Wir lassen richten, drillen uns und kneten,
Soldaten nur, die des Kommandos harren;
Kommt's Einem bei, aus Reih' und Glied zu treten,
Es schreit die Menge: »Nieder mit dem Narren!«
Er wird gehetzt, verleumdet und vernichtet,
Bis man zuletzt, als würde etwas Rechtes
Damit gethan, ein Denkmal ihm errichtet,
Zu Ehr' und Ruhm des menschlichen Geschlechtes.
Dem Volk ruft Fourier zu: »Im Schlamme heute,
Entwinde dich dem Truge deiner Feinde
Und schaare dich, daß Keiner aus dich beute,
Zur brüderlichen, schaffenden Gemeinde.
Der Zwist verstummt, des Hasses Brand erkaltet,
Willkür und Herrschsucht weichen scheu dem Rechte,
Und das Gesetz, das über Sternen waltet,
Bringt Frieden auch dem menschlichen Geschlechte.«
Wer hat den Weg zur neuen Welt gefunden?
Ein »Narr«, verfallen afterweisem Spotte.
Am Kreuz erliegend seinen Nägelwunden,
Wird uns ein »Narr«, der elend stirbt, zum Gotte.
Versänk' die Sonne in des Dunkels Schlünden,
Daß uns das morgen keinen Morgen brächte,
So würde morgen eine Fackel zünden
Irgend ein Narr dem menschlichen Geschlechte.
* * * * *
Zum Schlusse werfen wir noch einen Blick auf die Ausbreitung,
welche die Fourier'schen Ideen über die Grenzen Frankreichs und
speziell auch in Deutschland gefunden hatten. Bei der Bedeutung,
die Frankreich seit der großen Revolution für alle
vorwärtsstrebenden Geister in der ganzen Kulturwelt erlangte,
mußten auch die Erscheinungen in der sozialen Bewegung, die
namentlich nach der Restauration mit der Entwicklung der
ökonomischen Verhältnisse immer mehr in den Vordergrund trat,
lebhafte Beachtung finden. Der Kapitalismus begann in allen Ländern
Europas immer mehr Wurzel zu schlagen und sein Produktionssystem
auszubreiten. Damit kamen selbst für den oberflächlichen Beobachter
eine Reihe von Erscheinungen zu Tage, welche die Selbstzufriedenen
beunruhigten, die Vertreter und Anhänger der kleinbürgerlichen
Wirthschaftsform aber in größte Aufregung versetzten. Man sah
vielfach schwärzer in die Zukunft, als es durch den Gang der Dinge
sich rechtfertigte. Der pessimistischen Schwarzseherei der Einen
stand die optimistische Schönfärberei der Anderen gegenüber.
Zwischen diesen beiden Lagern stand eine kleine Zahl von kritischen
aber ideal angelegten Geistern, welche weder dem »Kreuzige« der
einen Seite, noch dem »Hosianna« der anderen Seite zustimmen
konnten; sie sahen, daß das alte ökonomische System verrottet,
unhaltbar und unmöglich geworden war, aber sie konnten auch vor den
Uebeln, die das neue in seinem Gefolge führte, nicht die Augen
verschließen. Diese bemächtigten sich jetzt mit Gier der neuen
sozialen Ideen, die in dem ökonomisch und politisch
vorgeschritteneren Frankreich das Tageslicht erblickten und dort
die ideal angelegten Geister ergriffen hatten. In der Schweiz, in
England, in den Vereinigten Staaten fanden die in Frankreich
auftauchenden utopistischen Ideen für Gründung einer auf
friedlicher Verständigung aller Klassen der Gesellschaft basirten
neuen Gesellschaftsordnung begeisterte Anhänger und die bezüglichen
Schriften Uebersetzer und Dolmetscher. Für die praktische
Verwirklichung dieser Ideen waren aber ebenso wenig wie in
Frankreich in diesen Ländern aus schon angeführten Gründen die
Massen zu gewinnen.
Deutschland, dessen geistige Vertreter damals alle Vorgänge in
Frankreich aufmerksam verfolgten und aus seiner Literatur
zahlreiche Anregungen zu ähnlichem Vorgehen schöpften, ward so
ebenfalls im Beginn seiner großbürgerlichen Entwicklung mit einer
sozialistischen Literatur bedacht. Während Karl Marx und Friedrich
Engels, der Eine mehr theoretisch, der Andere mehr praktisch, ihre
ökonomischen Studien begannen und die ersten Bausteine zu dem
Lehrgebäude des auf rein materialistischer Grundlage beruhenden
wissenschaftlichen Sozialismus, wie er heute die Geister
beherrscht, herbeischafften, begnügten sich Andere, die Lehren und
Ideen der französischen Utopisten und Sozialisten, mit
deutsch-philosophischem Geist durchtränkt, in die deutsche Sprache
zu übertragen. Das geschah insbesondere dem Begründer der
sozietären Schule, Fourier, und dem kleinbürgerlichen Sozialisten
Proudhon. Neben verschiedenen kleineren Schriften, die in Zürich in
den vierziger und fünfziger Jahren hauptsächlich auf Veranlassung
Karl Bürkli's, eines alten Schülers von Fourier, herauskamen,
liegen mehrere größere Bearbeitungen des Fourier'schen Systems in
deutscher Sprache von A. L. Churoa, Michael ***** und Franz
Stromeyer vor.[25] Ferner erschien 1845 in Kolmar eine im
Fourier'schen Geiste gehaltene Schrift, betitelt: »Die Welt, wie
sie ist und wie sie sein soll«, aus dem Französischen von Math.
Briancourt. Karl Scholl ließ 1855 in Zürich eine Schrift
erscheinen, betitelt: »Viktor Considerant über die Erlösung der
Menschheit in ihrem wahren Sinn.« Auch erschienen in demselben
Jahre in Zürich eine Anzahl Schriften, in welchen für die
Auswanderung nach Texas zur Gründung von Phalanstèren im
Fourier'schen Sinne Propaganda gemacht wurde. Diese Versuche sind
kläglich mißlungen.
[Fußnote 25: Die Titel dieser Schriften sind: »Der Sozialismus in
seiner Anwendung auf Kredit und Handel« von Franz Coignet, Zürich
1851; »Bank- und Handelsreform« von F. Coignet, aus dem Französischen
von Karl Bürkli, Zürich 1855; »Solidarität«, kurzgefaßte
Darstellung der Lehre Karl Fourier's von Hipolyte Renaude, deutsch
bearbeitet von Kaspar Bär und Karl Bürkli, Zürich 1855; »Kritische
Darstellung der Sozialtheorie Fourier's« von A. L. Churoa,
Braunschweig 1840; »Organisation der Arbeit« von Franz Stromeyer,
Bellevue bei Konstanz 1844; »Abbruch und Neubau« oder »Jetztzeit
und Zukunft« von Michael *****, Stuttgart 1846.]
Interessant für die Geschichtsauffassung, welche die Schüler nach
den Lehren ihres Meisters theilten, ist die Darlegung, die seitens
eines Deutschen in dem Buche: »Abbruch und Neubau« oder »Jetztzeit
und Zukunft« von Michael ***** gegeben wird. Der Verfasser
erläutert dort die Fourier'sche Geschichts-Entwicklungstabelle, die
wir auf Seite 240 und 241 dieser Schrift anführten und bei dem
Interesse, das diese Erläuterung nach unserer Auffassung verdient,
geben wir sie ausführlich wieder. Es heißt da:
»Der Adels-Feudalismus herrscht in der Kindheit der Zivilisation;
die Sklaverei hat der Leibeigenschaft Platz gemacht; die Frau ist
aus dem Gynäceum (Frauengemach) oder Harem herausgetreten und hat
ihre bürgerlichen Rechte erlangt _Mit der Verleihung der
bürgerlichen Rechte an die Frau ist die Gesellschaft aus dem
Zustand der Barbarei in die Zivilisation übergegangen_.
»Diese Veränderung im Zustande einer Hälfte des Menschengeschlechts
giebt den Sitten eine ganz neue Färbung, indem sie dieselben
verfeinert und im hohen Grade das Gedeihen der Künste und
Wissenschaften, der Dichtkunst und der Musik begünstigt.
»In der Periode der Barbarei ist die Herrschaft des Oberhauptes der
Gesellschaft eine unumschränkte; in der ersten Phase der
Zivilisation ist sie bereits getheilt, indem die Verbündung
(Föderation) der großen Vasallen der königlichen Gewalt Schranken
setzt.
»Nach und nach werden die arbeitenden, dem Betriebe der Gewerbe,
Künste und Wissenschaften obliegenden Leibeigenen mächtig: Die
_Gemeinden_ erlangen Rechte und Privilegien; Munizipien, freie
Städte erstehen. Sie erstehen aber nicht kraft eines willkürlichen
Befreiungs-Ediktes; sie erstehen nicht, weil es dem Staatsoberhaupt
beliebt hat, sie in's Leben zu rufen. Sie erstehen, weil sie sich
bereits selbst emanzipirt haben, weil die schon erlangte Macht sie
faktisch frei gemacht hat. Kommen solche Edikte vor der Zeit, so
ist es gerade, als wären sie nicht da, und der Feudalismus bleibt
zum deutlichen Beweise, _daß Verfassungen bloße Chroniken
vollendeter Thatsachen sind_, daß sie die Geschichte der
Fortschritte einer Nation schreiben, wenn ich mich so ausdrücken
darf, nicht aber nothwendig sie hervorrufen.
»Mit der steigenden Aufklärung der früheren Leibeigenen, mit ihrem
steigenden Reichthume, mit ihrem fortschreitenden Kunst- und
Gewerbefleiße wächst auch ihre Macht in demselben Maße, in welchem
das Feudal-Element geschwächt wird.
»Die alten Leibeigenen sind Bürger und Volk geworden. Bürger und
Volk verbünden sich miteinander gegen den Feudalismus, und der Sieg
ist ihnen gewiß.
»In diesem Stadium ihrer Entwicklung ist die Gesellschaft von
steten Stürmen und Umwälzungen bedroht. Die Zähigkeit des
Feudal-Elements kann das volksthümliche Element zu Gewaltthaten
treiben, gegen welche die der Barbarei verschwinden. Die Kritik
liegt mit den alten religiösen Anschauungen im Kampfe; die
Philosophie stellt die Bedingungen des neuen Staats gegenüber dem
alten auf.
»Mit der politischen Befreiung, mit der Entfesselung der Gewerbe
und des Ackerbaues spielt das _Repräsentativ-System_ der Gewalt
gegenüber dieselbe Rolle, die früher die großen Vasallen gespielt
hatten.
»Der Bürger braucht nun den Schutz des Ritters nicht länger: schon
hat er ihn in der Person Don Quixote's moralisch getödtet. Der
Bürger hat aber auch die Gleichheit vor dem Gesetz verkündet, und
so folgen die _Freiheits-Illusionen_ auf die Illusionen des
Ritterthums. Die Freiheit ist noch nicht da, weil sie in der
Verfassung steht; sie bleibt auf dem Papier, weil die Bedingungen,
unter welchen sie wirklich in's Leben treten kann, noch nicht
erfüllt sind.
»Unterdessen hat die Zivilisation ihren Höhepunkt erreicht, sie hat
die Schifffahrt, überhaupt erleichterte Verbindungswege, Eisenbahnen,
Kanäle u.s.w., sowie die Experimental-Chemie in's Leben gerufen,
und nun kann sie, wenn ihr die Wissenschaft zu Hülfe kommt, zu
einer höheren Periode aufsteigen, die wir, mit Fourier,
_Garantismus_ nennen wollen, da sie die Verwirklichung eines
Systems von Garantien wäre, wovon die jetzige Gesellschaft einige
bemerkenswerthe Keime aufzuweisen hat.«
Der Verfasser bezeichnet als solche mit Fourier: Die wissenschaftliche
Einheit, die Quarantänen, das Assekuranzsystem, die Sparkassen etc.
»Mit der Experimental-Chemie tritt die große Industrie in's Leben;
die kleine Industrie geht in der großen auf. Neue Verfahrungsarten
verdrängen die alten, eine ganz neue industrielle Welt ist im
Werden; Fabriken mit Hunderten und Tausenden von Arbeitern schießen
wie Pilze aus dem Boden hervor und versetzen den in altherkömmlicher
Weise betriebenen Gewerben den Todesstoß.
»Aber die Erfindung neuer Verfahrungsarten, sowie die Steigerung
der Produktion genügen nicht: die Zivilisation hat auch den Beruf,
diese Verfahrungsarten überall hin zu verbreiten und so die
Möglichkeit der Erreichung einer höheren gesellschaftlichen Stufe
anzubahnen. Daher die Erfindung der Schifffahrt, der Eisenbahnen,
des Dampfbootes, kurz die Vervollkommnung der Verbindungsmittel
überhaupt.
»Indessen hat die Zivilisation -- als Entwicklungsphase der
Menschheit betrachtet -- in Folge eines inneren, in ihrem Wesen
begründeten Zwiespalts die große Industrie nicht in's Leben zu
rufen vermocht, ohne zu gleicher Zeit allgemeine Gebrechen zu
erzeugen, die unter dem Titel _Entwaldungen und Fiskalanleihen_
aufgeführt und eine nothwendige Folge der beiden vorangehenden
Phasen sind. In der That fällt auch der Boden im Ganzen genommen
immer mehr einer anarchischen Kultur anheim, je größer der
Zwiespalt der Privatinteressen und des allgemeinen Interesses wird.
Die Entwaldung der Anhöhen, welche die Ausmergelung der Berge und
die Entblößung der Abhänge mit sich führt, ist der höchste Ausdruck
des Uebelstandes, da diese Entwaldungen zur unausbleiblichen Folge
haben, daß in der Vertheilung der Wasser nach und nach eine
gänzliche Veränderung eintritt. Werden die Entwaldungen bis zum
Uebermaß ausgedehnt, so wird am Ende selbst das Klima ernstlich
Noth leiden: die schroffsten Uebergänge werden nichts
Ungewöhnliches sein; heute eine afrikanische Hitze, morgen eine
sibirische Kälte. Die Wissenschaft hat in der Person ihrer
würdigsten Vertreter angefangen, auf die üblen klimatischen Folgen
der planlosen Entwaldungen hinzudeuten. Zum deutlichen Beweise,
_daß die Atmosphäre für den Menschen ein wahres Ackerfeld ist, das
er durch den Anbau entweder verbessern oder verschlechtern kann_.
»Die Fiskalanleihen sind ein anderes Gebrechen der auf ihrem
Höhepunkte angekommenen Zivilisation. Die Befreiung der Völker hat
gewaltige Kriege nach sich gezogen; das Feudal-Element hat seine
letzten Kräfte zusammengerafft, um das neue volksthümliche Element
zu erdrücken. Daher der lästige Kriegsfuß, daher der fast ebenso
lästige Friedensfuß. Die edelsten Kräfte der Nation werden in
soldatischen Spielen vergeudet. Eine Menge anderer unproduktiver
Ausgaben vergrößern das Uebel fortwährend, bis endlich das
thurmartige Kartenhaus des Staatsschuldenwesens zusammenstürzt.«
Der Verfasser setzt nun weiter auseinander, wie die Charaktere des
Höhepunktes der Zivilisation im Keime sowohl die Ursachen ihres
Verfalles, als die Mittel zur Ersteigung einer höheren Stufe
enthielten. Die Entwaldungen enthielten den Keim zum materiellen
Verfall durch die damit verbundene Verschlechterung des Klimas; die
Fiskalanleihen enthielten den Keim des politischen Verfalls, indem
sie die Ausbildung des _industriellen Feudalismus_ mächtig
förderten. Ebenso könnten die neugeschaffenen Verbindungswege in
den Händen von Aktiengesellschaften die Rolle einer Saugpumpe
spielen, wie die Schifffahrtskunde das den Angelpunkt der dritten
Phase bildende Seemonopol in's Leben rufen könne. Endlich gab die
Chemie dem Betruge die Mittel an die Hand, alle Arten von Produkten
zu fälschen, und der lügnerische Handel gewann so eine Ausdehnung,
welche die ernstlichsten Besorgnisse einflößen mußte.
Zwar könne die nun beginnende absteigende Periode ein natürlicher
Schritt des Fortschritts werden, aber dieser Weg sei eine Reihe von
Klippen und Schändlichkeiten. Unterliege die Zivilisation auf ihrem
Wege den ihr gegenübertretenden Einflüssen, so falle sie in eine
niedere Periode zurück, um den alten Kampf von Neuem zu beginnen.
Glücklicherweise sei das Leben der Menschheit ein vielfaches; falle
eine Zivilisation, so sei bei den vielen Nationen und mancherlei
Gesellschaften immer die Hoffnung da, daß eine derselben das Erbe
der fallenden Gesellschaft übernehme.
Der zweite Theil der Periode, ihre absteigende Bewegung, sei dem
ersten umgekehrt analog (verwandt), wie die Morgendämmerung und
Abenddämmerung, die Kindheit und das Greisenalter der Menschen, der
Anfang und das Ende jeder Bewegung sich einander analog seien, ohne
identisch zu sein. Nach diesem aus der allgemeinen Formel der
Bewegung abgeleiteten Grundsatze ließe sich erwarten, daß die
Zivilisation mit einem Feudalismus enden werde, wie sie mit einem
Feudalismus begonnen habe. Diese Voraussetzung erhalte durch die
vor unseren Augen vor sich gehenden Thatsachen den Charakter einer
mathematischen Wahrheit.
»Der steigende Reichthum des Bürgerthums hat den Adels-Feudalismus
getödtet: Pergamente und Wappen haben aufgehört, die Herrschaft zu
verleihen, und das Geld ist an ihre Stelle getreten. Wege zum
Reichthum sind Industrie, Handel und Beamtenstellen. Der
herrschende Geist wird demnach der _kaufmännische_ und
_fiskalische_ sein. Er ist in der Tabelle als einfacher Keim der
dritten Phase bezeichnet, weil er einen neuen Feudalismus, nämlich
den industriellen, den wir auch Handels- oder Geldfeudalismus
nennen können, im Keim enthält. Von nun an muß sich Alles dem neuen
Prinzipe unterordnen. Die Parias der dritten und vierten Phase der
Zivilisation werden daher auch nicht die Leibeigenen der ersten
Phase, sondern die untersten Schichten der Gesellschaft bildenden
Proletarier sein. Der Hunger und das Elend werden sie faktisch
denjenigen überantworten, welche, Herren des Kapitals, auch die
Werkzeuge der Arbeit in Händen haben.«
»Die große Industrie mit ihren Kapitalien, Maschinen und
Spekulationen macht die kleine, mit mäßigen Geldmitteln betriebene,
unmöglich. Der große Handel unterdrückt den kleinen, und diese
Bewegung gestaltet sich immer großartiger, je mehr das Kapital
durch glückliche Spekulationen oder durch Gründung von
Aktiengesellschaften sich konzentrirt. In demselben Maße, wie das
Kapital sich konzentrirt, wächst auch der Pauperismus und das
Proletariat, und da die großen Kapitalien sich am liebsten in den
großen Städten ansiedeln, so wird zuerst da die Fabrikation in
größerem Maßstabe betrieben. Allmälig sammeln sich da Heere von
Arbeitern, die von einem Tag zum andern leben und somit viel
schlimmer daran sind als die Leibeigenen der ersten Periode. _Diese
Arbeiter-Heere sind für die Zivilisation das Schwert des Damokles_.
Die dritte Phase wird mindestens ebenso sehr von inneren Kämpfen
und Bürgerkriegen bedroht als die zweite. Nur sind die nun
ausbrechenden Revolutionen nicht länger _politischer_, sondern
_sozialer_ Natur; die Insurrektion nimmt einen industriellen
Charakter an.«
»Der Handelsgeist und der mächtige Hebel der Kapitalien-Konzentration,
welche den großen Kapitalisten das Monopol der Industrie nach und
nach in die Hände spielt, sind die Elemente des See-Monopols oder
Großhandels-Monopols, wodurch der Geist und die Bestrebungen der
ganzen Phase angedeutet werden. Die Politik tritt in die Dienste
des Monopols und erhält so eine ganz eigentümliche Färbung, bis sie
endlich nur noch das kaufmännische Element vertritt. Diplomatie,
Kriege, Kammern, Wissenschaft, Kunst, Alles wirft in unendlich
verschiedenen Schattirungen den im Prisma des Merkantilismus
gebrochenen Zeitgeist zurück. _Alles ist käuflich_; der Durst nach
Gold hat die edlen Regungen erstickt, und der Egoismus zeigt sich
in seiner ganzen Scheußlichkeit.
»Der Grundsatz der freien Konkurrenz, das »laisser faire laisser
passer«, erzeugt zugleich den _anarchischen Handel_, der unter dem
Titel »Gegengewicht« in der Tabelle aufgeführt ist. Da die großen
Handelsoperationen von dem großen Kapital monopolisirt sind, so
bleibt dem kleinen Kapital nur noch der Kleinhandel. In Folge des
herrschenden merkantilischen Geistes wirft er sich auch auf
denselben mit einer wahren Wuth -- ein Verhältniß, das sich in der
großen Menge schmarotzerischer Zwischenhändler und Mäkler am Besten
zu erkennen giebt. Je heftiger der Konkurrenzkrieg dieser
Zwischenhändler entbrennt, um so großartiger gestalten sich die
Betrügereien und Fälschungen jeder Art, wodurch die Gesellschaft
systematisch gebrandschatzt wird. Dieser Anarchie allein aber
verdankt der Kleinhandel seine Erhaltung; denn nur sie bildet noch
einen Damm gegen die verheerende Macht des Kapitals. Sie ist also
ein natürliches Gegengewicht des großen Kapitals. Von dem Tage an,
wo das große Kapital an den Hauptplätzen große Niederlagen für den
Detailverkauf gründet, wie dies schon jetzt mancher Orten
geschieht, von diesem Tage an muß der kleine und mittlere Handel
das Gewehr strecken. Von dem Tage an wird aber auch die Anarchie im
Handel und Wandel aufhören, und die Regelung des Handels wird immer
leichter werden, je deutlicher die Charaktere des industriellen
Feudalismus hervortreten.
»Wie ließe sich der Ton der dritten Phase besser bezeichnen, als
mit dem Ausdruck »_ökonomische Illusionen_«? Die politische
Oekonomie, ein Erzeugniß des merkantilen Geistes, verhält sich zu
der dritten Phase wie die Poesie der Ritterzeit zu der ersten, wie
die philosophische Ideologie und die liberale Dialektik zur
zweiten. Das Ritterthum hat der Liberalismus unter dem Namen des
Donquixotismus zu Grabe getragen, und nun ist der Oekonomismus auf
dem Wege, den Liberalismus durch die _Politik der materiellen
Interessen_ zu tödten, eine Politik, die den reinen, uneigennützigen
Liberalismus bereits in einem ziemlich lächerlichen Lichte
erscheinen läßt.«
»Der industrielle Feudalismus wäre eine vollendete Thatsache, sobald
das große Kapital nicht allein die Fabrikation und den Handel,
sondern auch den Grund und Boden an sich gerissen haben würde.
»Nun aber wird die steigende Handels-Anarchie mit ihren zahllosen
Betrügereien, Bankerotten und Fälschungen nicht allein zur Folge
haben, daß die Lage des kleinen Gewerbs- und Handelsmannes immer
kritischer wird, sondern es wird sie auch die öffentliche Stimmung
nachgerade so energisch verdammen, daß das große Kapital darin eine
Ermunterung finden wird, nun auch den Kleinhandel zu absorbiren.
Und so wird sich dann dieser gewaltsam rückwirkende Geist politisch
dadurch bethätigen, daß er _Meisterschaften in bestimmter Anzahl_
und privilegirte Körperschaften in's Leben ruft.
»Die _Leihhäuser_ oder _Leihkassen_ für Landwirthe haben zum Zweck,
dem bedrängten Ackerbau zu Hülfe zu kommen. Während die Kapitalien
der Spekulation und den Banken zuströmen, leidet der Ackerbau an
solchen Noth, so daß er dem Wucher in die Hände fällt. Schlechte
Ernten, eine schlechte Bewirthschaftung des zerstückelten
Grundbesitzes und ähnliche Ursachen werden das Uebrige thun, bis
endlich ein großer Theil des Grund und Bodens den Leihkassen
anheimfällt. So wird der in Atome zerfallene Grundbesitz sich
wieder zusammenfügen; der kleine Besitz wird vom großen
verschlungen werden, wie die Handwerker von den Fabriken, wie das
kleine Kapital von dem großen.
»Während alles dies vor sich geht, befindet sich die Gesellschaft
in einer wahrhaft fürchterlichen Lage. Nichts als Krisen und
Revolutionen. Der Ackerbau wie die Fabrikindustrie ist nur noch ein
unermeßliches industrielles Zuchthaus, ein ungeheures Lager; die
frühere _individuelle_ Leibeigenschaft ist eine _kollektive_
geworden. Die neuen Leibeigenen werden von Zeit zu Zeit aus ihren
Bagnos stürmen und ein Spartakus wird sie führen.
»Der neue Adel aber, der Geldadel, wird neben der Regierungsgewalt
eine eigene Gewalt bilden und so für die vierte Phase das sein, was
der Feudaladel für die erste war. Und gleichwie die nationale
Einheit erst dann begründet werden konnte, als das monarchische
Element stark genug geworden war, um das Feudalelement zu zügeln
und zu leiten, ebenso wird auch hier die Gesellschaft nicht eher
zum Garantismus sich erheben, als bis die Regierung das
industrielle Element zu lenken wissen wird.
»Uebrigens keine Burgen, die zerstört, keine hochmütigen Vasallen,
die geköpft oder gemeuchelt werden müßten. Die Aufgabe der
Regierung wird darin bestehen, daß sie die Rolle einer Vermittlerin
zwischen den einander feindselig gegenüberstehenden Interessen
übernimmt, daß sie den Waarenaustausch regulirt, die Einheit der
Maße, Gewichte u.s.w. herstellt, mit einem Wort, daß sie in
sämmtlichen industriellen und kommerziellen Verhältnissen die
nöthig gewordenen Garantien herstellt. Dann aber ist die
Zivilisation, wie sie in der Tabelle geschildert worden, schon
überholt.
»Als Ton der vierten Phase endlich erscheinen in der Tabelle die
_Assoziations-Illusionen_. Wir sagen Illusionen, weil die
Assoziation nur die Kapitalien assoziirt, um ihre Absorptionskraft
zu vermehren, blos das häßliche Zerrbild der _wahren_ Assoziation
ist, die Kapital, Arbeit und Talent assoziirt.
»Fassen wir nun das Gesagte zusammen, so finden wir, daß die
aufsteigende und absteigende Bewegung der Periode der Zivilisation
sich zueinander verhalten, wie die beiden Hälften des Menschenlebens,
d.h. daß sie in Beziehung auf den Höhepunkt oder die Mittelstufe
miteinander symmetrisch sind;
daß die Zivilisation mit einem Feudalismus beginnt und endigt;
daß die Arbeit der beiden Phasen der aufsteigenden Bewegung eine
Verminderung der _persönlichen_ oder _direkten_ Dienstbarkeit zur
Folge hat, während in der Phase der absteigenden Bewegung die
_kollektive_ oder _indirekte_ Dienstbarkeit sich befestigt;
daß die Revolutionen der beiden ersten Phasen politischer Natur
sind, während die der beiden letzten einen _sozialen_ oder
industriellen Charakter annehmen;
daß das Wesen der von der Zivilisation aufgestellten Gleichgewichte
ein unstätes soziales Gleichgewicht begründet;
daß die Illusionen der aufsteigenden Bewegung etwas Ritterliches,
Edles haben, während denen der absteigenden Bewegung nichts als der
gemeinste Materialismus zu Grunde liegt; endlich
daß, während der Fortschritt in den beiden ersten Phasen sich nach
den Entdeckungen auf dem Gebiete der Wissenschaft und Kunst, nach
der Vervollkommnung der technischen Vefahrungsarten bemessen läßt,
der Maßstab für den Fortschritt in der absteigenden Bewegung, die
Auffindung derjenigen Institutionen ist, welche die Zivilisation
ihrem natürlichen Tode zuführen und so der Gesellschaft die
Ersteigung einer höheren Bildungsstufe möglich machen.«
Dies die Auffassung von der historischen Entwicklung und dem
Untergang der Zivilisation, wie sie im Fourier'schen Geiste unser
deutscher Autor darlegt. Bei ihm tritt in schärferem Maße als bei
Fourier das Gesetzmäßige in der Entwicklung, unbeeinflußt von dem
Wirken der einzelnen Person, in den Vordergrund. Wir haben es,
scheint's, mit einem Schüler der Hegel'schen Schule zu thun, der
die Lehre von den Gegensätzen in der Gesellschaft dialektisch
auffaßt und behandelt. Fragt man nun nach der praktischen Wirkung
dieser Anhänger Fourier's in Deutschland und ihrer Bedeutung für
die Bewegung, so weiß Niemand davon zu melden. Die sozialistischen
und kommunistischen Ideen, die meist sehr verschwommen im »tollen
Jahr« in den verschiedensten Gegenden Deutschlands unter der
vorgeschritteneren Arbeiterwelt in die Erscheinung traten, lassen
nirgends Fourieristische Auffassungen erkennen. So weit Marx und
Engels nichts die Arbeiterklasse in den Bewegungsjahren
beeinflußten, waren es wesentlich die Ideen Weitling's, die Anklang
fanden. Die Mehrzahl der Arbeiter, die sich an der Bewegung
betheiligten, war von den unklarsten sozialen und politischen Ideen
beherrscht. Woher sollte die Einsicht in die Arbeiterklasse kommen,
wenn die höher stehende Klasse, das Bürgerthum, in allen ihren
öffentlichen Handlungen die kompleteste Unreife und Unerfahrenheit
an den Tag legte. Bot doch auch die damals viel weiter
vorgeschrittene französische Arbeiterklasse ein keineswegs
erfreuliches kaleidoskopisches Bild; sie war zersplittert in
Schulen und Sekten, die sich gegenseitig bekämpften. Es war daher
auch kein Wunder, daß diese in Deutschland eben erst aufkeimende
soziale Bewegung durch die Reaktion der fünfziger Jahre bis auf die
Erinnerung ausgetilgt wurde.
Die dann im Laufe der fünfziger Jahre in Deutschland sich
vollziehende kapitalistische Entwicklung schuf allmälig auch eine
Arbeiterklasse, die besser als ihre Vorgängerin aus den vierziger
Jahren für ihren Befreiungskampf ausgerüstet war. Und nun zeigten
sich auch die Vortheile der besseren Schulung und geistigen
Durchbildung, mit welcher die deutsche Arbeiterklasse der
Arbeiterklasse anderer Länder voraus war. Sie erfaßte mit scharfem
Verständniß die Theorien und Grundanschauungen ihrer großen Lehrer;
der eigentliche Schulstreit, der die französischen Arbeiter
Jahrzehnte lang zerklüftete, blieb ihr erspart, und so wuchs die
Bewegung, begünstigt durch die politische und soziale Umgestaltung
Deutschlands, so, daß sie heute als die vorgeschrittenste in allen
Kulturstaaten betrachtet werden darf. Keinem Personenkultus
huldigend, nimmt sie dankbar die guten Lehren an, welche die großen
Vorkämpfer und Bahnbrecher der sozialistischen Ideen in irgend
einem Lande der Welt hinterließen.
Die moderne soziale Bewegung ist wie die ganze moderne Kulturbewegung
eine eminent kosmopolitische. Zunächst innerhalb des nationalen
Rahmens und der gezogenen Sprachgrenzen wirkend, tragen die
zahllosen Verkehrsmittel, die Sprachstudien, Reisen und Auswanderung,
Literatur, Güteraustausch etc. in früher ungeahntem Maßstab dazu
bei, den Ideenaustausch zu fördern, den Nationalitäten- und
Racenhaß zu ertödten, die Interessensolidarität immer inniger zu
verknüpfen. Die Entstehung einer Weltsprache, die Fourier
befürwortete, rückt ihrer Verwirklichung, wenn auch anders als er
gedacht, immer näher, und die Zeit wird auch nicht mehr fern sein,
wo aus der Interessen- und Ideengemeinsamkeit der ganzen Kulturwelt
eine neue soziale Organisation entsteht, die weder nach Landes-
noch nach Sprachgrenzen fragt und den Bürger zum Menschen macht.
* * * * *