Meine Gedanken beginnen ins Leben zurück zu wandern -- -- --

Wohl weiß ich: Zur Erkenntnis gehört ein bestimmter Abstand. Ist man

seinen Erlebnissen noch zu nahe, so überwiegt das Einzelne so sehr, daß

das Ganze nicht zu überschauen ist. Die Tragweite und der wahre Gehalt

eigener Freude und eigener Leiden sind -- besonders in unmittelbarer

Nähe -- nicht richtig einzuschätzen. Gewiß, gewiß, nie sind wir dem

Irrtum mehr ausgesetzt, als in Augenblicken, in denen wir eine neue

Erfahrung erleben. Habe ich denn aber in den letzten Wochen eine neue

Erfahrung erlebt? Wohl kaum. Doch wie immer es sei, Roland, es gibt

Entschlüsse, die im Zustande der Exstase gefaßt werden müssen, sonst

faßt man sie nie. --

Seit acht Tagen bist Du wichtiger Besprechungen halber abwesend; ich

habe Ruhe gehabt, unbeirrt von Deinem Blick, von Deiner Nähe über die

reiche Festzeit nachzudenken, die wir miteinander Monate hindurch

erleben durften.

Jeden unserer Briefe las ich gestern nochmals durch; Dein Schreibtisch

ist ja längst für mich geöffnet. Scheu berührte ich jedes Blatt. Während

dann meine Blicke über die Seiten dahinglitten -- hier auf dem Platze,

auf dem Du so oft meine Hand streicheltest -- in diesem Zimmer, das Du

infolge der für Dich nun umgewandelten Welt seltener und oft nur

flüchtig während der letzten Zeit betratest, erstarkte in mir die

Vorstellung (könnte ich vielleicht auch sagen -- der Wahn?) uns vor der

Tragödie der Entzauberung retten zu müssen.

Ich weiß nicht, wann dieser Gedanke zuerst Besitz von mir zu ergreifen

versuchte. Vielleicht bildete ich mir nur ein, Deine große Liebe habe

all meine einstigen Theorien gänzlich umzuwerfen vermocht, vielleicht

sind sie nie aus meinem Unterbewußtsein gewichen, vielleicht überbrauste

sie nur der sich steigernde Glaube an die Möglichkeit eines Besitzes,

welcher ein Leben _ganz_ auszufüllen vermag. Ich vergaß, daß es keinen

Besitz gibt, dessen wir _mächtig_ sind. Nun ist's mir wieder

eingefallen, ohne Bitterkeit, ohne Erschrecken, ohne die Absicht, irgend

jemanden zur Rechenschaft dafür ziehen zu wollen. Am wenigsten Dich,

geliebter Junge.

Nichts ist jetzt notwendig als ein festes Herz. Seltsam, welche Fülle

von Forderungen wir gerade an diesen kleinen Muskel stellen, den wir

unser Herz nennen. Größe soll ihm eigen sein, Treue, Weisheit, Stärke,

Heiterkeit, Güte, Sanftmut; alles -- je nach Bedarf.

An mir ist es, unser großes Gefühl vor dem Prozeß des Alterns zu retten.

Solche Rettung kann nicht teuer genug bezahlt werden.

Noch umflutet uns ein Meer von Liebe, dessen Verfließen Dir unmöglich

dünkt, aber Verhältnisse können nicht ausbleiben, die uns quälen

_müssen_. Ich will Dich nie in Konflikte treiben. Heute noch bist Du

fest davon überzeugt, daß Du nur _einmal so lieben_ kannst, wie Du mich

liebst; aber _anders wirst Du lieben können, anders_. Deine Kunst wird

dazu beitragen, daß Dich dieses »_anders_« rascher überfällt, als Du es

für möglich hältst.

Sollte _ich_ Dich nun für ewig beanspruchen, Dir immer fest zur Seite

bleiben wollen, weil ich die erste Frau bin, die in Dein Leben eingriff,

weil Dein Talent der Liebe zu mir entstieg?

Glaube nicht, Roland, ich gehe, weil ich Dir entsagen will. Nein, ich

gehe, ehe die gesteigerte Seelenatmosphäre, die ein wundersames Gefühl

uns bescherte, und die jedes Denken an einander in jauchzendes Singen

wandelte, von Mißklängen zerrissen sein könnte. Ich gehe, weil es _der_

Aufstieg ist, der uns für immer einen kann.

Kein Schatten soll je das helle Licht zwischen uns trüben, nie soll des

Werktags Gewalt unser Gefühl für einander gefährden; nie sollen der

Gewohnheit graue Schleier zwischen uns wehen.

»Wen die Götter lieben, den lassen sie jung sterben.« Ist es nicht das

Gleiche, wenn Liebe nicht erst der Gewalttätigkeit und der Not des

Alterns ausgesetzt wird? Denn auch Liebe altert und ist meist derselben

Verarmung untertan, wie körperliches Verblühen; nur Auserwählten,

Seltenen mag ein anderes Schicksal bestimmt sein. Ich fürchte das

Erwachen aus dem Zustande des Verzaubertseins.

_Später._

_Heute_ sehe ich in meinem Verschwinden eine zwingende Notwendigkeit,

aber nicht immer werde ich fähig sein, mir diesen Schwerthieb zu deuten.

_Heute_ fühle ich trotz Qual und Entsetzen, daß er nur _das_

durchschneidet, was sterblich zwischen uns ist, daß er die

unzerreißbaren Zusammenhänge nicht treffen kann. _Heute_ glaube ich

hellsehend zu sein; schon in einer Woche könnte ich mich betrügen und

all dieses für einen Anfall von Schwermut halten, der _glücklich_

überwunden ist. Nein, schnell muß ich handeln, auch wenn ich inmitten

meiner raschen Reisevorbereitungen wieder und wieder plötzlich nur an

»zerstörende Sinnlosigkeit« denke.

Roland, Geliebter, nie sollst Du genötigt werden, vor mir eine Maske

anzulegen.

Noch kannst Du nicht wissen, ob nicht auch Du zu den _ewig Wandernden_

gehörst. Die Schwelle in das Land, das besonders reich an romantischen

Täuschungen ist, überschrittest Du ja erst jetzt. Sonnigen Träumern

gewährt es am liebsten Obdach. Und freien.

Wir werden beide auf bewegten Meeren bleiben, aber wir werden erstarken,

wenn unser Fühlen, unser Geist nicht mehr wie überfeine Instrumente

durch den leisesten Seelenhauch des Geliebten in Schwingung geraten.

Suche Dir allein jetzt ein Königtum, das von ewiger Dauer ist. Kein

rasches Entblättern bedrohe die Blumen, die in ihm erblühen. Es muß

_erfüllt_ sein von einer Qual, einer Liebe, einer Sehnsucht, die _mehr_

verlangen als einen Menschen. In _diese_ Qual, _diese_ Liebe, _diese_

Sehnsucht werde _ich_ heimkehren.

Ich kann mein Ich nicht ersticken lassen, muß ursprünglich und

aufrichtig bleiben, muß auf _meine_ Weise an unserer Vollendung -- die

ja doch nur Stückwerk bleibt -- arbeiten, muß uns vor Anklagen und

Beschuldigungen bewahren.

Aber all diese flüchtig und in wirrem Durcheinander niedergeschriebenen

Worte werden Dich nicht überzeugen. Doch das gehörte ja zu dem Schönsten

zwischen uns, daß Du meine Beweggründe stets achtetest, auch wenn sie

nicht im Einklang mit Deinem Empfinden standen. Vor Dir habe ich nie

nötig, mich zu _verteidigen_; welch eine herrliche Gewißheit! Anfangs

wirst Du zu verzweifeln glauben, wirst grausam leiden, aber Du wirst

nicht zu ermitteln versuchen, ob Du mich in Christiania oder in Athen

finden könntest. Ach, daß man sich im Leben immer, wenn auch in

friedlicher Form, zu _verteidigen_ hat! Unsere Ideale -- gleichgültig,

ob wir uns öffentlich zu ihnen bekennen oder nicht -- bilden genau einen

Teil unseres Selbst, wie äußerliche Vorzüge oder Fehler. Sie ewig zu

entschuldigen, ist das Gleiche, als wolle man sich wegen der Farbe

seiner Haare, oder wegen der Kleinheit oder Länge seiner Gestalt

verteidigen.

Gebe ich Dich jetzt _freiwillig_ her, so kannst Du mir nie genommen

werden. Laß Dich nicht von täuschenden Ueberlieferungen beirren;

klammere Dich nicht an Ausnahmen, an Beziehungen, die nie verstümmelt

wurden. Wir haben unser »glückliches Jahr« gelebt. Laß uns unsere Liebe

unverwundbar gestalten, laß uns zum _höheren_ Glück emporklimmen. Am

Firmament bleiben Dir strahlende Lichtfunken. Sehnsucht ist Glanz auch

in sternenlosen Nächten.

Oder sollte all dies dennoch Phantasterei sein? Selbstmord? Uebertreibe

ich? Irre ich in der Voraussetzung, daß durch meine Selbstbesinnung

Sterbliches in Unsterbliches gewandelt wird? Kann diese Flucht, an der

wir beide jetzt gleich schwer zu tragen haben, nicht allmählich zum

Quell werden, dem die großen Dichter entsteigen? Ich träume Dich groß;

mein _Gehen_ wird diesen Traum leichter der Wirklichkeit nahe bringen,

als mein _Bleiben_. Ich aber habe mich zu mir selbst zurückzuwenden.

Vielleicht denke ich dennoch zu wenig an Dein Entsetzen, an Dein

Erschrecken. Junge, liebster Junge, begreife doch, daß es schöner ist,

an unserem Sehnen zu leiden, als den Tag abzuwarten, an dem das Dunkel

durch enge Fenster zu uns hereinfallen will.

Heute noch flutet Licht durch weite Portale an uns heran. Ich kann, ich

kann Dich nicht durch das Verlangen beschweren, unseren leuchtenden

Stunden eine Alltagsfortsetzung geben zu sollen. Wohl kenne ich genau

die Antworten, die ich erhielte, erbäte ich jemandes Rat: Von

Ueberspanntheit wäre die Rede, -- vom einzigen Glück im festen Besitz --

vom Prüfstein eines starken Gefühls -- von nicht minder schönen, wenn

auch gewandelten Gefühlen -- von Bündnissen, die die Zeit nur noch

unlöslicher schmiedete. Aber Roland, wie alt bist Du? Wie alt ich?

Weshalb denn mehr? Mehr würde zum Weniger. Zu oft sah ich Menschen, die

sich hemmend aneinander fürs Leben gekettet hatten. Vielleicht ist

dennoch meines Handelns Ursprung tief verwurzelt mit meinem Künstlertum.

Verzweiflung und Verheißung scheinen mir zusammengeschweißt.

_Später._

Selbst in diesen Tagen gibt es Augenblicke, in denen ich gar kein Weh in

mir fühle. Und doch, während mir heute der Diener verschiedene Fahrpläne

zur Durchsicht reichte, schreckte ich zusammen, als setzte der Schlag

meines Herzens aus; mir wurde schwindlig, ich konnte nur stehen bleiben,

solange ich mich an irgend einem Gegenstande im Zimmer festhielt.

Merkwürdig, wie entgegengesetzte Vorstellungen zur selben Minute an mir

reißen, während ich mich doch am beharrlichsten des letzten

Zusammenseins mit Dir erinnere, Deiner _flüchtigen_ Innigkeit, als Du

zur Bahn stürmtest. Könnte dieses Fortstürmen nicht symbolisch für Deine

nächste Zukunft gewesen sein?

Soeben Dein Telegramm, das mir die dortigen Erlebnisse meldet und die

Verzögerung Deiner Rückkehr.

_Später._

Oft hört man, daß Menschen, die beabsichtigen, sich das Leben zu nehmen,

in unerklärlicher Ruhe und Besonnenheit alles für die Tat vorbereiten.

Jetzt begreife ich auch sie. Nachdem mein Entschluß gefaßt war, konnte

ich in seltsamer Ueberlegung ordnen, was geordnet sein mußte.

Ich handle aus Naturnotwendigkeit, aus dem, was meiner Natur notwendig

erscheint. Ob falsch, ob richtig, kann nicht mehr das Entscheidende

sein; nicht ob ich göttlichen oder menschlichen Gesetzen in mir folge.

Ich habe aufgehört, das enträtseln zu wollen.

Während ich dies Letzte schreibe, bin ich schon weit fort; ich kritzle

im Zuge, der mich eilend und rollend immer mehr von Dir entfernt.

Liebe, Begeisterung und Leidenschaft für Vieles, was der nur »gesunde

Verstand« verspottet, werden mein Leben immer zu einem reichen machen.

Freudigkeit und Festigkeit können mich nie für immer verlassen. So nehme

ich, trotz allem, fast heiter dieses -- soll ich es Martyrium nennen? --

auf mich. Ich kann auch nicht sagen: Verzeihe. Etwas eigentümlich

Doppeltes ist in jedem Leben, in dem des Künstlers in verstärktem Grade.

Tausend melodische Ueberraschungen werden Deinem Schmerz entsteigen. Gib

Dich ganz jenen berauschenden Schöpferaugenblicken hin, deren

Seligkeiten Du ja bereits erfahren; aus diesem Eden kannst _Du_ nie

vertrieben werden.

Bedenke ich, wie das alles anfing, wie alles zusammen- und

auseinandertrieb, die Wandlungen und Handlungen, die in den wenigen

Monaten liegen, so ergreift mich etwas wie Andacht vor den im Dunkel

verborgenen Wurzeln des Lebens. Vermissen, Verlangen, welche Früchte

mögen sie Dir tragen?

Ich brachte alles über Dich in Fülle, auch jetzt das Harte, aber nun

nennt Dich die Welt -- einen Dichter.

Es schmerzt Dich vielleicht, und Du begreifst es kaum, Geliebter, daß

ich in diesen Augenblicken fähig bin, überhaupt zu schreiben. Doch sieh,

immer erscheint mir eine Eisenbahnfahrt wie ein Zwischenspiel, wie ein

Akt, der trotz seiner Tatsächlichkeit eigentlich nicht mitrechnet in der

Schale, auf die all unser Erleben niederfällt. Die Geräusche des

fordernden Tages draußen können die Ansprüche meiner Seele beirren; die

Geräusche einer Fahrt sind schwach, mir kaum vernehmbar; sie werden

übertönt von feierlich schwebenden Gedanken, die zu mir zu Gast kommen.

Erst wenn ich diesen Zug verlassen, wenn ich das Ziel meiner Fahrt

erreicht habe -- schon Tage vorher werde ich diesen langen letzten Brief

von einer Nebenstation aus an Dich schicken -- kann ich zu ermessen

beginnen, was es tatsächlich bedeutet, nie mehr in heißer Sehnsucht auf

Dich warten zu können. Und wie jetzt draußen wechselnde Bilder an mir

vorüberziehen, so werden Stunden wechselnden Fühlens mich umfangen. --

Unser Leidensweg führt durch die Seele, aber der unserer tiefsten

Erkenntnisse, die aufwärts tragen wollen, auch.

_Ich hatte Angst vor dem kleinen Glück_, aber Menschen, in denen diese

Angst nicht zu überwinden ist, müssen hart sein können -- hart gegen

sich und hart gegen die, welche sie am meisten zu lieben glauben.

Roland, Du Einziger, in dieser Stunde erlausche ich vieles, was wir

selten in uns vernehmen. »_Ich fürchte mich nur, meiner Qual nicht

würdig zu sein._« Du erinnerst Dich dieses Dostojewski-Wortes, dessen

Inhalt zuerst befremdend erscheint, und das doch imstande ist, soviel

Adliges in uns zu wecken.

An Bäumen mit weißen Stämmen und hängenden Kronen jagt der Zug vorüber.

Zahllose Bilder wirft die Natur in die dahinfliegenden Fenster:

Gelbwogende Kornmeere, buntblühende Wiesen, rotknospende Büsche, leise

sich wiegende Gräser; sie alle beredte Verkünder des ewig

verschwendenden Nährbodens, der uns trägt. In einen seltsamen

Traumzustand gleite ich hinein -- -- --

Draußen ist Erntezeit. Und in uns? Welchen Namen werden wir einst dieser

Zeit geben?

Maria.

* * * * *

* * * *

* * * * *

Fehler und Unregelmaßigkeiten:

das Beieinander_bleiben_

_ein Wort_

die einmal Inhalt all seines Denkens und Fühlens gewesen ist

_Original hat »gewsen«_

_Roland an Maria._ [4. Brief]

Teure Frau Maria, ich kann es nicht mehr ändern

_Original hat »Maria an Roland.«_

aus unerforschten Gründen zufluten lassen kann

_Original hat »Gründe«_

eine feingliedrige Gestalt

_Original hat »feingliedrge«_

Marie, Deine Maria.

_Text ungeändert_

die immer gleich an Ruhm denken -- an Dich, Ruhm

_Spatium nach »denken« fehlt_

ob mündlich oder schriftlich

_Original hat »ob-/mündlich« am Linienende_

Der Morgen steigt herauf, aber ich versuchte nicht mehr

_Text ungeändert: Fehler für »versuche«?_

nicht durch das Verlangen beschweren,

_Original hat »Vrlangen«_

Die Stufe Fragment einer Liebe · 第 5 / 5 题