"Vater der Tiere und Menschen", so sprach das Pferd und nahte sich dem
Throne des Zeus, "man will, ich sei eines der schönsten Geschöpfe,
womit du die Welt geziert, und meine Eigenliebe heißt es mich glauben.
Aber sollte gleichwohl nicht noch verschiedenes an mit zu bessern
sein?" "Und was meinst du denn, das an dir zu bessern sei? Rede, ich
nehme Lehre an", sprach der gute Gott und lächelte.
"Vielleicht", sprach das Pferd weiter, "würde ich flüchtiger sein,
wenn meine Beine höher und schmächtiger wären; ein langer Schwanenhals
würde mich nicht verstellen; eine breitere Brust wurde meine Stärke
vermehren; und da du mich doch einmal bestimmt hast, deinen Liebling,
den Menschen, zu tragen, so könnte mir ja wohl der Sattel anerschaffen
sein, den mir der wohltätige Reiter auflegt."
"Gut", versetzte Zeus, "gedulde dich einen Augenblick!" Zeus, mit
ernstem Gesichte, sprach das Wort der Schöpfung. Da quoll Leben in
den Staub, da verband sich organisierter Stoff; und plötzlich stand
vor dem Throne--das häßliche Kamel.
Das Pferd sah, schauderte und zitterte vor entsetzendem Abscheu.
"Hier sind höhere und mächtigere Beine", sprach Zeus; "hier ist ein
langer Schwanenhals; hier ist eine breite Brust; hier ist der
anerschaffene Sattel! Willst du, Pferd, daß ich dich so umbilden
soll?"
Das Pferd zitterte noch.
"Geh", fuhr Zeus fort; "dieses Mal sei belehrt, ohne bestraft zu
werden. Dich deiner Vermessenheit aber dann und wann reuend zu
erinnern, so daure du fort, neues Geschöpf"--Zeus warf einen
erhaltenden Blick auf das Kamel--"und das Pferd erblicke dich nie,
ohne zu schaudern."
Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Ausgewählte Fabeln, von Gotthold
Ephraim Lessing.