Franziska Mann

Die Stufe

Fragment einer Liebe

[Abbildung: Mosaik Verlag]

Im Mosaik Verlag zu Berlin

1922

_Mosaik-Bücher * Band 3_

Dieses Buch wurde für die _Mosaik Verlag_ G.m.b.H. bei Gebrüder

Rennert in Berlin gedruckt. Einband und Druckanordnung von Erich

Büttner. Die Verse im Text sind von L. Avellis. Alle Rechte,

insbesondere das der Uebersetzung und Verfilmung vorbehalten.

Copyright by Mosaik Verlag G.m.b.H., Berlin W. 50. 1922.

_Maria an Roland._

Roland, sind Sie leichtsinnig! Laufen Sie lieber vor mir davon. Oder

ist Leichtsinn immer eine Krankheit -- chronisch bei den einen, akuter

Natur bei den anderen? Nicht nur einfach abzuschütteln --, Heilbarkeit

unsicher? Noch ist es Zeit! Ich warne Sie! Verpassen Sie nicht den

rechten Augenblick zur Flucht. Sie sind fünfundzwanzig Mal im Laufe der

Jahre am zehnten Mai vorübergeschritten, ich an diesem Frühlingstage,

der auch mich die Reise ins Leben beginnen ließ, zweiundvierzig Mal.

Es bleibt eine gewagte Angelegenheit, schön und gefährlich, dieses »die

Seelen sind von keinem Alter.« Sehen Sie sich lieber die blonden und die

braunen Mädel an, deren gibt es so viele.

Und doch möchte ich Ihnen helfen. Sie brauchen einen _Menschen_. Ich

könnte der rechte Mensch für Sie sein. Nur dürfen Sie nicht an Liebe

denken; sie verwirrt immer, sie würde alles verderben. --

Nach allgemeinen Begriffen weiß ich wenig von Ihnen. Aber nie war ich

begierig, Menschen, an die mich ein seelisches Fluidum zu binden begann,

in hergebrachter Form _kennen_ zu lernen. Genießen wollte ich einen

Blick, eine Stimme, den leisen Druck einer Hand. Ganz nur Gegenwart

sollte mich umfangen, beleben, vielleicht auch berauschen, aber kennen?

Nein, kennen ist drohender Alltag. Ich will meine Viertelstunde,

unbekümmert um alles Gewesene. (Solch eine Viertelstunde kann lange

währen, sie wird nach besonderem Maß gemessen.) Die nach mir kommen,

mögen die ihre haben. Verstehen Sie das? Treu bin ich nicht, habe

nie treu in hergebrachter Vorstellung sein wollen. Freunde, welche

unbewegliches Festhalten brauchen, sind neben mir zu beklagen. Für

mein Empfinden gibt es Wertvolleres als starres Beharren. Glauben Sie,

Roland: Alles hat seine Zeit. --

Allmählich bin ich so etwas wie eine Seelensucherin geworden. Weiß

selbst nicht, wie es gekommen ist. Nie habe ich diese Eigenart -- oder

darf ich sagen dieses Talent? -- absichtlich in mir gesteigert, habe

nie aufgehört, sie als Begnadung zu empfinden. Manchem wurde ich zur

Lebenswende, zur Stufe in freiere, befreite Welten. Für das Glück der

Vielen war ich nie geschaffen. Vielleicht vermochte ich Einigen die

Kraft zur Einsamkeit zu stärken; vielleicht lehrte ich Einige sich

selbst kennen zu lernen, half ihnen, eine andere Lebensresonanz zu

erlauschen. Ich vergaß nie, daß ich nicht mehr werden konnte als ein

Mörtelträger: sein Schloß kann sich jeder nur allein errichten, seinen

Tempel oder sein Alltagshaus. --

Immer bin ich mir klar gewesen, nicht auf das Beieinander_bleiben_ kommt

es an, sondern auf die Spuren, die wir in fremder Seele zurückzulassen

vermögen. Das nenne ich Treue, ist _mir_ Treue. Und doch habe ich

manchem etwas fürs Leben zu geben gehabt. Ich weiß, daß das einzig

Sichere der Wandel ist; nie habe ich jemanden halten wollen; meist war

ich es wohl, die fort war, innerlich schon ein wenig entfernt, bevor der

andere es entdeckte. Doch nicht stets schritt ich nur aus Menschenliebe

weiter, so selbstlos war ich nicht; oft lockte mich schon leise, ganz

leise, eine fremde Seele. Mit ihr mich zu vereinen, trieb es mein Herz;

denn immer hat auch mein Herz seinen Anteil haben wollen. Durch

wunderbare Gefilde bin ich geschritten, -- frei und doch gefesselt.

Nein, ich hätte nicht immer nur denselben Garten durchwandeln können.

Ich liebte es, Neuland zu entdecken. Dort, wo viele nur kahles Feld

sahen, ahnte ich bereits wogendes Blühen. Ohne Mühe neigten sich mir

tausend -- den Vielen nicht sichtbare -- Herrlichkeiten entgegen. --

So einfach, Roland, dürfen Sie sich nun aber nicht das Wiederlösen

vorstellen. Man muß Schmerzen lautlos zu tragen vermögen, muß sinnend

nachschauen können, muß die zuckenden Lippen fest aufeinander zu

pressen lernen; man muß zuletzt _ertragen_ können, wozu anfangs durchaus

keine Tragfähigkeit notwendig dünkte. Gerade Ihnen möchte ich meine

Vereinigung mit den Vielen -- jenen seltsamen Zwang, der mir Fremde

leicht in die Nächsten wandelt -- ohne Gefallsucht deuten, jene

Augenblicke, in denen ich glaube, nicht mehr zurückweichen zu können,

obgleich nichts Sichtbares, nicht das geringste äußerlich Bindende mich

hält. Und doch habe ich mich oft, (oder soll ich sagen _zu_ oft?) gerade

in dieser Form fesseln lassen; denn ein Gefesseltsein gehört zu jener

Hingabe, die auch von Glut durchpulst sein muß, wenn sie vollkommen

schön sein soll. Aber ich zergliedere nicht, sobald meine Seele sich

an eine fremde Seele schmiegt -- das schlösse von Beginn an jede

Unbefangenheit aus. Ich möchte von einem unstillbaren Hang zur

Verschwendung sprechen, unheilbar und unhemmbar. Mir geht es wie

dem Künstler, der sich in immer neue Gebilde verliert, die seine

schaffenstrunkene Phantasie formt. Kommt doch auch für ihn so

überraschend schnell eine Zeit, in der er ohne Extase vor einer

Schöpfung steht, die einmal Inhalt all seines Denkens und Fühlens

gewesen ist. Ihm selbst unergründliche Gewalten reißen ihn zu neuen

Schöpfungen, in deren Bann er sich wehrlos verlieren muß. --

Dies alles aber berührt nicht das Bestehen von Vereinigungen festen

und dauernden Gepräges. In diesen Freundschaften nimmt man sich hin,

wie man ist, geheimnist nichts ineinander hinein, vergleicht nicht mit

erträumter Vollkommenheit, ruht aus in mitfühlender Innigkeit, erwartet

nicht letztes Verstehen und genießt doch ein schönes Beglücktsein in

dieser Freunde Nähe. Im geheimen aber schämen wir uns vor ihnen der

Hoffnungen, die nie sterben wollen, des Durstes nach dem Unbekannten,

des immer Bereitbleibens, weiter in nebelverhangene Lande zu wandern.

Erst der Tod kann uns von diesen Freunden trennen, nie das Leben. Nur

den Wunsch nach Hingerissenheit können sie uns in dem gleichförmigen,

wenn auch gesünderem Tale, in dem sie leben, nicht erfüllen. _Sie_

belächeln unsere Himmelsträume, soweit sie sie zu ahnen vermögen.

Stürme, die kräftiges, neues Werden künden, kennen _sie_ nicht.

Gelänge es mir doch, Ihnen diese scheinbare Erkaltung, von der ich

vorher schrieb, diese Zwiespältigkeit meines Fühlens, dieses gefaßt

dem Wandel Entgegengehen verständlich zu machen. Mich dünkt, als wollte

selbst die weite Natur nicht unveränderliches Beharren. Sie bereichert,

auch wenn sie scheinbar verarmt; ihre Gesetzmäßigkeit ist's ja auch, die

uns zuweilen wie Grausamkeit erscheinen kann; denn Wachstum wehrt sich

gegen kraftlos Gewordenes; es stößt Welkendes ab, mögen wir es auch in

leiser Wehmut fallen sehen. Nur die Gewißheit ersiegen wir uns

schließlich doch: nichts von allem früheren, das uns einst kostbar

dünkte, kann jemals wieder ganz verloren gehen. Ein Schimmer bleibt und

beglückt und kann aufleuchten wie in den Augenblicken, da wir die lange

schon Entfernten, die Weitergewanderten, die von uns Zurückgelassenen

oder die über uns Hinfortgestiegenen am stärksten zu lieben glaubten. --

Roland, haben Sie immer noch Mut zu mir? Wären Sie doch ein weibliches

Wesen, dann beunruhigte mich nicht der Gedanke, Sie könnten sich tief in

mich versenken. Gestern irrte sekundenlang ein Fremdes durch Ihren

Blick; dieses Fremden halber erhalten Sie heute statt der gewohnten

Zettel einen so langen Brief, lieber großer Junge, von

Ihrer Mutter.

_Roland an Maria._

Liebe Frau Maria, doch, ich habe Mut. Wie immer es auch kommen mag! Sie

lächeln: »Kommen mag?« Was sollte zwischen Ihnen und mir, der immer nur

Einer zwischen Vielen war, kommen? Nichts an mir berechtigte je zu

besonderen Hoffnungen, eher wohl zu besonderen Sorgen. Da waren meine

fünf Brüder ganz andere Kerle, begabt und draufgängerisch. Die erste Tat

in meinem ganzen Leben ist der Besuch bei Ihnen gewesen; ja, _Tat_ muß

ich es nennen. Unbeirrbar, ohne Zögern nahm ich den Weg, der an Ihre

Schwelle führte. Jeden Tag bin ich wiedergekommen, bewußt

wiedergekommen, weil ich entschlossen bin, meine Seligkeit festzuhalten;

Seligkeit, auch wenn sie mich vernichtet.

Immer kann ich noch bis drei Uhr der schweigsame Bankbuchhalter sein,

genau bis drei Uhr. Aber dann? Sagen Sie, was bin ich dann?

Oberflächlich, nur ganz oberflächlich, möchte ich Ihnen doch endlich

schnell etwas von meinem Werdegang, der nie ein richtiger Werdegang

wurde, sagen. Die Stunde neben Ihnen ist zu schade, Sie von der einzigen

Kunst zu unterrichten, die ich bisher verstand, von der: klein zu

bleiben. --

Meine Eltern sind froh gewesen, als ich mit dem Reifezeugnis nach Hause

kam. Ohne dieses Zeugnis hätte mein Vater mir unter keiner Bedingung

irgend welche Lebenstüchtigkeit zugetraut. Alles, was nicht zu _der_

Reife gehörte, machte einen Jungen in unserer kleinen Stadt lächerlich

und mußte im Geheimen betrieben werden. So wurde jeder Gedanke in glatte

Alltagsbahnen gepreßt. Niemand um mich sprach Silben, die nicht

deutlich, fest und bestimmt ausdrückten, was sie ausdrücken sollten.

Kein Wort hörte ich, das zu den Sternen wollte. Ich wurde nicht bleich,

nicht schwermütig, -- nur alltäglich.

Das Gefürchtetste bei uns bestand darin, sich irgendwie hervorzutun.

Dazu genügte schon ein Hut, welcher anders war, als die Hüte der

Mehrzahl; überhaupt hatten wir immer nur wie die Mehrzahl zu sein.

Ausnahmegesetze erkannte mein Vater nicht an. Nie hat, so sehe ich es

jetzt, ein frischer Wind durch unsere kleine Stadt geweht, der ihre

heilige Ordnung hätte bedrohen können. Unantastbar blieb der Glaube an

die Autorität, besonders an die Autorität der Gesellschaft. Mir fehlte,

-- Bismarck rügte es treffend an fast all seinen Zeitgenossen:

Zivilcourage. In den wenigen Monaten hier habe ich endlich erkannt, daß

in der Wissenschaft, in der Kunst _der_ sehr viel weniger gilt, der

Besonderes zuerst sagte, als _der_, welcher sich als Erster mutig Gehör

zu schaffen verstand, und so weiß ich nicht mehr mit Bestimmtheit, ob

sich unter meiner Gebundenheit nicht doch etwas regen könnte, das mich

wenigstens, -- verstehen Sie dieses »wenigstens« nicht falsch -- Ihnen

näher bringen könnte. --

»Zivilcourage« rufe ich mir also zu und berichte weiter: Verse, die ich

heimlich, als ich noch zur Schule ging, mit Leidenschaft niederschrieb,

hatten meinen Ruf nicht einwandfrei gemacht. Ich sollte ein Schwärmer

sein, ein Träumer, war vielleicht schon auf denselben Abwegen wie mein

Großvater, der -- Mutter vertraute es mir feierlich und warnend und

weinend an -- hinterm Zaum auf der Landstraße zugrunde gegangen ist.

Immer wurde mir der Großvater als warnendes Beispiel vorgeführt, nie

aber erfuhr ich deutlich, worin seine Laster eigentlich bestanden haben.

-- Zwei Tage hindurch wagte ich einmal einen geschlungenen

Künstlerschlips zu tragen. Das Halloh, mit dem mich Groß und Klein

anbrüllte, ließ mehr als nur den Schlips verschwinden; es duckte mich

klaftertief. -- Bis zum Tode meines Vaters blieb ich in unserer

Kleinstadt, in der Mühle, die langsam das zerrieb, aus dem ich, wäre man

barmherziger damit verfahren, vielleicht ein wirkliches Leben hätte

formen können. -- Hier die wenigen Monate duldeten bisher kein

Umschauen. Ich habe mich zu ernähren, habe mich Aufgaben zu widmen, die,

weiß der Himmel, nicht großartige sind. --

Vielleicht sahen Sie, als Sie mich vor zwei Wochen Ihrer Beachtung

würdigten, den Früheren in mir, den Anderen, nicht _nur_ den simplen

Bankbuchhalter. --

Ich soll jung sein, meinen die Leute; auch Sie sagten es, Frau Maria;

also müßte es wahr sein. Aber sind _Sie_ nicht viel jünger? Sie haben

sich Ihren Glauben an alles Hohe, Ihre Begeisterung für alles Schöne

durch ein gewiß nicht leichtes Leben bewahrt. Wie konnten Sie das? Ich

dagegen? Vielleicht bin ich nie jung gewesen, nie so jung, wie Sie

heute, wenngleich es mir jetzt so leicht erscheint, mit Ihnen die Fahrt

ins Jugendland zu beginnen. Nein, ich _begann_ diese Fahrt nie; gleich

die erste Stunde allein neben Ihnen, Frau Maria, in Ihrem Heim, erweckte

in mir den Wahn, Kühnheit habe von jeher auch mich ausgezeichnet. So

selbstverständlich wird durch Ihre Nähe alles gesteigert.

Sie werden zu verstehen versuchen, wie es gekommen ist, daß ich mich so

früh mit einem ungelebten Leben abfand. Vererbung, Erziehung,

Lebensumstände mögen die Sklavenhalter gewesen sein, die gelassen zu

Tode peitschen wollten, was nicht stark genug in mir war, sich jubelnd

aus der kläglichen Gebundenheit zu befreien. Noch kann ich nicht

erkennen, wohin mich die Befreiung führen soll, ob sie erheben oder

vernichten will; jetzt aber, in diesen leuchtenden Tagen, erfüllt sie

mich mit nie gekannter Freude.

Sie wünschen keine Liebe, Frau Maria; die meine ist bereits zu groß,

um sie Ihnen verheimlichen zu können. _Sie_ sind so oft in Ihrem Leben

geliebt worden, Sie haben so oft selbst geliebt, daß Sie ein Gefühl

nicht erschrecken wird, von dessen Sterblichkeit Sie, wie Sie mir

versicherten, überzeugt sind. Ich muß Ihnen glauben; denn ich kannte

Liebe nicht. Mir aber bleibt dieses Gefühl für Sie das Wunder, von dem

ich weiß, daß es mich zu großen Taten befähigen _muß_. Welcher Art diese

Taten sein können, -- in wie hohem Grade überflüssig für die Welt, und

wie zwingend ihre Ausübung für mich, -- wir wollen es nicht zu ergrübeln

versuchen. Lassen Sie dieses »wir« gelten; denn, Frau Maria, mögen Sie

auch getreu Ihrer Auffassung von Liebe und Freundschaft und Neubelebung

nicht gerade neben mir zu ungewohnt langem Harren gezwungen werden: zu

früh dürfen Sie Ihren Jünger nicht zum Alleinweiterwandern verurteilen.

Nein, das können Sie nicht, auch wenn Sie es wollten.

Viele Briefe werde ich Ihnen noch schreiben dürfen, viele noch von Ihnen

empfangen, und die Tür zu Ihrem Zimmer wird sich mir lange noch täglich

für eine Abendstunde öffnen. --

Entdeckte ich doch eine schönere Ausdrucksform für das zitternde

Empfinden, das mich, seitdem ich nur an Sie zu denken vermag,

durchströmt! Diese eckigen, armseligen Worte mißfallen mir gründlich.

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