Abb. 206. Indisches Tanzmädchen.]

Die +Bestattungsweise+ bei den Indiern ist keine einheitliche. Zwar

behauptet man allgemein, daß sie ihre Toten verbrennen, aber dies

ist durchaus nicht die Regel, denn viele Kasten und Stämme beerdigen

sie auch. -- Ist ein gewöhnlicher Hindu gestorben, dann schafft man

die Leiche sogleich aus dem Hause, das sofort durch frisches Tünchen

gereinigt wird, und legt sie außerhalb des Dorfes auf eine Bahre,

am liebsten sogleich in der Nähe eines Flusses. Hier wird sie

gebadet, ihr auch der Mund innen gewaschen, dann wird die Leiche in

ein neues Lendentuch sowie in ein großes Laken eingehüllt und auf den

Scheiterhaufen getragen. Der Hauptleidtragende, gewöhnlich der Erbe,

der sich inzwischen Kopf und Gesicht hat rasieren lassen, zündet den

Scheiterhaufen mit einer langen Fackel an und geht fünfmal um ihn

herum, indem er gleichzeitig jedesmal die Lippen der Leiche mit der

Fackel berührt. Bevor der Körper gänzlich verbrannt ist, wirft jeder

Anwesende fünf Stöcke ins Feuer und hilft sodann beim Auslöschen.

Was unverbrannt bleibt, wird den Fischen im Flusse zugeworfen.

Sodann waschen die Teilnehmer die Brandstätte, baden sich sämtlich

im Flusse, aber an einer anderen Stelle, und gehen dann nach Hause.

In der Nähe der gleichen Stätte wird ein geweihter Basilikumstrauch

gepflanzt. Am nächsten Tage schüttet der Hauptleidtragende ein wenig

frische Milch auf die Brandstätte und hängt zu Hause einen Topf mit

solcher an einem Baume auf; dieser hat eine kleine Öffnung, so daß

sein Inhalt herabtropfen kann. Er selbst geht dreimal um diesen Baum

herum und gibt sodann seinen Verwandten einen Leichenschmaus. An den

folgenden zehn Abenden zündet er zu Ehren des Verstorbenen eine Lampe

an, und zwar an verschiedenen Stellen auf dem Weg vom Hause bis zum

Scheiterhaufen. Noch weitere Zeremonien folgen an bestimmten Tagen. An

dem letzten davon legt die Witwe ihre Trauerkleidung an, die sie fortan

lebenslänglich trägt; bei den oberen Hinduklassen ist sie weiß, bei den

übrigen wechselt ihre Farbe. -- In Benares und anderen großen Städten

gibt es bestimmte heilige Plätze für die Einäscherung (Abb. 207).

Wenn man die Hinduleichen begräbt, dann geschieht dies für gewöhnlich

in ganzer Kleidung mit gekreuzten Beinen in sitzender Stellung (Abb.

209); das Gesicht ist dabei nach Norden gewendet, in die Hände erhalten

die Toten Kuchen mitgegeben.

[Illustration:

Phot. Underwood & Underwood.

Die Sitten der Völker, Zweiter Band Liebe, Ehe, Heirat, Geburt, Religion, Aberglaube, Lebensgewohnheiten, Kultureigentümlichkeiten, Tod und Bestattung bei allen Völkern der Erde · 第 126 / 254 题