aus einem Wasserloche in der Wüste mittels ledernen Eimers.]
Vorderasien.
Die +Bevölkerung+ Vorderasiens (Syriens und Palästinas) bildet
ebenso wie die Turkistans eine zusammengewürfelte Gesellschaft. Denn
dieses Gebiet, die Brücke, die von Asien nach Europa führt, wurde in
der gleichen Weise von den aus Zentral- und Nordasien nach Westen
vorstürmenden Völkerstämmen zu den verschiedensten Zeiten überflutet.
Dazu kommt noch, daß die Osmanen von ihren Kriegszügen her die
Frauen der heterogensten Rassen mit heimbrachten und ihren Harems
einverleibten, so daß die Rassenmischung dadurch noch mehr gesteigert
wurde.
Als die +Urbevölkerung+ Vorderasiens werden allgemein die
+Hittiter+ oder Kheta der Bibel angesehen, ein Volk, das nach der
Überlieferung auf den Denkmälern und nach den assyrischen Berichten
der zentralasiatischen Bevölkerung verwandt gewesen sein muß. Zu
ihnen gesellten sich bereits in der Urzeit von Süden (Arabien) her
die Semiten und von Norden nordeuropäische oder diesen verwandte
Völker (vor allem die Amoriter). Aus einer Mischung von Hittitern
und Amoritern sind die +Juden+ Palästinas hervorgegangen, die sich
von hier aus über ganz Nord- und Mitteleuropa sowie Nordamerika
ausbreiteten (die sogenannten Akenaschim). Die südeuropäischen und
afrikanischen Juden dagegen (die sogenannten Sephardim) stehen den
eigentlichen Semiten (Arabern) näher. Wenngleich die +Osmanlitürken+
(Abb. 358) die politische Herrschaft über ganz Vorderasien ausüben,
so bilden die +Armenier+ doch das wichtigste Rassenelement. Sie sind
die unveränderten Nachkommen der alten hittitischen Urbevölkerung und
weisen noch heute ziemlich denselben Typus auf, wie er uns auf den
alten Denkmälern entgegentritt. Es sind große, stämmige Menschen von
dunkelbräunlicher Hautfärbung, dunklen Augen, schwarzem Kopf- und
Barthaar, sehr kurzem Schädel, breiter, langer, im Rücken gekrümmter
Nase (Judennase) und dicken, etwas umgestülpten Lippen. Sie sind nicht
nur über einen großen Teil Vorderasiens, sondern auch über Osteuropa
verbreitet. Dort, wo sie an die Scholle gebunden sind, betreiben
sie vorzugsweise Ackerbau, wie ihre Vorfahren; in der Fremde aber
beschäftigen sie sich mit Handel und gelten für sehr geschickte, ja
selbst sehr gerissene und schlaue Kaufleute, Händler, Bankiers und
Makler („Juden des Orients“).
Ein anderes, den Armeniern in hohem Grade feindselig gegenüberstehendes
Rassenelement sind die wilden +Kurden+, ein Volksstamm, der, seinem
Äußeren nach zu urteilen, viel arisches Blut in sich aufgenommen
haben muß. Zumeist sind die Kurden umherschweifende Nomaden, deren
Lieblingsbeschäftigung in Raub und Kampf besteht, weswegen sie
gefürchtete Grenznachbarn der Perser sind; ein Teil von ihnen ist
ansässig geworden und betreibt Ackerbau. -- Zu den genannten Völkern
kommen noch eine ganze Reihe anderer, weniger wichtiger, die ihre Sitze
hauptsächlich in dem Kaukasusgebiet haben; mit ihnen werden wir uns an
anderer Stelle zu beschäftigen haben.
[Illustration:
Phot. G. Robinson Lees.
Abb. 358. Die mohammedanische „Wage“ auf der Haramplattform,
wo die Islamiten nach ihrem Glauben am Jüngsten Tage gewogen werden,
um, wenn sie würdig befunden sind, ins Paradies einzugehen.]
[Illustration:
Phot. Bonfils.
Abb. 359. Verschleierte syrische Frauen.
Das sie umhüllende Tuch (Izar) ist aus Seide hergestellt und bunt
gemustert. Die christlichen Frauen und armen Modammedanerinnen tragen
eine weiße Umhüllung. Das Gesicht wird noch besonders mit einem
Gazeschleier (Mandeel) bedeckt.]
[Illustration:
Phot. C. A. Hornstein.
Abb. 360. Inneres eines Beduinenzeltes aus Palästina.
Man bereitet gerade Kaffee. Zu diesem Zweck werden die gerösteten
Bohnen in einem hölzernen Mörser mit einem Stößel zerstampft.]
Aus politischen Gründen hat die türkische Regierung die Bevölkerung
Vorderasiens in drei Klassen eingeteilt: in die Mohammedaner, die
Christen und die Juden; jede dieser Klassen weist wieder Unterschiede
auf, die auf der Rasse und dem Wohnort beruhen. Dem Namen nach sind
die meisten Stämme Anhänger des Islams, aber in Wirklichkeit setzt
sich ihre Religion aus einem Mischmasch von überkommenem Ahnenkult,
Christentum und Mohammedanismus, selbst Judentum zusammen. Dies zeigt
sich unter anderem an der Glaubenslehre der +Jesiden+, einer Sekte
der Kurden. Ihre Lehre wird als strenges Geheimnis bewahrt, in ihrem
vollen Umfange ist sie allein dem Ältesten des Geschlechtes, Hassan al
Bussri, bekannt. Die Jesiden glauben an einen höchsten Gott, den sie
Melek-Taus nennen; ihr Prophet ist Scheich Adi, der dem Gotte gleich
ist. Außer diesen beiden höchsten göttlichen Wesen kennen sie noch eine
große Anzahl niederer Gottheiten, darunter verehren sie die Abendröte,
die Morgenröte und das Sternbild des großen Bären. Ihr Kultus ist
ein Gemisch von christlichen, mohammedanischen und sogar jüdischen
Gebräuchen. Der Religionsunterricht findet in einem besonderen Raum
statt, den kein Fremder betreten darf. Weil der Name des Satans nicht
ausgesprochen werden darf, so sind alle diesbezüglichen Bezeichnungen
aus der Glaubenslehre ausgelöscht. Die Jesiden haben sogar, um das Wort
Scheitan (Teufel) zu vermeiden, aus ihrer Sprache eine Menge Worte
verbannt, die mit einem Sch beginnen und an diese Bezeichnung erinnern
könnten. -- Das heilige Buch der Jesiden, das mit sieben Siegeln
versehen vom Himmel fiel und in dem Grabmal des Scheich Adi aufbewahrt
wird, berichtet unter anderem von der Erschaffung der Welt, die sich im
Jesidenglauben ganz eigenartig ausnimmt. Als Gott der Finsternis in der
Welt müde war, schuf er sich einen Papagei, der ihn vierzig Jahre lang
erfreute und unterhielt. Darauf wurde er über ihn zornig und schlug
ihn tot. Aus den Federn des Tieres bildeten sich Berge und Täler, aus
dem letzten Atemzuge die Luft. Darauf schuf Gott das Himmelsgewölbe
und hängte es mittels eines Haares seines Hauptes auf. Weiter gingen
aus seiner Hand sechs Götter, die Sonne, der Mond, die Morgenröte, das
Licht, der Morgenstern, das Siebengestirn und alle anderen Sterne, wie
die Funken aus dem Feuer, hervor. Jede dieser Gottheiten schuf sich ein
Pferd, um durch den Luftraum reiten zu können. Sodann versammelten sich
alle Götter und schufen die Engel; der siebente Gott schuf allmählich
die Tiere, sowie Adam und Eva. Eva gab ihrem Manne hundertvierzehn
Kinder, alles Zwillinge, aber die Jesiden stammen nicht von ihnen ab,
sondern von einem Einzelkind, das nach einem Versprechen Gottes auf
wunderbare Weise durch eine der Huris des Paradieses geboren wurde,
und so weiter. -- Im Grabe des Scheich Adi wird eine heilige Fahne
aufbewahrt, die vom König Salomon stammen soll, aber von jedem Jesiden
durch Geld für eine gewisse Zeit gekauft werden kann. Derjenige, der
sich das Recht dazu erworben hat, taucht die Fahne in Wasser, feuchtet
mit diesem etwas Staub vom Grabe Adis an und fertigt daraus Pillen
für die Gläubigen. Jede Pille verleiht dem, der sie einnimmt, die
Eigenschaft, auf ein Jahr gesund zu bleiben. Mit dieser Fahne ziehen
die Jesiden siebenmal um ihr Haus, schlagen sich dabei auf die Brust
und bitten Gott um Vergebung ihrer Sünden. Im Herbst kommen alle
Jesiden zusammen, um ein Fest zu feiern. Jeder Teilnehmer über dreißig
Jahre muß dazu aus seiner Herde für den Scheich etwas mitbringen. Vom
Morgen bis zum Abend wird in einem großen Kessel ein Rind gekocht.
Sobald das Fleisch gar geworden ist, ruft der Scheich einige junge
Leute herbei und befiehlt ihnen, trotz des siedenden Wassers mit
den Armen in den Kessel zu greifen und das Fleisch herauszuheben;
wer infolge der dabei erhaltenen Brandwunden etwa stirbt, gilt als
Märtyrer. Darauf beginnt das Volk von der gekochten Suppe zu essen;
einzelne werfen Geld in sie hinein. Nachdem drei Tage lang gefeiert
worden ist, baden sich Männer und Frauen im Flusse, waschen die
Bilder des Königs Pfau darin und stellen sie unter die heilige Fahne.
Schließlich ziehen sie noch siebenmal im Kreise herum, wobei sie den
Staub ihrer Füße, der für heilig gilt, sammeln. Das Fest endigt mit
einem Opfer zu Ehren des genannten Königs. Ein anderes wichtiges Fest
ist das Neujahr (am ersten Mittwoch nach Frühlings-Tagundnachtgleiche).
An diesem Tage versammelt Gott nach dem Glauben der Jesiden alle
Bewohner des Himmels und alle Seligen und übergibt ihnen für das
folgende Jahr die Erde wie in einer Versteigerung; wer von ihnen am
meisten bietet, erhält die Macht über die Geschicke der Menschen. --
Die Jesiden glauben an ein Leben nach dem Tode, meinen aber, daß nur
ihnen und den Christen ein solches beschieden sei, während die Seelen
der Mohammedaner nach dem Tode in Tiere übergehen sollen. Ehe die
gläubigen Seelen ins Paradies eingehen, müssen sie sich eine Weile
in einem sogenannten Fegefeuer aufhalten, wo sie von ihren Sünden
gereinigt werden.
[Illustration:
Phot. S. M. Zwemer.
Abb. 361. Ein Osmanlimädchen von Muscat.
Der Gesichtsschmuck ist zugleich eine Art Schleier. Die Schmucksachen
sind aus Silber angefertigt; in der Mütze wird meist ein Zaubermittel
getragen.]
[Illustration:
Phot. Amerikanische Kolonie, Jerusalem.
Abb. 362. Knabe beim Werfen eines Schleudersteins,
um Schafe, die sich von der Herde entfernen wollen, zurückzurufen.]
Auch die Drusen im Libanon und Hauran besitzen eine merkwürdige
Religion, die zwar auf islamitischer Grundlage beruht, aber von
zahlreichen Elementen der Lehre Christi und Zoroasters, selbst auch von
abergläubischen Vorstellungen durchsetzt ist. Ihre erbittertsten Feinde
sind die am Westabhang des Libanon wohnenden Maroniten, deren Vorfahren
zu den allerersten Christen zählten und ihrer Glaubenslehre daher eine
eigenartige Richtung gaben.
[Illustration:
Phot. George Newnes Ltd.
Abb. 363. Kämpfende Kamele.
Die Tiere werden, sorgfältig mit einem Maulkorb versehen, von ihren
Eigentümern mit Trommeln und Pfeifen angefeuert. Die Ausrüstung der
Kamele bildet einen Teil des Einsatzes.]
Die +Kleidung+ der Osmanen besteht in weiten Pluderhosen, baumwollenem
oder seidenem Hemd, kurzer wattierter Jacke, über der sie einen langen
Rock tragen, weichen Lederpantoffeln und einem Fez oder Turban. Die
Frauentracht (Abb. 359 und 361) ist der der Männer im allgemeinen
gleich, nur trägt das weibliche Geschlecht als Kopfbedeckung eine
kleine Kappe oder ein Schleiertuch und außerdem auf der Straße einen
langen, dunkelfarbigen Mantel mit breitem Kragen, der über den Kopf
geschlagen wird, sowie einen Gesichtsschleier. -- Die Tracht der
Armenier ist keine einheitliche, sie schließt sich vielmehr der des
jeweiligen Volkes an, unter dem sie leben. Eher kann man von einer
typischen Gewandung der Armenierinnen sprechen, die in hellfarbigen,
über den Knöcheln zusammengebundenen Pluderhosen, einem Hemd, das in
der Taille mit einem seidenen oder goldenen Band zusammengehalten wird,
und einer gestickten Weste einhergehen. Die Kleidung der Kurden setzt
sich aus roter Tuchhose, weitärmliger, mit Goldborten und Schnüren
verzierter Jacke, roten Lederstiefeln und großem Turban zusammen.
Die Beschäftigung der Stämme auf dem Lande besteht hauptsächlich in
Ackerbau und Viehzucht. Ein nomadisierendes Leben führen die Beduinen
Palästinas (Abb. 360), die mit ihren zahlreichen Herden dessen Wüsten
durchziehen (Abb. 357, 362 und 363) und teilweise auch von Raub leben,
wie wir dies bereits von den Kurden hörten.
[Illustration:
Phot. G. Robinson Lees.
Abb. 364. Der heilige Felsen (Sakhrah) in der Omarmoschee zu Jerusalem,
um den die Moslim dreimal herumgehen müssen, damit ihre Gebete erhört
werden.]
Für alle Bewohner Kleinasiens, ganz gleich ob sie Mohammedaner,
Christen oder Juden sind, bildet die Stadt +Jerusalem+ den +Mittelpunkt
ihrer Anbetung+; ihr einheimischer Name „El Kuds“, das heißt „die
Heilige“, ist bezeichnend für die hohe Einschätzung dieser Stadt unter
den Anhängern aller Glaubensbekenntnisse. Sie zieht zahlreiche Scharen
von Pilgern herbei, die ihre Empfindungen den verschiedenen religiösen
Bräuchen und Riten gegenüber gemeinsam und geflissentlich zum Ausdruck
bringen. Der +Sakhrah+, der große Felsen unter dem Dom, den Europäern
unter der Bezeichnung Moschee des Omar, den Bewohnern des Orients aber
als der Dom des Felsens bekannt (Abb. 364), ist der Anziehungspunkt
für die Bekenner des Islams. Allen Gläubigen liegt die heilige Pflicht
ob, ihn zu besuchen und dreimal um ihn herumzugehen; sie haben dann
die Gewißheit, daß ihre Gebete erhört werden. Der mohammedanischen
Legende zufolge ist diese Stelle der erste Teil der Erde, der von Gott
erschaffen wurde. Man sagt, daß der große Prophet hier mit allen seinen
Vorgängern zusammengetroffen und von dort aus in den Himmel eingegangen
sei. Der Felsen sei ihm gefolgt, aber auf seiner Reise durch den Engel
Gabriel achtzehn Meilen von der Erde aufgehalten worden; daher schwebe
er jetzt mitten in der Luft. -- Das größte Fest für die Mohammedaner
ist die +Neby-Musa-Prozession+ (Abb. 365), die ganze Scharen von
Menschen aus allen Gegenden des Landes zu dem angeblichen Grabe des
Moses bei dem Orte gleichen Namens im Jordantale herbeizieht. Die
Scheiche (Abb. 366) von Haram, der Pascha und alle Mohammedaner von
Bedeutung, auch die Banner, die in Mekka gewesen sind, gehen im Zuge
vom Dome des Felsens nach Neby-Musa; ihnen folgt Musik und eine
ungeheure Menschenmenge. Es herrscht dabei eine ungemeine Begeisterung.
[Illustration:
Phot. G. Robinson Lees.