1906. Sozialpolitische Schriften

von

Ernst Abbe.

Mit einem Porträt des Verfassers.

Verlag von Gustav Fischer in Jena.

1906.

Vorwort.

ERNST ABBE war nicht im engeren Sinne des Worts wissenschaftlicher

Forscher auf dem Gebiet der Volkswirtschaft und der Sozialpolitik und

noch weniger fühlte er sich berufen, darin als Schriftsteller oder

Redner auf weitere Kreise zu wirken. Haben doch sogar auf seinem

eigentlichen Arbeitsgebiet, der theoretischen und angewandten Physik

(Optik), mancherlei widrige Umstände die schriftliche Darstellung seiner

wichtigsten Forschungen verhindert -- wie ich im Vorwort zum I. Band

seiner Gesammelten Abhandlungen (Gustav Fischer, Jena 1904) kurz

dargelegt habe.

Aber er gibt in der Einleitung zu dem ersten der hier abgedruckten

Vorträge selbst an, inwiefern er sich »legitimiert halte, mitzureden«

bei der Erörterung der einschlägigen Fragen (S. 4): daß er gegenüber dem

Mangel gründlichen systematischen Studiums der volkswirtschaftlichen und

sozialen Theorien und der mangelnden Beteiligung an der öffentlichen

Diskussion dieser Angelegenheiten sich berufen könne auf etwas, was in

der Art, wie er es habe, nicht viele haben könnten: eine _eigene

lebendige Erfahrung_. Denn mit Ende der sechziger Jahre halb

unfreiwillig mehr und mehr mit einem schnell aufblühenden industriellen

Betriebe (der Optischen Werkstätte von CARL ZEISS in Jena) verbunden,

habe er sich gewöhnen müssen, alle Vorkommnisse in zweierlei Art

anzusehen und zu prüfen: mit den Augen des Unternehmers und Kapitalisten

-- was beides zu werden er sich noch in seinen Studentenjahren nie hätte

träumen lassen -- und »zugleich mit den Augen des Arbeitersohnes, dem

über Nacht nicht Kapitalistenaugen wachsen wollten«, mit den Augen des

Mannes, der in der mühsam erworbenen gehobenen Lebensstellung seine

Abstammung nicht wie so mancher andere zu verbergen und zu vertuschen

suchte, sondern gerade umgekehrt aus ihr überall den starken Antrieb

entnahm, die scheinbar und in Wahrheit oft so widerstreitenden

Interessen der sich immer schärfer sondernden »Klassen« nach Kräften in

Einklang miteinander zu bringen.

Dieser doppelte Standpunkt -- des »Unternehmers und Kapitalisten« und

des »Arbeitersohnes« -- ist es, der den Gedankengängen und Ausführungen

ERNST ABBES auf diesem Gebiete das charakteristische Gepräge gibt. Ihre

Autorität, den Anspruch auf ernste Beachtung aber dürfen sie ableiten

aus der auf anderen Gebieten stattsam bekundeten, erprobten und daher

allseitig anerkannten, geistigen und nicht minder auch der sittlichen

Bedeutung und Größe ihres Urhebers. Die erstere befähigte ihn, in

geistvollen theoretischen und experimentellen Studien der angewandten

Optik, der Theorie und Technik der optischen Instrumente eine neue

Grundlage zu geben und in unablässiger Arbeit einen großen Teil des auf

diesem Grunde beruhenden Gebäudes selbst zu errichten. Die Gedanken und

Pläne, die ERNST ABBE in der an _zweiter_ Stelle abgedruckten

»Gedächtnisrede zur Feier des 50jährigen Bestehens der Optischen

Werkstätte« seinem älteren Sozius und Freunde CARL ZEISS zuschreibt,

sind für alle mit den Verhältnissen genauer Bekannten ganz unverkennbar

zum großen Teile vielmehr seine eigenen Gedanken und Pläne gewesen. Und

auch darin war der Name CARL ZEISS gewissermaßen das Pseudonym für ERNST

ABBE, daß das unter jenem Namen gegründete und dauernd weitergeführte

wirtschaftliche Unternehmen -- eben die Jenaer Optische Werkstätte --

ihre gesunde _Grundlage_ wohl dem trefflichen Manne verdankt, der sie

gegründet hatte, daß ihr außerordentlicher Aufschwung seit Anfang der

siebziger Jahre und ihre eigentümliche _Bedeutung_ in wissenschaftlich

technischer wie sozialpolitischer Beziehung aber unzweifelhaft allein

auf ERNST ABBE zurückzuführen ist.

Dieses sozialpolitische Gepräge, die »Verfassung«, die ERNST ABBE --

bezeichnenderweise wieder »für alle Zeiten« auf den Namen seines

Freundes CARL ZEISS getauft -- den beiden hiesigen Betrieben gab, ist

die markanteste Bekundung seiner sittlichen Eigenart. Ich habe unter dem

frischen Eindruck seines Todes in meiner Gedenkrede bei der Trauerfeier

für ihn einen schwachen Versuch gemacht[1];, sie zu kennzeichnen, ohne

sie entfernt erschöpfen zu wollen und zu können.

Das »sozialpolitische System« ERNST ABBES hat einer seiner Kollegen von

der thüringischen Hochschule, dem er im politischen Kampfe oft genug

schroff gegenüberstand, für den er aber durch diese Gegnerschaft

menschlich nicht das mindeste an Bedeutung und Größe eingebüßt hatte,

der Sprachforscher B. DELBRÜCK, in dem Nachruf zusammenzufassen gesucht,

den er dem Dahingegangenen in der Staatswissenschaftlichen Gesellschaft

zu Jena gewidmet hat: »Es kommt in der Gesellschaft nur an auf die

Förderung der Gesamtinteressen; das Glück des einzelnen aber ist

gleichgültig.« An dasjenige, was die Gesellschaft zu verteilen hat, hat

nur der Anspruch, der arbeitet, und die Verteilung ist nicht anders zu

regeln als nach den Gesichtspunkten strengster Gerechtigkeit ohne irgend

eine historisch oder sonst begründete Bevorzugung. Diese völlige

Ablehnung jedes Eudämonismus gehörte aber nicht etwa bloß dem System an,

sondern zeigte sich ebenso in ABBES Leben. System und Leben war bei ihm

aus einem Guß. Daß es auf das sogenannte Glück des einzelnen nicht

ankommt, hat er aufs großartigste erwiesen in seiner eigenen Person. Es

hat ja oft Männer gegeben, die ihre Reichtümer wegwarfen und sich nach

einem Leben voll Taten und Sünden in Klöster oder Wälder zurückzogen;

aber daß jemand in der vollen Kraft seines Daseins und Wirkens auf sein

Erworbenes in der Weise verzichtet, wie ERNST ABBE, das ist gewiß etwas

sehr Seltenes. Was er so an sich selbst zur Darstellung brachte,

wünschte er natürlich auch von anderen, wie an einem Beispiel statt

vieler gezeigt sein mag. Er hatte einen Lieblingsgedanken, der ihm aber

schließlich von anderen ausgeredet wurde, nämlich eine Stiftung ins

Leben zu rufen für Söhne der handarbeitenden Klasse, um denselben die

Möglichkeit zu geben, in höhere Stellungen im Staate aufzusteigen. Damit

wollte er aber, wie er ausdrücklich bemerkte, nicht etwa das Glück des

einzelnen erhöhen -- er nahm vielmehr an, daß unter Umständen das

Gegenteil eintreten könne, indem mancher sich vielleicht in der neuen

Stellung unglücklich fühlen würde: aber ABBE meinte, das Aufsteigen in

höhere Schichten sei im allgemeinen Interesse notwendig, und so liege

hier für den einzelnen ein Stück der allgemeinen Dienstpflicht vor, die

wir alle der Gesellschaft schuldig sind.

»Wenn man sich so recht die Eigentümlichkeiten dieses ABBE-schen Systems

klar machen will, muß man es vergleichen mit den großartigen

Wohltätigkeitsanstalten der katholischen Kirche. Während dort die

erbarmende Menschenliebe, die Caritas, die Grundlage bildet, ist diese

Vorstellung bei ABBE vollständig ausgeschaltet. Ein jeder soll das

bekommen, worauf er Anspruch hat, nicht mehr und nicht weniger. ABBE

wünschte sogar, wo es nur irgend möglich war, einen klagbaren Anspruch

für den einzelnen an die Gesellschaft. Will man Stellung zu diesem

System nehmen, so kann es nicht geschehen, indem man Einzelheiten

herausgreift, sondern man muß das Ganze ins Auge fassen und seinen

Standpunkt auf der reinen Höhe philosophischer Betrachtung wählen.«

Es ist wohl bezeichnend genug für die sozialpolitischen

Veröffentlichungen ERNST ABBES, wie vor allem für den Mann selber, daß

die erste, die er der Mühe der Drucklegung für wert erachtete, von ihm

im Alter von 54 Jahren verfaßt wurde, also zu einer Zeit, wo er in

seinem beruflichen Wirken auf der Höhe des Erfolges stand und wo er den

entscheidenden Schritt zu seiner sozialpolitischen Neuschöpfung auch

schon getan hatte. So bedeutet denn die der Zeit nach zweite

»Publikation« (in der vorliegenden Sammlung unter IX abgedruckt) kein

Theoretisieren mehr, sondern sie ist der Ausdruck einer Tat: der

Gründung der _Carl Zeiss-Stiftung_, deren »Verfassung« sie enthält. Alle

übrigen hier gesammelten Schriften, Vorträge und Reden sind ebenso wie

die genannten Gelegenheitserzeugnisse -- mit allen Vorzügen und Mängeln

solcher behaftet. Einige, wie außer den oben erwähnten Vorträgen »Welche

sozialen Forderungen soll die Freisinnige Volkspartei in ihr Programm

aufnehmen« (Nr. I), die schöne »Gedächtnisrede zur Feier des 50jährigen

Bestehens der Optischen Werkstätte« (Nr. II), der Vortrag »Über

Gewinnbeteiligung der Arbeiter in der Großindustrie« (Nr. III), dann

aber auch Nr. V (Zur Frage der Sonderbesteuerung des Konsumvereins) und

Nr. VI (Die rechtswidrige Beschränkung der Versammlungsfreiheit im

Großherzogtum Sachsen) sind sorgfältig redigiert und zum Teil auch

direkt für die Drucklegung vorbereitet bezw. schon einmal unter Aufsicht

des Verfassers gedruckt. Bei mehreren anderen fand sich ihm zu

sorgfältigerer Ausarbeitung nicht die nötige Muße und ich bin gewiß, daß

ERNST ABBE selbst nichts weniger als einverstanden gewesen wäre mit

ihrer Veröffentlichung in der vorliegenden Gestalt. Ich glaubte aber,

gerade diese Vorträge, die sich einerseits näher mit den Verhältnissen

im eigenen Betrieb befassen, andererseits bei der Diskussion der dort

bestehenden Verhältnisse interessante Schlaglichter auf das werfen, was

überall unter ähnlichen Umständen d. h. in industriellen Großbetrieben

gilt oder Gegenstand der Kontroverse ist, nicht unterdrücken zu dürfen.

Es sind dies: Nr. IV Ȇber die Grundlagen der Lohnregelung in der

Optischen Werkstätte« (1897), Nr. VIII »Über die Aufgaben des

Arbeiterausschusses« (1902) -- beide schon einmal von mir herausgegeben

für die Angehörigen der Stiftungsbetriebe -- und dann besonders Nr. VII,

der wichtige Vortrag Ȇber die volkswirtschaftliche Bedeutung der

Verkürzung des industriellen Arbeitstages«.

Mit dem letztgenannten Gegenstand beschäftigte sich ERNST ABBE bis in

die letzte Zeit. Er hatte den entscheidenden Anstoß dazu durch

Diskussionen über Verkürzung des Arbeitstages im Arbeiterausschuß der

Firma Carl Zeiss (Winter 1899/1900) erhalten, die zu der erst

versuchsweisen (1900), dann endgültigen (1901) Einführung des

achtstündigen Arbeitstages in deren Betrieb Veranlassung gaben. Bei

beiden Gelegenheiten hatte sich ABBE in »Werkstatt-Versammlungen«

ausführlich zur Sache geäußert. Auf den hier abgedruckten, in der

Staatswissenschaftlichen Gesellschaft zu Jena Ende 1901 gehaltenen,

Vortrag folgte ein solcher über den gleichen Gegenstand bei der

Jahresversammlung der Deutschen Gesellschaft für Mechanik und Optik zu

Dresden, September 1902, der inhaltlich wie formell vortrefflich gewesen

sein soll, von dem aber leider keine genaue Nach- oder Niederschrift

vorhanden ist. Einen Nachtrag zu dem Thema gab ERNST ABBE dann später

bei einem der »Referierabende« einer privaten zwanglosen Vereinigung

einiger naturwissenschaftlicher Dozenten der Universität Jena; doch war

auch hierüber nichts Authentisches zu finden. Von der beabsichtigten

gründlichen Bearbeitung bezw. Darstellung des Gegenstandes, von der

ERNST ABBE wiederholt behauptete, daß ihre Räsonnements für jeden

logisch Denkenden durchaus zwingend sein würden, hielt ihn das schnell

sich steigernde mit dem Tode endigende Siechtum ab.

Ich habe die mir zur Verfügung stehenden einschlägigen Schriften,

Vorträge und Reden ABBES der Hauptsache nach in chronologischer

Reihenfolge wiedergegeben. Das Statut der Carl Zeiss-Stiftung selbst

aber habe ich mit seinen von ABBE teils für dessen Beratung, teils

hinterher niedergeschriebenen »Motiven und Erläuterungen« geglaubt an

den Schluß stellen zu sollen -- schon aus dem äußerlichen aber

wichtigen Grunde, um es gleich in der Neuredaktion vom 1. Januar 1906

(aber mit den Varianten der ursprünglichen Ausgabe) abdrucken zu können.

Man kann alle übrigen hier gebrachten Schriften und Vorträge wohl mit

gutem Recht auch als »Motive und Erläuterungen zum Statut der Carl

Zeiss-Stiftung« bezeichnen. Denn in dem Statut hatte das

sozialpolitische Glaubensbekenntnis ERNST ABBEs seinen praktisch

realisierbaren Ausdruck gefunden. Nur die beiden unter V und VI

abgedruckten Vorträge haben keinen Bezug auf das Stiftungsstatut, sind

überhaupt nicht sozialpolitischen, sondern der eine wirtschafts-der

andere rein staatspolitischen Inhalts. Es ist aber namentlich die Rede

»Über die rechtswidrige Beschränkung der Versammlungsfreiheit« so

charakteristisch in Inhalt wie Form für den Redner als Persönlichkeit,

daß ich gewiß bin, allen Freunden ERNST ABBEs durch deren Wiederabdruck

eine Freude zu bereiten, selbst wenn Juristen zu einem anderen Ergebnis

der Beweisführung kommen sollten.

Bei der Herausgabe der folgenden Blätter leistete mir Herr G. PAGA,

hier, hilfreichsten Beistand, ohne dessen Zusicherung ich die Arbeit

angesichts meiner sonstigen Beanspruchung von vornherein nicht

übernommen hätte. Nicht nur die gesamte Überwachung der Drucklegung ist

sein Verdienst, sondern namentlich auch in der Feststellung eines

halbwegs lesbaren d. h. vernünftigen Sinn ergebenden Textes bei den nur

in unvollkommenen Nachschriften vorhandenen Reden und Vorträgen hat mich

Herr PAGA dank seinem liebevollen Eingehen auf und Verständnis für den

Gegenstand aufs wirksamste unterstützt. Ich erfülle nur eine Pflicht,

indem ich ihm auch an dieser Stelle für seine teilnehmende Mitarbeit

herzlichsten Dank sage.

* * * * *

Für manche Leser ist es vielleicht erwünscht, die an äußeren

Begebenheiten verhältnismäßig arme, an innerem Geschehen dafür desto

reichere Lebensgeschichte ERNST ABBEs in ihren Hauptzügen kennen zu

lernen. Ich lasse sie deshalb hier folgen:

ERNST CARL ABBE wurde am 23. Januar 1840 als Sohn des Spinnmeisters

einer Fabrik in Eisenach geboren und besuchte bis zu seinem 10.

Lebensjahre die dortige erste Bürgerschule. Deren Lehrer, denen die

ungewöhnliche Begabung des Knaben auffiel, bewogen den Vater, ihn auf

das Realgymnasium (damals Realschule I. Ordnung) zu geben, wo er im

Jahre 1857 das Abiturientenexamen mit besonderer Auszeichnung bestand.

Von Ostern 1857 bis ebendahin 1859 studierte ERNST ABBE Mathematik,

Physik, Astronomie und Philosophie an der Universität Jena, wo er sich

besonders an K. SNELL anschloß, von 1859-1861 in Göttingen, wo neben dem

berühmten Physiker W. WEBER der große Mathematiker B. RIEMANN den

stärksten Einfluß auf sein Denken gewann. Dort promovierte ERNST ABBE

1861 mit einem kritischen Beitrag zur mechanischen Wärmetheorie und nahm

dann die Stelle eines Dozenten am physikalischen Verein in Frankfurt

a. M. an, die er aber bald aufgab, um nach Durchführung einiger privaten

Studien auf Veranlassung SNELLS sich 1863 in Jena als Privatdozent zu

habilitieren. Während der Universitätszeit hatten neben der natürlich

sehr geringen vom Vater gewährten Beihilfe Preisaufgaben, Stipendien und

Privatstunden die freilich oft kaum ausreichenden Mittel zum

Lebensunterhalt gewährt. Als Privatdozent erteilte ERNST ABBE Unterricht

an der K. V. Stoyschen Seminarschule, erhielt aber von Anbeginn an auf

Veranlassung von K. M. SEEBECK, dem damaligen Kurator der Universität,

der von ERNST ABBEs hervorragender Bedeutung überzeugt war und ihn auf

jede Weise zu fördern suchte, einen kleinen Gehalt. Seine Ernennung zum

außerordentlichen Professor erfolgte 1870.

Mehrere Jahre vorher schon hatte ERNST ABBE begonnen, dem Jenaer

Universitätsmechaniker CARL ZEISS bei dessen auf Konstruktion und

Verbesserung der Mikroskope gerichteten Bemühungen behilflich zu sein.

Dieses Zusammenarbeiten wurde ein immer engeres, auch der äußere Erfolg

stellte sich bald ein und 1875 trat ERNST ABBE auf dringenden Wunsch von

CARL ZEISS als stiller Gesellschafter in dessen Unternehmen ein. Auf

Grund dieser inneren und äußeren Bindung schlug er im gleichen Jahre die

Berufung als Ordinarius nach Marburg und eine ihm von HELMHOLTZ

angetragene Stelle als Mitleiter des neu zu errichtenden physikalischen

Instituts in Berlin aus, und glaubte auch die in Jena für Physik

errichtete ordentliche, mit der Leitung des Instituts verbundene,

Professur nicht annehmen zu dürfen. Die ihm durch den Lehrauftrag für

theoretische Physik und Astronomie und die Leitung der Sternwarte

obliegenden Pflichten erfüllte ERNST ABBE bis 1889, wo auf seinen Wunsch

für beide Stellen Nachfolger ernannt wurden. Von dieser Zeit an hielt

ABBE nur noch gelegentlich Vorlesungen. Vorwiegend widmete er seine

Kräfte seit Anfang der 70er Jahre den auf das Emporblühen der Optischen

Werkstätte gerichteten und durch deren Wachstum bedingten

wissenschaftlichen, technischen und organisatorischen Aufgaben. 1879

trat ERNST ABBE mit dem Glashüttentechniker Dr. OTTO SCHOTT aus Witten

in Beziehung wegen Beschaffung neuen Materials für die praktische Optik;

dieses Verhältnis wurde ebenfalls bald ein engeres und 1882 siedelte

SCHOTT nach Jena über, um zunächst auf private Kosten ABBEs die

begonnenen Versuche energischer zu fördern. Nach deren Gelingen wurde

1884 von ABBE</SC>, <SC>SCHOTT</SC> UND <SC>ZEISS (sen. und jun.) das sogen.

»Glastechnische Laboratorium Schott & Genossen« gegründet, das in den

ersten beiden Jahren seines Bestehens von der preußischen Regierung im

allgemeinen Staatsinteresse subventioniert wurde, von da an aber auf

eigenen Füßen stand.

_Die bedeutendsten wissenschaftlichen und technischen Leistungen_ ERNST

ABBEs waren:

In erster Linie die Ausarbeitung einer _Theorie der mikroskopischen

Abbildung_ (Abbildung nicht selbstleuchtender Objekte), für die zur Zeit

seines Beginnens auch nicht der geringste Ansatz gegeben war und die

sich ganz in Gegensatz zu der herrschenden Lehre stellte. Die Grundzüge

dieser Theorie veröffentlichte ERNST ABBE 1873, ihre Ausbildung

beschäftigte ihn mit Unterbrechungen immer wieder, und es war einer von

seinen eigenen und seiner Freunde Hauptwünschen bei seinem Rücktritt von

der Leitung der Optischen Werkstätte, daß er nun zur ausführlichen

Darstellung der von ihm gewonnenen Resultate die lange vergeblich

ersehnte Muße finden möge.

In zweiter Linie ist zu nennen die Begründung einer auf Wissenschaft,

auf strenger theoretischer Vorausberechnung _aller_ Elemente (Radien,

Dicken, Durchmesser, Abstände, Glaseigenschaften usw.) beruhenden

_mikroskopischen Technik_, die bei ihrer außerordentlichen Schwierigkeit

seinerzeit kaum für möglich gehalten wurde (für das Fernrohr war

Entsprechendes in der Hauptsache früher von FRAUNHOFER, für das

photographische Objektiv von SEIDEL</SC> UND <SC>STEINHEIL erreicht).

An dritter Stelle sind eine Anzahl hervorragender optischer und

mechanischer _Erfindungen_ bezw. _Konstruktionen_ und zahlreiche

bedeutende _Fortschritte in der Erkenntnis vom Wesen der optischen

Instrumente_ anzuführen. So unter der einen Rubrik die nach ihm

benannten _Refraktometer_ (ca. 1870), der _Beleuchtungsapparat_ zum

Mikroskop (1872), die Systeme der _homogenen Immersion_ (1878/79), die

_Apochromate_ (1886), die _Relieffernrohre_, unter der anderen Rubrik

die Grundlegung der geometrischen Optik ohne Beziehung auf die Mittel zu

deren Verwirklichung, die Theorie des Strahlengangs (Bedeutung der

Begrenzungen, »Eintritts-« und »Austrittspupille«), die Theorie der

Lichtstärke in optischen Instrumenten und zahlreiche Beiträge zur

Theorie der Abbildungsfehler.

Ende 1888 starb Dr. CARL ZEISS, Ende 1889 trat der 1881 als Mitteilhaber

in die Firma eingetretene Sohn Dr. RODERICH ZEISS von der Leitung des

Unternehmens zurück und ABBE blieb bis 1891 alleiniger Leiter. In der

Zwischenzeit, von 1889 bis 1891, wurden die Unterhandlungen betrieben,

die dazu führten, daß am 1. Juli 1891 die von ERNST ABBE schon 1886

geplante, im Mai 1889 zustande gekommene »Carl Zeiss-Stiftung« alleinige

Inhaberin der Optischen Werkstätte und Mitinhaberin des Glaswerks von

Schott & Gen. wurde. Das Statut der Stiftung wurde am 26. Juli 1896 von

ERNST ABBE vollzogen, am 16. August 1896 landesherrlich bestätigt. Der

Stiftung übermittelte ERNST ABBE 1891 sein ganzes Vermögen bis zur

gesetzlich zulässigen Grenze und behielt sich fürderhin nur die Stellung

eines »Mitglieds der Geschäftsleitung« vor.

Diese legte ABBE im April 1903 nieder, um sich, nach damals noch

gehoffter Wiederherstellung seiner stark angegriffenen Gesundheit,

ungebundener einzelnen wissenschaftlichen und technischen Aufgaben

hingeben, eine genauere Begründung des Statuts u. a. m. ausarbeiten zu

können. Dem Siechtum ließ sich aber nicht mehr Einhalt tun und der

schnelle Verfall der Kräfte endete am 14. Januar 1905 mit dem Tode.

Jena, 15. Juni 1906.

Dr. S. Czapski.

Fußnoten:

[Fußnote 1: Gedenkreden und Ansprachen bei der Trauerfeier für ERNST

ABBE am 17. Januar 1905 (Jena, in Kommission bei Bernh. Vopelius). Vgl.

auch u. a. die Nekrologe von AUERBACH</SC> (NATURWISSENSCHAFTL. WOCHENSCHR.

1905, NR. 9 UND PLUTUS 3. HEFT), <SC>CZAPSKI (Verhandl. der Deutschen

Physik. Gesellschaft, VII. Jahrg., Nr. 6), KRÜSS (Deutsche

Mechaniker-Zeitung 1905, Nr. 2), v. ROHR (Zeitschr. f. Instrumentenkunde

1905, 3. Heft), M. V. (Deutsche Rundschau, Jahrg. 1905/06, Bd. II),

WANDERSLEB (Naturwissenschaftl. Rundschau 1905, Nr. 14).]

Inhalt.

Gesammelte Abhandlungen III Vorträge, Reden und Schriften sozialpolitischen und verwandten Inhalts · 第 15 / 54 题