Abb. 476. Somal in Reisetracht mit aufgeschürztem Kleid.]

[Illustration: Der Borana-Bororansi-Tanz der Somal.]

Die +Kleidung+ der Abessinier hat viel Arabisches an sich. Sie besteht

aus anliegenden Beinkleidern, einem langen, über sie hinausreichenden

weißen Hemd und einem baumwollenen oder seidenen Umschlagetuch, das

wie eine Toga über die Schulter geworfen wird und in malerischen

Falten herabfällt (Abb. 479). Die Frauen raffen ihr weitärmliges

Hemd um die Taille mit einem Gürtel zusammen. Füße und Kopf bleiben

unbekleidet, nur die Priester (Abb. 480) tragen ein turbanähnlich um

den Kopf geschlagenes Tuch. Sie zeichnen sich ferner durch eine weiße

Jacke mit weiten Ärmeln und Schuhe mit aufgebogenem Schnabel aus.

-- Die Kleidung der Somal (Abb. 481) und der ihnen verwandten Stämme

ist ebenfalls ein langes, lakenähnliches Tuch, das um den Körper

geschlungen wird (Abb. 476) und häufig auch noch den Kopf wie eine

Kapuze bedeckt; bei den Frauen (Abb. 482) sind es zwei Teile, von denen

der eine, längere, einen losen Rock mit vielen Falten bildet, während

der andere die Stelle einer Weste oder eines Mieders vertritt und sich

nach oben in die Kapuze verlängert.

[Illustration:

Aus: R. E. Drake-Brockman, Britisch-Somaliland.

Abb. 477. Somal auf dem Marsche.

Sie sind ein nomadisierendes Volk und leben von ihren Herden. Die

Kamele sind ihr ein und alles; sie dienen ihnen als Lasttiere und

spenden ihnen in ihrer Milch die Nahrung.]

Die +Haare+ werden bei den abessinischen Männern entweder

kurzgeschnitten getragen oder zu kurzen anliegenden Zöpfen geflochten.

Die Haartracht der Frauen besteht ausschließlich in solchen, auch

bei den Somal und verwandten Stämmen. Eigenartig ist die Frisur der

Somalmädchen. Erst lassen sie sich das Haar bis zu einer gewissen

Länge wachsen, scheiteln es sodann in der Mitte und flechten es dicht

am Scheitel oder ein bis zwei Zoll tiefer in Dutzenden von kleinen

Zöpfchen rings um den Kopf; am Ende eines jeden dieser Zöpfe lassen sie

noch einen kleinen Haarbüschel stehen (Abb. 483). Während die älteren

Somalmänner sich das Haar zu rasieren pflegen, lassen die jüngeren

es sich abwechselnd zu einem großen Wulst auswachsen und wieder

rasieren. Die Esasomal stecken stets lange speilartige Kämme in ihre

aufgebauschten Haare (Abb. 486). Vor den üblichen Aufnahmezeremonien

der Knaben wird diesen eine runde Stelle oben auf dem Kopfe geschoren;

nur ein kleiner Haarbusch bleibt auf dem Wirbel stehen. Den jungen

Mädchen hingegen wird der ganze Kopf in mancherlei Mustern geschoren;

später lassen sie sich die Haare wieder wachsen und dann niemals mehr

kürzen. Verheiratete Frauen tragen stets ein Netz um ihr Haar.

Um ihre natürliche +Schönheit+ noch zu +erhöhen+, +färben+ sich die

Abessinierinnen die Finger- und Fußnägel rot und das Zahnfleisch

schwarz, wodurch sich die Zähne vorteilhaft abheben. Ferner werden die

Augenbrauen künstlich scharf gezeichnet, und Brust, Hals und Rücken

tragen nicht selten kunstvolle Tatauierungsmuster. In erster Linie aber

wenden sich die Frauen an den Geruch-, weniger an den Gesichtsinn der

Männer, denn auf Wohlgerüche wird ein außerordentlicher Wert gelegt

und eine solche Verschwendung mit ihnen getrieben, daß die Wirkung

auf den Europäer eine der beabsichtigten gerade entgegengesetzte ist.

Natürlich behängen sie ihren Körper, soweit sie dazu imstande sind, mit

zahlreichem, oft genug recht kostbarem Schmuck (Abb. 488).

[Illustration:

Phot. Colonel A. F. Appleton.

Abb. 478. Niederlassung der Somal.

Die Häuser werden aus Holz gebaut und mit Häuten bedeckt. Das Vieh

wird in Hürden gehalten, die man zum Schutz gegen Löwen und Hyänen aus

dickem Dornbusch herstellt.]

Die Abessinier sind sehr +intelligent+ und besonders schlau im

Abschließen von Geschäften, aber sehr faul und schmutzig. Daher

besitzen sie auch beinahe mehr Feier- als Arbeitstage. In jedem Monat

feiern sie als Hauptfeste die vier Sonnabende und Sonntage, den

Sankt-Michael-, Sankt-Gabriel-, Sankt-Miriam- und Sankt-Georg-Tag am

12., 19., 21. und 23., sowie Christi Geburt am 28. jedes Monats. Dazu

kommen noch als wichtige Feiertage Ostern, Weihnachten, Neujahr (im

September) und kurz danach Mascal zur Erinnerung an die Entdeckung des

Kreuzes (Abb. 487). Die Festlichkeiten pflegen länger als drei Tage zu

dauern. Die Priester, die in bunte Gewänder gekleidet und mit Kreuzen

aus Silber, Gold oder Messing, mit Weihrauchfäßchen, Kronen, Bildern

der Jungfrau Maria mit ihrem Kinde und seidenen Sonnenschirmen mit

aufgezeichnetem Kreuz einhergehen, führen bei diesen Gelegenheiten

Tänze auf; viele dieser Tänze blicken auf ein hohes Alter zurück und

sollen auf den Tanz Bezug nehmen, den König David vor der Bundeslade

aufführte. Bei all dieser Lustigkeit vergessen die Abessinier jedoch

auch nicht das +Fasten+, sie beobachten im Gegenteil häufig und streng

die ihnen durch die Religion vorgeschriebene Enthaltsamkeit. So

fasten sie an jedem Mittwoch und Freitag sowie während der Monate März

und April; auch die Regenzeit um den August herum ist für sie eine

besondere Zeit des Fastens und des Gebets.

[Illustration:

Phot. George Schulein.

Abb. 479. Abessinier.

Sie tragen über den Hosen ein weißes Hemd, ferner ein Umschlagetuch,

das in malerischen Falten über die Schultern gelegt wird.]

Wie die meisten Naturvölker finden auch die +Somal+ an +Tanz+ (siehe

die farbige Kunstbeilage) und +Gesang+ große Freude. Der Somal

komponiert sich sein Lied vielfach selbst, unterwegs beim Wandern;

sein Inhalt erhebt sich aber meistens kaum über eine öde Schmeichelei

auf diejenige Persönlichkeit, der zu Ehren es verfaßt ist. Findet der

Sänger, daß sein Werk bei seinen Freunden anspricht, dann lernt er es

auswendig und lehrt es oft noch andere; auf diese Weise überliefern

sich manche Lieder mehrere Menschenalter hindurch. -- Wird unter

den Somal ein neuer Sultan gewählt, dann findet für gewöhnlich ein

Dibaltig statt. Es ist dies sozusagen ein Reiterschaustück. Jedes

Stammesmitglied, das ein Pferd zur Verfügung hat oder es sich borgen

kann, beteiligt sich daran. Zuerst wird ein Sänger erwählt, der ein

Lied, Gerar genannt (Abb. 484), komponieren muß, und zwar tut er

dies meistens sogleich an Ort und Stelle. Es besteht auch wieder aus

widerlichen Schmeicheleien auf den Sultan. Alle Reiter stellen sich

bei seinem Vortrage in Reih und Glied auf, der Sänger vor ihnen in

der Mitte; darauf läßt er mit erhobenem Speer seine Weise erklingen,

setzt seinen Pony in Bewegung und trabt auf den neuen Sultan zu (Abb.

485). Die übrigen folgen ihm, anfänglich langsam, dann aber schneller

werdend, alle mit hochgehobenen Speeren und Schilden, und bringen ihre

Pferde nach gestrecktem Galopp unmittelbar vor ihrem neuen Herrscher

zum Stehen. -- Die Galla sind gleichfalls dem Tanze sehr zugetan (Abb.

490).

[Illustration:

Phot. George Schulein.

Abb. 480. Abessinische Priester.

Ihren Oberpriester, den Abuna, ernennt der Patriarch zu Alexandria. Sie

dürfen nur einmal im Leben heiraten.]

[Illustration:

Aus: R. E. Drake-Brockman, Britisch-Somaliland.

Abb. 481. Somalknaben mit Milchgefäßen aus Fellen.

Ihre Kleidung besteht aus einem weißen oder bunten Hemd, über dem die

„Tobe“, ein togaähnlicher Überwurf, getragen wird.]

Die +Galla+ feiern alle Jahre das +Fest der Maisernte+, Yarabbi

genannt; an ihm dürfen nur Frauen teilnehmen, Männern ist es nur

gestattet, in beschränkter Anzahl aus der Entfernung zuzusehen. Die

feierliche Handlung spielt sich zunächst um eine heilige Sykomore

ab. Hier erwartet eine greise Priesterin auf einem dreistufigen

Schemel sitzend die Ankömmlinge; sie hält einen langen Stab in der

Rechten und trägt als einziges Abzeichen ihrer Würde einen breiten,

langen, mit Muschelscheiben geschmückten Lederriemen um das rechte

Handgelenk. Die Frauen erscheinen alle ebenfalls mit einem langen

Stecken, den sie gegen den Baum lehnen, mit einer Handvoll Grünzeug und

mit Maisbroten, die sie ablegen. Alle tragen auf dem Kopfe entweder

einen Zweig mit wohlriechenden Blättern beziehungsweise Blumen oder

einen elfenbeinernen Kamm. Sobald sich ihrer etwa fünfzig eingefunden

haben, pflücken sie von den benachbarten Sträuchern Blätter ab; dann

lassen sie sich in Gruppen von je etwa fünfzehn auf die Knie nieder

inmitten zweier großen Haufen Grünes, die mit ihrer gewölbten Seite

einander zugekehrt aufgeschichtet sind. Jede von ihnen legt den linken

Arm um die Hüften ihrer Nachbarin und schlägt mit der Rechten unter

Hervorstoßen eintöniger Laute, die später einem Grunzen gleichkommen,

taktmäßig auf die vor ihr liegenden Blätterhaufen, wobei sie den Kopf

gleichfalls im Takt nach hinten wirft. Diese Bewegungen werden immer

wilder und arten schließlich in ein wirkliches Verzücktsein aus. Wenn

dieses ein paar Minuten angehalten hat, verstummt der Lärm plötzlich.

Die Frauen erheben sich und machen neuen Ankömmlingen Platz, die

dieselbe Handlung vornehmen; der Vorgang wiederholt sich etwa fünf-

bis sechsmal. Darauf ergreifen die Weiber ihre Stäbe und gehen langsam

unter eintönigem Gesang etwa hundert Meter den Weg, den sie gekommen

sind, zurück, wobei sie auf der Stelle hüpfen und zugleich Hände

voll Kräuter pflücken, die sie zu einer Garbe zusammenraffen. Sodann

hocken alle in langer Reihe eine nach der anderen nieder und halten

ihre Stäbe mit den Bündeln wagrecht über die Köpfe, dabei murmeln sie

wieder unverständliche Worte. Sobald sie sich erhoben haben, stellen

sie alle ihre Stäbe zu einem Haufen zusammen und strecken gegen diesen

die Hände mit Grünzeugbündeln aus. Schließlich kehrt die Gesellschaft

wieder zum heiligen Baume zurück, hüpfend und singend, wie sie gekommen

war. Mittlerweile sind die hier zurückgebliebenen Frauen nicht untätig

gewesen; die eine von ihnen hat in einem aus Ton gefertigten Napfe

Kaffeebohnen mit Butter und Salz geröstet, während vier andere den

Gesang um die Kräuterhaufen fortgesetzt haben. Die Zurückgebliebenen

erheben sich jetzt und gehen den unter Führung ihrer Priesterin

Zurückkehrenden gleichfalls unter Hüpfen mit Grasbüscheln in den Händen

entgegen. Nun umarmen sich alle und begeben sich gemeinsam zum Baum,

der von dem ganzen Zug noch einmal umgangen wird. Dann legen die Frauen

ihre Bündel am Fuße des Baumes nieder, umstellen ihn im Kreise und

sagen dabei mit tiefer Stimme allerlei Sprüche auf. Damit schließt die

eigentliche Feier. Es werden nun noch die mitgebrachten Maisbrote am

Baume niedergelegt, auf die sich die abseits lauernden Kinder auf ein

verabredetes Zeichen stürzen und um die sie sich balgen, um möglichst

viele in ihren Fellsäcken verschwinden zu lassen.

[Illustration:

Phot. Exclusive News Agency.

Die Sitten der Völker, Zweiter Band Liebe, Ehe, Heirat, Geburt, Religion, Aberglaube, Lebensgewohnheiten, Kultureigentümlichkeiten, Tod und Bestattung bei allen Völkern der Erde · 第 228 / 254 题