Der Knabe Dietrich Oberlin wuchs im Hause seiner Eltern in der strengen
Zucht auf, die ein Ergebnis ehrwürdiger Überlieferung war. Die Familie
gehörte zu den altpatrizischen der Stadt Basel; ererbter Reichtum und
ererbte Ämter zeichneten sie aus; Dietrichs Großvater war Bürgermeister
gewesen, sein Vater war Mitglied der Regierung und saß im Rat der
Nation.
Er war das einzige Kind, zwei Geschwister waren in frühem Alter
gestorben, ihm war die Pflicht zur Haltung und Repräsentation schon mit
dem Erwachen des Bewußtseins eingeprägt. Der Tag hatte seine
festbestimmte Teilung; er begann Sommer und Winter um sechs Uhr und
endete um neun. Da war kein Übergreifen möglich, keine Viertelstunde
Licht zu abendlicher Lektüre, kein Ausflug über die gesetzte Frist. Bei
Tisch hatte man auf die Sekunde zu erscheinen, waren Gäste da, so
unterlag die zu übende Zurückhaltung der wachsamsten Aufsicht. Verkehr
mit Menschen war an Regeln gebunden; das und das hat man zu sagen, das
und das hat man zu verschweigen. Jedem war ein ihm zukommendes Maß von
Ehre zu erweisen, bis auf Gleichaltrige herab; der Name, den er trug,
die Familie, aus der er stammte, der Grad der öffentlichen Schätzung,
die er infolgedessen genoß, zeigten die Richtung und ordneten die
Beziehung. Man lernte, wie man jemand durch einen Gruß von sich
entfernen oder Entgegenkommen ausdrücken konnte; Lächeln,
Freundlichkeit, Frage, sie beruhten auf Brauch und Verabredung.
In den Zimmern standen die Dinge unverrückbar; es war etwas Heiliges um
das Einzelne, ob es kostbar war oder nicht. Die chinesischen Vasen,
japanischen Schnitzereien; die florentinische Uhr in der Diele mit ihrem
königlich sonoren Schlag; die bemalten Glasfenster im Treppenhaus, die
eichenen Schränke im Flur, die Brokatdecken im Salon, die marmornen
Figuren in der Bibliothek, die Ahnenbilder im Speisesaal: Männer mit
eckigen Schädeln, die Frauen mit hochmütig geschürzten Lippen und
bäuerinnenhaft stumpfen Augen; das Silbergeschirr auf der Tafel, alles
wie gewachsen, wie von Ewigkeit her. Die Hand der Mutter war nur zu
denken mit dem alten silbernen Ring, den ein ziseliert gefaßter Smaragd
krönte, und wenn der Blick sich zu ihrem Gesicht erhob, streifte er
zuerst das Sammetband mit dem goldenen Medaillon an ihrem Hals.
War es doch, als trüge sie seit tausend Jahren den Ring mit dem Smaragd
und das goldene Medaillon am schwarzen Band. Und sie war eine junge
Frau.
Man ging leise, man sprach ohne merklichen Aufwand von Stimme. Man
behielt die Türklinke in der Hand, bis die Türe geschlossen war.
Mitteilung geschah in gemäßigter Form. Artigkeit war ein Begriff von
wesentlicher Bedeutung. Alles Tun hatte zum Mittelpunkt das Interesse
des Hauses. Plötzliches war nicht willkommen; in erster Reihe stand das
Gefällige, was nicht verletzt und nicht beunruhigt. Wichtig, zwischen
Herrschenden und Dienenden genau zu unterscheiden, sich niemals etwas zu
vergeben, niemals die weise gezogenen Grenzen zu überschreiten.
Es kann nicht behauptet werden, daß der Knabe unter der Unantastbarkeit
der äußeren Ordnungen und des täglichen Ablaufes litt. Die Gebote waren
wirksam gewesen, als sein Blut zu pulsen begonnen hatte;
geschlechterlang hatten sie regiert, die eckigen Schädel geformt, den
ernsthaften Bauernblick, die hochmütig geschürzten Lippen; es konnte
dagegen kein Anderswollen aufkommen. Kein Gefühl der Last war da.
Innerhalb des zugestandenen Bezirks durfte Dietrich die seiner Jugend
gebührenden, dem Rang der Familie entsprechenden Freiheiten genießen.
Daß er sie mißbrauche, wurde nicht befürchtet. Mißbrauch wäre bereits
Entartung gewesen, und auf die Art mußte man sich verlassen können. Die
Familie war eine unzerstörbare Einheit; man hätte sagen können, sie
unterhielten sich in ihrer besonderen Sprache, wenn sie unter sich
waren. Die Fesseln lockerten sich, die die Welt auferlegte; ein
beziehender Blick, Scherzwort, lächelndes Zunicken besiegelten
Unverbrüchlichkeit oder offenbarten Empfindungen, die man sonst
verschloß.
Dietrich war zum Studium der Rechtswissenschaft bestimmt, wie der
älteste Sohn seit jeher. Später sollte er in den Staatsdienst treten.
Dem Vorhaben der Eltern sich zu fügen, war ihm selbstverständlich. Er
hatte nie eine abirrende Neigung in sich verspürt. Vor ihm lag geebnete
Bahn. Sein eigenes Treiben beschäftigte ihn nur im Hinblick auf das
erreichbare Ziel. Er gab sich unfragend dem hin, er war sich ohne
Gewicht fast. Er kannte keine Verdunkelung, keine Zweifel. Gehorsam war
bequem, da er Hindernisse aus dem Weg räumte.
Zu Ende des Winters, in dem er siebzehn Jahre alt geworden war,
erkrankte sein Vater. Schon Monate vorher hatte ihn die Spannkraft
verlassen. Er zog sich von den Geschäften zurück, legte Ämter und
Ehrenstellen nieder, wollte seine Freunde nicht sehen, hatte den Glauben
an sich, an die Zukunft, an die Nation verloren, und wurde die Beute
einer unabwendbar einsickernden Schwermut, die den körperlichen Verfall
beschleunigte. Kaum, daß er begraben war, fiel auch Dietrich in schwere
Krankheit, von der er sich erst mit Anbruch des Frühlings zu erholen
begann.
Der Arzt riet, ihn aufs Land zu schicken, und zwar für lange. Damit der
Studiengang nicht geschädigt würde, erachtete er es für zweckmäßig, wenn
er in einer Waldschule Unterkunft fände. Nach mancherlei Umfragen wollte
sich die Ratsherrin für die Schulgemeinde Hochlinden entscheiden, die
sich durch ihre landschaftliche Lage in einem Tal des südlichen
Schwarzwaldes empfahl; aber gutmeinende Bekannte warnten vor den extrem
modernen Ideen, die dort im Schwange seien, und hauptsächlich vor dem
Leiter der Anstalt, Doktor von der Leyen, der in pädagogischen Fragen
als gefährlicher Fortschrittler galt.
Zufällig war Georg Mathys auf Ferienbesuch bei seinen Eltern. Er war
seit einem Jahr Zögling in Hochlinden. Die Mathys, weltberühmte
Seidenweber, im Besitz des Privilegs seit 1560, waren als Familie
ebenbürtig. Nach ihrer Meinung sich zu richten, ihren Rat zu befolgen,
lag nahe und war klug. Die Auskunft beseitigte jedes Bedenken. Georg
selbst schilderte ihr das Leben in der Schulgemeinde ruhig und
anschaulich. Er urteilte nicht, schwärmte nicht, das sagte ihr zu. Daß
er gewillt war, sich Dietrichs anzunehmen, war ein Grund mehr für die
Wahl von Hochlinden. Er war um zwei Jahre älter als Dietrich, machte
aber den Eindruck eines gereiften Charakters. Er war schlank, groß,
hatte etwas Sanftes im Wesen und sehr schöne Augen mit langen Wimpern.
* * * * *
Es war leicht, sich in Hochlinden einzuleben. Unbefangenes
Entgegenkommen streifte dem Schüchternsten die Fessel ab. Die Freiheit
der Gebärde verwunderte Dietrich mehr als die des Wortes. Er mußte
jedesmal eine Hemmung überwinden, bevor er gelockert und gleichgestimmt
war.
Dies spiegelte sich in seinem Gesicht. Es war ein Gesicht ohne die
schlauen und ängstlichen Verstecktheiten, wie es viele Siebzehnjährige
haben. Es war zu allen Tageszeiten von derselben Frische. Man konnte ihn
aus dem Schlaf rütteln, und die Frische leuchtete. Der Kopf war klein,
der Körper von zartem Bau. Geradezu auffallend war die Kleinheit und
Feinheit seiner Hände. Man hielt ihn anfangs für verweichlicht, aber er
war ein vorzüglicher Turner und Schwimmer, und im Ringkampf war ihm nur
Kurt Fink überlegen, der Berliner. Damit setzte er sich in Respekt.
Georg Mathys gab ihm freundschaftliche Unterweisung, wie er sich in
bestimmten Fällen zu verhalten habe. Er war mit Dietrich in der
Kameradschaft Doktor von der Leyens. Es fiel Dietrich äußerst schwer,
sich an das Du zu gewöhnen, mit dem er wie alle diesen Mann anreden
sollte. Von der Leyen war es darum zu tun, die Fremdheitsschranke
niederzureißen, die aus dem Lehrer einen Popanz, aus dem Schüler ein
unbeseeltes Instrument machte. Das Mittel der vertraulichen Anrede war
zweischneidig, er verhehlte es sich nicht, aber er wog keine Gefahr,
wenn es ihm darum zu tun war, sich zu bewähren. Er wog nicht einmal die
Enttäuschung. Nicht auf Disziplin kam es ihm an, die er in den Händen
der Pedanten und Moralisten zu einem Erwürgungsapparat hatte werden
sehen, sondern auf den freien Entschluß des Einzelnen, sich der
Erkenntnis eines Führers zu beugen, der zugleich Liebender war. Er
glaubte an die Möglichkeit der Verwandlung in jungen Menschen, und von
diesem Glauben erfüllt, nahm er nur an, was ihn befestigte.
Zwang und Vorschrift wirkten nicht als solche. Jeder sollte zu der
anspornenden Meinung gebracht werden, als bestimme er selbst das Ausmaß
seiner Pflichten. Ein überlegener Geist handelte nach wohldurchdachtem
Plan, dem sich die untergeordneten Organe willig fügten.
Das Erstaunen Dietrichs bei den Äußerungen von der Leyens wuchs von Tag
zu Tag. Der Gegensatz zu dem, was er bisher für erlaubt und
erstrebenswert gehalten, war so grell, daß er sich in eine Region
versetzt wähnte, von der gewohnten so verschieden wie Feuer von Wasser.
Er schaute um sich, er besann sich; es war noch die Welt, und es war
nicht mehr die Welt. Die weit hinaus geebnete Bahn verschwamm im
Ungewissen.
Wenige können sich verwandeln. Verwandlung erschüttert das Herz.
* * * * *
An einem jener Diskussionsabende, die zu den Einrichtungen in Hochlinden
gehörten, hielt Doktor von der Leyen eine Rede, worin er mit der
Unwiderstehlichkeit und polemischen Kraft seiner Beweisführung
entwickelte, daß der Kultus, den die Gesellschaft den geistigen Heroen
weihe, auf fortwuchernder Lüge beruhe. Er wünsche, daß sich die Jugend,
seine Jugend, von dieser Lüge lossage; sie sähe wie Trägheit und faules
Mittun aus; sie sei wie der katholische Ablaß und absolviere von dem
Trieb zur höchsten Leistung. Wem von Kindesbeinen an ins Gehirn
gehämmert werde, daß das Große bereits getan sei, dem bleibe im besten
Fall nur demütige Nachfolge übrig, im schlimmsten der gedankenlose Trost
der sozialen Wanzen. Der Gespensterwahn müsse von der Erde vertilgt
werden; jede Zeit habe ihre eigenen Aufgaben, unabhängig von aller
andern Zeit, jeder in ihr Geborene habe seine eigene Sendung; keinem,
der da lebe, sei die oberste Staffel verwehrt, kein Lorbeer sei ein für
alle Mal vergeben, die Vergottung der Gewesenen mache die blühende
Gegenwart zur Katakombe. »Nicht Nachfolger sollt ihr sein, sondern
Vorläufer,« rief er aus; »verlacht die, die von euch die Andacht vor dem
Fetisch fordern. Kniet nicht nieder um zu beten, wo es besser ist,
Gerümpel in die Rumpelkammer zu werfen.«
Wie sich denken ließ, wurde die Philippika mit Jubel aufgenommen, und
ein junger Westpreuße, Peter Ulschitzky, ging noch einen Schritt weiter
im ungestümen Verlangen und wollte den Bildersturm gleich in Tat
umsetzen, Klassiker verbannen, die Anerkannten mit dem Interdikt
belegen. Dann meldete sich Georg Mathys zum Wort; er war kühn genug,
einen Ausspruch seines Vaters zu zitieren, der gesagt hatte: »Hüte dich
vor denen, die Häuser bauen wollen und damit anfangen, die Wälder zu
verbrennen und die Steinbrüche zu verschütten.« Er fragte, ob auch jeder
Vorläufer befähigt sei, einen Weg zu finden, und ob nicht eine greuliche
Verwirrung zu befürchten sei, wenn alle vorausrennten und keiner mehr
warten wolle, wohin man käme? Und ob mit dem Gerümpel nicht viel
Nützliches und Tüchtiges in die Rumpelkammer geriete? Und ob es für die
Mehrzahl der Menschen nicht dienlicher sei, Geschaffenes zu verehren,
als frech und pfuscherhaft sich anzumaßen, Neues zu schaffen?
Er stand im Ruf eines Reaktionärs, und Doktor von der Leyen nannte ihn
bisweilen den Basler Hemmschuh. Aber er war ihm deshalb nicht gram; es
behagte ihm, wenn die Meinungen scharf gegeneinander stießen und bot
selbst das schöne Beispiel der Duldsamkeit. Leben wollte er um sich
wissen, und Leben hieß Aufruhr, Frage, Widerpart.
Aus Georg Mathys redete, ohne daß er dessen vielleicht inne wurde, die
zusammenfassende Kraft eines konservativen Gemeinwesens, die alte Polis
mit bewahrender Sitte und beruhigter Form. Da war er verwurzelt, und
mochten die Zweige noch so weit und wild langen, das Erdreich hielt ihn
in unabänderlicher Festigkeit. Was ihn von außen her veranlaßt hatte,
sich gegen die wühlerische Flut zu stemmen, war nur ein Blick gewesen,
der sich zu Dietrich Oberlin verirrt hatte. Das Bild blieb lange.
Oberlin, mitten unter den Knaben sitzend, war verzaubert; seine Augen
hingen in schwärmerischer Hingabe an den Lippen des Lehrers, um jeden
Hauch, jede Silbe einzufangen. Die jüngerhaft leuchtende Hingabe zu
spüren, beängstigte Mathys; es war etwas darin von der leidenschaftlichen
Fruchtbarkeit des nie bepflügten Humus, der Unkrautsamen mit gleicher
Gier empfängt wie edlen.
* * * * *
Lucian von der Leyen war ein hagerer Mann über Mittelgröße im Alter von
ungefähr fünfzig Jahren. Er gehörte zu den streitbaren Erziehern und
wirkte in Wort und Schrift für seine reformatorischen Ideen unablässig.
Er hatte viel Anfeindung erfahren; Verleumdung lag stets auf der Lauer.
Es beirrte ihn nicht; je heftiger die Gegnerschaften waren, je höher
trug er den Kopf.
Seine Züge hatten eine strenge Prägung; in dem blassen, knochigen
Gesicht steckten kleine fahle zumeist erloschene Augen, die das Gesicht
noch finsterer machten. Im Verkehr mit Erwachsenen und Fertigen, Leuten
von Beruf und Amt war er wortkarg, unliebenswürdig, ja abstoßend; wenn
er mit seinen Zöglingen sprach, strahlten diese selben Augen eine
berückende Güte aus, und die von der bitteren Geschlossenheit des Mundes
herrührenden scharfen und bösen Linien wurden weich.
Es war ihm Werk. Jeder Schritt Entdeckung, jeder Schritt Wagnis. Sich
der schlimmen Erfahrungen zu erwehren, verlangte einen Charakter von
Stahl. Kein Vertrauen ohne äußerste Wachsamkeit; kein Gelingen ohne
beständigen Kampf. Kampf mit den Mächten draußen, mit den Mächten
drinnen; Kampf wider die Gewöhnung, wider die Verstocktheit. Die
Gesellschaft in wartendem Argwohn, bereit, den Stein zu schleudern, den
ihr Verrat und Mißgunst in die Hand schob; der Staat in abgefeilschter
Duldung; Zweifel von allen Seiten; die Bürde der Verantwortung
erdrückend; Furcht vor Untreue dauernde Qual; und immer wieder Verlust
des Menschen, dem man Gestalt verliehen und Richtung gewiesen, der einem
vielleicht als Geschaffenes teuer war, als Bestätigung unentbehrlich; er
löste sich los, verlor sich, verging. Es war wie bei einer Leydener
Flasche: ein Überspringen von wunderbar gleißenden Funken, dem Element
entlockt, eine bewegliche Kette von Licht; aber zwischen Funken und
Funken Ur-Finsternis.
Von seiner Vergangenheit war wenig bekannt. Bis zu seinem vierzigsten
Jahr hatte er ein unstetes Wanderleben geführt, feste Anstellung
verschmähend, oder wenn er sich dazu verstanden, durch Ränke der
Fachgenossen und das herausfordernd Neue seiner Methode wieder
vertrieben. Seine Schriften waren totgeschwiegen worden, eine, Die
Erotik in der Schule betitelt, hatte der Staatsanwalt beschlagnahmt.
Eine Zeitlang hatte er sich in würgendem Elend befunden; gerettet hatte
ihn nur der eiserne Wille und trappistische Bedürfnislosigkeit. Endlich
wurde man auf ihn aufmerksam. Ein Berliner Bankkonsortium hatte das Gut
Hochlinden angekauft und das zur Durchführung seines Projekts notwendige
Kapital zur Verfügung gestellt. Der Erfolg rechtfertigte den damals noch
kühnen Versuch.
Es war ein anmutiges Stück Erde, vom Talgrund in Hügelterrassen
aufsteigend, stundenweit von Städten, mit Wiesen, Wald, Fruchtgärten,
Wässern, Brunnen, Ställen, Meiereien, Tennisplätzen und zierlich
verstreuten Häusern. Kaum ein Jahr verging, ohne daß die Wohn- und
Schulgebäude nicht vermehrt und vergrößert werden mußten.
* * * * *
An einem regnerischen Sonntagnachmittag hatte sich eine Anzahl Knaben im
Spielsaal versammelt, der das Erdgeschoß eines großen Pavillons einnahm.
Zuerst wurden die Schachtische besetzt; um die Spieler gruppierten sich
Zuschauer, die alsbald lebhafte Kritik an den Zügen übten. Der
allgemeine Lärm verschlang ihre Stimmen. Belustigendes Einzelnes löste
sich aus dem Getöse, ein horazischer Vers; eine chemische Formel; Streit
über den Tonnengehalt eines neuen Ozeandampfers; Gelächter über einen
Witz; Nachfrage um ein verlorenes Messer. Ein Rotkopf wettete, daß er
auf den Händen gehen könne; als er das Kunststück zum Besten gab,
erntete er Applaus. Der Ruhm stachelte einen andern; er behauptete,
Bauchredner zu sein, aber da er es nur zu quiekenden Mißtönen brachte,
wurde er verhöhnt. Zu hören waren Stimmen in der Fistel und im
prahlerischen Baß wie Durcheinander von Vogelgezwitscher und
Bärengebrumm. Ein Präfekt rief vom offenen Fenster einen Namen herein;
dann verirrte sich eine Schwalbe in den Raum und erzwang durch ihren
ängstlichen Kreuzflug Sekunden neugieriger Stille.
Als es dämmerte, kam Doktor von der Leyen mit mehreren seiner
Kameradschaft; sie hatten trotz des schlechten Wetters einen Gang durch
den Wald gemacht, Mathys, Ulschitzky und Kurt Fink. Oberlin hatte nicht
daran teilgenommen; er hatte einen Brief an seine Mutter, die
Ratsherrin, geschrieben und war erst vor kurzem in den Saal gekommen.
Er saß am Klavier und spielte, unbekümmert um den Tumult, mit suchenden
Fingern eine Melodie aus Carmen. Da trat Kurt Fink neben ihn, übermütig,
händelsüchtig, und schnarrte in seinem Berliner Dialekt: »Pfui Deibel,
das is ja, als ob deine Großmutter aus dem Grabe winselt«. Oberlin
stutzte, spielte aber weiter, als hätte er nichts gehört. Kurt Fink
erboste sich, fuhr mit der Linken über die ganze Tastatur, was ein
kreischendes, dann dröhnendes Saitengeklirr hervorbrachte, schob dabei
Dietrichs Hände weg und rief: »Schluß mit dem Schmachtfetzen.«
Oberlin erhob sich, und sie standen Aug in Auge. Da war etwas von der
Feindschaft der Stämme drin; Norden gegen Süden. Die Knaben stellten
sich im Kreis um Beide. Solche Auftritte waren selten. Fink spürte, daß
er Mißbilligung erweckte und zu weit gegangen war; er brach in Lachen
aus, das aber nichts gutmachte, sondern beleidigend klang. Oberlin
verfärbte sich. Ein verwirrter und zorniger Blick musterte die
Gesichter; er hätte sich am liebsten auf Fink gestürzt, aber die
Anwesenheit Lucians lähmte ihn. Er senkte den Kopf, und als er die Augen
wieder emporrichtete, begegneten sie denen von der Leyens, die ihn
fragend oder forschend anschauten. Er mißverstand den Ausdruck und
glaubte, daß er Rechenschaft geben solle; seine Verwirrung wuchs, und
sich an Lucian wendend, stieß er trotzig hervor: »Er soll aufhören zu
lachen«. Das war kindlich, und auf einigen Gesichtern zeigte sich
Grinsen.
»Genug des Unsinns, Kurt«, mischte sich von der Leyen ein und legte die
schwere Hand auf Oberlins Haupt. Die Knaben traten auseinander. Kurt
Fink hatte seine Absicht erreicht, er nahm am Flügel Platz und begann
einen Gassenhauer zu trommeln, den er mit parodistischem Krähen
begleitete.
»Und wir beide? wollen wir nicht ein bißchen miteinander plaudern?«
fragte von der Leyen den noch immer befangenen Dietrich.
»Gern, wenn du Lust hast«, antwortete er überrascht.
Eine Weile gingen sie im Saal auf und ab, der sich langsam leerte. Von
der Leyen, den Knaben um die Höhe der Stirn überragend, hatte den Arm um
seine Schulter geschlungen. Nachher setzten sie sich in eine Ecke, und
das Gespräch wurde intensiver. Wenn Oberlin redete, hing sein offener,
voller, beglückter Blick an dem Gesicht des Mannes; wenn dieser das Wort
ergriff, bog er mit über den Knien verfalteten Händen den schmalen
Körper nach vorn, und je wichtiger ihm das zu Sagende erschien, je
gedämpfter klang seine Stimme. Erst als die Glocke zum Abendessen
läutete, erhoben sie sich.
* * * * *
Von da ab verging kein Tag ohne ein solches Zusammensein von Lehrer und
Schüler. Da der Unterricht, sofern es das Wetter irgend zuließ, im
Freien abgehalten wurde, beim Lagern auf Wiesen oder im Wald und auf
Wanderungen, boten sich die Gelegenheiten ungesucht. In dieser Zeit war
Oberlin gegen die Kameraden schweigsam, auch gegen Mathys und Justus
Richter, einen Heidelberger Professorssohn, an den er sich angeschlossen
und dessen aufrichtige Art ihm Sympathie eingeflößt. Nur in seinen
Mienen verriet sich eine nicht aussetzende Erregung.
Schwer war die Scheu vor dem Mann in ergrauenden Haaren zu überwinden
gewesen, vor seiner Würde, seinem Wissen. Doch wenn er sprach, in seiner
leisen, horchenden, sinnenden Art, verschwand Würde und Wissen, das
ergraute Haar, das faltige Gesicht.
Was den Knaben am mächtigsten anrührte, daß er bis in die Knie gebannt
war, gebannt emporsah, war der unergründlich tiefe, geistige Ernst. Das
schnitt durch und durch, wie Eisluft von einem Gletscher. Das Lächeln,
das heitere Wort, die herzliche Gebärde beleuchteten den Ernst nur, sie
verdeckten ihn nicht.
Sich ihm zu nähern, war, als ob man sich erfrechte. Und doch war er
selbst herangetreten und hatte einem den Arm um die Schultern
geschlungen. Es ehrte unermeßlich. Jeder einzelne Blutstropfen unterwarf
sich. Die freiwillige, enthusiastische Unterwerfung war seliger Rausch.
Er stand ganz oben in Dietrichs Augen; befehlender Mensch, bestimmender
Geist. Sein Wort glich einer Mauer, an die man sich lehnt und die
Sicherheit gewährt. Die heimlichen und feurigen Gedanken von
fünfundachtzig Knaben folgten ihm in seine wolkenhafte Höhe, und wer
weiß wie vieler noch von draußen. Und er war herangetreten, um den Arm
um seine Schultern zu schlingen. Schauderndes Gefühl.
Dietrich hatte nie einen gegenwärtigen Zustand an einem vergangenen oder
einem möglichen gemessen. Es hatte ihm immer geschienen, daß alles so
war, wie es sein mußte; es anders zu wünschen, war ihm nicht in den Sinn
gekommen. Jetzt sah er sich um wie einer, der aus Träumen erwacht, in
denen er gedemütigt worden ist, ohne es zu merken; er erwacht verwundert
und beschämt. Von der Leyens bloße Nähe bewirkte, daß er ungern
zurückdachte; Heimat und Vaterhaus waren öde, weil dort keiner war, zu
dem man bewundernd emporsehen konnte.
Das Du, das ihm erlaubt war, vermehrte die Ehrfurcht und Dankbarkeit
nur. Es war wie ein überkostbares Geschenk, das man selten zu
gebrauchen wagt. Er war plötzlich voller Zweifel in bezug auf sich
selbst. Früher wäre es ihm fern gewesen, sich zu fragen, ob das, was er
gesagt, getan, wie er sich hielt, sich gab, richtig und gut war. Jetzt
prüfte er sich innen und außen; ein übereiltes Wort quälte ihn; ein
begangener Fehler machte ihn in der Erinnerung erbleichen; er spürte
bedrückend das Langsame seiner Auffassung, das träge Beharren in seiner
Natur; er war voll Unruhe, voll brennenden geheimen Eifers, voll Angst,
nicht erfüllen zu können, was von ihm erwartet wurde; was Er erwartete.
Gab er ihm denn so viel Vorsprung, daß er so freundlich war? Sammelte er
Forderungen in der Stille, um ihm dann seine Unzulänglichkeit desto
bündiger zu beweisen? Warum war er freundlich? Warum redete er wie zu
einem Gefährten? Vielleicht überschätzte er ihn; Oberlin zitterte vor
dem Tag, der ihn, Dietrich, in seiner wahren Gestalt zeigen mußte,
seiner groben, trüben, mißgebildeten Beschaffenheit.
Er war sich unwert. Er gefiel sich nicht. Dennoch wollte er Ihm
gefallen, um jeden Preis. Kein Opfer war zu hart; nur Ihn nicht
enttäuschen, nur nicht zurückgestoßen werden, da man doch, aus
unerklärlichen Gründen freilich, einmal vorgezogen war; nur nicht wieder
ein Unbeachteter sein, verdeckt, versteckt unter den Andern, nur nicht
wieder hinab in die gefühllose Leere, wo kein Glanz war, kein
Gerufenwerden, kein Arm-in-Arm-Wandeln, kein Gehörtwerden. Er hätte
beten mögen darum.
Bisweilen warf er einen musternden Blick in den Spiegel und haßte sein
Gesicht, weil es nicht edler und bedeutender war, nahm ein schwer
verständliches Buch zur Hand und haßte sein Gehirn, weil es nicht
leichter begriff. Er schrieb seinen Namen auf die Löschblätter und fand
ihn häßlich, nichtssagend, plump. Alles war Ungenügen, Verzagen,
Kriechen im Schatten; alles Hunger und Begier nach Seinem Wort, Seinem
Einverständnis, Seiner Billigung.
War er in Lucians Gesellschaft, so blühte das Leben. Er hatte Pläne, er
wollte etwas werden und etwas können. Nach und nach faßte er Mut zu
Fragen, die ohne Wortkleid in ihm geschlummert hatten, über Menschen und
alltägliche Vorfälle. In der Freude am Sichüberliefern las er ihm Briefe
seiner Mutter vor. Erzählte vom Vater, von abendlichen Gängen ins
Gebirge, von der Ermatinger Villa am Bodensee, wo die Familie den Sommer
zu verbringen pflegte, von Regatten, Wettschwimmen, Fischpartien. Es gab
harmlose Erlebnisse, die er mit lebhafter Eindringlichkeit vortrug. Sie
sollten bezeugen und bezeugten auch einen Schatz von bereits gesammelten
Erfahrungen. Lucian von der Leyen nahm es in diesem seriösen Sinn auf.
Unter anderem berichtete er von einer Katze und einem Hund, die er seit
ihrer Geburt besessen; wie die Tiere sich zur Verwunderung aller
miteinander angefreundet und schließlich unzertrennlich gewesen seien;
stets um ihn und mit ihm, sogar die Katze folgte treulich bis zur
Bootshütte; eines Nachts weckt ihn ein Schrei, wie er nie einen
vernommen; er lauscht, wirft sich in Kleider, eilt ins Freie; wieder ein
Schrei, als ob ein Mensch erstochen würde; sogleich denkt er an die
Katze, er läuft durch den Garten ans Seeufer, da kommt ihm der Hund
entgegen, verbrecherhaft geduckt, er stellt ihn zur Rede; man könne das;
Hunde antworteten; und der Hund habe gestanden, aus bösem Gewissen
heraus; er führt ihn zum Zaun, dort liegt, in schwachem Mondlicht
sichtbar, die schöne Katze mit dem getigerten Fell ausgestreckt in ihrem
Blut.
Von der Leyen sagte: »Zwischen denen mag etwas Schlimmes passiert sein,
bevor ihre Freundschaft ein so jähes Ende genommen. Wer das wüßte, der
wüßte viel von verborgenen Dingen. War dir nicht nachher in der
Phantasie der Moment der schrecklichste, wo du die Katze wehrlos unter
den Zähnen des Hundes gedacht hast? So weit reicht bei den meisten die
Vorstellungskraft nicht, und deshalb steht es mit ihnen so übel.«
Im Ton niemals eine Mahnung an die Kluft der Jahre. Brüder redeten.
Einer, der den Kreis der Welt durchlaufen und atemholend zurückschaut;
einer am Beginn. Fülle des Schicksals hier, Unbekanntschaft mit ihm
dort; das machte die Brücke fester, das Hinübergehen lockender, die
Tiefe unten, den fließenden Strom. Auch von der Leyen erzählte; selten
Begebenheiten in einer Folge, noch seltener Erlittenes; im
Vorüberstreifen, seinem verschlossenen Wesen abgestohlen, riß er eine
Stunde aus der Erinnerung, in der Entscheidung gefallen war; ein Antlitz
tauchte auf; ein Freund, ein Gehilfe; ein Feind, ein Verderber; der Tod,
Trennung; Irrfahrten; Bittwege; Canossawege; wieder das Juwel eines
gefundenen Herzens: ein Freund.
Oberlin lauschte entzückt. Lucian hielt ihn also nicht für zu gering, um
sich mitzuteilen; darauf war Verlaß. Eid war nicht bindender als
einbezogen sein in das Vertrauen. Allmählich schmolz ihm Zug um Zug in
dem Bild des Mannes zusammen, das er verklärte über jeden Begriff. Er
erriet die Einsamkeit dieses Lebens; er wollte ihr ein Ende bereiten; er
spürte die Entbehrungen; er wollte sie vergessen machen. Es dünkte ihm
ein Ziel, er sah eine Aufgabe.
Lucian von der Leyen kannte nur Ein Verknüpfendes zwischen Menschen, das
war Freundschaft. Der Freund war ihm die reife Frucht des Schaffens und
Seins. Er hatte kein Gefühl für Familienbeziehungen, Neigung zwischen
Eltern und Kindern, zärtliche Rücksicht auf Blutsverwandte und Pflichten
der Pietät; nicht einmal Verständnis, nur Spott und abschätziges
Bedauern. Es waren ihm animalische Instinkte oder klug benutzte, unter
dem Mantel der Heuchelei gepflegte Mittel zur Aufrechterhaltung der
Leibeigenschaft. Vor vielen Jahren hatte er in einer Schrift, die sogar
die Entrüstung der Umsturzlüsternen erregt hatte, die Gründung
staatlicher Institute vorgeschlagen, Findelhäuser großen Stils, in denen
alle Neugeborenen männlichen Geschlechts als Namenlose und des Namens
Entkleidete bis zum zwanzigsten Jahr erzogen werden sollten. Er hatte
verheißen, eine derart umgeformte Menschheit würde nach einem halben
Jahrhundert Siechtum und Verfall überwunden haben.
So erblickte er auch in der Liebe zwischen Mann und Weib nichts anderes
als eine Form der Leibeigenschaft. Seine Äußerungen darüber geschahen
unter merklichem Widerwillen. Eine Frau war ihm ein Geschöpf aus einer
fremden, untergeordneten Region. Daß alle Dichtung auf Erotik gestellt
war, begründete er mit dem Hang des Menschen zu Traum und Symbol, die in
den hohen Beispielen der Deutung bedürftig waren, in den niederen ihrer
umnebelnden und lügenhaften Wirkungen halber zur Abwehr und Verachtung
zwangen.
Er war ohne Anhänglichkeit an Dinge, ohne Streben nach Besitz, ohne
sinnliche Verkettung. Genüsse reizten ihn nicht. Begierden beunruhigten
ihn nicht, Ansprüche an Wohlbehagen stellte er nicht. Zu empfinden
vermochte er nur für den Freund. War es eine ihm innewohnende
verfeinerte oder vergeistete Sehnsucht? Aber an den Gleiches Wollenden,
Gleichgearteten schloß er sich nicht an. Es war auch keiner da, man
erfuhr von keinem. Er stand so sichtbar allein, daß man ihn verbündet
und mit Gefährten kaum denken konnte. Doch wenn von den Zöglingen einer
nur ihm an der Seite ging, es brauchte nicht ein Erwählter zu sein, war
er plötzlich nicht mehr der Abgekehrte, der Unverbundene; dann war in
seinem Aug zu lesen: du und ich. Dies du und ich war keuscheste
Hoffnung, furchtsamster Wunsch; Wollust von einem, der Seelen an sich
preßt und ihr epheuhaftes Ranken mit der eigenen nährt.
Er sagte zu seinen Schülern, seit die Freundschaft aufgehört habe, ein
Element des sozialen Lebens zu sein, sei die abendländische Welt mit
unaufhaltsamer Gesetzmäßigkeit gesunken, und der brüderliche Geist des
Humanismus wandle sich in verfolgungssüchtige Barbarei. Er erzählte
ihnen von berühmten Freundschaften, und die karge Reinheit seiner
Darstellung gab den Nüchternsten Bild und Begriff; wie nur Freundschaft
das Einzelschicksal aus dem tragischen Grauen zu heben vermöge, das der
Kreatur als solcher angeboren. Die Griechen hätten es gewußt und den
Altar der Freundschaft zum heiligsten gemacht; daher die Größe des Volks
und die fast unbegreifliche Zahl schöpferischer Menschen. »Heute aber,«
sagte er, »ist die Entzückung nicht mehr da von Mann zu Mann, der Glaube
nicht, die Macht von Gemüt zu Gemüt nicht. Der Freund ist zum Gespielen
geworden, zum Mitwisser, zum Zeitverderber, und später ist er Herr oder
Sklave oder Feind. Laßt doch lieber die Erde absterben und die Nationen
vergehen, als daß ihr so weiter lebt, so arm, so halb.«
Bei solchen Worten liebten ihn die jungen Herzen noch mehr als sonst.
* * * * *
Es konnte ihm aber nicht entgehen, daß er in Oberlin einen gewonnen
hatte, der ihm wesentlicher anhing und beharrlicher folgte als je einer
zuvor. Den hatte er aus dem Innersten entfaltet und in die Flamme
hineingetrieben, wo er nun mit Adorantenhänden stand. Es bewegte ihn
sehr. Er hätte nicht kühner begehren können, als es nun die Wirklichkeit
schenkte.
Manchmal schaute er in das erschlossene Jünglingsgesicht und dachte
froh: ein Schüler! Was lag da nicht drin an Gewähr, an Unvergänglichem!
So konnte es also sein! Manchmal auch erschrak er: bin ich dem
gewachsen? Da war kein Einschränken und Sträuben; der volle Akkord aus
der Tiefe, glockenklar.
Zarteste Obliegenheiten erwuchsen daraus. Selbstprüfung,
Selbstbewachung; ein Führen wie an seidenen Fäden. Er wurde gespannter,
elastischer, beredter. Im Maße wie es ihn ergriff, erfuhr er die
hundertmal erfahrene Angst von neuem: Angst vor Verlust, vor der
Brüchigkeit, vor der Zeit und dem räuberischen Geschick. Auch dieser
Ikarus wird mir in den Abgrund stürzen, sagte er sich.
Indessen wurden die andern Knaben, namentlich die in der Kameradschaft,
ungeduldig. Die Bevorzugung des hübschen, aber nach dem allgemeinen
Urteil etwas simplen Oberlin verärgerte viele. Es hatte stets
Begünstigte gegeben, doch so weit war es nie gediehen. Während aber die
Unzufriedenheit in den meisten nur still gärte, auch durch ein Wort oder
Lächeln von der Leyens leicht zu beschwichtigen war, übte Kurt Fink
hämische Kritik. Dabei blieb es nicht; er verbündete sich mit dem
Präfekten Rottmann, und das Einverständnis gewann herausfordernden
Charakter; denn zwischen Rottmann und von der Leyen bestand eine
ernstliche Verstimmung. In einer Frage von prinzipieller Wichtigkeit
hatte der Präfekt dem Schulleiter Widerpart geleistet und im Verlauf
einer scharfen Auseinandersetzung sogar mit der Öffentlichkeit gedroht.
Von der Leyen hatte die Verfügung erlassen, die gemeinsamen
Leibesübungen sollten völlig nackt, auch ohne die übliche Lendenhose
vorgenommen werden. Er nannte dies Kleidungsstück unzüchtig und sagte,
es versetze in den Zustand des Ausgezogenseins, nicht des Nacktseins.
Die Knaben waren auf Doktor von der Leyens Seite und erklärten sich bei
der Schulversammlung einhellig für ihn; danach aber hatte Rottmann eine
Gegenpartei zu bilden vermocht, die er heimlich aufwiegelte. Er pochte
auf seine Verwandtschaft mit einem der Geldgeber der Anstalt, war aber
dabei ein armer Teufel, aus welchem Grund sich auch von der Leyen nicht
entschließen konnte, ihn brotlos zu machen.
»Hört mal, Kinder, so geht das nicht weiter«, polterte eines Abends
Justus Richter. »Rottmann schleicht im Schlafsaal herum, wenn man müde
ist, spioniert und stänkert. Ich erlaube nicht, daß hier gestänkert
wird. Hier hat gute Luft zu sein, basta. Was hat er denn von dir
gewollt, Oberlin, als er dich beiseite nahm?«
Dietrich antwortete: »Ich habe ihn nicht verstanden. Er tat so
geheimnisvoll. Er sagte, Lucian beginge Unrecht an sich und an uns.
Seine ideale Absicht wäre nicht zu bezweifeln, aber er wäre sich nicht
klar darüber, daß er widernatürliche Triebe in uns wecke.«
Richter, der schon im Bett lag, schnellte auf. »O das Schwein!« rief er.
»Hier gelob ichs, wenn er wieder das Lokal betritt, werf ich ihn die
Treppe hinunter. Was für ein schmutziges Schwein. Und was hast du ihm
erwidert?«
»Ja, ich wußte nicht,« sagte Dietrich zögernd, »ich wußte garnicht, was
er meinte. Was sind denn das: widernatürliche Triebe?«
Herzliches Gelächter folgte der Frage. Eine Weile noch wurde Dietrich
geneckt, dann drehte der Zimmerälteste das Licht ab. Mehrere schimpften,
aber zehn Minuten darauf war rhythmisch durchatmete Ruhe. Dietrich
allein konnte lange keinen Schlaf finden. Mitten in der Nacht erhob er
sich. Mattes Licht klebte an den Scheiben; er sah die schlummernden
Gesichter der Kameraden, einige glatt und heiter, einige wie im Schmerz
verzogen; ein Seufzen von irgendwo, ein geflüsterter Laut wieder;
draußen rauschten Bäume, es war so schwül, so eigen; auf den Zehen
schlich er zum Fenster, öffnete es und beugte sich hinaus, weit,
durstig, beklommen, träumend halb, die Welt war wie ein Wurm, der im
Kriechen müd geworden ist und regungslos liegt, der Himmel oben wie eine
zugemachte Tür. »Was tust du, Oberlin?« fragte eine leise Stimme.
Dietrich kehrte sich betroffen um. Es war Georg Mathys, der mit aufs
Kissen gestütztem Arm ihn still forschend betrachtete.
Des Morgens um sieben Uhr war Wettlauf in der großen Längshalle
angesagt. Als im goldigen Frühlicht die sechzehn-, siebzehn-,
neunzehnjährigen nackten Leiber sich geschmeidig durcheinander bewegten,
hatten sie mit den Kleidern das eitel Unterschiedene abgestreift und
waren sorglos spielende Fische geworden. Oberlin, von jähem
Mutwillensrausch erfaßt, führte einen Tanz aus, glitt von einem Knaben
zum andern und verübte Schabernack, entschlüpfte gewandt, wenn sie ihn
packen wollten, kletterte schließlich waghalsig auf einen der
Tragbalken, riß einen Glycinienzweig ab und flocht sich ihn um die
Stirn. Seht, Oberlin ist nicht bei Verstand, hieß es; aber seine
Ausgelassenheit war ansteckend.
Die Gruppen traten zum Lauf an. Zuerst die Kameradschaft des Präfekten
Kreß. Es gab harten Kampf, von Zurufen und Händeklatschen begleitet. Ein
langbeiniger Junge war dem Ziel bereits nah, da überholte ihn der
dickliche Wiener Meerheim, drehte sich, als er gesiegt hatte, um und
machte in der Atemlosigkeit eine so komische Triumphgrimasse, daß das
Gelächter darüber die Luft erschütterte.
Die Leyensche Kameradschaft hatte die besten Läufer. Lucian beteiligte
sich selbst, was den Ehrgeiz hochtrieb. Er hatte einen mageren
Pantherkörper, gestreckt, muskulös, äußerst gehorsam. Nachdem angetreten
war, gab einer der Präfekten das Zeichen zum Start. Zehn Paar Füße
raschelten flink über den Asphalt; es war, wie wenn Tauben auffliegen.
Anfangs war Kurt Fink voraus; dicht neben ihm hielt sich Georg Mathys,
der prachtvoll lief, federnd, schleifend, wie mühelos. In der Mitte der
Bahn gewann Oberlin die Spitze, um Armeslänge, um Meterlänge dann,
behauptete sich so, den Blick trunken gegen die Zielstange gebohrt,
innerlich jauchzend schon, denn er hatte sichs geschworen zu siegen.
Aber da sauste ein brauner Schatten vorüber; es mußte Lucian sein; er
hatte eine raffinierte Technik und versparte alle Kraft auf die letzten
Sekunden.
Oberlin biß die Zähne aufeinander; der Atem sott; straffer den Nacken,
lockrer die Gelenke, noch wars möglich, ihn zu schlagen; zu spät nun!
Lucian war am Ziel. Dietrich stieß einen heiseren Zornschrei aus,
stolperte im selben Moment und wäre gestürzt, wenn ihn Lucian nicht in
seinen Armen aufgefangen hätte.
Sie schauten sich an, in stürmischer Blutwallung beide; Oberlin
keuchend, die Wangen glühend; der alternde Mann blaß von der
Anstrengung, doch seiner Überlegenheit und Stärke sich bewußt. Als er
Dietrich umfangen hatte, lächelte er; es war jenes finster-zärtliche
Lächeln, das wie eine Bresche seiner Einsamkeit war und sein Gesicht
leidend und leidenschaftlich machte. Aber der Blick hatte etwas
Mütterliches, Froh-Ergriffenes; in einer rätselvollen Regung küßte er
den Jüngling auf den Mund.
Mitten in der jagenden Hitze überrieselte es Oberlin kühl. Maßloses
Glück und schreckenvolles Erstaunen war in einem; das Herz stand einen
Augenblick still. Als ihn Lucians Arme freigaben, taumelte er, lehnte
sich an die Mauer; die Kameraden sammelten sich um ihn mit ratlosen, mit
neugierigen Mienen, Kurt Fink mit einem schlimmen Zug im Gesicht.
* * * * *
Den Tag über bemerkte Oberlin nicht die veränderte Stimmung in der
Schulgemeinde. Er war versponnen und ging allen aus dem Weg. In seinen
Augen war Verklärung, aber von dunkler Tiefe her. Am Abend hörte er, es
sei zwischen Doktor von der Leyen und Rottmann nach einem häßlichen
Auftritt zum Bruch gekommen; der Präfekt verlasse die Anstalt. Beim
Aufstehen vom Essen trat Justus Richter zu Oberlin und raunte ihm zu:
»Nimm dich in acht, es geht was vor.« Lucian blieb unsichtbar; nachdem
ihn Dietrich gesucht und vergeblich auf ihn gewartet hatte, trieb es ihn
ins Freie; er legte sich unter einen Baum und schaute mit glänzenden
Blicken himmelan.
Als es finster geworden war, kehrte er zurück und mischte sich unter die
Gruppen vor dem Haus. Es war in allen eine gehemmtere Bewegung als
sonst; der schwül-farblose Abend drückte vielleicht, eine von den
Sommernächten, in denen Jugend zur Bürde wird und Gedanken wie Wunden
sind. Unversehens war Kurt Fink an Oberlins Seite, schob vertraulich
den Arm unter seinen und zog ihn von den andern fort. Er plauderte von
den bevorstehenden Ferien, von Berlin, für das er schwärmte, von
Theatern, Zirkus, Kabaretts, schönen Weibern; von Lucian unvermutet, an
den er in einem Atem Lob und Zweifel hing; von einem jungen Mädchen
dann, das er seine Verlobte nannte; Oberlin war überrascht und horchte
auf, aber es ging so eilig, schon wieder sprach er von Lucian, beugte
sich vor und starrte Dietrich lachend ins Gesicht; er konnte
liebenswürdig sein, in einer durchtriebenen Art; er fragte, ob es wahr
sei, daß ihn Lucian geküßt; er, Fink, sei zu fern gestanden, die Jungens
hätten es erzählt. Doch traf es ja nicht zu, Dietrich erinnerte sich aus
der fiebrig-schamhaften Verwirrung, daß er gerade Finks Gesicht
unangenehm nah gesehen. Er machte sich los. Warum er so rot werde? rief
Fink schadenfroh, warum er wie eine Jungfrau erröte? Darauf trat er
dicht herzu, faßte seine Hand und sagte, sie wollten Freunde sein,
Oberlin gefalle ihm, die Rüpelei neulich am Klavier sei nur aus Wut
geschehen, weil ihn Dietrich vor der Kameradschaft immer geschnitten
habe.
Wie zufällig begegnete ihnen Rottmann, grüßte, gesellte sich zu ihnen,
sagte, er freue sich, von Oberlin noch Abschied nehmen zu können, da er
morgen früh nach Freiburg fahre. Er habe große Stücke auf Oberlin
gehalten, und dies und anderes sagte er eigentümlich beziehungsreich und
lauernd. Mit Bitterkeit gedachte er der Behandlung, die er von Doktor
von der Leyen erfahren, lenkte jedoch ein, als er den befremdeten Blick
Dietrichs gewahrte. Kurt Fink schmiegte sich wieder an ihn an, und
bemerkte kichernd zu Rottmann, er hätte dabei sein sollen, wie Oberlin
rot geworden sei, als er von der Kußgeschichte gesprochen. Rottmann tat
unwissend, Fink mußte ihm den Vorfall in Erinnerung rufen; es klang
sogar für Dietrichs Unerfahrenheit wie ein abgekarteter Dialog. Das
halte er für unmöglich, sagte Rottmann abweisend, so etwas tue von der
Leyen nicht, noch dazu in einer so verfänglichen Situation; Unsinn;
solches Geschwätz dürfe man nicht aufkommen lassen; von der Leyen sei
viel zu herzenskalt übrigens, um sich in der geschilderten Weise
hinreißen zu lassen; er, Rottmann, fürchte, Oberlin habe sich bloß
wichtig machen wollen, aber dergleichen Prahlerei stehe ihm übel an.
Dietrich schaute ihm entrüstet ins Gesicht. Das war unerwartet. Worauf
zielte er hin? Was er im Denken kaum noch zu berühren sich unterfangen,
das Gehütete, dieser Irgendwer riß es aus ihm heraus und wies mit
Fingern hin. Im Innern war eine vorher nicht gespürte Last, ohne die es
schöner und bunter zu leben war. Die ehrenkränkende Bezichtigung gab ihm
das Wort ein, daß es geschehen sei, habe niemand zu kümmern, es wäre ihm
nie in den Sinn gekommen, darüber zu reden, und er begreife nicht, mit
welchem Recht man ihn verdächtige. Nun, nun, besänftigte Rottmann, es
habe ja nichts weiter auf sich, er glaube ihm natürlich, mehr habe er
nicht gewollt, als daß Oberlin den Vorgang einräume, das Geständnis vor
einem Zeugen genüge ihm vollständig. Er nickte den beiden zu und
entfernte sich.
»Was hat das zu bedeuten?« fragte Oberlin erstaunt. Kurt Fink zuckte die
Achseln und sah verlegen aus.
Georg Mathys hielt es für geraten, Oberlin zu warnen. »Du solltest dich
nicht mit Kurt Fink einlassen«, sagte er noch am selben Abend zu ihm.
Dem sei nicht zu trauen, dem Unsichern, sich selbst Gefährlichen.
Draußen habe er schlechte Streiche gemacht, sei von der Prima relegiert
worden; ihn aufzunehmen habe sich von der Leyen lange gesträubt und nur
auf inständiges Bitten der Eltern nachgegeben. Als er ihn einmal in
Obhut gehabt, sei ihm auch Pflicht daraus erwachsen, er mache sichs ja
mit keinem leicht. Eine Zeitlang habe er sich besonders angelegentlich
mit ihm beschäftigt, es hätte geschienen, als sei Fink ein anderer
geworden. Da habe eines Tages der Bürgermeister im Dorf drüben sich
beschwert, daß er in unverschämter Manier den Mägden und Bauerntöchtern
nachstelle, und daraufhin habe sich Lucian von ihm abgewendet. Seitdem
habe er sich aufsässig gezeigt, ränkevoll, und auf eine Lüge mehr oder
weniger käme es ihm nicht an. Übrigens sei es das letzte Semester für
ihn, er wolle sich in einer Presse für die Matura vorbereiten.
Die jungen Menschen wagen es nicht, sich gegeneinander klar zu
entscheiden. Oberlin fühlte sich keineswegs wohl mit Kurt Fink, aber er
mied ihn nicht. Es war da etwas Anziehendes wie ein Wasser, dessen Tiefe
man kennen mußte; das fremdere Wort, der verwegenere Sinn, der
verratende Blick. Er suchte ihn nicht, aber er ließ sich finden. Er
öffnete sich nicht, aber er lieh ihm Gehör. Häßliches wurde
verführerisch, und er hatte Furcht. Die Stunde barst von Geheimnissen.
Hinter dem Wirklichen stand ein schattenhaft Verhülltes. Es war ein
Wühlen in der Erde und ein Brausen in den Wolken. Schlaf quälte. Der
Duft der Akazien war wie beständiger Orgelton. Wenn der Kuckuck schrie,
zitterte man. Drei, vier Tage kamen, so voll Ahnung, Hindrängen,
Ertasten, Erwünschen, daß Buch und Lehre verstummten. Auch mit den
andern schien es so zu stehen; ihre feuchteren Blicke, ihre unruhigeren
Hände ließen es wissen; in der Nacht richtete sich einer auf und rief
ein Wort in die Dunkelheit; am Morgen waren manche Augen hohl und Lippen
blaß.
Oberlin suchte Lucians Nähe; wenn er Fink verlassen hatte, spürte er es
wie Durst nach Lucian. Doch Lucian schien bedrängt. Es war bisweilen,
als horche er, warte er; nicht auf Gutes, die Stirn hatte die finstere
Falte. Er schützte gehäufte Arbeit vor, um einem Zusammensein
auszuweichen, aber im Druck seiner Hand war die herzlichste
Versicherung. Es war seine Art nicht, sich zurückzunehmen, doch wenn ihm
Oberlin wortlos das Herz entgegentrug, richtete sein Auge eine Schranke
auf.
Denn er verzieh sich jene Sekunde der Selbstvergessenheit nicht. Er
maßte sich das Recht nicht an, die Schale um die Menschenbrust zu
sprengen; was konnte er tun, um Schutz zu bieten, die unbegrenzte
Verheißung zu erfüllen? Er hatte sein Gesetz übertreten, preisgegeben,
was zu bewahren war, sich an ein Gefühl verraten, das Mysterium
entsiegelt; das forderte Umkehr und Entsagung. Oberlin wurde ihm wie ein
geliebtes Bild, das man besitzt, um es zu verschließen.
Aber in der Gemeinschaft, wo er Lehrer und Führer war, gab es doch immer
ein Zeichen, das nur für Oberlin bestimmt war, Worte, die nur ihm allein
galten. Dietrich mußte freilich fein und wachsam sein, damit sie ihm
nicht entgingen; das brachte Spannung in sein ganzes Wesen; Spannung
wuchs ins Unerträgliche, so daß er dann das leichte Opfer des Verführers
wurde, der das Netz um ihn wob. So geschah es auch am dritten Tag,
nachdem der Präfekt Rottmann Hochlinden verlassen hatte; es war
wolkenloser Himmel, und Lucian hatte beschlossen, die Geschichtsstunde
mit einer Wanderung gegen den Belchen zu verbinden. Die vierzehn
Zöglinge umgaben ihn wie junge Paladine; Georg Mathys mit dem gelassenen
Schritt ging an seiner Rechten, Peter Ulschitzky zur Linken. Seine
Heiterkeit hatte einen ihr sonst nicht eigenen Glanz, als spüre er das
über ihm schwebende Verhängnis schon und wolle nicht mit sich sparen,
alles von sich schenken. Er war voll geistiger Laune, jedes Thema hatte
hundert Nebenwege und Aspekten, jeder Name erhöhte sich zur Figur. Über
Friedrich von Preußen zu sprechen, wie es zum heutigen Plan gehörte, war
ihm Leidenschaft; er zeichnete den Menschen als hätte er mit ihm gelebt;
er war ihm der große »Freund«; als er die Beziehung zwischen Friedrich
und Katte schilderte, den Zwist mit dem Vater, Kattes Gang zur
Hinrichtung vor dem Fenster von Friedrichs Gefängnis, war etwas
Schwärmerisches über ihn gebreitet, in ergreifendem Gegensatz zur Härte,
ja häufigen Dürre seiner Natur. Nichts unterliege so dem Mißverständnis
und der Verzerrung, als was an geschichtlichen Persönlichkeiten, Königen
und Feldherrn die Größe genannt wird, bemerkte er beiläufig. Nicht die
Größe der Tat, immer die Größe der Seele sei es, die Unsterblichkeit
verleihe. Was Schwert und Politik außerdem noch vollbringe, sei eher
Abzug als Vermehrung, und man stecke in dieser Hinsicht noch im trüben
Aberglauben historischer Mordromantik. Da sei der Punkt, wo sich das
ewig Lebendige vom Verwesten scheide.
Hierüber entspann sich lebhafter Meinungsaustausch, den Lucian in
sokratischer Methode zu fragen leitete. Der Konflikt zwischen Kronprinz
und König wurde Anlaß, von dem Verhältnis zwischen Vater und Sohn
überhaupt zu sprechen. Da war Lucians bitterster Hader; er kam immer
darauf zurück; da war er Rebell, denn es war der Damm, gegen den er
fruchtlos anstürmte. »Unterbundene Wurzel, heißt das nicht verdorrte
Krone?« Er erzählte, wie ihn sein Vater grausam gezüchtigt, als er sich,
mit fünfzehn Jahren, geweigert hatte, Theolog zu werden. Die Knaben
lauschten atemlos, sie hörten es zum erstenmal; er gab, mit bebenden
Lippen, Einzelheiten wie aus einem mittelalterlichen Inquisitionsprozeß:
Einsperrung, Fasten und die Peitsche. Zur Theologie gepeitscht.
»Es schleppt sich durch die Geschlechter eine unausgeglichene Rechnung.
Väter und Urväter haben das Herz der Menschheit vergiftet und die
Vernunft vergewaltigt; kommt dann die Zeit, so tritt jeder Vater an den
Sohn mit der Forderung heran: verpfände mir dein Herz und unterwirf mir
deinen Geist. Fürchte dich, spricht er, so wie Jehovah zu seinem Volk
sprach: fürchte dich. Der Sohn beugt sich und dient dem Übel weiter, bis
abermals die Zeit kommt und nun er zum Sohn spricht: fürchte dich.«
»Wir fürchten uns nicht,« wurde geantwortet, »wir gehorchen aus
Überzeugung.«
»Wir gehorchen aus Liebe«, sagte eine Stimme.
Es sei mehr versklavende Liebe als befreiende auf der Erde, sagte
Lucian. Im Menschen sei noch zu viel Tier, Krippe und Stall seien
mächtiger als Prophetenwort. Und doch gebe die Tiermutter ihr Junges
auf, sobald es sich selbst Nahrung verschaffen könne. Eine Vokabel wisse
er, die solle ausgestrichen werden aus dem Wörterbuch der Sprache, die
heiße Glück. Glück und Leben verneinten einander. Wer Glück wolle, der
wolle Tod. Dabei sei es nur das Krippenglück, das Stallglück, nach dem
sie gierten, das verbrecherische Genug und Genügen, das Du sollst und
Ich darf, ich der Jäger, du das Wild.
Er war weit von sich selbst, und im Schreiten schien er auch zu fliehen
vor sich selbst. Fürchtet euch nicht! Es war nicht die Mahnung eines
Lehrers, sondern der Schlachtruf eines Soldaten. Georg Mathys wandte
ein, es gebe eine schöne Furcht, und die verschweige er, die Ehrfurcht.
Sie bedeute ihm nicht mehr als alle andere Furcht, erwiderte Lucian; er
anerkenne sie erst, wo die innere Ehre nicht befleckt werde durch die
Furcht und man ihn nicht zwingen wolle, auf Schutt und Moder zu bauen.
Aber der Basler Hemmschuh ließ nicht locker. Ohne Furcht sei keine
Macht, behauptete er, und seien zur Ehrfurcht nur die Seltenen fähig, so
müßte den Geringen die Furcht ins Blut geimpft werden, sonst gehe alles
außer Rand und Band.
Lucian lachte. »Ist das nicht ergötzlich, diese Neunzehnjährigkeit auf
dem rechten Flügel des Hauses?« rief er. »Aber siehst du; dich nenn ich
eben furchtlos, und so behagst du mir. #Quo res cunque cadunt semper
stat linea recta.# Das war die Devise der Ligne und Egmont, die wollen
wir uns wählen.« Er zog Oberlin, der in einem Krampf des Lauschens dicht
vor ihm schritt, zwischen sich und Ulschitzky, nahm ihm die Mütze vom
Kopf und trug sie im lässig schlenkernden Arm.
Auf dem Heimweg fügte es sich wie von ungefähr, daß Kurt Fink mit
Oberlin ging, und Fink erzwang durch seinen langsameren Schritt, daß sie
allmählich weit hinter den andern zurückblieben. Anfangs wehrte sich
Dietrich still gegen den Weggenossen; er wußte ja, was kam. Das Helle
verging, das Silberne wurde grau. Oft fühlte er in Farben, träumte auch
in Farben. Es gab einen periodisch wiederkehrenden Angsttraum, der nur
darin bestand, daß süßes Blau sich in tückisches Gelb verwandelte.
Es dünkte ihn schmählich, daß er sich verlocken ließ, und es dünkte ihn
schwächlich, sich zu entziehen. Listige Worte umschwatzten ihn; noch
hielt ihn Lucians Geisterkreis und Geisterblick, dann war es banges
Sichfallenlassen. Es ist ein Unterschied, ob einer nach oben oder nach
unten lauscht, die Wimper verrät es. Dort hatte die Welt ein hohes Tor,
hier ein verbotenes Pförtchen, durch das man in dämmrige Gewölbe stieg.
Während Fink Blätter von den Büschen riß, an einem Grashalm sog, sich
bückte, um einen Käfer oder bunten Stein zu betrachten, geriet er bald
in das Revier, wo Eros herrschte, ein armseliger Eros, Ohrenbläser,
Schlüssellochdieb, lüsterner feiger Räuber. Oberlin war zu sauber von
Fantasie, um immer gleich deuten zu können, was der Verdorbene ihm
zeigte; bisweilen zuckte er zusammen, die Vogelstimmen schwiegen, der
Saft in den Bäumen hörte auf zu rinnen, die Luft schmeckte wie Galle.
Fink erzählte, daß er sich mit seiner Verlobten, Hedwig Schönwieser, zu
einer Reise ins Allgäu verabredet habe; dann wollten sie einige Zeit im
Inselhotel in Konstanz wohnen. Aus gelegentlichen Gesprächen, die
Oberlin mit Georg Mathys und Justus Richter geführt, wußte er, daß
Dietrich die beiden zu einem Aufenthalt in der Ermatinger Villa
eingeladen hatte. Er hatte bereits mit der Mutter darüber
korrespondiert, und die Ratsherrin, die eine Kur im Leuckerbad
gebrauchen wollte, war einverstanden. Nun fragte Fink, ob er ihn
ebenfalls besuchen und Hedwig mitbringen dürfe. Das war Oberlin
sonderbar zu hören; die Reise mit einem Mädchen, das die Braut sein
sollte; demselben Mädchen, von dem jener vor fünf Minuten geschildert,
wie es sich vor dem Spiegel völlig entkleidet und ihm erlaubt habe, daß
er aus dem Nebenzimmer in den Spiegel schaue; nicht sich selbst habe sie
seinen Augen freigegeben; an sie nicht einmal zu denken, habe er
feierlich versprechen müssen; nur das Bild im Spiegel. Es war eine
umgestülpte Wirklichkeit, eigentümlich ruchlos; die Lippe wurde trocken,
der Fuß müde. Dietrich vermochte lange nicht Antwort zu geben, dann
stotterte er: »Ja, komm nur, bei uns ist es sehr hübsch.« Kurt Fink
lachte, Oberlin wandte sich ab und sagte, jetzt wolle er allein gehen,
er habe Kopfweh. Nach ein paar Schritten drehte er sich wieder um, sah
Fink starr ins Gesicht und trat auf ihn zu. Plötzlich hatten sie
einander untergefaßt und rangen, keuchend, schweigend, mitten in der
Stille des Waldes, ohne Anlaß, ohne Streit, Wange an Wange, Brust wider
Brust; keiner wich um einen Zoll, keiner konnte den Gegner bewältigen,
da ließen sie wieder voneinander. Oberlin hob die Mütze auf, reinigte
sie von Erde und dürren Nadeln und setzte heiß atmend seinen Weg fort.
Nach kurzer Weile hörte er Fink hinter sich ein leichtfertiges Lied
singen.
Schweres Wetter hing im Westen, als er aus dem Wald trat, eine
schwefelgelbe Wolke, ausgespien aus dem Rachen einer ungeheuren
schwarzen. Im Dorf läuteten die Glocken, Schafe trippelten lautlos über
den Hügelhang, ein paar Krähen fielen wie Tintenklexe in die Furchen.
Oberlin schlug im Gehen die Hände vors Gesicht; es war ihm bitter ums
Herz, bitter und süß; in einen Strudel von Sehnen wurde es
hinuntergezogen, dieses willige, brennende Herz; die Welt war verloren,
in die pochenden Adern verkroch sie sich, das Bittersüße schnürte die
Kehle zusammen; man hätte niederkauern müssen, die Arme in die Erde
wühlen, die Augen ans Finstere pressen, sie sahen so viel, sie wußten so
viel. Das Donnergegroll rührte ihn mächtig an; er trug Verlangen; Straße
auf und Straße ab war leer; er war sich feind, er war sich alt.
Bei den Akazien vor dem Eingang warteten Mathys und Richter auf ihn. Sie
erkundigten sich, wo Fink geblieben sei. Sie zogen ihn in den Garten und
dort wanderten sie zu dreien eine Weile auf und ab. Unbewußt erfüllten
sie die Aufgabe der Freunde, zu besänftigen und zu vergessender Ruhe
zurückzuführen. Doch hatte ihr Tun einen vorgesetzten Zweck; Justus
Richter, dem sein sprudelndes Temperament Vorsicht nicht leicht machte,
begann mit einer mißfälligen Bemerkung über die zwischen Oberlin und
Fink herrschende Intimität; Georg Mathys milderte die Schärfe; er sagte,
für ihn sprächen Geschmacksgründe gegen einen solchen Verkehr, auch
Gründe der Selbstliebe; neben dem wurmigen Holz kränkle das gesunde
bald. Seine Herzlichkeit und Zartheit, Richters warme Art drangen zu
Oberlin; mit aufleuchtenden Blicken reichte er ihnen die Hand; sie
begriffen; sie waren mit der Erklärung zufrieden.
Eine Stunde später war die Siedlung Schauplatz fiebernder Aufregung.
Kurz nach der Heimkehr schon hatte man Lucian mit einem Zeitungsblatt in
der Hand auffallend bleich in die Kanzlei eilen sehen. Er hatte sofort
eine Konferenz der Lehrer und Präfekten einberufen. Die Zeitung, so
erwies sich bald, war die neueste Nummer des Landboten für den
Neckarkreis und enthielt einen wutschnaubenden Artikel über die
sittenlosen, oder wie es wörtlich hieß, sardanapalischen Zustände in der
Hochlindener Schulgemeinde, dieses Geschwür am Leibe eines christlichen
Staates. Zugleich hatte von der Leyen ein trockenes, Rechtfertigung
heischendes Schreiben des Berliner Geldkonsortiums erhalten. Nicht genug
damit, brachte dann die Achtuhrpost, gerade als zu Tisch geläutet wurde,
mehr denn anderthalb Dutzend Briefe von Eltern, teils an die Söhne
selbst, teils an den Leiter der Anstalt, mit dem empörten Hinweis auf
skandalöse Enthüllungen, die ihnen von vertrauenswürdiger Seite
zugegangen seien und die, falls sie bestätigt würden, längeres
Verbleiben der Zöglinge unmöglich machten. Man forderte deshalb
schleunigen wahrheitsgetreuen Bericht. Vier Schüler aber erhielten
Telegramme mit der Ankündigung von der Ankunft des Vaters oder der
Mutter, und einer, das war Oberlin, mit dem kategorischen Befehl, ohne
Verzug nach Hause zu reisen, wenn tunlich am selben Tag. Aus dem
Wortlaut der Depesche war zu entnehmen, daß er der Ratsherrin als ein an
den Vorgängen unmittelbar Beteiligter denunziert worden war.
Bestürztes Rennen über die Gänge. In den Sälen traten Gruppen zusammen;
jeder brachte jeden Augenblick neue Kunde. Draußen tobte das Gewitter
und plätscherte der Juniregen. Gegen neun Uhr hieß es, im Spielsaal
solle Beratung stattfinden. Dort herrschte alsbald ängstliches Gewühl.
Georg Mathys wurde umringt und man wollte seine Meinung hören; er hatte
sich nicht nur im Verhältnis zu seinen Angehörigen eine gewisse
Selbständigkeit errungen, sondern genoß auch in der Schulgemeinde eine
bevorzugte Stellung zwischen Zögling und Erzieher; Lucian hatte ihn als
Helfer schätzen gelernt. Da er die Prüfungen bereits im Frühjahr
abgelegt und bestanden hatte, war es nur die Neigung zum Lehrberuf,
Interesse an organischer Entwicklung des Geistes, die ihn an Hochlinden
fesselten.
Daß man ohne Wanken für Lucian einzustehen habe, brauchte er ihnen nicht
zu sagen; es lag ihm im Gegenteil daran, einen zutage tretenden
Übereifer zu bekämpfen, und dieses Bemühen erregte Unwillen, von Minute
zu Minute mehr. Sie wollten zum Angriff übergehen, für die Bedrohung und
Verunglimpfung des Führers Rache üben und sich für unabhängig erklären.
Die Erörterung wurde ungestüm. Drei zugleich, vier zugleich ergriffen
das Wort. Der anschwellende Aufruhr entzündete die Gemäßigten und
Furchtsamen; die Besonnenen wurden niedergeschrien. Sturz der Autorität,
hieß der Brandruf; man habe ein Recht zu leben, folglich ein Recht zu
handeln; sich in einem so beispielhaften Fall bevormunden zu lassen sei
Schmach; jetzt oder nie müsse es zum Austrag kommen zwischen ihnen und
der verrotteten, vernörgelten Philisterhaftigkeit. Peter Ulschitzky
stieg auf einen Stuhl und forderte mit gellender Stimme zur Gründung des
Bundes neuer Jugend auf; der Einfall begeisterte; sofort entstand der
Plan, Statuten zu verfassen; ein Knirps im Hintergrund schrie, alle
sollten schwören, sich von nun an Vätern und Müttern nicht mehr zu
fügen. Beifallsgejohl; Hände erhoben sich; ein knatternder Donnerschlag
brachte kurze Dämpfung des Tumults hervor, um so wilder stieg die Woge
bis zum nächsten. Einige umarmten sich; einige brüllten zornig
aufeinander los; einige erklärten, die Schule in ihrer bisherigen
Verfassung sei abzuschaffen; Unterricht könne nur eine von den Schülern
gewählte Persönlichkeit erteilen. Es fuchtelten Arme durch die Luft, die
sich bemühten, etwas zu ergreifen, etwas in den Staub zu schleudern, sei
es ein seit Menschengedenken beweihräucherter Götze, sei es ein
unschuldiges ausgestopftes Wiesel an der Wand. Homer, Dante, Rafael und
Mozart waren nicht sicherer davor, endgültig von ihren Thronen gestoßen
zu werden als die Herren Erzeuger, die neben eisernen Kassen den
schmählich erhandelten Mammon abzählten. Fluchwürdige Unterdrückung
alles, eine Welt, deren morsche Stützen dem Sturmatem herrlicher neuer
Zeit nicht standhalten konnte. Ja, neu soll es werden; neu die Gesetze;
nein, fort mit Gesetzen, wozu braucht man sie, jeder hat sein
unverbrüchliches Gesetz in sich; neu die Gefühle, schrankenlos, neu die
Formen, jeder erfülle seine eigene: höher die Woge, höher der Gischt;
erst das Bestehende zu Trümmern schlagen und die Ketten zerreißen, dann
wollen wir darüber nachdenken, wie wirs uns erträglich einrichten.
Manche nahmen das Gewühl und Toben humorig auf, als Anlaß, das unterste
zu oberst zu kehren und sich mit; doch waren die Schabernackleute in
Minderzahl, und wenige waren so gutmütig oder wohlerzogen, daß nicht in
ihrem Auge etwas von Haß, Vernichtungslust, gebändigtem und nun
hervorbrechendem bösen Trieb erglomm. Jeder war Werkzeug für die
wilderen Forderungen des andern, und jeder suchte wieder einen
Schwächeren, den seine Unentschlossenheit verdächtigte, um an ihm den
Rausch zu steigern. Dies hatte ungefähr eine halbe Stunde gedauert, da
wurde die Mitteltür zum Korridor aufgerissen und Lucian zeigte sich auf
der Schwelle, begleitet von mehreren Präfekten und dem bejahrten
Mathematiklehrer. Er blickte über die Köpfe hin, verwundert, mit dem
umbuschten, flüchtigen Lächeln; er kreuzte die Arme über der Brust; es
war still. Einen suchte er mit den Augen; es war Mathys; er schaute ihn
fragend an; Mathys zuckte die Achseln; seine Miene sagte viel.
Lucian trat in den Kreis, der sich öffnete, blickte abermals schweigend
umher, und ihm antwortete immer tiefer werdendes Schweigen. Da vernahm
man Schritte; sie waren unerwartet, diese Schritte, sie hatten etwas
Ordnung und Zucht durchbrechendes in der bloß vom verrollenden Donner
gestörten Stille. Sie rührten von Oberlin her, der sich von seinem Platz
erhoben hatte, als Lucian unter der Türe erschienen war. Während des
ganzen furchterweckenden Lärms und Getümmels war er steif und stumm auf
dem Fenstersims am Ende des Raumes gesessen, das Telegramm in seinen
Händen. Er hatte kaum recht gehört, was die Kameraden geredet,
geschrien, gebrüllt; oder wenn gehört, doch das Einzelne nicht erfaßt;
der rasende Wirrwarr hatte ihn in sich selbst zurückgetrieben, so daß er
in seiner Beklommenheit, Ratlosigkeit und Bestürzung über den Inhalt der
Depesche wie hinter einer Mauer gefangenblieb. Nun raffte er sich auf;
die jähe Ruhe verlieh ihm eine verträumte Art von Mut; das Geräusch
seiner Schritte war ihm aber ebenfalls erstaunlich, doch da eine Gasse
für ihn gebildet wurde, besiegte er die letzte Scheu, ging auf Lucian
zu, reichte ihm das zerknitterte Telegramm und sagte allen vernehmlich:
»Soll ich nun gehorchen? Entscheide du.«
Die einfache Stimme und die einfache Frage brachten sonderbarerweise
eine beschämende und ergreifende Wirkung hervor. Augen senkten sich, die
bis dahin noch voll Kampfgier und Selbstgefühl gewesen waren. Lucian
nahm das Telegramm, las es, dachte eine Weile nach, dann fing er an zu
sprechen, ohne Oberlin vorerst zu beachten.
»Ihr denkt doch nicht, daß ich euch loben soll? Was ihr da getrieben
habt, könnt ihr euch eine ersprießliche Folge davon erhoffen? Es hat
verdammte Ähnlichkeit mit manchen Geschichten von den sieben Schwaben.
Die sieben Schwaben nahmen das Maul immer gewaltig voll, wenn sie weit
genug vom Schuß waren. Ihr seid sehr weit vom Schuß. Ich will euch auch
keine Vorwürfe machen, sonst ginge es mir vielleicht wie dem alten
Storch in meiner Heimat. Es war da eine der feierlichen
Storchenversammlungen, wie sie gewöhnlich im Herbst stattfinden. Nachdem
die Burschen anfangs ganz sittsam beraten hatten, erhob sich plötzlich
ein ohrenbetäubendes Geschnatter und Geklapper, und nur ein einziger
alter würdevoller Storch bewahrte Haltung und gab sich Mühe, die
aufgeregte Gesellschaft zur Vernunft zu bringen; da fielen sie insgesamt
über ihn her und hackten ihn mit den Schnäbeln tot. Ob sie dann trotzdem
glücklich nach Ägypten oder wo sie sonst ihren Winteraufenthalt hatten,
gekommen sind, weiß ich nicht. Es ist wahrscheinlich; demnach wäre also
der alte lästige Friedenstifter wirklich entbehrlich gewesen, und sie
hätten von ihrem Standpunkt aus so unrecht nicht gehabt, ihm den Garaus
zu machen. #Exempla docent.# Hier stehe ich. Rührt die Schnäbel,
Jungens. Ihr wollt nicht? Umso besser. Also gebt acht.«
Und er fuhr fort:
»Ich habe da draußen eine ganze Weile den Lauscher an der Wand gespielt.
Und es war mir auch fast zumut, als hört ich meine eigene Schand.
Zunächst hätte ich natürlich keinen Anlaß, mich von euerm Anathema
getroffen und inbegriffen zu fühlen, denn schließlich zwitschert ihr ja,
wie ich gesungen habe, und das müßte mir eigentlich, werdet ihr sagen,
eine gewisse Befriedigung gewähren. Aber man hat immerhin ein halbes
Hundert Jahre auf dem Buckel, und man mag sich selber noch so zugehörig
dünken zu allem, was jung und rebellisch ist, der Saft in alten Knochen
läßt sich durch keine Selbstüberredung achtzehnjährig machen, und so
unabänderlich der Baum seine Ringe ansetzt und die erkaltende Lava ihre
Kruste, so hat auch das vorgerückte Lebensalter seine Zeichen. Etwas in
uns wird starrer, etwas in uns versteint, wir mögen tun und reden, so
viel wir wollen, und das einzige was uns bleibt, ist, diesen Prozeß zu
einem fruchtbaren und sinnvollen zu machen. Das habe ich in meiner Weise
versucht. Wenn ich trotzdem zur Erkenntnis gekommen bin, daß die Stunde
der Abdankung vielleicht auch für mich geschlagen hat, so darf euch das
nach eurer turbulent geäußerten Gesinnung nicht groß verwundern. Ich
erkläre mich also zum freiwilligen Autoritätsverzicht bereit; keine
Zwischenrede, straft nicht Lügen, was euch der Geist eingegeben hat, ich
erkläre mich bereit zum Verzicht, sage ich, allerdings unter einer
Bedingung. Wenn von euch achtzig oder fünfundachtzig, die ihr vor mir
steht, einer vortreten und den Beweis liefern kann, daß er eine
persönliche Leistung vollbracht hat, irgend eine Tat, die für
vorbildlich oder exemplarisch oder nachahmenswert oder rühmlich gelten
muß, ein Opfer, das auf Gemeinsinn, auf selbständiges Menschentum
deutet, eine Handlung großer Unerschrockenheit, edler Verleugnung und
Entbehrung, irgend ein Werk, irgend ein schaffend Neues, irgend ein uns
alle Förderndes, dann will ich meine Ämter und Befugnisse, die ich mir
ja nur im Vertrauen auf meine bessere Einsicht und das bessere Wissen
angemaßt, niederlegen und mich für einen eurer unwürdigen Usurpator
halten. Nun? niemand meldet sich? Was für verlegene Gesichter? Noch vor
zehn Minuten habt ihr die Mauern erschüttert und den Donner überdonnert
mit euerm Weltbewußtsein und jetzt so kleinlaut? Meint ihr denn, ihr
könnt mir imponieren, so lang ihr bloß das Kapital verwirtschaftet, das
andere für euch aufgehäuft haben? Bildet ihr euch ein, Spinnweben
wegzukehren und rostige Wetterfahnen vom Dach zu schmeißen sei schon
was? Könnt ihr einen Schuh verfertigen? Könnt ihr einen Tisch zimmern?
Könnt ihr ein Hufeisen schmieden? Könnt ihr Honigwaben aus dem Stock
schneiden? Ich behaupte nicht, das sei nötig, um Gesetze diktieren und
Richter sein zu können, aber auf das Elementare muß man sich verstehen,
das muß man hinter sich haben. Und hier ist der Punkt, wo ich mich,
sicherlich zur Genugtuung des Kameraden Mathys, eines Fehlers anzuklagen
habe. Als ich da draußen vor der Türe stand, fiel mirs schuldschwer auf
die Seele, daß ich euch und mich um dieses Elementare herumgeschwindelt
habe, das einem echten Kerl freilich in den Gelenken sitzt, das aber
gewußt und bedacht werden muß, sonst zersplittern die Schwerter am
Urgestein und das Schädliche bläht sich hernach doppelt. Nichts anderes
werf ich mir vor, als daß ich mirs zu bequem habe werden lassen, wie
wenn einer ein Fell gerben und sich die Lohe ersparen möchte und glaubt,
es sei dasselbe, wenn er Lohe, Lohe, Lohe schreit. Da lacht ihr, aber da
ist nichts zu lachen, ich stamme von Gerbern ab, ich kann das
beurteilen. Es ist bitterer Ernst. Um so mehr fühle ich mich zu dem
Schuldbekenntnis gezwungen, als ich einen vorläufigen Abschied von euch
zu nehmen habe. Ich werde die Schulgemeinde verlassen, um irgendwo den
Verlauf dieser Verrats- und Verleumdungskampagne abzuwarten und mich
jedem Schein, als wollte ich meine Freunde beeinflussen, zu entziehen.
Ein stellvertretendes Lehrerkollegium übernimmt die Leitung, und daß ihr
diesen Entschluß billigt, darüber bin ich nicht im Zweifel. Nein, nein,«
rief er und streckte die Hände aus gegen Zudrängende, Bewegte, Bittende,
»da ist nicht zu rütteln dran; es empfiehlt sich, und es schickt sich.
Ich verabschiede mich auch von keinem allein, sondern von allen, als wär
es ein Einziger.«
Jetzt blickte er Oberlin voll ins Gesicht. »Und du,« sagte er langsam,
indem er beide Hände auf Dietrichs Schultern legte, »du gehorche nur. Du
sollst gehorchen. Aber merk dies: vielleicht kommt der Tag, bald oder
nicht bald, an dem kein anderer Mensch für dich da sein kann als ich.
Dann mußt du mich zu finden wissen.«
Oberlin senkte den Kopf. Als Lucian den Saal verließ und die meisten ihm
das Geleite gaben, stand er zu Boden schauend und von Blitzen umzuckt,
die das Nachgewitter durch die hohen Fenster streute.