Abb. 510. Kabylenfrau (unverschleiert).]

Der nächste wichtige Vorgang im Leben eines Ägypters, sei er

Mohammedaner oder Christ, ist die +Beschneidung+. Dieselbe wird für

gewöhnlich beim Alter von etwa sechs bis acht Jahren vorgenommen,

unter Umständen auch später und selbst noch in den zwanziger Jahren.

Dabei werden die Knaben stets aufgeputzt, und zwar in Weiberkleidung

gesteckt, auch mit Weiberputz behängt; nur auf dem Kopfe tragen sie ein

männliches Abzeichen, nämlich einen Turban. Am Vorabend, „der Nacht der

Hennah“, versammeln sich die Frauen im Harem, kneten kleine Kerzen aus

Teig und Hennahblättern, setzen sie auf einen Prunkteller und zünden

sie an. Unter Gesang und Paukenschall ziehen sie mit dem Teller, dem

der Knabe folgt, durch das ganze Haus und beschenken die Mutter. Für

die Nacht legen sie sich und ebenso dem Beschneidungsanwärter ein Stück

Hennahpflaster in die Handhöhlung, so daß diese am anderen Morgen eine

rotbraune Färbung aufweist. Am nächsten Tage findet großer Umzug statt.

Der Kandidat wird in seiner Weibertracht von einem Diener auf einem

Pferde durch die Straßen geführt; dabei hält er sich beständig ein

besticktes Tuch vor den Mund. Ihm voran schreiten ein Diener des die

Handlung vornehmenden Barbiers und ein paar Musikanten; ersterer trägt

ein Schild seines Herrn, einen hölzernen Halbzylinder mit vier kurzen

Beinen, dessen Rückseite mit einem Vorhang und dessen Vorderseite

mit Spiegelscheiben und Kupferbeschlag bedeckt ist. Dem jugendlichen

Reiter schließen sich die Verwandten an. Zur Verringerung der Kosten

verbindet man einen solchen Aufzug öfters mit einem Hochzeitszug;

häufig pflegt man auch zwei Knaben auf ein Pferd zu setzen. Noch

feierlicher und großartiger gestaltet sich die Sache in den gelehrten

Familien und bei den Wohlhabenderen. Am Tage vorher begibt sich der

Knabe unter Begleitung seiner festlich gekleideten Mitschüler und

zahlreicher Angehöriger, Verwandter und Freunde in eine Moschee, um

hier seine Gebete zu verrichten. Dann wird er in festlichem Zuge zum

Elternhause zurückgeleitet. Die Schulkameraden, die teils aus silbernen

Flaschen wohlriechende Wässer auf die Zuschauer sprengen, teils ein

silbernes Weihrauchgefäß schwingen, singen religiöse Wechselgesänge;

Diener teilen aus einer silbernen Kaffeekanne an bessergekleidete

Spaziergänger Kaffee aus, die ihnen dafür einen halben Piaster zu geben

pflegen; auch einige Lehrer nehmen an dem Festzuge teil und stimmen

gleichfalls Lobgesänge auf den Propheten an. Ein Knabe im Zuge trägt

die vom Lehrer verzierte Schreibtafel des Beschneidungsanwärters an

einem Tuche um den Hals. Dieser ist, wie schon erwähnt, nach Weiberart

gekleidet und hält sich ein besticktes Taschentuch vor den Mund. Ihm

folgen Weiber unter lautem Freudengeschrei, von denen eine beständig

Salz hinter ihm ausstreut, um ihn vor dem bösen Blick zu bewahren.

Vor dem elterlichen Hause und auch noch drinnen im Harem werden die

Wechselgesänge von Knaben und Frauen fortgesetzt. Währenddessen lassen

die letzteren auf die Schreibtafel des Knaben ihre Geschenke fallen,

die nachher von ihm feierlichst dem Lehrer überreicht werden. Hieran

schließt sich ein Festmahl, für die Frauen oben im Frauengemach, für

die Männer und Knaben unten. Erst dann findet die Beschneidung in einem

besonderen Raume in Gegenwart von zwei männlichen Verwandten statt.

Wohlhabende Eltern lassen zur Erhöhung der Festfreude Fecht- und andere

Spiele veranstalten.

[Illustration:

Phot. Lehnert & Landrock, Tunis.

Die Sitten der Völker, Zweiter Band Liebe, Ehe, Heirat, Geburt, Religion, Aberglaube, Lebensgewohnheiten, Kultureigentümlichkeiten, Tod und Bestattung bei allen Völkern der Erde · 第 242 / 254 题