockwerk auf die Straße, mit
blauen Tapeten und zwei Lehnstühlen dünkte sie schön wie eine Wohnung,
in der man alle Bequemlichkeiten hat. Berthe blieb weiter in ihrem Beruf
als Kunstblumenarbeiterin tätig. Maurice griff seine fünftausend Francs
an. Sie brachte jede Woche fünfundzwanzig Francs und Maurice legte Geld
genug dazu, daß sie nichts zu entbehren brauchten. Jeden Abend tranken
sie ihren Kaffee in der Bar. Darauf gingen sie ins Cafékonzert oder auf
den Ball im Moulin de la Vierge oder ins Montparnassetheater. Die
Beziehungen und die Gedanken Berthes erweiterten sich. Sie lernte die
Freunde Maurices und ihre Frauen kennen. Die Freunde Maurices arbeiteten
nicht viel, denn ihre Frauen arbeiteten für sie, und außerdem kannten
sie die Welt hinlänglich, um Arbeit nicht nötig zu haben. Sie sah in
ihrem täglichen Leben die Zuhälter und die Spitzbuben und verstand, daß
sie nicht die Arbeit liebten, weil es sich mehr lohnt, das Vergnügen zu
lieben.
Sie blickten auf die vorüberziehenden Menschen und lachten darüber, die
Ellbogen auf dem Tisch zu haben, während sie die andern vorüberziehen
sahen. Berthe lernte die Geschichte ihrer Freundinnen kennen. Es gab
unverhoffte Glücksfälle für die Frauen, wenn sie an einem Abend zwanzig
oder fünfundzwanzig Francs verdienten. Am Morgen lachten sie erst recht,
zunächst über das Geld, und dann in Gedanken an jene, die für eine Frau
zwanzig oder fünfundzwanzig Francs bezahlen. Es gab unverhoffte
Glücksfälle für die Männer, wenn ihre Unternehmungen gelangen. Der lange
Jules brachte einmal von seiner Expedition einen Ballen schwarzer Seide
mit. Die Frauen aller Freunde erhielten ihren Anteil. Berthes Kleid kam
ihm schöner vor, weil sie es sich nicht auf dem gewöhnlichen Wege
verschafft hatte. Es geschah, daß er darüber auf der Straße lachen
mußte, wie zu einem guten Spaß. Der lange Jules mußte acht Monate in der
Santé absitzen, wegen Einbruchsdiebstahls. Er kannte die Welt und worauf
sie hinausläuft. Er wußte, daß am Ende der Welt sich das Gefängnis
befand, und rechnete damit. Er handelte fest nach seinem Willen. Er
verstand ein Schloß aufzubrechen und konnte glatt einen Menschen töten.
Die Frauen umgaben ihn mit Liebe wie Vögel, die Sonne und Kraft
besingen. Er war einer von jenen, die niemand bezwingen kann, denn ihr
Leben, außerordentlicher und schöner, schließt die Liebe zur Gefahr in
sich.
Berthe sah all dies, als sie vom Vater fortging, alles war von der Liebe
für Maurice überglänzt. Der erste Mann der jungen Mädchen von siebzehn
Jahren pflegt ihr Schicksal zu sein. Wenn sie den Omnibus bestieg, um
zur Arbeit zu fahren, schloß sie die Augen, weil sie ein wenig müde war,
und sah im Geiste Maurice mit seinen Freuden. Er sagte zu ihr: »Ich will
von der Tischlerei nichts wissen und nicht mehr Möbelpacker sein«, dann
empfand sie, daß er über alle Berufe erhaben war. Er sprach von seiner
Mutter, deren Gedanken über zwei Sous für Pfeffer und vier Sous für
Kaffee nicht hinausgingen; er sprach so, weil er selbst einen offenen
Kopf hatte. Er sagte zu Berthe: »Wie du bei deinem Vater warst und dich
angeödet und für deine Brüder geschuftet hast«, da war sie ihm dankbar
dafür, daß er sie befreit hatte.
Nach einem Monat schlug er sie, aber nicht aus Bösartigkeit. Das war so:
Maurice, der von entschlossenem Charakter war, teilte die menschlichen
Erfahrungen allzu genau ein. Wie Kaiser Karl der Große legte er die
Ideen, die ihm nicht gefielen, auf die eine Seite, und die Ideen, die
ihm gefielen, auf die andere. Er dachte: »Hier ist der Irrtum, aber dort
ist die Wahrheit.« Wie Kaiser Karl der Große hatte er kein Gefühl für
Abstufungen. Er verstand zum Beispiel niemals, daß man sich das Gesicht
wusch, ohne sich vorher die Hände zu waschen. Er sagte zu Berthe: »Du
greifst mit schmutzigen Händen in dein Gesicht, das ist eine komische
Art, sich zu waschen.«
Einmal bereitete sie ihm Eier auf der Pfanne zu. Sie tat Salz und
Pfeffer sofort hinein, nachdem sie die Eier zerbrochen hatte. Maurice
wußte, daß sie hineingehören, wenn die Eier schon gebacken sind. Sie
sagte mit scharfer Stimme: »Laß mich doch machen, wie ich's will.«
Maurice, der ein Mann der Tat war, glaubte an die Notwendigkeit
körperlicher Züchtigung. Er haute sie durch, in der Überzeugung, daß
Hiebe in ihr das Empfinden für Wahrheit festigen würden.
Er schlug sie ein andermal, weil sie ihn geärgert hatte, weil er in Zorn
oder weil sie hartnäckig war. Die arme Berthe empfing, sanft wie sie
war, diese Strafen unter Tränen. Sie bedauerte, ihren Vater verlassen zu
haben. Etwas später sah sie, daß alle Freunde Maurices ihre Frauen auch
schlugen, und verstand, daß es auf dieser Welt ein lenkendes Gesetz
gibt, das Gesetz des Stärkern. Sie fühlte, was der Ausdruck bedeutet:
»mein Mann«. Ein »Mann« ist eine Regierung, die uns schlägt, um uns zu
zeigen, daß sie der Herr ist, die uns aber im Augenblick der Gefahr zu
schützen wüßte.
Maurice glaubte, daß die Intelligenz der Energie entspricht und daß
infolgedessen seine Frau nicht intelligent sei, da sie sanft war. Er
sagte es niemand. Ganz im Gegenteil, vor den Freunden gefiel er sich
darin, Berthe zu manch einem etwas lebhaften Wort zu reizen, um den
Anschein zu erwecken, als sei sie schwer zu beherrschen. Man dachte: er
ist klein, aber fest. Er liebte sie dennoch sehr. Er liebte sie, weil
sie hübsch war. Abends, wenn sie von der Arbeit heimkam, hörte er sie
die Treppe hinaufsteigen. Er erkannte ihre eiligen Schrittchen und
glaubte zu sehen, wie sie sich ein bißchen hin- und herdrehte, um
schneller zu gehen. Er liebte die lächelnden und sanften Augen, die alle
seine Wünsche erfüllten. Und die roten, etwas weichen Lippen, die sich
fest an die seinen saugten. Und das lange schwarze Haar, und den
Scheitel und den Knoten über dem Nacken, der ihr ein Aussehen gab,
verschieden von dem anderer. Und ihre besondere Sinnlichkeit, wenn sie
ihren Körper gegen den seinen drängte, und wie sie sich schmiegte, damit
er sie durchdringen könne. Er liebte an ihr, was sie von all den Frauen
unterschied, die er gekannt hatte, weil sie süßer war, weil sie feiner
war und weil sie sein Weib war, das er als Jungfrau besessen hatte. Er
liebte sie, weil sie wohlerzogen war, weil sie ehrenhaft war und weil
man ihr das ansah, und aus all den Gründen, warum die Bürger ihre Frauen
lieben. Denn Maurice hatte bürgerliche Begriffe. Nicht ungestraft wird
man dreiundzwanzig Jahre, ohne mit dem Strafgesetz in Berührung zu
kommen.
* * * * *
Die Zeit verging. Zwei Jahre vergingen, und die fünftausend Francs
Maurices vergingen auch. Unser Geschick erfüllt sich nicht in einem Tag,
wenn unsre fünftausend Francs nach zwei Jahren gemeinsamen Lebens
erschöpft sind; es entscheidet sich bei jeder unsrer Gebärden und bei
jeder unsrer Zusammenkünfte. Seit langem wußte Berthe, daß die
Straßenmädchen ganz einfach das gleiche taten wie die andern Frauen.
Maurice hätte sie anders lieber gehabt. Trotzdem fügte er sich und litt
nicht viel. Er hatte Sinn für Besitz, aber in der Art der Besitzer, die
ihr Gut vermieten. Berthe sträubte sich nicht, als eines Abends Maurice
zu ihr sagte: »Mein Weibchen, wenn dir jemand auf dem Heimweg aus der
Werkstatt einen Antrag macht, geh mit, das wird uns immer etwas Geld
einbringen.«
Und dann ist der Dämon dabei, der anfangs ein lachendes Gesicht zeigt.
In der ersten Zeit verdiente Berthe zehn oder zwanzig Francs nur für
»einen Augenblick«, denn Maurice wollte nicht, daß sie nicht ausschlief.
Sie fanden ihren alten Geldüberfluß wieder, der Beruf war nicht hart für
sie, die immer gegen zehn Uhr zurückkehrte, und nicht mehr für ihn, der
nicht zu lang auf sie zu warten brauchte.
Etwas später gab sie die Werkstatt auf, da sie nicht mehr zehn Stunden
arbeiten wollte, um vier Francs zu verdienen. Sie ging jeden Abend gegen
acht Uhr aus und schritt über den Boulevard Sebastopol und die großen
Boulevards.
So wurde Berthe Méténier Straßenmädchen und Maurice wurde ein Individuum
ohne Beschäftigung. Er war intelligent, er lebte in Paris, wo die
Vergnügungen den Vorübergehenden anbrüllen; er hatte anfangs gearbeitet,
dann hatte er begriffen, daß die Arbeiter, die sich abrackern und
leiden, die Dummen sind. Er wurde Zuhälter, weil er in einer
Gesellschaft voll Reicher lebte, die stark sind und die Berufe
bestimmen. Sie wollen mit ihrem Gelde Frauen haben. Da muß es wohl
Zuhälter geben, die sie ihnen verschaffen.