Ein Schafweibchen lebte in einer spärlich bewachsenen Gebirgsgegend.
Es mußte viel von anderen Tieren erleiden und war ständig auf der
Flucht vor Feinden. Ein Adler kreiste oft über diesem Gebiet, und das
Schafweibchen war gezwungen, immer wieder ihr kleines Schäfchen zu
verstecken. Auch mußte es achtgeben, daß der Wolf es nicht entdeckte,
denn dieser strolchte auf dem dichtbebuschten Nachbarhügel herum.
Außerdem war es wirklich ein Wunder, daß der Bär aus der waldigen
Schlucht unter ihm es und sein Kind mit seinen riesigen Pranken noch
nicht erwischt hatte.
An einem Sonntag beschloß das Schaf, zum Himmelsgott zu wandern und
ihn um Hilfe zu bitten. Demütig trat es vor Jupiter und schilderte
ihm sein Leid. "Ich sehe wohl, mein frommes Geschöpf, daß ich dich
allzu schutzlos geschaffen habe", sprach der Gott freundlich, "darum
will ich dir auch helfen. Aber du mußt selber wählen, was für eine
Waffe ich dir zu deiner Verteidigung geben soll. Willst du vielleicht,
daß ich dein Gebiß mit scharfen Fang- und Reißzähnen ausrüste und
deine Füße mit spitzen Krallen bewaffne?"
Das Schaf schauderte. "O nein, gütiger Vater, ich möchte mit den
wilden, mörderischen Raubtieren nichts gemein haben."
"Soll ich deinen Mund mit Giftwerkzeugen wappnen?" Das Schaf wich bei
dieser Vorstellung einen Schritt zurück. "Bitte nicht, gnädiger
Herrscher, die Giftnattern werden ja überall so sehr gehaßt."
"Nun, was willst du dann haben?" fragte Jupiter geduldig. "Ich könnte
Hörner auf deine Stirn pflanzen, würde dir das gefallen?"
"Auch das bitte nicht", wehrte das Schaf schüchtern ab, "mit meinem
Gehörn könnte ich so streitsüchtig oder gewalttätig werden wie ein
Bock."
"Mein liebes Schaf", belehrte Jupiter sein sanftmütiges Geschöpf,
"wenn du willst, daß andere dir keinen Schaden zufügen, so mußt du
gezwungenerweise selber schaden können."
"Muß ich das?" seufzte das Schaf und wurde nachdenklich. Nach einer
Weile sagte es: "Gütiger Vater, laß mich doch lieber so sein, wie ich
bin. Ich fürchte, daß ich die Waffen nicht nur zur Verteidigung
gebrauchen würde, sondern daß mit der Kraft und den Waffen zugleich
auch die Lust zum Angriff erwacht."
Jupiter warf einen liebevollen Blick auf das Schaf, und es trabte in
das Gebirge zurück. Von dieser Stunde an klagte das Schaf nie mehr
über sein Schicksal.