Der nächste wichtige Vorgang im Leben eines Ägypters, sei er
Mohammedaner oder Christ, ist die +Beschneidung+. Dieselbe wird für
gewöhnlich beim Alter von etwa sechs bis acht Jahren vorgenommen,
unter Umständen auch später und selbst noch in den zwanziger Jahren.
Dabei werden die Knaben stets aufgeputzt, und zwar in Weiberkleidung
gesteckt, auch mit Weiberputz behängt; nur auf dem Kopfe tragen sie ein
männliches Abzeichen, nämlich einen Turban. Am Vorabend, „der Nacht der
Hennah“, versammeln sich die Frauen im Harem, kneten kleine Kerzen aus
Teig und Hennahblättern, setzen sie auf einen Prunkteller und zünden
sie an. Unter Gesang und Paukenschall ziehen sie mit dem Teller, dem
der Knabe folgt, durch das ganze Haus und beschenken die Mutter. Für
die Nacht legen sie sich und ebenso dem Beschneidungsanwärter ein Stück
Hennahpflaster in die Handhöhlung, so daß diese am anderen Morgen eine
rotbraune Färbung aufweist. Am nächsten Tage findet großer Umzug statt.
Der Kandidat wird in seiner Weibertracht von einem Diener auf einem
Pferde durch die Straßen geführt; dabei hält er sich beständig ein
besticktes Tuch vor den Mund. Ihm voran schreiten ein Diener des die
Handlung vornehmenden Barbiers und ein paar Musikanten; ersterer trägt
ein Schild seines Herrn, einen hölzernen Halbzylinder mit vier kurzen
Beinen, dessen Rückseite mit einem Vorhang und dessen Vorderseite
mit Spiegelscheiben und Kupferbeschlag bedeckt ist. Dem jugendlichen
Reiter schließen sich die Verwandten an. Zur Verringerung der Kosten
verbindet man einen solchen Aufzug öfters mit einem Hochzeitszug;
häufig pflegt man auch zwei Knaben auf ein Pferd zu setzen. Noch
feierlicher und großartiger gestaltet sich die Sache in den gelehrten
Familien und bei den Wohlhabenderen. Am Tage vorher begibt sich der
Knabe unter Begleitung seiner festlich gekleideten Mitschüler und
zahlreicher Angehöriger, Verwandter und Freunde in eine Moschee, um
hier seine Gebete zu verrichten. Dann wird er in festlichem Zuge zum
Elternhause zurückgeleitet. Die Schulkameraden, die teils aus silbernen
Flaschen wohlriechende Wässer auf die Zuschauer sprengen, teils ein
silbernes Weihrauchgefäß schwingen, singen religiöse Wechselgesänge;
Diener teilen aus einer silbernen Kaffeekanne an bessergekleidete
Spaziergänger Kaffee aus, die ihnen dafür einen halben Piaster zu geben
pflegen; auch einige Lehrer nehmen an dem Festzuge teil und stimmen
gleichfalls Lobgesänge auf den Propheten an. Ein Knabe im Zuge trägt
die vom Lehrer verzierte Schreibtafel des Beschneidungsanwärters an
einem Tuche um den Hals. Dieser ist, wie schon erwähnt, nach Weiberart
gekleidet und hält sich ein besticktes Taschentuch vor den Mund. Ihm
folgen Weiber unter lautem Freudengeschrei, von denen eine beständig
Salz hinter ihm ausstreut, um ihn vor dem bösen Blick zu bewahren.
Vor dem elterlichen Hause und auch noch drinnen im Harem werden die
Wechselgesänge von Knaben und Frauen fortgesetzt. Währenddessen lassen
die letzteren auf die Schreibtafel des Knaben ihre Geschenke fallen,
die nachher von ihm feierlichst dem Lehrer überreicht werden. Hieran
schließt sich ein Festmahl, für die Frauen oben im Frauengemach, für
die Männer und Knaben unten. Erst dann findet die Beschneidung in einem
besonderen Raume in Gegenwart von zwei männlichen Verwandten statt.
Wohlhabende Eltern lassen zur Erhöhung der Festfreude Fecht- und andere
Spiele veranstalten.
[Illustration:
Phot. Lehnert & Landrock, Tunis.