I
Der Boulevard Sebastopol war am Tage nach dem vierzehnten Juli noch
lebendig. Halb zehn Uhr abends. Die Bogenlampen, schreiend weiß zwischen
den Baumreihen, überschneiden die Schatten oder sind im Blattwerk
verloren. Die Warenhäuser sind geschlossen: »Pygmalion«, die »Lämmlein«,
der »Holländische Hof«, »Zur billigsten Quelle der Welt«, und ihre
finstern Fassaden, die soeben den Bürgersteig erhellten, verdunkeln ihn
jetzt gleichsam. Die hohen vergoldeten Aufschriften, die an den Balkonen
in der Sonne glänzten, im ersten Stock, im zweiten und in den andern,
verlieren sich in dem Schwarz mit ihren Buchstaben aus gelbem Holz und
scheinen am Abend auszuruhen wie der Großhandel. Blumen und Federn,
Ausverkäufe, Lebensmittel, Stoffe haben auf dem Boulevard Sebastopol
ihre Rolläden heruntergelassen und sind verstummt.
Zu dieser Stunde betrachten die Fußgänger nicht mehr die Schaufenster.
Das Nachtleben beginnt, mit andern Zwecken. Die Wagen haben Laternen:
die Fiaker strahlende Lichter wie zwei vergnügte Augen und die Tramways
ein rotes oder grünes Feuer, und sie heulen wie eine erregte
Menschenmenge. Sie folgen einander, kreuzen sich, stampfen und rollen.
Am Horizont gegen die großen Boulevards erhellt die Luft sich stark,
erhebt sich zum Himmel und ist wie von leuchtendem Geist belebt. Das
Ziel ist nicht hier, auf dem Boulevard Sebastopol, wo die Warenhäuser
geschlossen sind. Die Wagen eilen. Die nach den großen Boulevards
wollen, fahren in das Licht hinein und hasten dahin wie Menschen, die
ein Schauspiel anzieht.
Der Boulevard Sebastopol lebt ganz und gar auf dem Bürgersteig. Auf dem
breiten Steig, in der blauen Luft einer Sommernacht, verbringt Paris und
verlängert am Tage nach dem vierzehnten Juli einen Überrest des Festes.
Die Bogenlampen, das Laub der Bäume, die Wagen, die rollen, und die
ganze Erregung der Fußgänger wirken zusammen so scharf und schwer wie
Rausch und Ermüdung. Es ist das übliche Schauspiel aller Abende, aber es
gibt Straßenecken oder Häuserfronten, die noch die Erinnerung an die
gestrigen Tänze bewahren. Es gibt gewisse Geräusche oder gewisse
Schreie, die an die Lieder der Betrunkenen denken lassen. Es gibt
Laternen oder Fahnen, die in den Fenstern zurückgeblieben sind und eine
Fortsetzung der Fröhlichkeit zu fordern scheinen. Man errät, was in den
Seelen vorgeht. Die einen, die sich gestern vergnügt haben, blicken noch
nach einem Vergnügen aus, dem sie sich hingeben könnten. Denn die
Menschen, die einmal die Freude kennen gelernt haben, rufen sie ewig
herbei. Die andern, die arm sind, die häßlich sind und die ängstlich
sind, ergehen sich zwischen den Überresten des Festes und suchen in den
Winkeln nach übriggelassenen Brosamen. Denn die Menschen, die niemals
die Freude kennen gelernt haben, sind gequält und suchen sie immerfort,
bis sie davon müde geworden sind, leer ausgegangen zu sein.
Die Luft scheint sich um sie zu regen. Gutgekleidete junge Leute kommen
zu zweit oder zu dritt und gehen von hinnen. Sie haben neue Kragen,
elegante und einfache Krawatten mit glitzernder Nadel und eilen dem
Lichte zu, Geld in den Taschen. Handelsangestellte plaudern unter ihnen:
»Wir haben bis Mitternacht getanzt. Sie hat allerhand mit sich machen
lassen. Ich habe sie in ein Hotel in der Rue Quincampoix gebracht. Wie
hat sie darauf Lust gehabt!« Zwei Freunde heften ihre Schritte an zwei
kleine Frauen, die, als sie von ihnen angeredet werden, sich mit
ersticktem Lachen anschauen. Junge Leute mit phosphoreszierenden Augen
blicken die Frau an, so oft ein Paar vorübergeht. Dicke Männer rauchen
eine Zigarre mit Genugtuung und denken: »Ich bin ein mächtiger Beamter
mit zwölftausend Francs Jahresgehalt.« Paare gehen vorüber. Eine
elegante junge Frau am Arm eines eleganten jungen Herrn: sie ist
glücklich darüber, reich auszusehen; er ist glücklich, beneidet zu
werden. Ein weniger elegantes junges Mädchen mit ihrem Geliebten, der zu
ihr spricht, indem er an die Liebe denkt. Andre Paare endlich, Ehemann
und Frau, blicken jeder auf seine Seite, wechseln nur dann und wann ein
Wort: ihr Geist und ihr Leib sind aneinander gewöhnt.
Sie gingen vorüber. Waren die einen entschwunden, sah man wieder andre.
Geschäftsleute schritten auf der Straße so weit auf und ab, als die
Auslage ihrer Läden breit war. Ein junger Mann preßte den Arm einer Frau
und folgte ihr unterwürfig. Man glaubte, er würde ihr bis ans Ende der
Welt folgen. Die Eitelkeit, die Heiterkeit, das Wohlleben spazierten im
Licht. Die Luft ward davon erhitzt. Ach, was hatte die Müdigkeit von
gestern zu sagen! Warme Wellen kamen bei der Erinnerung an die Orgie,
und die Herzen zogen sich vor Verlangen zusammen. Paris war wie ein
müder Hund, der weiter seiner Hündin nachläuft.
Die öffentlichen Mädchen übten ihr Gewerbe aus. Da ist die kleine
Gabrielle, die zwei Jahre mit Robert lebte, dem Mörder der Constance.
Ihr Liebhaber ist soeben ins Zuchthaus gekommen. Da ist die kleine
Jeanne, die siebzehn Jahre sein soll. Seit einem Monat geht sie auf dem
Boulevard Sebastopol. Sie hat auf ihrem Antlitz nur ein wenig Reispuder,
und ihre Augen glänzen von den ersten Feuern der Lust. Viele Leute
halten sie nicht für eine Prostituierte. Da sind Mädchen mit bloßem Haar
und Mädchen mit Hut. Die einen haben den schweren Gang von Kühen und
sprechen die Männer schamlos an. Andre zieren sich, zwinkern mit den
Augen und bereiten ihr Lächeln vor. An der Ecke der Rue Rambuteau hat
sich eine Gruppe gebildet. Sie reden alle zugleich. Man sieht die
feuchten Markthallen zur Linken, man denkt an Abfälle von Kohl. Man
möchte sagen: Frösche, die an einem Sumpfe quaken.
Die Geheimen der Sittenpolizei gehen zu zweien. Es ist leicht, sie an
ihrem Blick, an ihren unsaubern Kleidern und ihrem schweren Gang zu
erkennen. Sie sind unsauber wie ihr Beruf. Sie schreiten hölzern wie
Leute, die ein Amt ausüben. Sie messen die Frauen vom Kopf bis zu den
Zehen mit festem Auge. Der Blick der Vorübergehenden schaut, der der
Geheimen überwacht. Geschmückt mit einer Militärmedaille, schreitet ein
dicker Brauner, dessen starker Bart den Mund hervorhebt, dahin mit
ausladenden Schultern. Die öffentlichen Mädchen gehen steif, ohne den
Kopf zu wenden, mit ihrer Seele eines Sklaven, der weiß, daß der
Stärkere recht behält.
Die Rufe der Camelots. Sobald ein Schutzmann sich entfernt, taucht ein
Camelot auf. Die Mütze auf dem Kopf, das Gesicht erregt, den Bart
farblos, schreien sie voll Glut, denn ihre Leidenschaften sind heftig,
und sie wollen ihr Essen und Trinken verdienen. Jener dort, vielleicht
keine achtzehn Jahre alt, die Mütze bis an die Ohren gezogen, in
Röhrenstiefeln, umkreist eine Schar von Neugierigen, indem er seine
Stiefel hebt. Er verkauft um zwei Sous ein Heft mit durchscheinenden
Bildern und hält sie mit Taschenspielergebärden den Leuten vor die
Augen: »Und wenn Sie einen Schutzmann anrücken sehen, meine Herren und
Damen, so machen Sie mich aufmerksam, nur damit ich ihm
entgegenspazieren kann.« Die Polizei verfolgt sie wie die öffentlichen
Mädchen, deren Herzauserwählte sie sind.
* * * * *
Pierre Hardy, der den ganzen Tag in seiner Kanzlei gearbeitet hatte,
erging sich unter den Passanten des Boulevards Sebastopol. Ein junger
Mann von zwanzig Jahren, erst seit sechs Monaten in Paris, schreitet
unsicher durch das Pariser Schauspiel. Die Wagen, die rollen, die
grellen Lichter, die Menge in den Straßen, der Luxus und der Lärm bilden
eine babylonische Verwirrung, die bestürzt und einen Wirbel allzuvieler
Gedanken auf einmal entfesselt. Alle Provinzler haben dieses Unbehagen
gefühlt und sind darüber linkisch und traurig geworden. Ich versichere
Ihnen, daß die hübschen Dorfburschen, die zu Hause auf den Tanzböden
prächtig aussehen, auf den Boulevards eine trübselige Figur machen.
Ein Mensch, der geht, trägt alle Dinge seines Lebens und bewegt sie in
seinem Kopfe. Ein Schauspiel weckt sie, ein andres löscht sie aus. Unser
Körper hat alle unsre Erinnerungen bewahrt, wir vermengen sie mit unsern
Wünschen. Wir durchlaufen die Gegenwart mit unserm Gepäck, wir gehen und
haben es in jedem Augenblick bei uns.
Hier die Gedanken, die Pierre Hardy diesen Abend spazieren führte:
In das Haus eines Städtchens im Osten, wo seine Eltern Holzhandel
treiben, kehrt Pierre Hardy gern in Gedanken zurück, denn er ist zwanzig
Jahre und lebt erst seit dem Monat Januar in Paris. Es ist ein Haus auf
einer Anhöhe, ein wenig abseits von der Stadt und von einem Garten
umgeben. Dort ist gut sein an den Sommerabenden, wenn eine Brise die
Dämmerung durchweht und man sich im Garten niederläßt, um die Nacht
einzuatmen. Die Sterne ziehen die Gedanken an; es wetterleuchtet ein
paarmal, »Entladungen der Hitze«, und man lebt, die ersten Zigaretten
rauchend, friedlich unter den Seinen. Alle Einzelheiten sind reizend.
Wenn es zu heiß ist, trinkt man am Abend, statt Suppe zu essen, Milch;
das erfrischt bis ins Herz hinein. Oft kamen seine ältere verheiratete
Schwester und seine kleine Nichte auf eine Woche zu Besuch. Man kochte
ein wenig mehr, war ein wenig heiterer. Die jüngere Schwester spielte
die Mama der kleinen Juliette. Sie ging mit ihr aus und kaufte ihr
Näschereien. Nichts fehlte ihnen. Alle Mitglieder dieser Familie fühlten
klar, daß sie ein Ganzes in der glücklichen Natur bildeten.
Er dachte noch an seine drei Jahre Fachschule. Er hatte Brücken und
Maschinen von verwickeltem Aussehen zeichnen gelernt und säuberliche und
bewunderungswürdige Tuschzeichnungen mit Farbe decken. Seine Eltern
hatten sich in ihr Zimmer eine schöne Zeichnung einrahmen lassen, die
einen Bahnhof zwischen zwei Hügeln darstellte. Er hatte die Schule mit
Nummer 2 verlassen, mit einem Diplom und einer vergoldeten Medaille.
Er konnte als Zeichner mit hundertfünfzig Francs monatlich in eine
Eisenbahngesellschaft eintreten. Er bedauerte, nicht in die Ingenieur-
Fachschule eingetreten zu sein, wie seine Professoren ihm geraten
hatten. Seine Eltern hätten sich dies Opfer auferlegt und er hätte rasch
den Grad eines Bureauleiters erlangt.
Auf dem Boulevard Sebastopol, dessen elektrische Bogenlampen
schnurgerade liefen, erging er sich unter Tausenden von Fußgängern. Die
Lichter durchdrangen das Laubwerk der Bäume und fielen mit den Schatten
der Zweige auf den Bürgersteig. Es schien ihm, als wären die Lichter
glänzender und die Menge noch zahlreicher. Die jungen Leute aus der
Provinz glauben sich verloren inmitten der hunderttausend Menschen. Er
kannte niemand und ging immerzu, und neue Passanten schritten vorüber,
alle einander ähnlich in ihrer Gleichgültigkeit, und sahen ihn nicht
einmal an. Ihr Lärm umringte ihn wie das Tosen einer Vielheit, an der er
nicht teil hatte. Er sah sich in der Menge, die wirbelte und
gestikulierte und heiter war wie manches Lachen, das er im Vorübergehen
erschallen hörte, und strahlend wie mancher Frauenblick, den er auffing.
Er versuchte sich an etwas festzuklammern, um nicht zu versinken. Er
hatte das Bedürfnis, in sich selbst hinabzusteigen und dort, während all
dies ringsum geschah, irgend eine Freude zu finden, um mitten in der
allgemeinen Fröhlichkeit nicht verloren zu sein.
Er wollte einen Damm aufrichten gegen die steigende Flut und schreien:
»Ich bin auch da. Mit Stein und Zement stemme ich mich euch entgegen und
halte euch auf, wenn ihr auf mich einbrüllt!«
Er bewohnte in einem Hotel der Rue de l'Arbre-Sec ein Zimmer im fünften
Stock. Diese Hotelzimmer sind stets unsauber, weil allzu viele Mieter
darin gelebt haben. Das Bett, der Spiegelschrank, die beiden Stühle und
der Tisch auf Rädchen füllen sie. So klein sind sie, daß diese vier
Möbel sie übervoll zu machen scheinen. Hier lebt man für fünfundzwanzig
Francs im Monat ein Leben ohne Würde. Die Bettmatratzen sind schmutzig,
die Fenstervorhänge sind grau wie ein Armeleutetag. Der Kellner hat
einen Hauptschlüssel, der ihm erlaubt, jeden Augenblick in dein Zimmer
einzutreten. Deine Nachbarn wechseln alle vierzehn Tage und du hörst sie
durch die Scheidewand. Die einen sind Trinkerpaare, die sich streiten,
die andern riechen nach Prostitution, und sind manche ordentlich, so
flößen sie doch kein Vertrauen ein. Die armen Mieter in den Hotels haben
kein Daheim. Pierre Hardy konnte nicht sagen: »Ich habe eine Zuflucht,
wo ich unter Dingen bin, die mich anheimeln, wenn ich traurig werde«.
Die einzige Zuflucht war ihm sein Freund Louis Buisson, dem er sich seit
dem ersten Tage anschloß. Louis Buisson war fünfundzwanzig Jahre alt und
arbeitete als Zeichner in demselben Büro wie Pierre Hardy. Dieses
Männchen von 1 Meter 35 Höhe war wegen seines kleinen Wuchses vom
Militärdienst zurückgewiesen worden. Darum genoß er nicht viel Achtung
bei seinen Kameraden, die ihn für einen guten Burschen hielten, dessen
Bedeutung aber nur 1 Meter 35 maß. Ehemals hatte er beabsichtigt, die
polytechnische Hochschule zu besuchen, und Mathematik studiert, was ihn
daran gewöhnt hatte, alles zu analysieren, und bis zu zwanzig Jahren war
er in einem Provinzgymnasium gewesen, was ihn daran gewöhnt hatte, zu
dulden. Der Zusammenbruch seiner schönen Zukunftsträume machte ihn
bescheiden. Er dachte: »Ich verdiene hundertachtzig Francs monatlich.
Ich bin wie ein Mann aus dem Volke und arbeite, um das Brot zu
verdienen, das ich esse.« Am Abend beschäftigte er sich mit Literatur
und Philosophie, nachdem er auf der Straße spazieren gegangen war und
die jungen Frauen betrachtet hatte. Er sagte: »Sie laufen allem nach,
was glänzt, den reichen jungen Leuten und den schönen jungen Leuten. Die
reichen jungen Leute erziehen die Frauen zum Luxus, und die schönen
jungen Leute, von denen sie betrogen werden, lehren sie, daß die Liebe
nur ein simples Vergnügen sei. Sie kehren später zu uns zurück. Sie
richten uns durch Toiletten und Theater zugrunde und haben nicht mehr
Glut genug, um unsre Geliebten und unsre Gefährtinnen zu werden. Ich für
meine Person korrespondiere mit einer kleinen Bonne. Da sie schlicht und
arbeitsam ist, werden wir uns heiraten. Ich will wie ein Mann aus dem
Volke leben, mit einem Weibe aus dem Volke. Im übrigen hasse ich die
Reichen, die uns unsre Freuden stehlen.«
Er besaß seine Möbel und wohnte am Quai du Louvre in einem Zimmer im
fünften Stock. Pierre Hardy erstattete ihm Bericht von allen seinen
Stimmungen und allen seinen Abenteuern, und Louis Buisson legte ihm
gleiche Geständnisse ab. Solch eine Freundschaft gibt uns Lebensmut,
indem sie unsre Freuden verlängert und uns in unserm Kummer tröstet. Man
sagt sich: Das werde ich Louis erzählen, der mir sagen wird: »Mein
lieber Freund, wir leiden, weil wir arm und schüchtern sind und
hauptsächlich, weil wir ein reines Herz haben«. Sie waren durch einen
kleinen Unterschied in der Erziehung voneinander getrennt. Pierre Hardy
wohnte in der Rue de l'Arbre-Sec, die eine Pariser Straße ist. Louis
Buisson wohnte am Quai du Louvre, wo die Luft viel freier ist.
Aber es gibt Abende, an denen die Freundschaft nicht genügt. Die Worte
und der gewöhnliche Anblick der Freundschaft beruhigen uns. Wir haben
aber auch das Bedürfnis, uns zu ermüden. Pierre Hardy empfand inmitten
der Flut ein wenig Freude, die ihm sein Freund bereitete, und er
betrachtete die Menge, indem er dachte: »Ihr habt keinen Freund wie
Louis Buisson.« Aber das tröstete ihn nicht, und der ganze Lärm des
Boulevards sprach: »Besser ist, eine Frau zu haben.« Er dachte noch:
»Ich bereite mich auf die Prüfung für Brücken- und Straßenbau vor, ich
werde gewiß zum Bureauchef ernannt werden. So viele Männer, die da mit
Frauen am Arm vorübergehen, werden kleine Angestellte bleiben!« Aber die
ganze Menge schrie ihm im Vorübergehen zu: »Was macht das! Wir haben
Frauen und lachen.« Er antwortete: »Ich habe einen Vater und eine
Mutter, die mich mehr lieben, als euch eure Frauen!« »Was macht das!«
sprach die Menge. »Du bist allein und langweilst dich. Wir haben Frauen
und lachen.«
So wurde er gezwungen, zu verstehen, daß die ganze Festfreude wertvoller
sei als sein einsames Dasein. Er konnte dem Lichterglanz und der
entfesselten Lust nichts entgegensetzen. Louis Buisson, der von zwei
oder drei Philosophischen Grundsätzen passioniert war, schöpfte daraus
Kraft genug, den Menschen ins Gesicht zu sehen. Übrigens suchte er darin
irgendwelche weitere Grundsätze zu entdecken. Pierre Hardy war zwanzig
Jahre alt und fand sich mit tausend Wünschen ganz allein mitten in einem
sehr verführerischen Paris.
Und oft hatten seine Wünsche ihn geleitet. An manchen Abenden, wenn er
bis elf Uhr gearbeitet, schloß er seine Bücher und fühlte sich traurig
mit all ihrer Wissenschaft. Alle Diplome wogen das Glück nicht auf, zu
leben. Zwei oder drei Bilder von Frauen, die ihm begegnet waren,
tauchten in seiner Phantasie auf, und er hing ihnen zunächst nach, um
sich zu entspannen. Dann flammte das ganze Feuer seiner zwanzig Jahre
empor, alle seine Sinne empfanden, was eine vorüberschreitende Frau in
sich schließt. Da richtete er sich auf, die Kehle trocken und das Herz
zusammengepreßt, löschte die Lampe aus und ging auf die Straße hinunter.
Er schritt aus. Prostituierte tänzelten an den Straßenecken in ihren
ärmlichen Röcken und mit ihren fragenden Augen: er beachtete sie gar
nicht. Er schritt dahin, wie die Hoffnung schreitet. Irgendeine Frau mit
geschnürter Taille ging vor ihm her, da verlangsamte er den Schritt, um
sie besser zu sehen. Darauf lächelte sie ihm zu. Da beschleunigte er den
Schritt, um ihr rascher zu entfliehen, und weil schon eine andre Frau
mit geschnürter Taille . . . Er schritt dahin wie die Hoffnung
schreitet, von Frau zu Frau. Er wollte die einen nicht, weil sie zu
leicht zu haben waren. Er wagte nicht, die andern anzusprechen, weil sie
nicht den Eindruck machten, als wären sie leicht zu haben. Er schritt
dahin, wie die Hoffnung schreitet, von Frau zu Frau, bis ihm keine
Hoffnung mehr blieb.
Manchmal überholte ihn eine verspätete junge Arbeiterin, die schnell
ging, um nach Hause zu kommen. Sie hatte einen schwarzen Rock, eine
schlichte Bluse und einen schmucklosen Hut. Es war ein junges Mädchen,
das wie ein junger Mann arbeitet und an die Liebe denkt. Pierre Hardy
sagte sich dies naiv und folgte ihr, folgte ihr sehr schnell. Er prüfte
sie, schätzte in Gedanken die Menge Glück ab, die sie spenden könnte.
Wenn er neben ihr war, sagte er sich: »Ich will sie nicht jetzt
ansprechen, denn wir sind in einer zu belebten Straße«. Er folgte ihr
Schritt für Schritt, alle seine Gedanken aufrührend, und folgte ihr mit
großen Schritten, wie man ein Ideal verfolgt. Er wäre ihr sehr weit in
die Nacht gefolgt, denn sie war ihm das Licht. Alle seine Abenteuer
nahmen den gleichen Ausgang. Unerwartet läutete das junge Mädchen an
einer Haustür. Sie war zu Hause. Er sah sie ein letztesmal an und setzte
seinen Weg fort, indem er an morgen dachte und an alle die morgen, an
denen er dem Glück nicht begegnen sollte, das er soeben hatte entfliehen
lassen.
Und am Ende fühlte er noch, ermüdet von dem Marsch, das alte Verlangen,
das ihn vorwärtstrieb. Um Ruhe zu haben, nahm er die erste, die
daherkam, und in einem Hotel auf einem Bett um vierzig Sous ergoß er
sich in ein Mädchen, das schmutzig war wie ein öffentlicher Ausguß.
Am Abend des fünfzehnten Juli war der Boulevard Sebastopol viel
lebendiger. Die einen schlenderten paarweise und schienen ihre Liebe
auszuführen. Junge Leute sagten: »Sie hatte feste kleine Brüste. Ich
möchte sie doch wiederfinden.« Paris war unterwegs mit Wagen, die
rollen, mit Liedern der Betrunkenen und mit so vielen Straßenmädchen,
daß unter ihnen auch ein paar verführerische waren. Die Bogenlampen
umgaben sich mit einem Hof und bildeten, eine hinter der andern die Luft
zwischen den Häusern erhellend, einen großen leuchtenden Kanal, der die
Dächer säumte, bis zum Himmel stieg und ihm sein Feuer zuwarf. Diese
Atmosphäre badete einen in zartem Fluidum, in einem elektrischen
durchdringenden Bade. Dann verwandelten warme Winde, der Atem einer
Sommernacht, Paris gleichsam in ein brüllendes Tier, das, schweißbedeckt
und mit wahnsinnigen Augen, solange keucht, bis es ohnmächtig wird. Ein
Schrei antwortete dem andern, ein Fußgänger weckte das Verlangen des
andern, die Lichter entzündeten ihn wie einen Strohhalm, jedes Leben
schwoll auf dem Boulevard an und schrie wie das brünstige Tier bis in
die Tiefe der vergehenden Herzen.
Und Pierre Hardy erinnerte sich, wie er den Frauen nachgelaufen war. Er
schämte sich der Erinnerung unter den Lichtern zwischen Tausenden von
Passanten, aber er zürnte ihnen so, wie ein Mann großen Gedanken zürnt,
die ihn locken. Vor seinen Augen schritt das Weib mit seinem Geschlecht,
seinem offenen Geschlecht, wie Louis Buisson sagte. Pierre Hardy war
nichts mehr. Das entfesselte Paris trug ihn, nahm ihn auf seine großen
Fluten und entführte ihn, Pierre Hardy, den Sohn eines Holzhändlers,
Freund Louis Buissons, den künftigen Brücken- und Straßenbaumeister,
trug ihn zwischen den beiden verlorenen Ufern und entführte ihn bis ans
Ende der Welt.
* * * * *
An der Ecke der Rue Greneta gab es eine Ansammlung um vier Sänger herum.
Es war noch nicht zehn Uhr, und sie sangen an der letzten Straßenecke
vielleicht ihr letztes Lied. Der Vater kratzte eine Geige aus rotem
Holz, deren neue und kreischende Stimme nur ein Lärm war, und blickte
auf den Kreis von Gaffern mit Augen, in denen man Funken und Blut laufen
sah. Die Mutter, mit einem Bauch, geweitet von Geburten, mit den
hängenden Brüsten eines abgenutzten Tieres, hatte in ihrem zerstörten
Gesicht zwei Augen so blau wie zwei beschmutzte Blumen. Sie sang mit der
spitzen Stimme eines keifenden Weibes. Und die beiden kleinen Kinder,
die jeden Abend sangen, zitterten auf ihren Beinchen. Das eine von ihnen
rollte die Augen wie ein böses Tier; es ähnelte dem Vater; es war so
erschöpft, daß es hätte beißen mögen. Aber das kleinere, gelbhäutige,
mit blauen Augen, hätte wie die Mutter auf den Rücken fallen und
schlafen mögen. Paris hatte sie in seine zermalmende Hand genommen, und
alle vier, die guten und die bösen, waren sie zermalmt worden.
»Erinnerst du dich noch, Lison,
In deinem Stübchen
Warf ich die Kleider rasch davon
Wie du, mein Liebchen.«
Mütter mit ihren Töchtern hörten zu. Drei kleine Arbeiterinnen, die das
Lied sich gekauft hatten, folgten den Worten. Passanten waren müßig
stehen geblieben, andre warfen einen Blick hin und gingen weiter. Es gab
nicht viele Leute um die Sänger, weil es zuviele Lieder gab. Pierre
Hardy machte Halt. Man schaut es sich an, weil man etwas anschauen muß.
Ebenso mehrere öffentliche Mädchen, denn sie wissen, daß die
Ansammlungen ausgezeichnete Gelegenheiten bieten. Und die ungelenke
Stimme der roten Geige, über den drei andern Stimmen gleichgültig
schwebend, mechanisch, ohne Feinheit:
»Du sagtest: >Lieb, ich zeige Dir
Sehr lustige Dinge,
Doch leg in meine Büchse hier
Paar Silberlinge<.«
»Zu kaufen für zwei Sous!« Pierre Hardy erwarb das Lied. Er las es ohne
viel Aufmerksamkeit, als eine kleine Frau neben ihm, die mitgelesen
hatte, sagte: »Das ist nicht richtig, das Lied«. Er sah sie an und
bemerkte, daß das junge Weib schwarzes gescheiteltes Haar und ein
hübsches Gesicht hatte.