Roland.
_Maria an Roland._
Roland, langsam, wie werdender Frühling, vollzieht sich oft die
Vereinigung von Seelen, aber das Schicksal jagt auch Menschen so rasch
zueinander, wie zwei Blätter, die der Sturm von entfernten Bäumen riß,
um sie dann in dieselbe winzige Erdfurche zu wehen, auf ein so kleines
Fleckchen Erde, als sei nirgends sonst Raum gerade für diese beiden.
_Wir_ sind wohl dem letzten Tempo untertan. Wir! Verstehen Sie nur
dieses »wir« nicht falsch. Sehen Sie es nicht als ewig Bindendes an;
immer wieder möchte ich es Ihnen wiederholen. Zwar sagten Sie mir: »Auch
die Schmerzen, die mir durch Sie kommen, will ich segnen.« Aber, großes
Kind, Schmerzen sind schwer, ach, sehr schwer zu segnen. Deshalb
erinnere ich wieder und wieder an mein erstes Warnen und an -- meine
Jahre. Trotzdem kann ich nicht das »wir« streichen, gehören ja auch Sie
zu jener kleinen Schar, für die das Dasein anders gefärbt ist, wie für
jene, die in die Welt passen, wie für die Urgesunden, die unserem
feinsten Fühlen fremd und überlegen lächelnd gegenüberstehen. Aus der
Vereinzelung will ich Sie erlösen, die Einsamkeit für Sie fruchtbar
machen. _Mehr_ will ich nicht. Glauben Sie mir, immer wird es Menschen
geben, die sich wie durch graue Fluten bewegen. Musik erfüllt sie, doch
sie empfinden sie wie Dissonanzen. Harmonien erklingen ihnen kaum, weil
sie tastend vor allem zurückweichen, was so anders, so ganz anders in
ihnen schluchzt und klagt und frohlockt, als das Glück der Vielen. Und
aus der Entsagung, die sich langsam in sie schleicht, wird Erstarrung
oder Verbitterung. Sie wissen nichts von Leidensgenossen; sie kennen
_nicht_ sich selbst oder _nur_ sich selbst. All ihr schmerzliches Fragen
verhallt ins Leere, bis ein Wunder geschieht: Eine Seele erschließt sich
der ihren. Dann aber werden aus allen verirrten Klängen köstliche
Melodien. Die grauen Flächen um sie verwandeln sich in schimmernde
Fluten. Brennende Blutwellen steigen in ihnen empor, röten ihre Wangen,
stiller Jubel umfängt sie, ein Fremdes durchdringt sie, von dem sie
nicht wissen, ist es Schmerz oder Wonne. In Dämmerferne tauchen für sie
lichte Türme empor. --
Lieber Junge, ähnlich einem Windhauch, der über stilles Wasser streicht,
so möchte ich zu Ihnen gekommen sein, oder wie ein Silberschein, der
über dunklem Gebirge schimmert. Schließen Sie die Augen, und erkennen
Sie, _wovon_ wir leben in all dem Geräusch von Komödien jeglicher Art.
Maria.
_Roland an Maria._
Teure Frau Maria, ich kann es nicht mehr ändern, daß mein ganzes Sein
Ihnen gehört, in jeder Minute, in jeder Regung, in jedem Empfinden. Nur
das schwingt in mir weiter, was mit Ihnen im Zusammenhang steht; _Sie_
nur kann ich fühlen, nur die Wärme, die Ihre Seele ausströmt und
entfacht.
Sie sind, während ich fern von Ihnen bin, mit so vielen Menschen
zusammen, und mit allen sind Sie gütig, und Ihre Stimme klingt mit jenen
kaum anders als mit mir. Ich aber habe nur Sie, Maria. Sie wissen ja
nicht, was es in sich schließt, dieses: »nur Sie«, was es bedeutet, nur
einen einzigen Menschen zu haben. Ihre Stimme ist die erste
_menschliche_ Stimme gewesen, die ich in meinem Alleinsein je vernommen
habe: Verschollene Möglichkeiten aus den Tagen meiner Kindheit richten
sich auf, Möglichkeiten, die meinem Gedächtnis vollständig entschwunden
waren. Wollte auch ich einst großen Zielen zuwandern, und konnte doch so
rasch am Wege zusammenbrechen? Heute ist mir jeder Nerv kraftgestählt.
_Sie_ haben diese Kraft geweckt, also sind _Sie_ es, die mich geschaffen
hat. Ist es nicht natürlich, daß am Anfang das Geschöpf nur von seinem
Schöpfer weiß?
Frau Maria, erkennen Sie in mir Ihren Schüler; denn wie käme _mir_ sonst
dieses »am Anfang« in den Sinn, mir, dem allein die Vorstellung an einen
Wandel Lästerung dünken müßte? Der erste Beweis meines Werdens kann
nichts als -- Auflehnung sein. Genügt Ihnen die Probe? Mögen Sie es
hundertmal verneinen: es _muß_ eine Liebe geben, für die es kein »am
Anfang« gibt und kein »am Ende.« Auf _den_ Jugendglauben mache ich
Anspruch. Ja, ich behaupte: All Ihr Liebesfühlen entbehrte unantastbarer
Echtheit; denn nur, wenn Menschen alles vergessen müssen, was die
Ewigkeit ihrer Liebe bedroht, ist ihre Liebe echt, ich meine,
unveränderlich wie ein echter Edelstein. _Sie_ haben nie alles vergessen
wollen oder vergessen können, das hat Ihr Lieben beraubt. Sind Sie denn
nie von der Leidenschaft zu einem Menschen besessen worden wie der
Märtyrer von seiner Idee, auch wenn deren Verwirklichung ihn mit
Sicherheit aufs Schaffot führen mußte, sicher und gewiß auf den
Scheiterhaufen?
Ich bettle nicht. Meine Seele ist still, weil es keine Grenzen für die
Stärke ihrer Liebe gibt. Ich werde Sie gewinnen, ganz mir gewinnen,
Maria, liebste aller Frauen.
Ihr, Ihr Roland.
_Maria an Roland._
Unverbesserlicher, was wollen Sie mit mir »für Zeit und Ewigkeit«
anfangen? Erinnern Sie sich an das Entsetzen Ihrer früheren Mitbürger
über Ihre »Abwege«. Und auch andere werden Sie nicht verstehen.
Vielleicht werden Sie selbst sich in zehn Jahren unbegreiflich geworden
sein. Nein! Sie und ich! Die Natur kann Ihr Herz für mich nicht
gebieterisch dauernd entflammen. Aber -- hören Sie mein Bekenntnis: Ich
muß auf der Hut sein, mich von _Ihren_ Irrungen nicht locken zu lassen,
obwohl ich zu ahnen beginne, daß die herrschende Sitte verantwortlicher
für unsere Unvereinbarkeit zu machen sein könnte als die Natur, deren
Walten wohl auch zwischen uns »von Gottes Gnaden« ist.
Wenn Liebe die größte Steigerung der in uns ruhenden Kräfte und
Möglichkeiten schafft, dann -- erwidere ich Ihre Liebe. Ich sage Ihnen
dies ganz ruhig, nur wie die Feststellung einer Tatsache. Hoffen Sie
nicht, daß ich mich Ihnen wie eine Lebensanfängerin in die Arme stürzen
werde. Nein, an Ihnen vorbei will ich mich _noch_ tiefer, _noch_
restloser meiner Kunst hingeben. --
Aber sprechen wir von etwas anderem, sprechen wir von Ihrer »Rüge«. Ja,
im Fache: »briefliche Fragen beantworten« hat meine Zensur immer
»mangelhaft« lauten müssen. Ich weiß es. Zwischen uns dürfte wohl das
tägliche Sehen als Milderungsgrund mit in Betracht zu ziehen sein. Eine
Stunde täglich! Ist das nicht unerlaubter Reichtum? In mir wird die
Neigung, mich in Briefen zu erschließen, besonders durch den noch nicht
verflogenen Hauch der persönlichen Nähe des mir teuren Menschen
gesteigert. Nun sind Sie also dieser »Teure« für unbestimmte Zeit.
Genügt Ihnen das? Sie Unerfahrener wissen eben nicht, wie rasch ein
neues Erlebnis Sie von mir wegtreiben könnte. Ihrer ungelebten
Vergangenheit traue ich nicht. Sie müssen nun doch erkannt haben: das
Leben ist voller Verborgenheiten. _Ich_ wäre ohne diese Verborgenheiten
verschmachtet. Auch Sie werden zu lauschen beginnen, ohne zu wissen,
worauf Sie lauschen. Der Strom, in den unser Fühlen und Denken gleiten
kann, liegt vor uns selbst in Dunkelheit. Mit dieser schönen
Unsicherheit -- oder ist sie doch vielleicht nicht schön? -- sollte
jeder Mensch rechnen, der das beseelte Leben liebt, nicht nur der
Künstler, dem jede Stunde neue Empfängnis aus unerforschten Gründen
zufluten lassen kann.
Schon oft habe ich Sie bedauert, daß Ihre erste Liebe gerade mir gilt;
denn unerbittlich muß ich zu Zeiten meiner künstlerischen Bestimmung
gehorchen. (Sie ist nur _einer_ der vielen Gründe, die Ihre Liebe zu
einer unglücklichen machen muß.) Ich _kann_ dann nicht fragen, tue ich
Ihnen oder anderen Menschen, die zu mir gehören, wehe. Alles sonst
Wesentliche scheint ausgelöscht, wenn auch ein helles Erinnern unbewußt
durch mein Werk fließen kann. Kann! -- hören Sie? -- kann, nicht muß.
Des Künstlers Reich ist wahrlich nicht von dieser Welt. Einer
unnennbaren Gewalt hat er sich zu beugen, den Ueberraschungen einer
elementaren Kraft sich hinzugeben, von der er nicht weiß, wohin sie ihn
zwingen kann. Im Schaffensdrang betrügt er seine Nächsten. Nein, er
betrügt sie nicht; denn er weiß nichts mehr von ihnen, sobald er sich
ganz in seine Kunst verliert, sobald er sich von ihr willig und freudig
umschlingen läßt. Nur während der Pausen, in denen er diesen
Schaffensrausch für erstorben und erstickt hält, vermag er mit den
anderen Schritt zu halten, die besser, viel besser sein können als er,
die er lieben und bewundern mag, und von denen ihn doch sein Anderssein
trennt, vor denen er oft geradezu auf der Flucht sein muß, wenn er
_sich_ bewahren will. Was bedeutet dagegen körperliche Hingabe? Sie kann
die Verirrung einer Stunde sein. Wir Künstler, wir, die wir eigentlich
nur leben, solange wir maßlos in unserem Empfinden schwelgen, sind die
gefährlichsten Täuscher. In jedem Dunkel können für _uns_ Funken
flammen, die uns zu Lichtstegen gen Himmel werden. Daß diese Lichtbahnen
immer wieder zu Boden sinken müssen, verringert ihre Schönheit nicht. --
Könnten doch auch Sie, Roland, diese Lichtstege gewahren!
Seit gestern nenne ich Sie im stillen nur noch: Meine Ueberraschung!
Leicht zu deuten, nicht wahr? In jedem Ihrer letzten Briefe, in jeder
unserer Stunden lösen Sie mit überraschender Natürlichkeit, mit
sprunghafter Schnelle das, was Sie neulich Ihre »Gebundenheit« nannten.
Frei von gewollter Anempfindung wird Ihre Ausdrucksform der meinen
seltsam ähnlich, und doch gleiten Sie überraschend leicht und mühelos in
geistige Selbständigkeit hinein. Ohne heroisches Kämpfen stehen Sie
plötzlich am anderen Ufer. Ich muß also anfangen, bei Ihnen schon jetzt
mit unvorherzusehender Unerschrockenheit zu rechnen. »Meine
Ueberraschung« nenne ich Sie aber auch deshalb, vielleicht mit noch viel
größerer Berechtigung, seitdem ich fühle, daß eine höchst
unwahrscheinliche Veränderung in raschestem Tempo auch -- mich bedroht.
Maria.
_Roland an Maria._
Maria, aller Frauen liebste, ich verstehe, was Sie mir zu erklären
versuchten, verstehe es, wie wenn ich zu denen gehörte, die den Menschen
etwas zu geben haben. Hat die Schwungkraft, mit der Sie mich behexten,
vielleicht meinen Kopf verwirrt? Ich begriffe es, wenn diese
unerwarteten Merkwürdigkeiten dem Bankbuchhalter Roland total die
Besinnung raubten. Nie wieder wird er so ruhige Tage durchdämmern wie
einst.
Maria, welch ein Glück ist meine -- Verirrung.
Rasch muß ich Ihnen aber von einem unerklärlichen Traumspiel -- oder
Trancezustand? -- berichten, den ich erlebte, nicht etwa erfand: In
dieser letzten meiner jetzt fast stets schlaflosen Nächte vernahm ich
plötzlich deutlich eine Stimme, die mir Worte, viele Worte zuraunte. Nur
wie ein Raunen wars, vielleicht kam es garnicht aus fremder Seele --
vielleicht aus der meinen. Ich schrieb unter einem seltsam
unerklärlichen Zwange Worte nieder, in denen sich heute in hellem
Tageslicht der Widerhall meines eigenen Gefühls offenbart.
Erinnern Sie sich, daß ich jüngst von den eckigen Worten sprach, von der
unvollkommenen Form für ein so gewaltiges Empfinden, wie das meinige für
Sie? Wäre es möglich, daß ich, ohne es zu wissen, im Besitz jener Form
gewesen bin? Ich vermag dieses Glück nicht durchzudenken; ich darf diese
Vorstellung nicht nähren, sie wäre Wahnsinn -- --
In Ihrem Zimmer, neben Ihnen, möchte ich Ihnen das kleine Lied vorlesen,
von dem ich nicht weiß, ob es »etwas« sein könnte, von dem nur eines
gewiß ist: es entströmte der Wonne meines überseligen Herzens.
Ihr Roland.
_Maria an Roland._
Mein Junge, während mein Blick wieder und wieder auf das Blatt mit
Deinen großen, steilen Buchstaben fällt, vernehme ich den Ton Deiner
Stimme, die bebend und doch schicksalsergeben hier in meinem Zimmer noch
jetzt zu verkünden scheint:
»Wie heißer Kuß ist oft das erste Du --
Zwei glühende, von Sehnsucht schwere Herzen,
Die zitternd brennen wie geweihte Kerzen,
Sie sinken taumelnd sich einander zu.
Und war doch nur ein altgewohntes Wort,
Das oftmals achtlos floß von ihren Lippen,
Und reißt sie nun -- hin über Fels und Klippen --
Ins unermessne Meer der Liebe fort -- --«
Mit einem so gewaltigen Uebermaß von Glück überströmten mich Deine
Verse, daß ich garnicht zu mir selbst zurückfinden möchte -- nicht so
rasch zurückfinden; denn, zurück muß ich ja doch, zurück.
Dein Lied, das mich erschreckt und erschüttert hat und aufgewühlt bis
ins tiefste Innere, täuscht noch immer den Atem Deiner Nähe vor --
obwohl Du mich vor einer Stunde verlassen hast. -- Aber sagen? Was
könnte ich Dir über die Wirkung (welch eine lächerliche Bezeichnung)
dieser zwei heißen Verse _sagen_?
Roland, ich, die ich bisher stets im Fluge mein Wollen und Wünschen,
mein Empfinden auszudrücken vermochte, habe eine Weile auf das leere
Blatt gestarrt und nicht gewußt, was ich Dir schreiben könnte. Auch mich
bedrückt die Armseligkeit meiner Worte, genau wie Dich die Deine. --
Nicht nur Deine Verse erweckten in mir den Wahn, ich hätte noch nie
einen Frühling erlebt wie diesen. Dein Glaube an mich stimmt mich jetzt
immer feiertäglich. Du hast -- verzeihe den etwas pathetischen Ausdruck
-- mein Weltbild ganz verändert.
Offenheit ist mir zwischen Menschen, die ich _mein_ nenne, stets so
natürlich, so naturgewollt erschienen wie das Erblühen einer Knospe. Ich
denke aber nicht an das vergröbernde »sich alles sagen«; nein, der
Wesenszug, den ich meine, ist zarteren Ursprungs. Das von dem
veränderten Weltbilde mußte ich Dir also berichten. Dagegen halte ich es
für gefährlich (ich meine niederziehend) über jeden alltäglichen
Kleinkram und Kleinkrieg miteinander zu sprechen. Dergleichen schweigt
man tot, redet es nicht »lebendig.«
Oft ist unser Gespräch tief in die Tage Deiner frühen Jugend geglitten.
Deine Kindheit, die von Verkennung und seelischer Erniedrigung ganz
erfüllt war, mußte in Deine Brust Aengste und Entsetzen schleudern,
deren Spuren unverlöschbar sind. Meine Kindheit glich einer langsam
aufsteigenden Morgenröte. Wieviel ich dieser Sonne schulde, weiß ich
erst, seitdem mir so viele, ganz verschieden geartete Menschen von
Fangarmen sprachen, die sich ihr ganzes Leben hindurch nach ihnen
ausstreckten, oder die sich an sie krallten, und die doch nichts anderes
waren als Hemmungen und Verängstigungen aus den Tagen ihrer frühen
Jugend. Die schlimmsten Morde sind unsichtbar und bleiben
straffrei. -- --
Mein lieber Junge, schon oft erfuhr ich es an mir: jedes tiefe Lieben
verstärkt unsere Eigenliebe. Oder weißt Du einen besseren Ausdruck für
diese Ichsucht? Vertausendfacht ist die Bedeutung der eigenen
Persönlichkeit vor uns selber. Was sind wir? Sind wir liebenswert?
Anscheinend längst verlassene Kalvarienwege liegen plötzlich wieder
grell beleuchtet neben uns, Stationen, die wir für alle Zeit verlassen
zu haben wähnten, tauchen auf und fordern gebieterisch erneutes
Erinnern.
Nie bin ich mir so fremd gewesen wie in den letzten Tagen. Wohin
entschwand das Erschrecken über ein Gefühl, das so vieles fortschwemmen
konnte von dem, was ich bisher kühn »meine Ueberzeugung« nannte?
Bist Du je auf taufrischem Waldpfad dahingewandert, ganz hingenommen von
morgendlicher Stille -- und dann plötzlich kam eine schroffe Wegbiegung,
tosender Sturm brach an und schleuderte Dir Hagelschlossen in die Augen?
Wir wissen oft nicht, welches Schauspiel plötzlich eine unbekannte
Gegend vor uns aufrollen könnte. Wie sollten wir auch auf der weiten
Erde so genau Bescheid wissen? Und dennoch mögen wir in ihr besser auf
Naturerscheinungen vorbereitet sein, als in der engbegrenzten Welt
unseres eigenen Herzens. Wir wissen nicht, welche Summe an vorher
ungeahntem Empfinden noch in uns schlummert, welcher Steigerung unsere
Seele fähig ist, welchem Brausen unser Blut unterworfen sein könnte,
wieviel unerlöste Seligkeiten unsere Brust birgt. Roland, wie
selbstherrlich bin ich doch gewesen! Ich lächle über mich -- --
So oft ich Deinen täglichen Brief nun in Händen halte, verflüchtigt sich
alles irdisch Lastende. Für Augenblicke ist mein Zimmer in rosiges Licht
getaucht, oft nur sekundenlang. Und doch verdanke ich diesen paar
rascheren Herzensstößen eine nicht zu erschütternde Siegesstimmung für
beschattete spätere Tagesstunden. Konnte ich Dir trotzdem gestern
erklären, daß dieses _häufige_ Schreiben »nicht nötig« sei? Ich
widerrufe, -- ach, wie viel von meiner trügerischen »Abgeklärtheit« habe
ich zu widerrufen! Hoffentlich überzeugte ich Dich nicht gestern. Das
wäre traurig. -- In der singenden Stunde dieses Abends, im Lindenduft,
der durch die weitgeöffneten Fenster flutet, im Weiterbeben Deines
Liedes in mir, empfinde ich die Möglichkeit Deines Schweigens wie ein
Unglück. Drei Tage keinen Brief von Dir zu wollen, hieße dreimal ein
beseligendes Heute selbst ermorden. Wie konnte ich glauben, ich bedürfe
nicht täglich von neuem der Versicherung, daß ich Dir herrliche Welten
geschaffen habe, daß es nicht mehr derselbe Himmelsraum ist, der über
Dir glänzt, nicht mehr dieselbe Nacht, die Dich in ihre Finsternis
hüllt? Als ob man Liebe überhaupt begriffe! Schreiben wir uns denn, weil
wir uns schreiben _wollen_? Schrieben wir uns denn bisher nicht, weil
wir einander schreiben _mußten_? Sind diese Bangnisse und Erhebungen --
Briefe? Glauben wir doch uns dieses Ueberflüssige gerade dann offenbaren
zu müssen, nachdem wir eben einander ins Auge geschaut; und dünkte uns
dieser Nachhall nicht gerade dann notwendig? _Der_ Tag, an dem ich
aufgehört haben werde, auf Deinen Brief zu _warten_, erscheint mir heute
tödlich. Wäre ich in Deinem Alter, so glaubte ich, daß dieser Tag _nie_
kommen kann. Aber, Roland, lieber Junge, ich bin _so_ weit entfernt von
Deinem Alter. _Ich_ weiß um die raschen Todesfahrten der Liebe, weiß,
daß sie königlich aufbaut und kalt niederzureißen vermag, daß sie Helden
und Märtyrer schafft, daß sie durch Palmenhaine geleitet und in
Eisesgrüfte stößt, weiß, daß Liebe eigentlich stets in Lebensgefahr ist.
Ja, all dieses weiß ich und kann doch der Versuchung nicht widerstehen,
die kaum vernehmbar mir unermüdlich in den letzten Tagen zuhaucht, daß
sie wieder ein Recht habe, sich geltend zu machen, dasselbe Recht mich
zu überglühen wie die Sonne. Oder sollten konventionelle Bedenken die
Sonne verdunkeln können? Ich habe kein Talent zur Zaghaftigkeit, gar
kein Talent zum Verarmen. Vielleicht stellte mich eine weise Fügung
wieder einmal in einen Lebens-Brennpunkt. Man muß sich ja nicht über
jede kurze Wonne »im klaren« sein. Ich bange nicht mehr! Mir ist dieses
ahnungsschwere Zittern Wirklichkeit genug; nach keiner anderen
Wirklichkeit wird meine Liebe zu Dir je verlangen.
Maria, vielleicht doch _Deine_ Maria?
_Roland an Maria._
Maria, wie hat Dein Brief mich beseelt. Ich lebe nur ganz in der
Gegenwart; in dieser Fähigkeit entdeckte ich das Geheimnis der
Lebenskunst. Ich glaube, Cromwell war's, welcher ausrief: »Der kommt am
weitesten, der nicht weiß, wohin er geht.« Die Vergangenheit ist in mir
untergegangen, mein einstiges einförmiges Leben scheine ich nie gelebt
zu haben. Was kümmert es mich, wohin eine Welle mich schleudern will?
Ich weiß nur von dem einen, Dich täglich sehen, Deine Stimme täglich
vernehmen zu müssen, ein wenig Deine Hand täglich streicheln zu dürfen.
Frei und sicher bewege ich mich, wie nie vordem. Tiefe Hingabe an ein
neues Lebensgefühl wandelt mir alles zu Ueberraschungen, deren
wundersamste die ist, selbstschöpferisch die Welt zu empfinden. Auch
dieses: »selbstschöpferisch« ist eine Huldigung für Dich, Maria;
vielleicht, Deiner Auffassung entsprechend, die wertvollste. _Deine_
Lebenskraft konnte übertragbar sein wie Fieber, das Funken und Flammen
sehen läßt, auch dort, wo nüchternere Menschen nur graue Asche gewahren.
Solltest Du dennoch Recht haben, daß dieses Fieber vergehen könnte, ohne
daß der Wille Gewalt darüber hat? Glaube, mein Wille hätte über eines
mit Gewißheit Gewalt: Ueber den Tod. Ich ließe mir nicht die Welt
entheiligen. --
Willst Du anderes hören, denn nur von meinem Empfinden für Dich?
Könntest Du dieses Gesprächs je müde werden? Maria, laß _das_ Meer
brausen, aufschäumen, toben, von dem _Du_ erfahren zu haben glaubst,
auch seine höchsten Wellen konnten verebben. Wie vertrugst Du in
ständiger Wiederkehr solch Verarmen? _Muß_ man denn nicht daran zu
Grunde gehen?
Du bemühtest Dich gestern, mir wieder klar zu machen, daß Du mich trotz
allem nicht an Dich zu fesseln wünschst. Dieses Gefesseltsein ist nicht
mehr in Deine Macht gegeben. Ob Du es willst oder nicht: ich bin bei
Dir. --
Zum Lied wird der Strom, der von Dir zu mir dringt. Verse tönten auch
heute Nacht in mir, aber ich weiß nicht, ob es der Mühe lohnt, sie Dir
zu senden.
Roland -- nur noch _Dein_ Roland.
_Maria an Roland._
Mein Junge, hatte ich nicht doch einen vorahnenden Geist, der mich
fühlen ließ, Du würdest -- allmählich, plötzlich, gleichgiltig wann und
wodurch -- die Welt mit den Augen des Schaffenden betrachten? Ich dachte
damals nur an die Kraft _des_ Dichtens, die sich darin äußert, sich die
Welt nicht verstümmeln, vergällen, verbittern zu lassen. Ich dachte an
innere Unverletzbarkeit, an Sonnenblicke, die nie erlöschen können.
Du schliefst, bist erwacht, bist entfesselt; Dein Leben beginnt. Was
konntest _Du_ von der _Welt_ verlangen, solange Du selbst nicht bereit
warst, _Dich_ ihr zu geben? Nun bist Du bereit, das verändert alles.
Aber, daß Deine dichtende Seele sich immer wieder nur mir zuwendet,
ist eine Gefahr für uns beide, und doch ist meine Kraft nicht mehr so
stark, wie am Beginn, um Dich dieser Gefahr entreißen zu können. An
Unwandelbares dachte ich ja niemals, Du weißt es; vielleicht aber begeht
Kälte größere Sünden als Leidenschaft. Ich fange an, die Hoffnung
aufzugeben, wir Menschen könnten dieses unübersehbar tiefe Gefühlsfeld
je auch nur annähernd richtig ergründen. --
Gestern sollte ich Dir erklären, wie es möglich gewesen, daß keine
Lebensverwundung mir mein Lächeln nehmen konnte. Natur -- die eigene --
und Geschick waren meine Helfer. Mir ging es genau wie jener Greisin,
von der ich Dir jetzt erzählen will. Sie saß träumend auf einem Stein an
blühendem Feldwege, als ein Sonnenstrahl sie fragte:
»Wann habe ich Dich doch zum ersten Male beobachtet? Ja, ja, ich
erinnere mich, damals, als Dir kein Baum zu hoch war, hinaufzuklettern;
Du warst eben in die Schule geschickt und konntest das Stillsitzen nicht
leicht lernen.« --
»Ja, damals,« lächelte die Alte --
»Und weißt Du, wann ich Dich wiedergesehen habe? Dir flogen lange Locken
um den Nacken und Arm in Arm wandeltest Du mit »ihm« durch blumige
Wiesen« --
»Ja, damals,« wiederholte die Alte --
»Und später sah ich Dich, als Du beseligt ein Kindchen durch Deinen
Garten trugst -- als Du wähntest, Mutterglück mache unverwundbar« --
»Ja, damals.«
»Und wieder strahlte ich Dich an, als Du Dich um eine Schar armer,
verwahrloster Menschen bemühtest« --
»Ja, damals,« lächelte gütig die Greisin --
»Und einige Jahre später sah ich Dich, da gingst Du schon nicht mehr
ganz so aufrecht, und deutlich zeigten sich graue Haare« --
»Ja, damals,« lächelte die Alte --
»Und dann begegnete ich Dir mehrmals auf Friedhöfen« --
»Ja, damals,« wiederholte versonnen die Alte --
»Und nun scheine ich schon lange über Deinen schneeigen Scheitel, und
längst hast Du das Tanzen verlernt, und viel hast Du zurückgeben müssen
von dem, was Dein war an Glauben und Glück, und fast immer finde ich
Dich allein, aber noch hast Du Licht in den Augen. Sage mir, Alte,
worüber kannst _Du_ noch lächeln? Andere, wenn sie in Deine Jahre
gekommen sind, klagen und seufzen. Du jedoch, deren Antwort immer nur
ein »damals, ja damals« war, Du _lächelst_ --?«
»Das wundert Dich, Strahl, der Du das Licht zu sein glaubst? Fühlst Du
denn nicht, daß jedes »damals« von einem Besitz -- einer Wonne -- einer
Seligkeit -- einem Vertrauen -- einem Glauben -- einer Stärke zeugt? Und
ich sollte nicht lächeln, so oft ich mich sinnend wieder in all diesen
Reichtum verliere? Aber nicht nur Erinnerung ist's, aus der mein Lächeln
geboren wird: Solange auch nur _ein_ Wesen zu mir gehört, um das ich
mich sorgen _darf_, solange ich zu erkennen vermag, daß Kämpfer leben,
die sich bemühen, die Welt gesünder und die Menschen größer zu machen,
solange kann _mein_ Lächeln nicht sterben -- -- --«
Roland, lieber Junge, ist diese Alte nicht meine Blutsverwandte? Kämpfe
auch Du mit all Deines Herzens Glut und Kraft immer von neuem für die
Menschheit, ganz besonders dann, wenn Du Dich von eigener Mühseligkeit
und Belastung befreien willst. Die Verteilung der Güter ist gar nicht so
ungerecht, als sie vielen bei nur oberflächlicher Betrachtung erscheint;
denn -- nur ein Beispiel: Wessen wäre die Schuld gewesen, -- oder wie
immer ich die Unterlassung nennen sollte -- wenn Du Dich weiter mit
schwacher, wesenloser Sehnsucht beschieden hättest? --
Komm so früh Du kannst; ich warte.
Maria.
_Roland an Maria._
Einzige, ich weiß nicht, ob Du auch das verstehen wirst: Mit der
Leidenschaft für Dich ist der Glaube zusammengeschmiedet, irgend etwas
vollbringen zu müssen. Stelle ich mir vor, wieviel Jahre ich ohne Dich
sein konnte -- ich sage nicht _leben_ konnte -- so fasse ich es
allenfalls. Man kann ja auch in der Dürre ein Dasein fristen; toben aber
möchte ich darüber, daß es mir an Denkmut gebrach, mir ein einziges Tor
aufzustoßen. Für _jeden_ ist doch _sein_ Tor da, _nur_ aufzureißen muß
er es verstehen. Dieser Lahmheit schäme ich mich vor mir selbst am
meisten. Welch ein Schwächling war ich! Kaum etwas wie Träume hatte ich
noch zu begraben! Hin und wieder, ganz selten, während ich mechanisch
einige Augenblicke auf die vielen Zahlenreihen vor mir starrte, streifte
mich flüchtig die Vorstellung: gleichgiltig -- gleichgiltig -- einmal
wird es kommen. Aber nichts tat ich, dieses »einmal« in meinem
Bewußtsein wenigstens zu klären. --
Vergiß nicht, Maria, auch wenn ich von mir spreche, spreche ich
eigentlich von Dir. In meiner Brust muß »es« doch gewesen sein, weshalb
konnte ich es nicht allein aus den Schalen schlagen, in die es sich
verkapselt hatte? Wie konnte ich mich so gelassen in die trostlosen
Willkürlichkeiten des Alltags finden?
Kunst! Kunst! Mit welchem Recht weise ich die Vorstellung nicht mehr wie
Einfältigkeit oder Wahnsinn von mir, daß sie mich an sich bannen will,
daß ich auf meine Weise eine Sekunde lang _in die Zeit_ einzugreifen
habe? Fragen, nichts als Fragen, als überflüssige Fragen, deren Qualen
von Seligkeiten doch nicht zu unterscheiden sind. --
Dies alles schreibe ich Dir in seelischer Scham. Mit dem gleichen, nein,
hundertfach verstärkten Empfinden bitte ich Dich, beigefügtes Gedicht
als Dein Eigentum zu betrachten. Es ist wieder ganz im Gefühl des
Triebhaften entstanden; ich selbst kann nicht beurteilen, ob es mir
gelang, die Macht und die Echtheit der Empfindungen, aus denen es
geboren, so zum Ausdruck zu bringen, daß es zitternd in Dir nachklingt.
_Keinen anderen Ruhm könnte ich je erstreben als den, einen Widerschein
in Deinen Blicken aufleuchten zu sehen -- keinen sonst_ -- --
Gestern, nachdem ich Dich verlassen, las ich wieder einmal Deine Briefe,
um den Strom von Güte, menschlichem Verstehen, Reinheit und -- tiefster
Zärtlichkeit zu fühlen, der von Dir ausgeht. Von der Macht dieser
Zärtlichkeit scheinst Du selbst nichts zu wissen, von dieser stillen
Innigkeit, die soviel bindender ist als Du es weißt und -- als es Dir
erwünscht ist.
Geliebteste, Du bist krank, nur wenig krank, aber ich darf Dich nicht
sehen. Schreiben konntest Du heute auch nicht. Meines täglichen Brotes
bin ich beraubt. Nur solange meine bisher ungesungenen Lieder sich wie
frohe Sieger ins Leben drängen, ertrage ich die Oede der Tage. Mit dem,
was in meinen besten Augenblicken sich in mir erhebt, kann ich nicht zu
Dir stürmen. Aber immer sehe ich Dich dennoch, ich suche Deine Hand,
meine Lippen neigen sich auf Deine schlanken Finger. Glaube mir, Maria,
nie ist eine Frau schwärmerischer und doch auch mit tieferer Ehrfurcht
geliebt worden als Du. Vergiß nun endlich, daß wir mit der herrschenden
Gesellschaftsordnung in Konflikt geraten sind. Was liegt daran?
Fürchtest Du plötzlich Dein Sondergepräge? Unmöglich: eine Natur wie Du,
muß, solange sie lebt, in gewissem Grade unabgeschlossen bleiben. Dein
Erschrecken paßt nicht zu Dir. Lasse Dich überzeugen. Noch in zehn
Jahren, nein, in zwanzig Jahren wirst Du nicht vor Umwälzungen in Deinem
Innern sicher sein. Was wußtest Du denn mit Bestimmtheit? Etwa, daß
_ich_ Dir eine neue Brücke für die Zukunft werden könnte, ich, der
Unbelebtesten einer? Du süße Warnerin wußtest ja auch nicht aus eigener
Erfahrung, daß Liebe das Rätselvollste ist und mit der Bedeutung oder
dem Wert dessen, was der andere ist, nicht im Zusammenhange stehen
muß. --
Die beiden Tage ohne Dich haben mich zum Grübler gemacht. Solange ich
denken kann, hat niemand dem, was ich fühlte, edle Teilnahme zugewandt;
-- vielleicht Alltags-Teilnahme, aber was bedeutet sie? Oft mehr Hemmung
als Befruchtung. Tausendmal werde ich es Dir wiederholen müssen: »Da
fing mein Leben an, als ich Dich liebte.« Du allein, nur Du, Maria,
konntest mich aus der Zufallsgemeinschaft mit den Vielen erlösen.
Anfangs war es nur Deine mütterliche Heiligkeit, die mich zu Dir trieb.
Noch kann ich Dir die Sekunde genau bestimmen, welche die erste leise
Verschiebung hervorgerufen hat. Ich stand vor Dir, wie so oft bereits;
Du sprachst anspornend, anfeuernd mit mir. Nichts hatte sich verändert.
Da -- plötzlich war's, als sähe ich überall, wohin ich blickte,
blühende, glühende Rosen. Eine seltsam verwirrende Beklemmung zitterte
minutenlang in meiner Seele. An diesem Tage kam ich zum ersten Male
nicht mehr von meiner Mutter -- nicht mehr _nur_ von meiner Mutter.
Stundenlang wanderte ich nachher am Kanal entlang. So schön, nein, so
schön war die Erde nie: alle Leute schienen Menschen geworden, die ihre
störenden Eigenschaften abgelegt hatten. Für immer glaubte ich von allem
Gewohnten und Gewöhnlichen befreit zu sein. -- Ich konnte mich nicht
entschließen, das hohe Mietshaus zu betreten, in dem ich wohne; zu weit
bin ich allem entrückt gewesen, was zwischen Mauern sein Dasein fristen
kann; ringsumher in der Luft schimmerte ein Schein, der den Tag kündete,
obwohl ich wußte, daß noch viele Stunden bis zum Sonnenaufgang verrinnen
mußten. --
Werde ich morgen, endlich, endlich wieder das Rauschen Deines Gewandes
vernehmen? Werde ich Deinen Blick fühlen, der tief und zärtlich in den
meinen sinkt? Werde ich, ehe ich noch bei Dir sein darf, meine Lippen
auf die Blätter eines Briefes pressen können?
Maria, Sancta Maria, ich liebe Dich grenzenlos.