Die Stufe
Fragment einer Liebe
[Abbildung: Mosaik Verlag]
Im Mosaik Verlag zu Berlin
1922
_Mosaik-Bücher * Band 3_
Dieses Buch wurde für die _Mosaik Verlag_ G.m.b.H. bei Gebrüder
Rennert in Berlin gedruckt. Einband und Druckanordnung von Erich
Büttner. Die Verse im Text sind von L. Avellis. Alle Rechte,
insbesondere das der Uebersetzung und Verfilmung vorbehalten.
Copyright by Mosaik Verlag G.m.b.H., Berlin W. 50. 1922.
_Maria an Roland._
Roland, sind Sie leichtsinnig! Laufen Sie lieber vor mir davon. Oder
ist Leichtsinn immer eine Krankheit -- chronisch bei den einen, akuter
Natur bei den anderen? Nicht nur einfach abzuschütteln --, Heilbarkeit
unsicher? Noch ist es Zeit! Ich warne Sie! Verpassen Sie nicht den
rechten Augenblick zur Flucht. Sie sind fünfundzwanzig Mal im Laufe der
Jahre am zehnten Mai vorübergeschritten, ich an diesem Frühlingstage,
der auch mich die Reise ins Leben beginnen ließ, zweiundvierzig Mal.
Es bleibt eine gewagte Angelegenheit, schön und gefährlich, dieses »die
Seelen sind von keinem Alter.« Sehen Sie sich lieber die blonden und die
braunen Mädel an, deren gibt es so viele.
Und doch möchte ich Ihnen helfen. Sie brauchen einen _Menschen_. Ich
könnte der rechte Mensch für Sie sein. Nur dürfen Sie nicht an Liebe
denken; sie verwirrt immer, sie würde alles verderben. --
Nach allgemeinen Begriffen weiß ich wenig von Ihnen. Aber nie war ich
begierig, Menschen, an die mich ein seelisches Fluidum zu binden begann,
in hergebrachter Form _kennen_ zu lernen. Genießen wollte ich einen
Blick, eine Stimme, den leisen Druck einer Hand. Ganz nur Gegenwart
sollte mich umfangen, beleben, vielleicht auch berauschen, aber kennen?
Nein, kennen ist drohender Alltag. Ich will meine Viertelstunde,
unbekümmert um alles Gewesene. (Solch eine Viertelstunde kann lange
währen, sie wird nach besonderem Maß gemessen.) Die nach mir kommen,
mögen die ihre haben. Verstehen Sie das? Treu bin ich nicht, habe
nie treu in hergebrachter Vorstellung sein wollen. Freunde, welche
unbewegliches Festhalten brauchen, sind neben mir zu beklagen. Für
mein Empfinden gibt es Wertvolleres als starres Beharren. Glauben Sie,
Roland: Alles hat seine Zeit. --
Allmählich bin ich so etwas wie eine Seelensucherin geworden. Weiß
selbst nicht, wie es gekommen ist. Nie habe ich diese Eigenart -- oder
darf ich sagen dieses Talent? -- absichtlich in mir gesteigert, habe
nie aufgehört, sie als Begnadung zu empfinden. Manchem wurde ich zur
Lebenswende, zur Stufe in freiere, befreite Welten. Für das Glück der
Vielen war ich nie geschaffen. Vielleicht vermochte ich Einigen die
Kraft zur Einsamkeit zu stärken; vielleicht lehrte ich Einige sich
selbst kennen zu lernen, half ihnen, eine andere Lebensresonanz zu
erlauschen. Ich vergaß nie, daß ich nicht mehr werden konnte als ein
Mörtelträger: sein Schloß kann sich jeder nur allein errichten, seinen
Tempel oder sein Alltagshaus. --
Immer bin ich mir klar gewesen, nicht auf das Beieinander_bleiben_ kommt
es an, sondern auf die Spuren, die wir in fremder Seele zurückzulassen
vermögen. Das nenne ich Treue, ist _mir_ Treue. Und doch habe ich
manchem etwas fürs Leben zu geben gehabt. Ich weiß, daß das einzig
Sichere der Wandel ist; nie habe ich jemanden halten wollen; meist war
ich es wohl, die fort war, innerlich schon ein wenig entfernt, bevor der
andere es entdeckte. Doch nicht stets schritt ich nur aus Menschenliebe
weiter, so selbstlos war ich nicht; oft lockte mich schon leise, ganz
leise, eine fremde Seele. Mit ihr mich zu vereinen, trieb es mein Herz;
denn immer hat auch mein Herz seinen Anteil haben wollen. Durch
wunderbare Gefilde bin ich geschritten, -- frei und doch gefesselt.
Nein, ich hätte nicht immer nur denselben Garten durchwandeln können.
Ich liebte es, Neuland zu entdecken. Dort, wo viele nur kahles Feld
sahen, ahnte ich bereits wogendes Blühen. Ohne Mühe neigten sich mir
tausend -- den Vielen nicht sichtbare -- Herrlichkeiten entgegen. --
So einfach, Roland, dürfen Sie sich nun aber nicht das Wiederlösen
vorstellen. Man muß Schmerzen lautlos zu tragen vermögen, muß sinnend
nachschauen können, muß die zuckenden Lippen fest aufeinander zu
pressen lernen; man muß zuletzt _ertragen_ können, wozu anfangs durchaus
keine Tragfähigkeit notwendig dünkte. Gerade Ihnen möchte ich meine
Vereinigung mit den Vielen -- jenen seltsamen Zwang, der mir Fremde
leicht in die Nächsten wandelt -- ohne Gefallsucht deuten, jene
Augenblicke, in denen ich glaube, nicht mehr zurückweichen zu können,
obgleich nichts Sichtbares, nicht das geringste äußerlich Bindende mich
hält. Und doch habe ich mich oft, (oder soll ich sagen _zu_ oft?) gerade
in dieser Form fesseln lassen; denn ein Gefesseltsein gehört zu jener
Hingabe, die auch von Glut durchpulst sein muß, wenn sie vollkommen
schön sein soll. Aber ich zergliedere nicht, sobald meine Seele sich
an eine fremde Seele schmiegt -- das schlösse von Beginn an jede
Unbefangenheit aus. Ich möchte von einem unstillbaren Hang zur
Verschwendung sprechen, unheilbar und unhemmbar. Mir geht es wie
dem Künstler, der sich in immer neue Gebilde verliert, die seine
schaffenstrunkene Phantasie formt. Kommt doch auch für ihn so
überraschend schnell eine Zeit, in der er ohne Extase vor einer
Schöpfung steht, die einmal Inhalt all seines Denkens und Fühlens
gewesen ist. Ihm selbst unergründliche Gewalten reißen ihn zu neuen
Schöpfungen, in deren Bann er sich wehrlos verlieren muß. --
Dies alles aber berührt nicht das Bestehen von Vereinigungen festen
und dauernden Gepräges. In diesen Freundschaften nimmt man sich hin,
wie man ist, geheimnist nichts ineinander hinein, vergleicht nicht mit
erträumter Vollkommenheit, ruht aus in mitfühlender Innigkeit, erwartet
nicht letztes Verstehen und genießt doch ein schönes Beglücktsein in
dieser Freunde Nähe. Im geheimen aber schämen wir uns vor ihnen der
Hoffnungen, die nie sterben wollen, des Durstes nach dem Unbekannten,
des immer Bereitbleibens, weiter in nebelverhangene Lande zu wandern.
Erst der Tod kann uns von diesen Freunden trennen, nie das Leben. Nur
den Wunsch nach Hingerissenheit können sie uns in dem gleichförmigen,
wenn auch gesünderem Tale, in dem sie leben, nicht erfüllen. _Sie_
belächeln unsere Himmelsträume, soweit sie sie zu ahnen vermögen.
Stürme, die kräftiges, neues Werden künden, kennen _sie_ nicht.
Gelänge es mir doch, Ihnen diese scheinbare Erkaltung, von der ich
vorher schrieb, diese Zwiespältigkeit meines Fühlens, dieses gefaßt
dem Wandel Entgegengehen verständlich zu machen. Mich dünkt, als wollte
selbst die weite Natur nicht unveränderliches Beharren. Sie bereichert,
auch wenn sie scheinbar verarmt; ihre Gesetzmäßigkeit ist's ja auch, die
uns zuweilen wie Grausamkeit erscheinen kann; denn Wachstum wehrt sich
gegen kraftlos Gewordenes; es stößt Welkendes ab, mögen wir es auch in
leiser Wehmut fallen sehen. Nur die Gewißheit ersiegen wir uns
schließlich doch: nichts von allem früheren, das uns einst kostbar
dünkte, kann jemals wieder ganz verloren gehen. Ein Schimmer bleibt und
beglückt und kann aufleuchten wie in den Augenblicken, da wir die lange
schon Entfernten, die Weitergewanderten, die von uns Zurückgelassenen
oder die über uns Hinfortgestiegenen am stärksten zu lieben glaubten. --
Roland, haben Sie immer noch Mut zu mir? Wären Sie doch ein weibliches
Wesen, dann beunruhigte mich nicht der Gedanke, Sie könnten sich tief in
mich versenken. Gestern irrte sekundenlang ein Fremdes durch Ihren
Blick; dieses Fremden halber erhalten Sie heute statt der gewohnten
Zettel einen so langen Brief, lieber großer Junge, von
Ihrer Mutter.
_Roland an Maria._
Liebe Frau Maria, doch, ich habe Mut. Wie immer es auch kommen mag! Sie
lächeln: »Kommen mag?« Was sollte zwischen Ihnen und mir, der immer nur
Einer zwischen Vielen war, kommen? Nichts an mir berechtigte je zu
besonderen Hoffnungen, eher wohl zu besonderen Sorgen. Da waren meine
fünf Brüder ganz andere Kerle, begabt und draufgängerisch. Die erste Tat
in meinem ganzen Leben ist der Besuch bei Ihnen gewesen; ja, _Tat_ muß
ich es nennen. Unbeirrbar, ohne Zögern nahm ich den Weg, der an Ihre
Schwelle führte. Jeden Tag bin ich wiedergekommen, bewußt
wiedergekommen, weil ich entschlossen bin, meine Seligkeit festzuhalten;
Seligkeit, auch wenn sie mich vernichtet.
Immer kann ich noch bis drei Uhr der schweigsame Bankbuchhalter sein,
genau bis drei Uhr. Aber dann? Sagen Sie, was bin ich dann?
Oberflächlich, nur ganz oberflächlich, möchte ich Ihnen doch endlich
schnell etwas von meinem Werdegang, der nie ein richtiger Werdegang
wurde, sagen. Die Stunde neben Ihnen ist zu schade, Sie von der einzigen
Kunst zu unterrichten, die ich bisher verstand, von der: klein zu
bleiben. --
Meine Eltern sind froh gewesen, als ich mit dem Reifezeugnis nach Hause
kam. Ohne dieses Zeugnis hätte mein Vater mir unter keiner Bedingung
irgend welche Lebenstüchtigkeit zugetraut. Alles, was nicht zu _der_
Reife gehörte, machte einen Jungen in unserer kleinen Stadt lächerlich
und mußte im Geheimen betrieben werden. So wurde jeder Gedanke in glatte
Alltagsbahnen gepreßt. Niemand um mich sprach Silben, die nicht
deutlich, fest und bestimmt ausdrückten, was sie ausdrücken sollten.
Kein Wort hörte ich, das zu den Sternen wollte. Ich wurde nicht bleich,
nicht schwermütig, -- nur alltäglich.
Das Gefürchtetste bei uns bestand darin, sich irgendwie hervorzutun.
Dazu genügte schon ein Hut, welcher anders war, als die Hüte der
Mehrzahl; überhaupt hatten wir immer nur wie die Mehrzahl zu sein.
Ausnahmegesetze erkannte mein Vater nicht an. Nie hat, so sehe ich es
jetzt, ein frischer Wind durch unsere kleine Stadt geweht, der ihre
heilige Ordnung hätte bedrohen können. Unantastbar blieb der Glaube an
die Autorität, besonders an die Autorität der Gesellschaft. Mir fehlte,
-- Bismarck rügte es treffend an fast all seinen Zeitgenossen:
Zivilcourage. In den wenigen Monaten hier habe ich endlich erkannt, daß
in der Wissenschaft, in der Kunst _der_ sehr viel weniger gilt, der
Besonderes zuerst sagte, als _der_, welcher sich als Erster mutig Gehör
zu schaffen verstand, und so weiß ich nicht mehr mit Bestimmtheit, ob
sich unter meiner Gebundenheit nicht doch etwas regen könnte, das mich
wenigstens, -- verstehen Sie dieses »wenigstens« nicht falsch -- Ihnen
näher bringen könnte. --
»Zivilcourage« rufe ich mir also zu und berichte weiter: Verse, die ich
heimlich, als ich noch zur Schule ging, mit Leidenschaft niederschrieb,
hatten meinen Ruf nicht einwandfrei gemacht. Ich sollte ein Schwärmer
sein, ein Träumer, war vielleicht schon auf denselben Abwegen wie mein
Großvater, der -- Mutter vertraute es mir feierlich und warnend und
weinend an -- hinterm Zaum auf der Landstraße zugrunde gegangen ist.
Immer wurde mir der Großvater als warnendes Beispiel vorgeführt, nie
aber erfuhr ich deutlich, worin seine Laster eigentlich bestanden haben.
-- Zwei Tage hindurch wagte ich einmal einen geschlungenen
Künstlerschlips zu tragen. Das Halloh, mit dem mich Groß und Klein
anbrüllte, ließ mehr als nur den Schlips verschwinden; es duckte mich
klaftertief. -- Bis zum Tode meines Vaters blieb ich in unserer
Kleinstadt, in der Mühle, die langsam das zerrieb, aus dem ich, wäre man
barmherziger damit verfahren, vielleicht ein wirkliches Leben hätte
formen können. -- Hier die wenigen Monate duldeten bisher kein
Umschauen. Ich habe mich zu ernähren, habe mich Aufgaben zu widmen, die,
weiß der Himmel, nicht großartige sind. --
Vielleicht sahen Sie, als Sie mich vor zwei Wochen Ihrer Beachtung
würdigten, den Früheren in mir, den Anderen, nicht _nur_ den simplen
Bankbuchhalter. --
Ich soll jung sein, meinen die Leute; auch Sie sagten es, Frau Maria;
also müßte es wahr sein. Aber sind _Sie_ nicht viel jünger? Sie haben
sich Ihren Glauben an alles Hohe, Ihre Begeisterung für alles Schöne
durch ein gewiß nicht leichtes Leben bewahrt. Wie konnten Sie das? Ich
dagegen? Vielleicht bin ich nie jung gewesen, nie so jung, wie Sie
heute, wenngleich es mir jetzt so leicht erscheint, mit Ihnen die Fahrt
ins Jugendland zu beginnen. Nein, ich _begann_ diese Fahrt nie; gleich
die erste Stunde allein neben Ihnen, Frau Maria, in Ihrem Heim, erweckte
in mir den Wahn, Kühnheit habe von jeher auch mich ausgezeichnet. So
selbstverständlich wird durch Ihre Nähe alles gesteigert.
Sie werden zu verstehen versuchen, wie es gekommen ist, daß ich mich so
früh mit einem ungelebten Leben abfand. Vererbung, Erziehung,
Lebensumstände mögen die Sklavenhalter gewesen sein, die gelassen zu
Tode peitschen wollten, was nicht stark genug in mir war, sich jubelnd
aus der kläglichen Gebundenheit zu befreien. Noch kann ich nicht
erkennen, wohin mich die Befreiung führen soll, ob sie erheben oder
vernichten will; jetzt aber, in diesen leuchtenden Tagen, erfüllt sie
mich mit nie gekannter Freude.
Sie wünschen keine Liebe, Frau Maria; die meine ist bereits zu groß,
um sie Ihnen verheimlichen zu können. _Sie_ sind so oft in Ihrem Leben
geliebt worden, Sie haben so oft selbst geliebt, daß Sie ein Gefühl
nicht erschrecken wird, von dessen Sterblichkeit Sie, wie Sie mir
versicherten, überzeugt sind. Ich muß Ihnen glauben; denn ich kannte
Liebe nicht. Mir aber bleibt dieses Gefühl für Sie das Wunder, von dem
ich weiß, daß es mich zu großen Taten befähigen _muß_. Welcher Art diese
Taten sein können, -- in wie hohem Grade überflüssig für die Welt, und
wie zwingend ihre Ausübung für mich, -- wir wollen es nicht zu ergrübeln
versuchen. Lassen Sie dieses »wir« gelten; denn, Frau Maria, mögen Sie
auch getreu Ihrer Auffassung von Liebe und Freundschaft und Neubelebung
nicht gerade neben mir zu ungewohnt langem Harren gezwungen werden: zu
früh dürfen Sie Ihren Jünger nicht zum Alleinweiterwandern verurteilen.
Nein, das können Sie nicht, auch wenn Sie es wollten.
Viele Briefe werde ich Ihnen noch schreiben dürfen, viele noch von Ihnen
empfangen, und die Tür zu Ihrem Zimmer wird sich mir lange noch täglich
für eine Abendstunde öffnen. --
Entdeckte ich doch eine schönere Ausdrucksform für das zitternde
Empfinden, das mich, seitdem ich nur an Sie zu denken vermag,
durchströmt! Diese eckigen, armseligen Worte mißfallen mir gründlich.